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MüchtmlerMtung

Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich I Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf.

_____ - " Samstag, tat 16. März ~ 1895.

Der Staatsrath.

Der Staatsrath tritt gegenwärtig auf Befehl des Künigs von Preußen zusammen. Fragen, welche unser Volk aufs tiefste bewegen und deren Austragung in der öffentlichen Meinung zu den heftigsten Kämp'en und bedenklichen Erscheinungen führen, werden in dieser Versammlung auserlesener Sachverständiger eine gut­achtliche Entscheidung finden. Diese Entscheidung wird jedenfalls mehr ins Gewicht fallen als diejenige der zu­fälligen Mehrheiten im deutschen Reichstage, die in der Regel nicht auf Grund hervorragender sachverständiger Kenntnisse, sondern zum großen Theil unter politischen und parteitaktischen Gesichtspunkten erfolgt.

Aus allen Provinzen unseres Königreichs sehen wir Männer zugezogen, die in großen Kreisen der Be­völkerung sich eines weitgehenden Vertrauens erfreuen, die reiche praktische Kenntnisse, eine große Erfahrung und eine durchaus unabhängige Lebcnsstellnug besitzen. Die meisten politischen Agitatoren sind mit Recht fern­gehalten.

Keiner der Berufenen hat auch den geringsten An­laß, seine Ueberzeugung zu verheimlichen; sie sind be- ruen, offen und ehrlich ihrer Meinung Ausdruck zu geben; unser Kaiser will ihre wahre Ueberzeugung aus ihrem eigenen Munde hören, und seine Persön­lichkeit, sein ernstes Streben, sein Eifer, den Bedrängten zu helfen, soweit Hülfe möglich ist, bürgt dafür, daß nicht der Höflingston, sondern das Schwergewicht der besseren Gründe bei ihm den Ausschlag geben wiid.

In erster Reihe der dem Staatsrath gemachten Vorschläge zur Hebung der Getreidepreise steht der bekannte Antrag Kanitz auf Verstaatlichung der Ge­treideeinfuhr. Ein zweiter Vorschlag will die Contin- gentierung der Getreideeinfuhr in der Weise, daß das Reich alljährlich auf Grund der zu erwartenden Ernte die Menge des einzuführenden ausländischen Getreides bestimmt. Der Plan geht von der Annahme ans, daß, wenn Deutschland nicht über seinen Bedarf hinaus mit Getreide versehen sei, die Inlandspreise sich unabhängig von den Weltmarktspreisen gestalten würden. Das Organ des Bundes der Landwirthe hat diesen Plan rundweg abgewiesen.

Ein im Januar d. I. aufgetanchter dritter Vor­schlag sucht den Zweck des Antrages Kanitz zu erreichen, ohne das Reich mit der Einfuhr zu befassen. Das im privaten Verkehr eingegangene Getreide soll, wenn es im Jnlande weiter verkauft wird, einer Verbranchs- bezw. Verkehrssteuer unterliegen. Und zwar hätte diese Steuer umso höher zu sein, je niedriger der Getreide- preis wäre, und umgekehrt. Bei einem gesetzlich zu bestimmenden Höchstpreis käme die Steuer in Weg-all. Die Steuer hätte im übrigen so viel zu betragen, als die Abweichung des Höchstpreises von demjeweiligen natürlichen wirklichen Einkaufspreise" ausmackst. Der Urheber dieses Vorschlages glaubte einen Vorzug des­selben vor dem nach den Grafen Kanitz benannten u. a. auch darin zu erblicken, daß ihmgar keine Bedenken betreffs der Handelsverträge" enlgegenständcu eine Auffassung, die mit guten Gründen bestritten wird.

Der Plan eines staatlichen Brotmonopols hat die Monopolisierung des gesammten Getreidehandels zur Voranssetzung, welche letzteres auch selbstständig vor- geschlagen worden ist. Das Brotmonopol wurde für Deutschland von Paul Dehn empfohlen. Herr Dehn stützte sich auf Schriften des österreichischen Mühlen- besitzers Till, dessen Vorschläge also lauten: Der Staat soll jedes Jahr nach der Ernte den Getreidepreis mit Rücksicht auf den Aus'all der Ernte im Jnlande und auf die Gestehungskosten, aber ohne Rücksicht auf den Ernteausfall des Auslandes, bestimmen, von den Land­wirthen das Getreide zu diesem Preise übernehmen, es in Accord vermahlen lassen, die Umwandlung des Getreides in Brot in allen Städten und Märkten besorgen und nebenbei den Mehlverkauf ausschließlich betreiben. Dabei soll der Brotprcis derart berechnet werden, daß dem Staate nur ein Reingewinn von einem Gulden für das Jahr und die Kosten verbleibt. Reicht die inländische Ernte nicht aus, so kauft der Staat den weiteren Bedarf im Auslande. Die bis herigen Bäcker werden ausreichend entschädigt. Diesen Plänen gab Herr Dehn das Geleite nach Deutschland mit folgenden Sätzen:Man entwickle ans dem Antrag Kanitz frischweg ein staatliches Getreide- und Brot­

monopol. Das socialistische Gespenst kann uns nach­gerade nicht mehr schrecken. Es ist immer besser, wir wachsen allmählich in den Zukunftsstaat hinein, als daß er plötzlich und umstürzend über uns kommt."

Ferner wird der Staatsrath sich zu befassen haben mit der Frage der Hebung des Zucker- und Spiritus- preises, des Silberpreises, mit der Verbilligung der landwirthschaftlichen Produktion, der Erleichterung des Absatzes ihrer Erzeugnisse, der Seßhaftmachung der ländlichen Arbeiter, endlich mit Maßnahmen auf dem Gebiete der Kreditorganisation.

Deutsches Reich.

Berlin. DieLeipziger Neuesten Nachrichten" wollen von zuverlässiger Seite erfahren haben, daß der Kaiser beabsichtige, zum Geburtstag des Fürsten Bismarck mit den kaiserlichen Prinzen, den Ministern und den Mit­gliedern des Bundesrathes nach Friedrichsruh zu reisen, um den Fürsten zu beglückwünschen.

Auch die deutsche Reichspost rüstet sich zu des Altreichskanzlers 80. Geburtstag. Am 1. April d. I. wird die Strecke Berlin-Hamburg mit sechs Draht leitungen im Telegraphenverkehr arbeiten. Bei dem Massenandrang, der an diesem Tag in dem sonst so stillen Friedrichsruh herrschen wird, läßt die Ober­postdirektion von Hamburg aus nach Friedrichsruh noch zwei Nothdrähte ziehen, sodaß von Friedrichsruh aus für den Telcgraphenverkehr fünf vollständige Leitungen zur Verfügung stehen, die von zehn geübten Beamten bedient werden.

Die Aus'ührungsbestimmungcn zur Sonntags ruße für Industrie, Gewerbe und Handwerk werden nunmehr im deutschenReichsanzeiger" amtlich bekannt gemacht. Die Zahl der Betriebe, welchen Sonntags noch eine beschränkte Thätigkeit gestattet ist, ist ganz gering, und auch hier muß den Arbeitenden zum Er­satz anderweitige Freizeit gewährt werden. Fortfallen werden in Zukunft die Montags-Morgen-Zeitungen; Zeitungsdruckereien müssen mindestens von Sonntag früh 6 Uhr an paussiren, es bleibt also keine Zeit zur Zeitungsherstellung für Montag Morgen. Im Uebrigeu werden Ausnahmen, zum Theil recht bescheidener Natur, gestattet für Blumenbindereien, Gasanstalten und Elek- trizitätwcrke, Bäcker- und Konditorgewerbe, Fleischer- gewerbe, Barbier- und Friseur-gewerbe, Wasserversorgungs- anstalten, Badeanstalten, Photographische Anstalten, Köche, Bierbrauereien, Eisfabriken, Molkereien, Mineralwasser- Fabriken, Bekleidungs- und Reinigungs Gewerbe mit handwerksmäßigen Betriebe; ferner die schon im Gesetz festgestellten Ausnahmen für einzelne großindustrielle Betriebe. Sonst ist ausnahmslos alle gewerbliche Thätigkeit an Sonn- und Feiertagen bei Strafe untersagt.

Bremen, 12. März. Wie das Centralbüreau des Nordd. Lloyd mittheilt, ist die von einigen Blättern ver­breitete Meldung, daß acht Taucher von der Direktion zur Aufsuchung derElbe" engagirt seien, unrichtig. Es sind überhaupt keine Taucher engagirt worden, da nach Lage der Verhältnisse Taucher-arbeiten bei der Elbe" nicht vorgenommen werden können.

Gotha, 10. März. Einer der größten Konsum vereine in Thüringen, wenn nicht der größte, ist der hiesigeWaareneinkaufsverein", der am 1. Januar d. I 1565 Mitglieder gezählt, im Jahr 1894 einen Geschäfts Umsatz von 288 792 Mk. gehabt und bei einer Gesammt- Einnahme und Ausgabe von 447 029 Mk. einen Reingewinn von 37 934 Mk. erzielt hat, welch' letzterer die Vertheilung einer Dividende von 11 Prozent gestaltet hat. Im Bückereibetrieb hat der Verein 5821 Zentner Roggenmehl und 620 Zentner Weizenmehl verarbeitet.

Darmstadt, 11. März. Ihre Königliche Hoheit die Großherzogin wurde heute Abend kurz vor halb 7 Uhr von einer gesunden Prinzessin glücklich entbunden. Zur Unterstützung der armen Weber des Vogelsberges hat das Großh. Ministerium des Innern und der Justiz Veranlassung genommen, wegen Uebertragung von entsprechenden Lieferungen für die Truppentheile mit dem General-Commando des 11. Armee-Corps in's Benehmen zu treten.

Ausland.

London, 13. März. Der spanische KreuzerReina" verließ am Sonntag Nachmittag Tanger, nachdem er die marokkanische Gesandtschaft gelandet, um nach Cadiz zu gehen, Man hat seitdem nichts von dem Schiff

gehört und vermuthet, da Schiffstrümmer, auf denen sich der NameReina" befand, bei Tarifa ans Land gespült wurden, daß er mit den vierhundertzwanzig Mann Besatzung, die er an Bord hatte, untergegangewsei.

Nordamerika. Die Bewegung zu Gunsten der Prügelstrafe gewinnt in der öffentlichen Meinung Amerikas seltsamerweise immer mehr Boden. Seinen Erklärungsgrund findet dieser Umschwung der Gemüther in dem unheimlichen Anwachsen der Brutalitätsverbrechen. Ein an die gesetzgebenden Körperschaften gerichteter Antrag des Koinmodore Garry, die Prügelstrafe ins­besondere gegen die Quäler von Frauen und Kindern zu richten, ist daher allen vorurtheilsfrcicn Bürgern aus der Seele gesprochen. Die amerikanische Presse zollt dem furchtlosen Vorgehen des Kommodore den größten Beifall und ist unermüdlich in Veröffentlichung von Zustimmungserklärungen aus allen Volkskreisen. Es giebt zu denken, daß in erster Reihe die richterlichen und politischen Beamten sich nachdrücklich zu Gunsten des Antrages Garry vernehmen lassen. Sie bezeichnen die Verhängung von Freiheitsstrafen über Brutalitäts­verbrecher als gänzlich verfehlt, da die Bestien nach verbüßter Strafe regelmäßig ihren verbrecherischen Instinkten in verstärktem Maße nachgingen. Sie treten deshalb für exemplarische Züchtigung aller solcher mensch­lichen Bestien, und zwar vor allem Volke ein.

Lokales und Provinzielles.

* Schlüchtcrn, 15. März.

* Seit einigen Tagen haben wir Frühlingswetter. Wir des Nachts friert es noch und deshalb nimmt sich der Schnee Zeit zum Tauen. Ein schnelles Schnee- schmelzen würde uns auch erhebliche Wassermengen bringen, während so das Wasser von der Erde arn- genommen wird. Die Zahl der wieder heimkehrenden Sänger wird sich nun rasch vermehren.

* Die Maul- und Klauenseuche greift gegen­wärtig im Amtsbezirk Wächtersbach um sich. Nachdem im Gutsbezirk Wächtersbach die Krankheit vorgckommcn. hat sich bis jetzt auch auf den Bezirk der Stadt Wächtersbach ausgedehnt, soffen wir, daß die an- geordneten Spcrrmaßrcgcln eine weitere Verbreitung der Seuche verhindern, damit die Landwirthe ihren nun bald beginnenden Bestellungsarbeiten ungehindert Nach­kommen können!

* Wie wir erfahren wird das während der Markttage hier weilende Schlangentheater und Aus­ländische Karawane des Herrn Schieck nächsten Sonntag in Steinau seine Vorstellungen geben. Das schaulustige Publikum, welches sehr zahlreich die Vorstellungen besuchte, urtheilt überaus günstig und staunte über die kollosalcu Ricsenschlangen; auch war die Fütterung höchst interessant. Wir wünschen dem Besitzer auch in Steinau guten Erfolg.

Frankfurt a. M, 12. März. Dem heute Nach­mittag 4 '/a Uhr hier fälligen Berlin Frankfurter Blitz­zug Nr. 6 wurden zwischen Steinau und Schlüchtcrn durch einen zu breit geladenen Güterzug der Tender angerissen, so daß der ganze Wasserbchü ter ausgelaufen ist und die Maschine «usgcsetzt werden mußte. Außer­dem wurde dem Postwagen eine Ecke abgedrückt und die ganze Flanke der Personenwagen arg beschädigt. Der Zug traf mit geringer Verspätung hier ein.

12. März. Mit der Verstaatlichung der Hess. Ludwigsbahn, durch die u. A. die Frankfurt-Hanauer Strecke in den Besitz Preußens übergeht, wird voraus­sichtlich auch eine Verlegung des Frankfurter Ostbahn­hofes erfolgen. Der preußische Eisenbahnminister hat wiederholt auf die gefahrvolle Lage des Ostbahnhofs Htngewiesen. Der Personenbahnhof dürfte schon sehr bald auf das Gelände des jetzigen Güterbahnhofs an der Hanauer Landstraße, gegenüber der Ostendstraße, zu stehen kommen. Damit ist auch die Einmündung der Stockheimer Bahn in diesen Bahnhof ermöglicht.

Gutem Vernehmen nach haben die Farbwei kc Höchst die Preise für das Diphlheriehcilserum ganz bedeutend herabgesetzt, und zwar für Nr. 1 auf 2 Mk. für Nr. 2 auf 3 Mk. 50 Pfg. und Nr. 3 auf 5 Mk. 25 Pfg. für das Fläichchcn.

Schwarzenborn, 10. März. Der Schreiner E. Jhle von hier fand eine noch nnkrcpirte Granate, wie solche voriges Jahr die Artillerie bei ihrem Uebungsschicßcn benutzt hatte. Um nun den Mechanismus kennen zu lernen, nahm er sie mit nach Hause, statt sie beim