MüchternerMtung
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf.
Samstag, den 16. Februar
1895
Deutsches Reich.
Berlin. Der Kaiser, der ursprünglich schon Dienstag Abend in Berlin einzutreffen gedachte, hat seine Abfahrt aus Eberswalde auf den Mittwoch Nachmittag verschoben. Mittwoch Abend will er den Subskriptionsball im Opernhause besuchen.
* — Unter dem 22. November v. I. hatte der Minister der öffentlichen Arbeiten eine Verfügung erlassen, durch die die Vereinfachung des ZeitkartenwesenS auf den preußischen Staatseisenbahnstrecken nach dem Muster des Berliner Vorortverkehrs in Aussicht genommen war. Danach sollten die allgemeinen Zeitkarten in Monatskarten umgewandelt werden. Im einzelnen war in Aussicht genommen, als Preis der Monatsstammkarten den zwölften Theil des Preises einer Jahreszeitkarte nach dem bisher gütigen Zeitkartentarif der preußischen Staatsbahnen vom 1. September 1883, als Preis der Nebenkarten die Hälfte des Preises der Stammkarte mit Abrundung auf 10 Pfennig nach oben festzusetzcn. Als Mindest'ahrpreise auf die Entfernung bis zu 3,5 km sollten gelten für die Stammkarte I. Klasse 4,50 Mk , II. Klasse 3,50 Mk. und III. Klasse 2,50 Mk. Bei der Benutzung von Durchgangszügen sollte die tarrmäßige Platzkarten- gebühr entrichtet werden. Ferienkarten, wie sie im Berliner Vorortverkehr bestehen, sollten im allgemeinen Verkehrkehr nicht in Anwendung kommen. Da gegen diese Umgestaltung des ZeitkartenwesenS keine Bedenken erhoben worden sind, ist nunmehr die Einführung des neuen Verfahrens zum 1. April — gleichzeitig mit der allgemeinen Umgestaltung des preußischen StaatSbahn- Wesens — angeordnet worden. Eine Reform des Schülerzeitkartenwesens ist mit Rücksicht auf den entstehenden Einnahmeausfall bis auf Weiteres versag1 worden. Die Ausfertigung der Schülerzeitkarten ist vom 1. April d. Js. ab allgemein den Verkehrs- inspektionen übertragen.
— Die Titel der Eisenbahnbeamten werden mit dem 1. April theilweise geändert. Die Stations- Vorsteher 5. B. werden „Stations-Verwalter" und die Telegraphen - Aufseher „Telegraphen - Meister" genannt werden.
Hamburg, 8. Februar. Welches ungeheure Kapital in dem stümischen Jahre 1894 an Schiffen verloren gegangen ist, ersieht man aus der jetzt von der Direktion des Büreau „Veritas" veröffentlichten Statistik des internationalen Registers für Schiffsklassifikationen. Darnach sind im Jahre 1893, soweit es sich hat ermitteln lassen, 1058 Schiffe verloren gegangen und zwar 885 Segelschiffe mit 327,381 Registertons und 203 Dampfschiffe mit 150,821 Registertons. Unter den Segelschiffen befanden sich 66 deutsche mit 30,126 Registertons, unter den Dampfschiffen 14 deutsche mit 12,480 Registertons. Von den Segelschiffen sind 433 durch Strandung, 54 durch Kollission und 24 durch Feuer verloren gegangen, 73 sind gesunken, 105 abandounirt 108 kondeminirt und 58 verschollen, während von den Dampfschiffen 115 durch Strandung, 37 durch Kollission, 9 durch Feuer verloren gegangen und 25 gesunken sind, 6 wurden abandounirt, 2 kondemnirt und 9 sind verschollen. Außer diesen aufgeführten Titclverlusteu gelangten noch die Beschädigungen von 3097 Segel- und 3213 Dampfschiffen bei dem Büreau zur Anmeldung.
Spandam Auf dem Postamte der Potsdamerstraße in Spandau ist ein mit Geld gefülltes Faß, das zugleich mit mehreren anderen von der Berliner Generalmilitärkasse für die Spandauer Garnison bestimmt war, gestohlen worden. Der Inhalt bestand aus 10720,79 Mark in 75 Hundertmarkscheinen, 1500 Mark Silber, 1720 Mark Gold, der Rest in kleinerer Münze. Der Dieb wurde in dem Postsecretär Sättke ermittelt. Dieser hatte in jener Nacht Dienst und hat sich zur Veruntreuung durch die Aussicht auf den großen Gewinn verleiten lassen. Bei einer Haussuchung wurde das Faß im Keller des St. unter Kohlen versteckt anf- gcfundcu. Er hatte das Faß unter seinem Kaisermantel mitgenommen. St. ist ein älterer Beamter, auf den sich der Verdacht gleich gerichtet hatte.
Aus der Provinz Sachsen, 10. Febr. Der Nr. 1 der Zeitschrift des landwirthschnftlichcu Zentralvereins unserer Provinz entnehmen wir folgende Bemerkung: „Das Interesse für Ziegenzucht nimmt jetzt auch in Norddeulschlaud in erfreulicher Weise zu; besonders ist
es die Provinz Sachsen, in welcher vom landwirihschaft- lichen Zentralverein diesem Zweig der Viehzucht größere Geldsummen zur Unterstützung zugeweiidct werden. Dadurch war es auch ermöglicht, daß im vorigen Herbst eine Waggonladu.tg Ziegen in der Schweiz angekauft und die Thiere den Bestellern in den verschiedenen Gegenden der Provinz übcrwiescn werden konnten. Die Preise, die gezahlt werden mußten, waren freilich nicht gering, und durch die Fracht- und Transportkosten kam eine Ziege annähernd auf 50 Mk. zu stehen; Böcke stellten sich noch theuerer. Man will nicht etwa durch Einführung dieser Schweizerziegen unsere Landzicgcn verdrängen, sondern nur durch Zuführung frischen, guten Blutes unsere degenerierte Ziege in ihrer Nachzucht kräftigen und milchergiebiger machen, und dazu ist die Sannenziege aus der Schweiz besonders geeignet, wie es die Erfahrung bereits gelehrt hat."
Im Volksspielhaus in Erfurt ist am Freitag der Prozeß gegen den Oberförster Gerlach und dessen Frau aus Sondershausen „dramatisch" unter dem Titel „Zu Tode gemißhandelt" vor ansoerkaustcm Haus gegeben worden. In dem Vorspiel „Die Verlobung" wird die unbedingte Herrschaft der Frau Gerlach über ihren Mann auf ein von diesem gegen ihren früheren Geliebten verübtes Verbrechen zurückgeführt, zu dem das böse Weib selbst ihren späteren Gatten angetrieben hatte.
Halle a S., 13. Fcb. In Reutzen wurde einer Frau mit zwei Kindern das erbetene Unterkommen verweigert. Am andern Morgen wurden alle drei in einem Strohdiemen erfroren aufgefunben.
In Elb:rfeld-Barmen ist vor kurzem ein Prozeß entschieden worden, der dort viel Aufsehen erregt. Man berichtet darüber was folgt: In der Sitzung der 3. Zivilkammer des Landgerichts zu Elberfeld-Barmen vom 18. Januar d. J. wurde das Urtheil in dem Rechtsstreit des Kaufmanns Heinrich Bockhacker gegen die Stadt Elberfeld wegen Schadenersatz verkündet. Bockhacker hatte im Sommer des Jahres 1890 mit brennendem Licht einen Raum seines an der Döppersbergerstraße in Elberfeld gelegenen Hauses, in dem Tags vorher seitens der Stadt Arbeiten an der Gasleitung vorgenommen worden waren, betreten. Offenbar war durch Verschulden eines Arbeiters der Gasleitung in dem betreffenden Raum ein Schaden zugefügt worden, die Gasleitung war undicht, es erfolgte eine Explosion, und Bockhacker wurde im Gesicht und namentlich an der rechten Hand schwer verletzt. Der Prozeß, der schon das Reichsgericht in Leipzig beschäftigt hat, fand nun am 18. Januar sein Ende und das Urtheil lautete dahin, daß die Stadtgemeinde Elberfeld verurthcilt wurde, an Bockhacker eine Entschädigungssumme von 88 000 Mk. zu zahlen. Die armen Steuerzahler!
— Eine sonderbare Steuer haben die Gemeinde- vertreter in Wadersloh in Westfalen beschlossen. Nach derselben soll jeder Einwohner 50 Pfg. Steuer zahlen, der aus eine Zeitung abonniert ist, ganz gleich, was für eine Zeitung er lieft, ein Weltblatt, oder das Kreisblatt oder ein Traktätchenblättlein.
Aus Würzburg schreibt man: Ein hier verstorbener Kaufmann hat auf dem Todtcnbette eine Aufsehen erregende Enthüllung gemacht. Unter bisher nicht aufgeklärten Umständen verschwand im Jahre 1872 der hiesige Holzhändler Moys, ein vermögender Mann; er wurde geraume Zeit später im Main gelandet. Auf dem Todtcnbette legte nun jener Kaufmann ein Ge- stündniß ab, daß seine Frau und ein Mann, die Beide längst gestorben sind, den Mops an der Schlachtbrücke geknebelt und dann in den Main geworfen haben, da sie eine größere Geldsumme bei ihm vermutheten. Trotz sorgfältigsten Recherchen konnte die Polizei damals nicht den geringsten Anhaltspunkt für eine Entdeckung des oder der Thäter gewinnen.
Ausland.
London, 11. Februar. Aus Ncwyork trifft^ soeben die Nachricht ein, daß der vermißte französische Schnelldampfer „GaScogne" bei Fire Island angckommeu ist.
Heftige Kälte und Schneestürme werden aus allen Theilen Amerikas gemeldet. Viele Menschen sind erfroren. In Florida sind alle Fruchtkulturen vernichtet. Der Schaden bcläust sich auf mehrere Millionen Dollars. Im äußersten Westen flüchtet das W-ld aus den Wäldern und sucht Schutz bei den menschlichen Wohnungen; Rudel von Wölfen zeigen sich. In
fNebraska sind ganze Familien erfroren. In den südlichen Staaten ist die Kälte nicht minder groß; sie macht sich dort aber um so mehr bemerkbar, da die Häuser nicht auf solche Witterung eingerichtet sind In Havanna sind 2 Frauen erfroren.
Wcihaiwei, 13. Februar. In dem Torpedo-Angriff auf die chinesische Flotte am 7. Februar betheiligteu sich 15 Torpedoboote. Sobald sie sich den chinesischen Schiffen näherten, eröffneten diese gleichzeitig mit den Forts ein heftiges, gut gezieltes Feuer. Das Torpedoboot, das den „Tingyueu" zum Sinken brächte, wurde vernichtet; die Bemannung, 8 Mann, ertrank. Die zurückkommenden Boote glichen Sieben; eines war von 46 Schüssen durchlöchert. Durch einen Schuß wurden der Maschinist und sämmtliche Heizer gctödtet. 3 Boote kenterten, an 2 brachen die Räder, nur eins entkam unversehrt. — Nach den letzten Meldungen ist die Lage bei Wcihaiwei jetzt folgende: Sämmtliche chinesische Forts auf dem Festlande sind von den Japanern genommen, das Fort auf der Jhisinscl ist zum Schweigen gebracht. Die chinesischen Panzerschiffe „Tingyuen" und „Laiyuen" sowie die Kreuzer „Chingyuen" und„Weiyuen" sind zum Sinken gebracht, dreizehn chinesische Torpedoboote sind zerstört oder genommen worden. Ein japanesisches Torpedoboot ist verloren, zwei andere sind dienstunfähig gemacht. Die übrigen chinesischen Kriegsschiffe, darunter das große Panzerschiff „Chenyuen" sowie die Forts auf der Insel Linkungtau befinden sich noch im Besitze der Chinesen.
Lokales und Provinzielles.
* Schlächtern, 15. Febr.
— Am Lichtmeßtage hat die Sonne geschienen. Grimmbart, der Dachs, welcher an diesem Tage seinen ersten Ausgang nach dem Winterschlaf macht, hat seinen Schatten gesehen und sich auf vier Wochen wieder in seinen Bau zurückgezogen und aufs Ohr gelegt.
*— Bei der hcssen-nauffauischcn Berufsgenossenschaft gelangten in den Monaten November und Dezember 1894 im Ganzen 250 Unfälle, darunter 5 Todesfälle, sowie 14 Unfälle von Selbstversicherten zur Anmeldung. Diese Unfälle vertheilen sich auf folgende Geschäfte: Maurer 127 (1 Todesfall), Zimmerer 48 (1 Todesfall), Tüncher 19 (1 Todesfall), Dachdecker 9 (1 Todesfall), Stcinhauer 8, Installation 6, Spengler 6 (1 Todesfall), Pflasterer 5, Steinbruch 4, Mühlenhau 3, Erd- und Grubenarbeiter 4, Schreiner 2, Schlosser 2, Glaser 2, Holzschneidern, Backofenbauer, Schiffbauer, Kanalbauer, Ziegelei je 1. Im Jahre 1894 wurden im Ganzen 1832 Unfälle mit 42 Todesfällen gemeldet (im Vorjahre 1893), darunter 119 Unfälle von Selbstversicherten (im Vorjahre 95).
— Im neuen Stempelsteuergesetz, das dem Landtag vorgelegt ist, sind au neuen Stempelsteuern unter Anderem eingeführt: Bei der Verleihung vereblicher und veräußerlicher Apothekeu-Kouzcssionen ’/s pEt. vom Werth, bei Personalkonzession eine Steuer von 50 Mk.; Aerzte sollen für ihre Approbation eine Steuer von 20 Mk, Apotheker eine solche von 50 Mk. entrichten; Kranken-, Entbindungs- und Irrenanstalten, Schauspielunternehmer, Gast- und Schankwirche, Veranstalter von Singspielen haben eine Stempelsteuer zu zahlen, die von 3 Mk. steigt bis zu 60 Mk. Für Genehmigung von Fabrikanlagen ist eine Werthsteuer von 1 pro Mille zu entrichten, aufstcigend bis zu 100 Mk.; für Genehmigung eines Dampfkessels eine Steuer von 1,50 Mk. Unternehmer von Versicherungsanstalten sollen für die Konzession einen Stempel von 100 oder 20 Mt. entrichten, ausländische Unternehmer bei Bestallung von Agenten eine Gebühr von 100 Mk.; AuSwanderungSagenteN haben eine Gebühr von 30 Mk. zu entrichten, auswärtige Auswanderungsunternehmer eine solche von 100 Mk. Die Genehmigung von VerkchiseinrichtungeN bis zur Droschke herab unterliegt einer Gebühr von 50 Pfg. bis zu 20 Mk. Für Jagdscheine soll eine staatliche Gebühr von 5 Mk., für Ausländer 10 Mk. ringe ührt werden neben der bestehenden Gebühr an die Kreiskasse.
* — Aus der Stra kammer vom 11. Februar. Ein recht hoffnungsvoller Bursche ist der I "jährige Taglöhner Johs. Adam Meyer von Zünters- bach. Er ist bereits 4mal wegen Diebstahl vorbestraft und angeklagt, gelegentlich der Züntcrsbacher Kirchweihe in der Müller'schen Wirthschaft dem angetrunkenen