SWchternerMung
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf.
103, Samstag, den 29. Dezember 1894.
Deutsches Reich.
Berlin, 26. Dez. Während der Weihuachlkfcicrtage widmeten sich der Kaiser und die Kaiserin bauptfächlich ihren Kindern; am ersten Festtage wurde der Gottesdienst in der Friedenskirche besucht und späterhin bei dem prächtigen Wetter Besuche abgestattet. Am zweiten Feiertage ertheilte der Kaiser mehreren hochstehenden Personen Audienzen.
Hannover, 21. Dez. Das hiesige Schwurgericht hat den ebemaligen Reichstagsabgeordneten für Eschwege- Schmalkalden, Lcnß, gestern wegen Meineids zu 3 Jahren Zuchthaus und 5 Jahren Ehrverlust verurteilt. Die Hauptzeugin, Frau Schnutz, hatte ein volles Geständnis abgelegt, worauf der Vertheidiger des Lcuß auf das Wort verzichtete. Lcuß hat dem Bureau des Reichstags die Niederlegung seines Mandats angezeigt
Posen, 21. Dez. In Staroje, Gouvernement Nowgorod, wurde eine vierzehnjährige Dienstmagd verhaftet, weil sie das zweijährige Kind ihrer Herrschaft erwürgt hatte. Die Mörderin gestand, daß sie sechszehn ähnliche Morde, darunter an zehn Findcl-Kindern, die ihrer Mutter übergeben worden waren, begangen habe. Als Entschuldigung gab sie cn, sie liebe es nicht, Kinder zu warten, und da sie von ihrer Mutter dazu gezwungen sei, habe sie so sich der Kinder entledigt.
Kaiserslautern, 23. Dezember. Gleich die erste Funktionirung des neuen Elektricitätswerkes brächte ein schreckliches Unglück. Es sollte der elektrische Strom vom neuen Werke zum ersten Male zur Beleuchtung der bereits angeschlossenen Etablissements nach der Stadt geleitet werden. Kesselfabrikant Hinklein begab sich aus seiner nebenanliegenden Fabrik in das Elektrizitätswerk, als die Wcchielstromerzeugung schon im vollen Gange war. . In einem unbemerkten Augenblicke berührte er die Maschine und erhielt dabei einen Schlag, der ihn leblos niederstreckle.
Ausland.
Paris, 22. Dez. Der Missionär Augouard er klärte, daß alle Missionäre im französischen Congostaate durchschnittlich nur fünf Jahre leben, denn in den letzten 50 Jahren starken 700 Missionäre.
Newyork, 20. Dez. Die Newyorker „World" bringt eine Beschreibung der Einnahme von Port Arthur. Die Niedermetzelung der unbewaffneten Bewohner dauerte so lange, bis die ganze Bevölkerung uiedergcmacht war. Bis zum Einzüge in Port Arthur war das Verhalten der Japaner dem Feinde gegenüber großmüthig. Die Japaner hatten 78 Kanonen, darunter Feldbatterien und Belagerungsgeschütze. Der Brief beschreibt ausführlich den Angriff auf die Forts und lobt die Haltung der Vertheidiger. Das Thal war mit Minen angefüllt, welche die Chinesen jedoch in der Hitze des Gefechtes zu sprengen vergaßen. Die mit Männern, Frauen und Kindern gefüllten Dschunken wurden durch Torpedos zum Sinken gebracht. Nachdem die nach der Stadt führende Brücke genommen war, entflohen die Chinesen. Die in die Stadt einzichenden Japaner fanden die Köpfe ihrer erschlagenen Kameraden mit abgeschnittenen Nasen und Ohren vor. Es folgte eine große Metzelei. Die wüthenden Soldaten lödtelen Jeden, der ihnen in den Weg kam und plünderten die Stadt. In der Schlacht wurden nicht über 100 Chinesen getödtet, später aber wenigstens 2000 niedergemetzelt.
Lokales und Provinzielles.
* Schlüchtern, 28. Dez.
* — Dem Hessischen Diaconissenhaus zu Wehlheiden ist es möglich gewesen, die dem hiesigen Hospital Vorstand schon seit Monaten gegebene Zusage zu erfüllen und die Schwester Anna Bergholz nach Schlüchtern zu entsenden. Die kirchliche Einführung derselben hat an einem der letzten Sonntage durch Ferrit Pfarrer Hattendorff stattgefunden. Ihre Wohnung hat die Schwester in dem neuerbauten Hospital gefunden, welches im vergangenen Sommer eingeweiht ist. Auch in Schlüchtern ist die Liebe freundlich geschäftig gewesen, der Schwester die Wohnung traulich eiNzurichten und ihr den Anfang der neuen Arbeit nach Kräften zu erleichtern. Es wird allgemein gehofft, daß bis zum Spätherbst des nächsten Jahres der Bau des neuen Kreiskrankenhauses vollendet sein wird. Mit der Vollendung dieses Krankenhauses wird einem großen
Güte wesentlich auf schlechtem Sand beruhte; sodann die ungünstige Witterung, die, verbunden mit dem ungenügenden Verband der Pfeilermauern, ein Erhärten des Mörtels verhinderte; das zu rasche Aufmauern des Thurmes unb endlich, als ausschlaggebend, der Winddruck. — In der letzten Nacht war es hier offenbar auf Diebstähle abgesehen, den Vorkehrungen nach treiben auswärtige „Spezialitäten" auf dem Gebiete dcr Langfingerei hier ihr >Unwesen. An verschiedenen Schaufenstern von Juwelen- oder Goldlüdcn wurden Holzklötzcheu untergesetzt, die das Schließen der Roll- lädern verhindern sollten. Die Lücke Hütten dann die Gauner wohl dazu benutzt, die Glasscheibe zu zerschneiden, um so mit leichter Mühe die werthvollen Gegenstände sich anzueignen. Die Manipulationen wurden aber bemerkt und wir rathen den Ladenbesitzern, einstweilen wegen Wiederholung auf der Hut zu sein.
Hanau, 20. Dezember. Der Herr Oberpräsident hat dem Vorstand des Vereins für Geflügel- und Singvögelzucht in Hanau die Genehmigung ertheilt, bei Gelegenheit der in der Zeit vom 24, bis 26. März 1895 statifindenden Geflügel-Ausstellung eine Ver- loosung von mustergültigen Hühnerslämmen, Singvögeln re., welche den Äusstcllungsobjccten zu entnehmen sind und einen Gesammtwerch mindestens 1530 Mark haben müssen, zu verunstalten. Die Genehmigung ist unter der Bedingung ertheilt, daß nicht mehr als 6000 Loose zu 50 Pfg. ausgegeben werden und daß deren Vertrieb auf die Kreise Hanau (Stadt und Land), Gelnhausen und Schlüchtern beschränkt bleibt.
Hanau. Nachdem seither die Haltestelle „Königl. Pulverfabrik" für die zwischen Gelubausen und Fulda gelegenen Stationen resp. Haltestellen direkte Billete nicht ausgeben konnte, werden vom 1. Januar 1895 ab zwischen den Stationen resp. Haltestellen Elm, Schlüchtern, Steinau, Salmünster, Wächtersbach, Wirtheim rc,
Bedürfniß abgeholfen. Zwei weitere Schwestern werden l Pulverfabrik, sowohl einfache als Rückfahrkarten zu
an demselben in Thätigkeit treten.
* — Theuere hessische Thaler. Bei einer in Frankfurt stattgehabten Münzauklion erzielten Vereinsthaler aus dem Jahre 1857 von Ludwig III. von Hessen 1350 Mk. Dieser Probethaler, von dem nur 12 Thaler geprägt sein sollen, unterscheidet sich von den gewöhnlichen hessischen Thalern dieses Jahres nur dadurch, daß die Randschrift lautet: Konvention vom 24. Januar l 857, anstatt Münzvertrag vom 24. Januar 1857. Vielleicht trägt einer unserer Leser ein solches Stück im Portemonaie ohne es zu wissen, das Nachsehen könnte sich lohnen.
* — Es sei daran erinnert, daß das Schneiden der Hccken bei dem gelinden Wetter sehr gut auszu- führen ist. Die Hecken dürfen bekanntlich nur bis zum 28. Februar beschnitten werden.
Flieden. Vergangenen Freitag wurde vor der Strafkammer gegen den Maurer Adam Maul aus Flieden, verhandelt, welcher im Juni d. I. in Gemeinschaft mit dem Bauer Emil Dermbach aus Flieden auf der Straße nach Neuhof mehreren Fuldaer Radfahrern aufgelanert und dieselben mittels eines dicken Knüppels und durch Werfen mit Steinen vorsetzlich körperlich mißhandelt hat. Die beiben Thäter wurden s. Zt. flüchtig 2C. Dermbach wird auch zur Zeit noch steckbrieflich verfolgt, während der Aufenthalt des rc. Maul dadurch bekannt wurde, daß derselbe inzwischen von der Strafkammer in Straßburg i. E. wegen schweren Diebstahls zu 1 ’/s Jahren Zuchthaus verurtheilt unb verhaftet wurde. Derselbe wurde aus dem Zuchthaus hierher gebracht und erhielt wegen der vorliegenden Strafthat eine Zusatzstrafe von elf Monaten Zuchthaus zu der gegen ihn in Straßburg Anerkannten Zuchthausstrafe.
Fulda, 20. Dezember. Ueber die Ursachen des Einsturzes des Kirchthurmes in Wickcrs berichtet Herr RegierungS-Baumeister Kegel in der „Fuld. Ztg." Wir entnehmen den Ausführungen, daß eine Fundamentsenkung nicht stattgefunden hat. Nach Aufräumung ber. Trümmer zeigte sich vielmehr, daß die aus Werksteinen bestehenden Sockel der Thurmpfeiler weder irgend einen Riß noch irgend welche Abweichung von der Waage aufwiesen und auch gegenüber dem Sockel der anderen Mauern in ihrer Höhe nicht verändert erschienen. Der Herr Baumeister führt die Ursache des Einsturzes kurz auf folgendes zurück: In
Ausgabe gelangen.
Frankfurt a. M., 22. Dez. In der Dreieichstraße zu Sachsenhauscu in der Nähe der Obermainbrücke stürzte gestern Nachmittag gegen 2 hs Uhr ein Neubau zusammen und begrub etwa 24 daran beschäftigte Arbeiter. Die Feuerwehr, sowie Mannschaften des 81. Jnf.-Negts. sind sofort zur Rettungsarbeit herbeigeeilt. Zwei Arbeiter wurden getödtet und mehrere schwer oder leicht verletzt. Der Bauunternehmer und der Maurerpolier wurden sofort verhaftet. Die Anfräumungs- arbeiten wurden von dem Militär die ganze Nacht fortgesetzt. Ueber die Zahl der am Bau beschäftigten Arbeiter herrscht große Unsicherheit; der eine spricht von fünfundzwanzig, der andere von dreißig Arbeitern, wodurch es denn auch kommt, daß die Zahl der Vermißten zwischen eins und vier schwankt. Der anfangs vermißte Klaiber Fischer II., den man unter den noch Verschütteten glaubte, hat sich gefunden; er liegt im städtischen Krankenhaus mit noch zwei Kollegen, Schmiedt und Stcckenreuther. Im Heiligeist-Hospital liegen sechs sämmtlich mehr oder weniger schwer Verletzte. Es sind dies Johannes Stöckl aus Würzburg, Johannes Koch aus Katzenbach bei Kissingen, Ph. Gerhardt, aus Sprendlingen Gregor Held aus einem Orte bei Hünfeld, H. Bagus aus Flieden bei Fulda, Karl Schad aus der Umgebung Fulda's. Einer von ihnen — der Namen konnte noch nicht festgestellt werden — hat so schwere Verletzungen erhalten, daß er kaum am Leben bleiben dürfte. Nach der amtlich festgestellten Verlustliste ist todt Fischer L, mehr oder weniger schwer verletzt sind Schad, Mohr, Boll, der im Bürgerhospital noch bewußtlos liegt, Stcckenreuther, Fischer 11., Stöckel, Gerhardt, Held, Bagus, Bloch, Kurz III. — Nach dem Polizeibericht waren 23 Arbeiter am Bau thätig: 1) Friedrich Fischer aus Allstedt (Sachsen-Weimar), 2) Karl Schad und 3) Ferd. Schad aus Rommerz, 4) Christoph Mohr aus Hammelburg, 5) Adolf Bohl und 6) Karl Fischer aus Salmünster, 7) Gg. Stcckenreuther aus Walldorf, 8) Felix Stöckel aus Würzburg, 9) Philipp Gerhardt aus Sprendlingen, 10) Gustav Stupp, 11) Franz Henkel, 12) Bonifazius Hack, 13) Hermann Bagus, 14) Joseph Schmidt, 15) Adalbert Fuchs (10—15 aus Flieden), 16) Wilhelm Happ aus Neuhof, 17) Valentin Leiboldt aus Jstergiesel, 18) Philipp Schnell aus Giesel, 19) Johannes Kunz aus Mörfelden, 20)
erster Linie der mangelhafte Mörtel, dessen geringe j Gregor Held aus Leibolz, 21) Hültzer, 22) Block, 23)
Koch. (Die Personalien dieser drei Letzten sind unbekannt). Todt ist der unter 1 genannte Fischer. Verwundet sind dreizehn Leute, und zwar die unter Nr. •2, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 13, 19, 20, 21, 22 und 23 Genannten. Der unter Nr. 18 genannte schnell wird vermißt und befindet sich vermuthlich noch unter den Trümmern. Von den in das Heilig-Geist-Hospital verbrachten Verwundeten ist einer seiner Verletzungen erlegen. Sein Name war aber noch nicht festzustellen. Eine Anzahl der übrigen Verwundeten ist so schwer verletzt, daß ihr Hinscheiden stündlich zu erwarten ist. — Ueber den Bauunternehmer, Frz. Jos. Joh. Jöckel (Dreieichstraße 9 wohnhaft) meldet dieselbe Quelle: Da Jöckel völlig mittellos ist, hatte er das Geld zum Bauen geborgt, u. A. von A. Herz, Bockenheimer Landstraße 144. Als Techniker führte Karl Limbach, Waldschmidtstraße 57, den Bau bis zum 1. Stock, legte aber dann die Leitung nieder, weil Jöckel die zur Sicherheit des Baues erforderlichen Maßnahmen nicht treffen wollte. Der Bau wurde darauf von Jöckel und dem Maurerpolier Karl Möller, Vereinsstr. 10 wohnhaft, weitergeführt. Der Zusammenbruch dürfte auf die höchst unsolide Bauart zurückzuführen sein. Es sind schlechte Russensteine und schlechtes Bindematerial verwendet worden. Ein anderer Bauunternehmer hat den Geldgeber Herz auf die schlechte Bauart aufmerksam gemacht, dieser hat hierauf aber nicht gehört, sondern auf schnelle Fertigstellung des Baues hingewirkt. Der Maurerpolier Möller hat erklärt, daß Jöckel ihn fort- während zur Beschleunigung des Baues angetrieben und seine Vorstellung über die Ungeeignetheit der gelieferten Steine in keiner Weise beachtet habe. In diesem Zusammenhänge wurden wegen fahrlässiger Tödtung oder Körperverletzung verhaftet: Jöckel, Möller, Limbach und Herz.
— Die Leiche des vermißten Klaiber Ph. Schnell