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.M 102» Samstag, den 22» Dezember 1894»

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Die Expedition.

Weihnachten!

Trübe und unbeständig ist das Wetter: Regen, Wind und lauter Nebel. Jedermann sehnt sich nach Sonnenschein und wenn er auch kaltes Wetter und harten Frost brächte.

Ist es im politischen Leben nicht gerade so? Caprivi und Manteusfel sind gegangen und Hoheulohe und Köller sind gekommen. Auch die Minister der Justiz und Landwirthschaft in Preußen sind neue Senfe; und namentlich auf den letzteren sieht die Landwirth, schaft mit neu erwachter Hoffnung. Fast möchte man auf sie das Wort anwenden:

Wenn die Hoffnung nicht wär', Dann lebt' ich nicht mehr."

Der Untergang eines leistungsfähigen Bauern­standes, wie auch des selbstständigen Handwerkers, darauf ruht ja nicht blos die Hoffnung der Sozial- demokratie für ihren Zukunftsstaat, sondern auch die Befürchtung aller Vaterlandsfreunde betreffs eines gedeihlichen Fortbestand des Reiches. Ein Industrie­staat wird und kann Deutschland bei der größten Blüthe der Industrie nimmermehr werden. Es mag ein Agrikulturstaat sein und bleiben, wenn es über­haupt sein und bleiben will. Die Lebenskraft Deutsch­lands ruht im Mittelstände.

Dazu der Nebel der Ungewißheit, der über dem Auslande liegt. Den Russen haben wir den günstigen Handelsvertrag bewilligt, wir haben ihrem neuen Zar sogar eine deutsche, eine evangelische Prinzessin zur Frau gegeben. Wir wissen aber nicht, ob nicht auch diesmalUndank der Welt Lohn" sein wird. Auch den Engländern sind mehr Vortheile zugestanden worden, als sie verdienen, und jetzt beschimpfen sie Deutschland als den allgemeinen Störenfried. Und von den Fran­zosen sind wir alle überzeugt, daß sie gern über uns herfallen würden, wenn sie eingedenk der guten Lehren der Jahre 1870/71 allein es wagten. Also überall nebelhaftes Wetter! Aber über alle Nebel und Dunkelheiten siegt endlich das Licht. Es ist dasselbe Licht, das einst die Hirten aus dem Felde bei Bethlehem umleuchtete. Und wir wissen, daßdieses Welt- und Himmelslicht weicht hunderttausend Sonnen nicht". Im Glauben an den Herrn Jesus Christus haben wir dieses Licht. In diesem Glauben aber haben wir den festen Grund, auf dem das Reich sicher stehen kann.

Das ist der Grund, der feste steht, Wenn Erd' und Himmel untergeht."

Das Evangelinm von Jesus Christus, der Glaube an den menschgewordenen Gottessohn, ist der gewiß­lich feste Punkt in der Geschichte, der unerschütterliche Untergrund im Leben der Menschen und Völker. Das trifft auch zu für Politik und Diplomatie, für den Reichstag und alles Staatslcbcn. Vom ersten Napoleon wird erzählt, daß er auf dem Zuge nach Rußland als man ihm von den Betstunden der preußischen Bauern sagte gemeint habe:nun werde man ja sehen, was am stärksten sei, ob diese Gebete oder seine Kanonen". Auf der Insel Helena hat er selber zugcgcben, daß die Gebete der preußischen Bauern stärker seien, wie seine Kanonen. Da sagte er zu seinem Gesellschafter:Wenn Sie nicht einsehen, daß Jesus Christus Gottessohn war und ist, dann" und damit zeigte er bezeichnend auf seine Stirnhabe ich Unrecht gethan, daß ich Sie zum General machte." Damit wollte er sagen, daß es keine größere Dummheit gäbe, als den Unglauben. Umgekehrt hat die Königin Luise einmal gesagt, daß auch in politischen Dingen der Glaube unsere Zuversicht sei, die gewisse Hoffnung einer guten Zukunft. Der Weg dieser Zuversicht reicht vom Fürstenstuhl des Burggrafen von Nürnberg, des ersten Hohenzollern in Brandenburg, bis zum deutschen Kaiserthone, den jetzt ein Nachkomme des Burggrafen inne hat.Alles mit Gott!" wie der Burggraf sagte;Gott mit uns!" wie der alte Kaiser Wilhelm zn sagen pflegte.

Auch in der Unruhe und Ungewißheit der gegen­wärtigen Zeit muß das Vertrauen auf Gott, der stramme Christenglaube", wie Fürst Vtsmarck sich einmal ausdrückte, der feste Punkt nickst blos unseres Privatlebens, sondern auch des Patriotismus und unserer politischen Thätigkeit sein. Dann kann es uns nicht schlecht gehen,ob auch das Meer wüthete und waltete und von seinem Ungestüm die Berge einfielen."

Das schließt aber nicht aus, sondern fordert es, daß wir jeder an seiner Stelle mit unserer ganzen Person, mit Gut und Blut, für das Vaterland eintreten.Bet' und arbeit dann hilft Gott all­zeit" , hilft auch heraus aus dieser ungewissen, friedlosen Zeit zn einer besseren, friedlichen Zeit. Der Glaube ist unsere Zuversicht, daß wir auch in politischer Beziehung sagen dürfen: Friede auf Erden!

Deutsches Reich.

Berlin. Der Kaiser von Rußland hat dem deutschen und dem österreichischen Kaiser eure Aufmerksamkeit erwiesen, die den Franzosen vermuthlich neue Be­klemmungen bereiten wird. Zar Nikolaus hat nämlich die Regimenter, .beren Chefs Kaiser Wilhelm II. und Kaiser Franz Joseph sind, zu Garderegimentern erhoben.

Nicht fünfzehn sondern über neunzig Mal ist die neue russische Anleihe im Ganzen überzeichnet worden! Während man im Jahr 1871 die von Deutschland geforderte Kriegsentschädigung von 5 Milliarden für eine unerschwingliche Summe hielt, bietet man heute einem Staat, der seit Jahrzehnten seine Zinsen mit geborgtem Geld bezahlt, statt 400 Millionen Franken, die er zu leihen wünscht, 39 Milliarden an! Es muß sonach doch recht viel flüssiges und überflüssiges Geld in der Welt geben. In Paris allein wurden 12 Mil­liarden Franks gezeichnet, die Anleihe wurde dort also 30 Mal gedeckt; in ganz Frankreich wurde die Anleihe über 60 Mal gedeckt. In Berlin 10 Mal, in Peters­burg 3/s Mal, in Moskau 5 Mal und in London 11 Mal. Hier wurde des großen Andrangs wegen die Zeichnung vor der Zeit geschlossen. Ob Deutschland wohl auch so viel Kredit hat?

Eine polizeiliche Haussuchung bei einem Berliner Loosehändler hat Hunderte von Personen in der Provinz eine recht fatale Weihnachtsüberraschung bereitet. Der betreffende Händler trieb einen äußerst schwunghaften Handel mit sächsischen, braunschweigischen, mecklenburgi­schen und Hamburgischen Lotterielosen. Besonders zahl­reiche Abnehmer hatte er in Schlesien, der Niederlausitz und der Mark. Die hiesige Polizei, die längst ihre Aufmerksamkeit auf den Mann geworfen hatte, nahm eines schönen Tages eine Haussuchung bei ihm vor, bei welcher Gelegenheit die umfangreiche Liste der sämtlichen Looseabnehmcr aufgefunden und beschlagnahmt wurde. Die Liste enthielt nicht allein die Namen, sondern auch in jedem Falle die genaue Adresse jedes Spielers. Die hiesige Polizei lieg die Liste sofort abschreiben und sandte die Abschriften zu weiterer Veranlassung an die Polizei- verwaltungen derjenigen Ortschaften, in welchen Spieler wohnhaft sind. Wie nun aus verschiedenen Städten Schlesiens übereinstimmend gemeldet wird, erhielten im Laufe dieser Woche zahlreiche Bewohner Vorladungen zu einer Vernehmung vor der Polizei, um hier zu ihrer keineswegs angenehmen Ueberraschung zu erfahren, daß sie beschuldigt werden, in einer ausländischen, also ver­botenen Lotterie gespielt zu haben. Gleichzeitig erfuhren sie, daß die Berliner Polizei die Spiclcrliste beschlag­nahmt hat. In jedem Eiuzelfall folgt natürlich ein Prozeß nach.

In der Reichshauptstadt Berlin und deren Vor­orten sollen gegenwärtig nach einer allerdings nur an­nähernden Schätzung, die man auf Grund einer Um­frage in Hansbcsitzcrkrcisen vorgenommen hat, nicht weniger als 60 000 Wohnungen leer stehen.

Aus Schueidcmühl wird gemeldet: In der gestrigen Stadtverordnetensitzung theilte der erste Bürgermeister Wolfs mit, daß durch die Brunnculotteric ein Betrag von 303 950 Mk. erzielt sei; durch milde Spenden seien 127 776 Mk. eingegangen. Die Entschädigungs­ansprüche wurden in der gestrigen Sitzung entgültig erledigt. Die dreizehn Hausbesitzer, deren Grundstücke vollständig zerstört sind, erhalten Beträge von 10 000 bis 43 000 Mark.

Hannover, 20. Dez. Der Reichstagsabgeordnete Seng ist zu 3 Jahren Zuchthaus und 5 Jahren Ehr­verlust verurtheilt worden. - Eine böse Verwechselung wird von hannover'schen Blättern erzählt: Eine Frau vom Lande kam neulich Mittags aus dem Bahnhofsgebäude in Hannover und stieg ohne Weiteres in den Gcfangencntransportwagcn, wähnend, dies sei ein Omnibus. Ganz unschuldig nahm das Weiblein dort Platz und amnortete, als der Gendarm sie fragte, ob sie denn auch mit transportirt werden wollte,ja, ick woll in die Stadt mit dem Omnibus fahren." Es kostete dem Hüter des Gesetzes nicht geringe Mühe, ihr die Sachlage klar zu machen. Nachdem si?s begriffen, sagte sie, vor Schreck fast ohnmächtig werdend, no, int Kittchen will ich nich!"

Hamburg. Der nach Australien expedirte Dampfer Sommerfeld", Kapitän Sais, befördert 600,000 Kilo­gramm Pulver nach jenem Erdtheil. Es ist dies ein Quantum, wie es bisher noch kein Dampfer für Austra­lien auf einmal an Bord gehabt hat.

Halle a. S. DerSaale-Zeitung" wird aus Son­dersleben vom 14. d. Mts. gemeldet:In Kloster- Mansfeld sowohl wie in Benndorf und Helbra ist die Schweinepest in solchem Maß aufgetreten, daß der gesamte Schweinebestand zum größten Theil vernichtet ist. Ein­geschleppt ist die Seuche durch einen Transport polni­scher Schweine." Weiter wird aus Zörbig gemeldet: Die erloschene Schweineseuche, an der in der Provinz Sachsen und im Herzogtum Anhalt Tausende von Schwei­nen krcpirt sind, ist jetzt schon wieder aufgetreten. In Mansfeld und Helbra sind die von einem Händler ver­kauften Thiere fast sämtlich krepiert, dennoch versuchte dieser Mann, den Rest seiner seuchekranken Thiere an den Mann zu bringen! Genau so haben er viele Vieh­händler Anfang dieses Jahres gemacht. Sie überredeten die Leute, trugen ihnen die todtkranken Thiere in den Stall und fragten oftmals gar nicht nach der Bezahlung. Einsender kennt genug kleine Leute, denen je 2 bis 4 Stück derartige Thiere an den Hals geredet worden sind, von denen auch nicht eins leben geblieben ist! Auch in der Umgegend von Berlin greifen die Viehseuchen immer mehr um sich, neuerdings ist die Maul- und Klauen­seuche auf dem Rieselgut Wartenberg und auf dem Rittergut Friedrichsfelde, die Rotzkrankheit in Deutsch- Wilmersdorf und die Schweineseuche in Neu-Weißcusee ausgebrochen. Als Schutzmittel gegen die Maul- und Klauensenche, sowie gegen den Rothlauf der Schweine wird jetzt Einstreuen von Pferdedünger empfohlen. Da das Mittel einfach und leicht zu erreichen ist, dürfte sich ein Versuch wohl lohnen.

In Bayern existirt noch mancher rohe Volksbrauch. Einem solchen ist in voriger Woche in dem Dorfe Adelshausen (Oberbayern) der l6jührige Bursche Johann Frauenknecht zum Opfer gefallen. DenMönch. N. N." wird darüber berichtet: Wenn in jener Gegend auf einem Hofe ausgedroschen ist, so macht man gern mit einem befreundeten Nachbarn, der im Dreschen etwas säumiger war, den Witz und wirft ihm eine aus Stroh geformte Puppe Sau genannt in den Stadel. Wird nun der mit der Ausführung des Scherzes Betraute ertappt, so kehrt sich der ganze Spott gegen ihn, und diesmal kostete leider derWitz" dem Thäter das Leben. Der Dienstbubc Frauenknecht versuchte nämlich den Scherz mit den Knechten des Gastwirths Kiefer, leider mißglückte ihn hierbei die Flucht. Der Erhäschte wurde ohne besonderes Sträuben mit gebun­denen Händen auf ein Pferd gehoben, mit Stricken festgcbundcn, das Pferd von einem anderen Burschen geführt, und so ging der Zng unter mancherlei Lärm durch die Dorfgassen. Das sonst lammfromme Thier wurde durch den Spektakel erregt, dem Führer- entwischte der Zügel, das Pferd ging durch, der auf das Pferd gebundene kam in's Rutschen und hing schließlich mit den Kopf nach unten zwischen den Füßen des Pferdes. Er wurde geschleift, und als das Pferd endlich auf-

W^ Des hl. Wcihnachtsfcstcs wegen erscheint nächsten Mittwoch kein Blatt.