WchternerMtung
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf.
Samstag, den 26. Januar
^f die „Schlüchterner Zeitung" y UUUyl 81 roerben noch fortwährend von allen ^ "—-ü-- ........- Postanstalten und Landbriefträgern sowie von der Expedition entgegen genommen.
Zu KaisersgebnrtStag.
Wie sollten wir uns heute nicht freuen an Kaisers Geburtstag, wenn wir uns wieder einmal der Liebe bewußt werden, die Fürst und Volk bet uns verbindet. Allein es fallen auch dunkle Schatten auf diesen Tag, die ihn zu einen sehr ernsten machen. Man braucht kein Pessimist zu sein, um zu erkennen, daß die Ge- sammtlage unseres Volkes nicht erfreulich ist. Wie ist doch die wirthschaftliche Noth gestiegen von Jahr zu Jahr; alle Bemühungen, ihr zu wehren, alle Anstrengungen, sie zu beseitigen, haben bisher das Uebel nur vermehrt oder zum Mindestens keine Abhilfe geschafft. Der Aufsaugungsprozeß des Großkapitals geht ungehindert seinen Gang, Landwirlhschaft. Handwerk, Mittelstand und Arbeiter verarmen weiter und Alle fragen rathlos: wie soll das enden? Muß da das kaiserliche Herz sich nicht betrüben, wenn es sich heute sagen muß: noch ist das lösende Wort ungesprochen, noch ist die rettende That ungethan; wenn es sich fragen muß: wer findet das lösende Wort, wer giebt es mir?
Und mit der wirthschaftlichen Noth geht Hand in Hand die sittliche und die religiöse Noth? Auch sie hat sich nicht gemindert; im Gegentheil, sie hat sich nur gemehrt. In allen Ständen unseres Volkes nehmen Gottesentfremdnng, Unglaube, Lieblosigkeit zu. Der Eigennutz herrscht, und alle Mahnungen zur Umkehr, alles Werben zur Mitarbeit finden kein anderes Echo als die Kainfrage: „Soll ich meines Bruders Hüter sein?" Oben die Selbstsucht, Unten der Haß, Oben Hochmuth und Ueberhebung, Unten Aufruhr und Empörung und Alle in Fehde mit einander, kein friedliches gemeinsames Arbeiten zum Wohle des Ganzen; keine Unterordnung der Sonderinteressen unter das Ganze; die alte deutsche Zerrissenheit, die nach außen endlich ertödtet war, nun im Innern um so mehr wachsend und gedeihend.
Kann unser Kaiser diesen Schäden seine Augen verschließen? Muß er sie nicht vielmehr doppelt schmerzlich empfinden an einem so wichtigen Tage wie fein Geburtstag ist? Die Zeit, da die Herrscher nur die schimmernde Oberfläche sahen, den Dingen aber nicht auf den Grund kamen, die Zeit ist vorbei. Und wenn heute der Helle Jubel, die Hochs und Hurrahs um den Kaiser erklingen, so wissen wir, daß durch sie hindurch das Seufzen der unzählichen Nothleidenken, der Angstschrei der großen Massen der Arbeitslosen und viel anderer Jammer ihm nicht verborgen bleibt, daß er das Herz des Landesvaters auch an diesem Freudentage betrübt.
Allein in diesem Schmerze möge ihn das Bewußtsein trösten, daß sein Volk mit ihm sorgt, daß es seinen Kummer theilt; ja daß seine treuen Unterthanen hoffnungsvoll der Tage harren, da der Kyffhäuser sich zum andern Male öffnet, nicht um den Kriegshelden, den alten deutschen Kaiser, hervorgehen zu lassen, sondern damit der Friedensfürst im strahlenden Glänze der Jugend Heraustrctc, sich an seines Volkes Spitze stelle und es in den inneren Kämpfen zum Siege führe. Noch ist nicht Alles erfüllt, was die Propheten der Freiheitskriege geweisagt haben; darum ist unser Geburtstagswunsch, den wir heute an des Thrones Stufen niederlegen, der, daß Kaiser Wilhelm des Reiches Herrlichkeit vollende und Schenkendorss Verheißung wahr mache:
Ein Morgen soll noch kommen, Ein Morgen mild und klar;
Sein harren alle Frommen, Ihn schaut der Engel Schaar.
Bald scheint er sonder Hülle Aus jeden deutschen Mann;
O brich, du Tag der Fülle, Du Freiheitstag brich an!
Deutsches Reich.
Berlin, 24. Jan. Die große Defilircour hat Mitt- woch Abend in herkömmlicher Weise im Rittersaal des königlichen Schlosses stattgefunden. Als der Kaiser und die Kaiserin die Throustu cn betreten hatten, zeigte sich
das große Hofbild wieder vollständig in seinem wundervollen Glänze, seiner Pracht in den Toiletten und dem Farbenschimmer der Uniformen. Der Kaiser trug den rothen Galarock der Offiziere der Garde du Korps mit allen preußischen Orden, obenan das Band des hohen Ordens vom Schwarzen Adler. Neben ihrem Gemahl stand die Kaiserin, von dem Purpursammet der Rückwand mit dem goldgestickten preußischen Adler prächtig gehoben, in vollster Lebensfrische, gekleidet in eine gold- schillernde, silbergestickte Schleppe von Gold- und Silber- stoff mit dem Orangeband und Brillantster« des höchsten preußischen Ordens, mit den großen Kronbrillanten in Kollier und Diadem auf dem langen, weißen Schleier, dem charakteristischen Toilettenzeichen für den großen zeremoniellen Vorgang einer Cour. Während des Dcfi- lirens ertönten Marschwcisen. Unter den Damen war große Toilettenpracht entfaltet in prächtigen, farben- glänzenden Stoffen.
— Nachdem die Gerüchte über bevorstehende Veränderungen im preußischen Ministerium und in den hohen Reichsämtcrn durch die offiziösen Dementis abgethan sind, kommen aus London und Petersburg Gerüchte über Veränderungen in der Besetzung der Botschaften. Aber auch diese werden sofort für unbegründet erklärt.
— Zur Besprechung des ministeriellen Reform- planes bezüglich der Handelskammern hat am Montag in Berlin eine Berathung sämmtlicher Handelskammern stattgefunden. Auf Wunsch des Handelsministers bleiben jedoch die Verhandlungen vor der Hand vertraulich.
— Folgende Aenderungen der Kavallerie-Ausrüstung hat der Kaiser (nach dem Armee-Verord.-Bl.) bestimmt: „1) Der Karabiner ist von der Kavallerie am Sattel hinter dem rechten Schenkel des Reiters, senkrecht zur Erde hängend, zu tragen, der Degen gleichfalls am Sattel hinter dem linken Schenkel des Reiters. 2) Der Ring am unteren Ringband des Degens kommt in Wegfall, desgleichen der Schleppriemen am Koppel.
3) Zur besseren Unterbringung der Bekleidungs gegenständc des Kavalleristen auf dem Pferde werden Hilfstaschen aus Segeltuch, welche an der unteren Fläche der Packtaschen zu befestigen sind, eingeführt.
4) Die Umänderungen beziehungsweise Beschaffungen erfolgen nach Maßgabe der vorgelegten Proben und der verfügbaren Mittel."
— Zwei Volksschullehrer, die später in den deutschen Kolonien thätig sein werden, erhalten zur Zeit in der Suaheli Klasse des orientalischen Seminars ihre sprachliche Ausbildung. Außer dem Rixdorfer Lehrer Paul Blank, von dem schon früher die Rede war, tst jetzt noch ein westpreußischer Lehrer, Herr Oswald Nutz aus Graudenz, in das Seminar eingetreten. Er wird im Aufträge der Regierung später nach Bagamoyo gehen. Sein Gehalt beträgt dort 4000 Mark und freie Wohnung. Er hat sich verpflichtet, vier Jahre dort zu bleiben; es wird ihm freie Hin- und Rückfahrt und nach zwei Jahren ein dreimonatlicher Urlaub gewährt.
— Es ist in Aussicht genommen, an den zur Strafvollstreckung an Personen weiblichen Geschlechts dienenden Anstalten an Stelle der jetzt fungirenden Lehrer nach und nach Lehrerinnen anzlistellen und denselben ein Gehalt von 1200 Mark, steigend von drei zu drei Jahren um 100 Mark bis zum Höchst- betrage von 1800 Mark, und den Wohnungsgeldzuschuß nach den Sätzen für Strafanstaltslehrer zu gewähren.
— Um, entsprechend des Güterverkehrs, den Bestand an Güterwagen in angemessener Höhe zu erhalten, ist die Beschaffung von 3100 Güterwagen verschiedener Gattungen beabsichtigt. Hiermit und mit Einrechnung des Ueberschusses der aus Mitteln des Betriebs Etats für 1895.96 zu erneuernden Güterwagen und der aus besonderen Fonds zu beschaffenden Fahrzeuge werden am Schlüsse des Etatsjahres 1895,96 etwa 221 800 Güterwagen auf den Staatsbahnen vorhanden sein, gegenüber einem Bestände von 211935 Güterwagen am 1. April 1894, von 207 392 Güterwagen am 1. April 1893 und von 201 070 Güterwagen am 1. April 1892. .Die Kosten sind auf 8 Millionen Mark veranschlagt.
— Wie die „Schl. Ztg." hört, wird gegenwärtig die zahlreiche Stadtgemeinden interessirende Frage erwogen, ob nicht aus Ersparnißrücksichten noch eine
weitere Zahl von Kreiskassen aufzuheben sei. Mit den von diesen Kassen bisher bewirkten Pensions-, Gehalts- u. s. tu. Zahlungen würden in diesem Falle die Kassen der Verwaltung der indirekten Steuern betraut werden. Darüber, welche Kreiskassen von der Maßregel betroffen werden sollen, verlautet noch nichts.
— Domänenverpachtungen. Dem Abgeordneten- ist die übliche Nachweisung der Ergebnisse der ander- weiten Verpachtung der 1894 pachtlos gewordenen Domänenvorwerke zugegangen. Nach dieser Uebersicht ergiebt sich bei 56 Domänen nach Abzug der Mehrverpachtung insgesammt ein Rückgang der Pachtpreise von durchschnittlich 55,30 Mark per Hektar aus 50,13 Mk., also nur um etwa 10 pCt. Der Ausfall beträgt im Ganzen 94 430 Mark. Im Einzelnen treten Pachtrückgänge ein bei 22 Domänen und Vorwerken in den ostelbeschen Provinzen. Unter 8 Domänen und Vorwerken der Provinz Sachsen geben 4 Pachterhöhungen, 4 Pachtermäßigungen. In der Provinz Hannover kommen 20 Verpachtungen in Frage, darunter nur 5 mit Pachtermäßigungen. Die 5 Domänen im Regierungsbezirk Casscl ergeben sämmtlich Pachtermäßigungen.
Braunschweig, 13. Jan. Den amtlichen Brann- schweigifchen Anzeigen zufolge hat auch das zweite von der staatlichen Bergbehörde an der Asse betriebene Bohrloch in der Tiefe von 533 m ein mächtiges Lager edler Kalisalze erschlossen, welches erst bei 633 m Tiefe durchbohrt war. Die Braunschweigischen Anzeigen bemerken hierzu: Der Fund übertrifft alle gehegten Erwartungen und liefert von Neuem den Beweis von den im Herzogthum vorhandenen noch ungehobelten Schätzen.
Coburg, 20. Jan. In einer recht schwierigen Lage befinden sich unsere Landwirthe in Folge des Umstandes, daß es ihnen jetzt kaum möglich ist, ihre reiche Getreideernte zu einem irgend nur annehmbaren Preis an den Mann zu bringen und ihren Hypotheken- gläubigern und der Steuereinnahmestelle gegenüber ihre Verpflichtungen zu erfüllen. Das Angebot an Weizen, Korn, Gerste und Hafer ist so bedeutend, daß die Aufkäufer, Müller, Bäcker, Brauer und Pferdebesitzer wahre Spottpreise auch für die beste Waare bieten. Die wenigsten Bauern sind aber in der glücklichen Lage, bessere Preise abwarten zu können; die große Mehrzahl wird von den Gläubigern gedrängt und muß wohl oder übel das Getreide losschlagen. Wie gering diese Preise sind und wie viel weniger der Bauer Heuer für sein Getreide einnimmt, als im vorigen Jahr, wo die Preise für die meisten Getreidearten außerordentlich tief gesunken waren, das zeigt ein Vergleich der im Regierungsblatt veröffentlichten Preise von jetzt und im Vorjahr. Der jetzige Höchstpreis beträgt für Weizen pro Doppelcentner 12 Mk. 80 Pfg. (im Vorjahr 15 Mk.. 50 Pfg.), für Korn 10 Mk. 80 Pfg. (im Vorjahr 13 Mk. 40 Pfg.), für Gerste 13 Mk. 60 Pfg. (im Vorjahr 17 Mk.), für Hafer 10 Mk. 20 Pfg. (im Vorjahr 18 Mk. 50 Pfg.). Bei solchen Preisen, denen sich diejenigen für Heu und Stroh in demselben Maßstab anreihen, ist es dem Landwirth unmöglich, zu bestehen, und wenn die hohen Viehpreise nicht wären, dann hätten schon sehr viele unserer Landleute ihre finanzielle Selstständigkeit opfern müssen!
Gotha, 20. Jan. Einen Begriff von dem Umfang des hiesigen Wurst- und Fleischwaaren-Exportgeschäfts kann man sich machen, wenn man erfährt, daß in den verflossenen drei Monaten im hiesigen Schlachthaus nicht weniger als 4826 Schweine und im Ganzen 8010 Stück Vieh geschlachtet worden sind. Dabei erreicht der Wurstwaaren Export seinen Höhepunkt erst in den Monaten Januar, Februar und März.
Darmstadt, 15. Jan. In ihrer heutigen Sitzung nahm die zweite Kammer, trotz des Widerspruches der Regierung, mit 30 gegen 17 Stimmen den Antrag auf Einführung einer staatlichen Klassenlotterie in Hessen an.
Nürnberg, 19. Jan. Die Explosion, welche in einem Bahnpostwagen stattgefunden, hat die Vernichtung von 150 Postpacken, 4 Werthpacketen und 3 Geldpostbeuteln aus Nürnberg und Frankfurt a. M. zur Folge gehabt. Der Schaden belauft sich auf mehrere hunderttausend Mark. Der Unfall ereignete sich zwischen Bayreuth und Eger bei der Station Schirnding.
Harskirchen, 9. Jan. Eines Tages wurde die Magd