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Mittwoch, den 27. Frbcuar

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Bauernstand und Gewerbestand.

Bauern und Gewerbetreibende (Handwerker und Kleinhändler) gehören zusammen, sie bilden den pro­duktiven Mittelstand, das Fundament jeder Nation. Sie sind die Arbeitsbienen, welche den Honig zusammen­tragen, von dem sich die Drohnen die nicht Werthe erzeugenden Glieder des Volks nähren. Sie haben ein gemeinsames Interesse, einen Feind, ein Ziel, eine Hoffnung. Ihr Interesse fordert, daß jede ehrliche Arbeit ihren guten Lohn findet; ihr Feind ist der auswuchernde Kapitalismus, der Massengüter ohne Rücksicht auf wirklichen Bedarf auf den Markt wirft, und durch die Uebcrmacht seines Geldbeutels den Prers der Waaren so weit herabdrückt, das der Klein-Produzent nicht mehr das Salz zum Brot für seine Famllie ver­dient; ihr Ziel ist gesicherte Existenz auch für den kleinsten Arbeiter in Stadt und Land; ihre Hoffnung richtet sich auf endlichen Sieg über den unlauteren Wettbewerb. Bauernstand und Gewerbestand sind deß­halb wie Mann und Frau in der Ehe, das Wohl­ergehen des einen wird bedingt durch die Wohlfahrt des andern, einer ohne den andern kann nicht gedeihen, der Untergang des Einen führt zum Tode des Andern!

Diese Wahrheit wird heute im Kreise Schlüchtern wohl von Niemand mehr verkannt. Ist sie aber stets erkannt worden? Wird sie heute auch wirtlich schon genügend beherzigt? Diese Frage drängt sich den unpartheiischen stillen Beobachter täglich auf, wenn er die Erscheinungen betrachtet, welche der Kampf ums Dasein heute in Stadt und Land zeitigt. Es wird deßhalb vielleicht zeitgemäß sein, wenn wir dieser Frage etwas näher treten.

Wir fragen zunächst den Gewerbestand, ob er seiner Zeit, als die Gesetze verhandelt wurden, die den deutschen Bauer jetzt dem Untergang nahe bringen, zur rechten Zeit auf Seite des bedrohten Bauern stand und nicht vielmehr durch seine Wahlstimmen, sein Vorbild und seinen gesellschaftlichen Einfluß dem ausbeuterischen Großkapital Vorspann und Handlangerdienste geleistet hat in dem Versuch, den Bauernstand durch eine unheil­volle Handelspolitik zu Boden zu strecken? Priste jeder sich selbst hierauf und wer ehrlich genug ist, sich die Wahrheit zu sagen, wird vielleicht einräumen müssen, daß die Mehrzahl aller Gewerbetreibenden selbst geholfen haben, den starken bäuerlichen Ast abzusägen, auf den der Gewerbestand aller kleinen Städte, wenigstens jetzt sitzt. Der Bauer hat dies wohl begriffen, es hat ihn schwer gewurmt und wird vielleicht von ihm sobald nicht vergessen werden.

Wir fragen a6er den Bauernstand, heute, nachdem er zum Bewußtsein seiner socialen Loge gelangt und den Entschluß der Selbsthilfe gefaßt hat, ebenso au,'s Gewisien, ob er in dem Bestreben sich selbst zil helfen, immer eingedenk bleibt der engen Interessengemeinschaft, welche ihn unauflöslich mit dem Gewerbestand verbind«? Auch auf diese Frage wird der ehrliche Bauersmann vielleicht bekennen müssen, daß die Wege, welche der Bauernstand zu seiner Rettung heute betreten hat, theilweis die Gefahr des Unterganges für den Gewerbe­stand in den Städten unseres Kreises nahe legen und deßhalb am letzten Ende zum Schaden des Bauern­standes selbst ausschlagen müssen.

Wir haben hierbei namentlich die allerorts empor- schießenden Consumvereine im Auge.

Gewiß wird Niemand dem Bauer das Recht bestreiken wollen, dort zu kaufen, wo er am reellsten und billigsten kauft. Wenn er glaubt, dies nur durch Gründung eines Consumvereins erreichen zu können, so wird auch dieses kein Verständiger ihm verargen. Ist es aber deßhalb nothwendig, daß der Consumverein Nunmehr seine Artikel massenhaft aus ihm völlig un­bekannten Hanauer, Frankfurter und anderer Groß städte Handlungen beziehen muß, deren Schleuderpreise nur deßhalb so niedrig gestellt werden, weil die Waaren minderwerthig und mit Qualitätsmängeln behaftet sind, die ein Landmann überhaupt nicht zu beurtheilen ver­mag? Ist es nöthig, daß sich der Consumverein von jedem zudringlichen Reisenden aus der Fremde massen­haft vollständig werthlose Waaren amschwatzen lassen muß, die den Geldbeutel seiner Genossen schließlich noch weil mehr schädigen, als wenn er dem ihm bekannten Kaufmann seiner Amtsstadt einige Pfennige mehr für reelle Waaren zahlt? Ist es wirklich vernünftig Mb auch nur vom reinen Geschäftsstandpunkt aus

gerechtfertigt, ganze Kisten voll Frauenmützen, Bändern, wie dies vorgekommen ist, ganze Wagenladungen von Coufektionsstoffen aus großstädtischen Ausverkaufs­geschäften anzukau'en, die nichts anderes als alte Laden­hüter sind und deßhalb in Frankfurt fast zu jedem Preis losgeschlagen werden. Ist es nicht geradezu Thorheit, auf den Boden gewöhnlicher Bauernhäuser ohne Sachkenntnis ohne die nöthigen Einrichtungen, schutzlos gegen Staub, Feuchtigkeit, Schmutz und Un­geziefer ganze Ramschbazare geborgter Waaren aufzu- häufen, von denen viele nach wenigen Wochen verderben? Wäre es nicht verständiger, wenn jeder Consumverein seine Ankäufe zunächst bei einem reellen Kaufmann seiner Nachbarstadt machte, wo er nur soviel entnimmt, wie der monatliche Bedarf erfordert, wo Zinsverlust und Verderben der Waare ausgeschlossen ist und wo er deßhalb billigere Preise für reelle Waare findet und niemals betrogen werden kann?

Wer diese Fragen sich ernstlich überlegt, wird uns vielleicht Recht geben, daß das jetzige Vorgehen mancher Consumvereine nicht bloß zum Ruin der Gewerbe­treibenden unseres Kreises, sondern schließlich zum Un­heil für den modernen Consumbauer selbst führen muß, weil es nothwendig mit einen Krach enden muß.

Und an wen will der Bauer unseres Kreises seine Produkte, sein Vieh, seine Milch, seine Butter, seine Eier, sein Obst, sein Geflügel, seine Frucht u. s. w. schließlich verkaufen, wenn der Bürgerstand in den Siädten erst so herunter gebracht ist, daß er überhaupt nicht mehr kaufen kann? Es sind dies wahrhaftig keine leeren Gespenster, welche wir hier an die Wand malen, denn nichts ist so sicher als die an der Spitze dieses Artikels gesetzte Wahrheit, daß Bauernstand und Gewerbe­stand in ihrem Wohlergehen jeder von dem andern abhängt. Der Bauer kann an den Städter nicht ver­kaufen, wenn er nicht von ihm kauft! ebenso wenig wie der Städter an den Bauer verkaufen kann, wenn er nicht von ihm wiederkauft oder wenn er ihm zu niedrigere Preise anfdrängt, bei denen der Bauer nicht bestehen kann.

Das sind sehr ernste Wahrheiten, die in dem wilden Kampf ums Dasein, in den wir eintreten, die reiflichste Beherzigung verdienen. Möchten sie von beiden Seiten gebührend gewürdigt werden.

Möge der Gewerbestand dem Bauernstand einen auskömmlichen Preis für seine ländlichen Produkte gönnen und mithelfen, soweit dies irgend in seiner Macht steht, ihm solche zu verschaffen und zu sichern. Möge der Bauernstand aber seinerseits nie vergessen, daß der einzige sichere Abnehmer für seine Produkte der Bürger­stand unserer Städte ist und möge er seinerseits dazu mithelfen, daß dieser Bürgerstand immer zahlungsfähig bleibt und womöglich von Tag zu Tag zahlungsfähiger werde. Mit dieser Voraussetzung möge er Consum­vereine gründen soviel er wolle, sich aber wohl hüten, daß er in dem städtischen Gewerbestand nicht selbst die Henne abschlachten helfe, die ihm seine silbernen Eier legt

Beides läßt sich sehr wohl vereinigen, wenn der Consumverein dazu benutzt wird, den eigentlichen Detail­handel auf die Dörfer zu verlegen und dem Bauer die zeit- und kostspieligen Wege nach der Stadt um Kleinig­keiten zu ersparen, und wenn der städtische Gewerbe- stand den Verlust, welcher ihm durch die Entziehung des ländlichen Detailverkaufs erwächst, dadurch wieder wett macht, daß er in Zukunft der Großlieferant für alle Consumvereine seiner Umgebung wird. Auf diese Weise würden beide Theile Nutzen haben, der Bauer, der seine Waaren billig und gut im Dorfe kauft, und der städtische Gewerbetreibende, der in Zukunft ohne jedes Risiko verkauft und die enormen Verluste erspart, die der heutige Detailhandel durch Borg für ihn mit sich bringt. Dem Gewerbestand würde außerdem der Gewinn zufallen, den die, durch die Gründung der Consum­vereine nothwendig bedingte Steigerung des Consums mit sich bringt. In dieser Weise muß sich nach unserer Meinung das wirthschaftliche Verhältniß zwischen Bauern­stand und Gewerbestand in Zukunft gestalten, wenn dasselbe für beide Theile zum Segen gereichen soll. Und wenn wir erst dahin gekommen sind, daß jederConsum- verein in seiner Amtsstadt seinen regelmäßigen festen Lie­feranten für seine sämmtlichen Bedarfsartikel hat, dann wird sich kein Theil über den andern mehr beklagen können.

Dies Ziel allmählich anzubahnen, war der Zweck dieser Zeilen.

Deutsches Reich.

Berlin, 24. Febr. Eine Rede des Kaisers. Bei einem am Sonnabend vom Staatsminister Oberpräsidenten Dr. v. Aschenbach den Mitgliedern des Brandenburgischcn Provinziallandtages gegebenen Diner, welchem auch der Kaiser beiwohnte, erwiderte dieser auf das vom Ober- präsidenten auf ihn ausgebrachte Hoch:Die eben vernommenen Worte Ihres verehrten Herrn Ober­präsidenten haben aufs Neue die Gesinnungen der Treue und Anhänglichkeit meiner Märker znm Ausdruck ge­bracht. Von ganzem Herzen danke ich Ihnen dafür. Solche Gesinnungen sind in so schweren Zeiten doppelt werth und sind für mich in meinem dornenvollen Amte eine Erquickung und Unterstützung. Denn sie bedeutet das Vertrauen, welches Sie in Ihren Markgrafen setzen, und das Vertrauen bedeutet hinwiederum die Lust zur Mitarbeit und zur Unterstützung, und das ist es, was mir meine Aufgabe am meisten zu erleichtern im Stande ist, wenn mein ganzes Volk sich entschließt, auch mit der That seinem Landesvater fördernd zur Seite zu stehen. Die Fragen, welche im Augenblick die Gemüther bewegen, betreffen vorwiegend den Bauern­stand. Wie dieselben angefaßt werden sollen, ist Ihnen zur Genüge aus meinen letzten Auslassungen bekannt. Ich hoffe von ganzem Herzen, daß es mir gelingen wird, dauernd Nützliches für Sie zu schaffen, und mit ganzer Kraft will ich dafür eintreten. Ich möchte aber dringend davor warnen, überspannte Hoffnungen zu hegen oder gar die Verwirklichung von Utopien zu ver­langen. Kein Stand kann beanspruchen, auf Kosten der anderen besonders bevorzugt zu werden; des Landesherr« Aufgabe ist es, die Interessen aller Stände gegeneinander abzu- wägen und mit einander zu vermitteln, damit da^ allgemeine Interesse des großen Vater­landes dabei gewahrt bleibe. Auf dem heutigen Tage ruht noch ein Schimmer des Tages von Friesack. Möge uns der Blick auf jenen ernsten, schlichten, erz- gerüsteten Mann daran erinnern, daß nur imZusammen- wirken von Fürst und Volk der Erfolg verbürgt ist.

24. Febr. Der Kaiser bcgibt sich Montag, den 25. ds., Abends, mittelst Extrazuges nach Wien zu den Beisetzungsfeierlichkeiten für Erzherzog Albrecht. Die Ankunft auf dem Wiener Nordbahnhof erfolgt Dienstag Vormittag 11 Uhr.

Der Reichstag hat am Mittwoch den Jesuiten- Antrag des Zentrums in dritter Lesung ohne Debatte angenommen. Das Zentrum war fast vollständig in der Sitzung vertreten und hat die Verkündigung der Annahme mit Beifall ausgenommen. Dagegen haben die Konserva ioen, die Reichspartei und die National­liberalen gestimmt. Nun hat der Bundesrath daS Wort; hoffentlich beharrt er dieser Frage gegenüber nach wie vor auf seinem ablehnenden Standpunkt.

Ein geradezu entsetzlicher Vorfall hat sich in der Nacht zum Donnerstag in einer sog. Animierkneipe in Berlin zugetragen. Der 21 Jahre alte Bäckergeselle Banner aus Breslau, der am Abend vorher in Berlin eingetroffen war und sich angeblich auf der Aus­wanderungsreise nach Amerika befand, hatte in Berlin den Abschied von der Heimath feiern wollen und war auf seiner Wanderung am Mittwoch Abend um 7 Uhr in dasCafä Polonia" gerathen. Seine mit 320 Mark gespickte Börse bot sowohl der Wirthin, als auch den Kellnerinnen die Aussicht auf ein gutes Geschäft. DaS Zechgelage hatte bis gegen 4 Uhr gedauert, als die Barschatt des Auswanderers auf 20 Mark zusammeu- geschmolzen war. Die Bedienung wollte aber auch noch den letzten Goldfuchs einheimsen, Tanner wider­setzte sich und es kam zu Uneinigkeiten, die alsbald in Thätlichkeiten ausarteten. Hierbei erhielt zunächst die Wirthin mit einer Weinflasche einen Schlag über das Gesicht; dann brächte Tanner mittelst eines Tischmesfers, das er in dem Lokal gefunden hatte, der Kellnerin Becker einen lebensgefährlichen Stich in den Hals bei. Der Stoß war so heftig, daß die Klinge abbrach. Die Kneipe ist polizeilich geschlossen worden. Hoffentlich giebt dieser Vorfall den Behörden Veranlassung, mit diesen Raublokalen, durch die alljährlich eine Menge junger Leute auf die Bahn des Verbrechens gerathen, überhaupt aufzuräumen.

Nordhauseu, ;20. Feb. In der gestrigen Sitzung des landwirthschastlichen Vereins der goldenen Aue im hiesigen Dom-Restaurant hat Herr Rittergutsbesitzer v.