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WüchternerMuns

Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf.

32 99» Mittwoch, den 12. Dezember 1894.

Deutsches Nich.

Berlin. Der Kaiser hat am Sonntag das Präsidialst des Reichstages empfangen und führte mit den drei Herren eine längere politische Unterhaltung. Er berührte gleich die in der ersten Sitzung erfolgte Demonstration der Sozialdemokraten und meinte, er halte sie weniger gegen seine Person, als gegen eine Institution des Reiches, also wohl das Kaiserthum, und gegen den Reichstag selbst gerichtet. Er glaube, daß dieses Ver- Hallen der Sozialdemokraten der Annahme des sogen. Umsturzgesetzes ja nur förderlich sein könne. Daran schloß sich eine längere Unterhaltung über verschiedene landwirthschaftliche Fragen, besondcrs über den Zucker­rübenbau. Gleich nach der Audienz bei dem Kaiser wurde das Präsidium von der Kaiserin empfangen.

Sehr wenig bekannt und ebenso^ wenig geübt ist die Bestimmung, daß das sogenannte Gnadenquartal nach dem Tode eines Beamten sofort fällig ist. Während die Beamten selbst ihre Besoldung vierteljährlich im Boraus und zwar am ersten Tage des beginnenden Vierteljahres beziehen, kann das Gnadenquartal au die Hinterbliebenen unmittelbar nach dem Tode des Beamten ohne besondere Anweisung ausgezahlt werden. Stirbt beispielsweise ein Reichsbeamter oder ein preußischer Staatsbeamter im Laufe dieses Monats (Dezember), so gebührt den Hinterbliebenen nicht nur das Gehalt des Sterbemonats (welches der Beamte ja schon am 1. Oktober dieses Jahres im Voraus bezogen hat), sondern auch sofort nach dessen Tode die Besoldung für Januar, Februar und März künftigen Jahres, die auf Grund der vorzulegenden Sterbeurkunde ohne Weiteres gezahlt werden darf. Die Beobachtung dieser Bestimmung ist für die Hinterbliebenen, denen unmittelbar nach dem Tode des Ernährers durch Begräbnißkosten u. s. w. meistens viele Ausgaben erwachsen, oft sehr wichtig.

Verbot der auswärtigen Lotterien in Preußen. Die Königlich preußische Lotteriedirektion hat die Lotlerieeinehmer angewiesen, alle die Personen zur Anzeige zu bringen, von denen sie erfahren, daß dieselben in auswärtigen Lotterien spielen. Die Direktion geht dabei von der Ansicht aus, daß das Spielen in aus­wärtigen Lotterien, abgesehen von dem Strafbaren der Handlung, umso weniger zu dulden ist, als gerade die p eußische Klassenlotterie nach dem jetzigen Plane mindestens soviel Aussichten auf einen Gewinn bietet, wie alle andere Lotterien, da jedes zweite Loos gewinnen muß und die kleine Preiserhöhung für die Loose durch die nach dem neuen Plan vorgesehene Erhöhung der einzelnen Gewinne znm Austrag gebracht wird.

* Ein ganz besonders großer Zudrang von Militäranwärtern zu Stellen im Staats- und Kom- munalbienft hat sich seit dem 1. Oktober d. J. allseitig bemerkbar gemacht. Sehr viele der Aspiranten werden sich, da das Stellenangebot weit hinter der Nachfrage zurückbleibt, wohl auf eine längere Wartezeit gefaßt machen müssen. Wie man vernimmt, sind gerade für Stellungen im Justizdienst außergewöhnlich viele An­meldungen erfolgt.

Hamburg. Direktor Boyseil Dom Hambnrgischcn Schlachtvichhof und StaatSthierarzt Dr. VollciD welche seitens des Hamburger Senats nach England entsandt Worten sind, um sich dort über den Import amerikanischen Rindviehes zu informiren, sind zurückgekehrt. Nach ihren Mittheilungen geht die Einfuhr des amerikanischen Rindviehes in England anstandslos vor sich und die dortigen Autoritäten sind der Ansicht, daß das Texas- fieber ganz ungefährlicher Natur und durchaus nicht übertragbar ist. Hoffentlich werde, schreibt dasHamb Fremdeublatt", der Bericht der Deputirten dazu bei- tragen, daß der Import auch in Deutschland ungehindert stattfinden kann, d h. das Einfuhrverbot wieder auf­gehoben wird.

Hamburg. Und so etwas passiert am AuSgang des neunzehnten Jahrhunderts! BeimWunderdoktor Ast" in Radbruch bei Marburg ist am 29. November, so wird aus Hamburg gemeldet, ein solcher Andrang gewesen, daß vier Personen ohnmächtig geworden sind und ein Kranker in Folge eines Herzschlags gestorben ist. Wo ist derArzt", der sich eines solchen Zulaufs rühmen könnte, mit oder ohne Reklame? Der am Herzschlag Verstorbene war Mitglied der Hamburger Feuerwehr, ein großer, starker Mann, der schon zwei Tage vergeblich auf die Untersuchung seitens des Schäfers Ast" gewartet hatte und sich nun gewaltsam

einen Weg durch die nach vielen Hunderten zählende Menge der harrenden Patienten hatte bahnen wollen. In der That beträgt die Zahl der den Beistand des Schäfers begehrenden Kranken täglich gegen tausend! Die in fast ebenso großer Anzahl aus dem In- und Ausland einlanfeuden Briefe können nicht von dem völlig ungebildeten Mann beantwortet werden. Manche der Besucher weilen 3 bis 4 Tage und länger in Radbruch und müssen unverrichteter Sache wieder heimzichen ; viele Frauen sind vor Schwäche und infolge des Gedränges ohnmächtig geworden. Ein Gasthaus, das die Leute während der Nacht aufnehmen könnte, giebt es in Radbruch nicht. Vor dem Schöffengericht hat man demWunderdoktor" noch keines Vergehens überführen können. Der ganze Schwindel wirft auf den geistigen Zustand weitester Kreise ein trauriges Licht. Auf den alten Schäfer ist bereits folgendes Lied gedichtet worden:

3$ bin der Wunderdoktor Ast, Kurirc ohne Ruh und Rast, Aus einer Locke Na-icnhaar Wird mir die Krankheit klipp und klar.

Auf Lungenschwindsucht hust ich was, Auf Hühneraugen pust ich was, Und wenn ich schmiere ritz und ratz! Ist jede Krankheit für die Katz.

Ein alter Schäfer merkt geschwind, Wie S ch a f e zu k u r i r e n sind; Und nichts auf Erden ist so dumm, ES findet stets sein Publikum.»

Kahla, 8. Dez. Der Kaiser ist um 10 Uhr von Hummelshaiu abgefahren. Der Herzog Dau Altenburg hat sich auf dem Bahnhof in Kahla in herzlicher Weise vom Kaiser verabschiedet. Bei der gestrigen Jagd sind im Ganzen 221 Stück Wild zur Strecke gebracht worden. Der Kaiser hat 40 Sauen geschossen. Der Wildpark in Hummelshain, in welchem der Kaiser gejagt hat, umfaßt 3800 Morgen Waldboden, der hauptsächlich mit Kiefern und Fichten bestanden ist und zum Theil stattlichen Hochwald aufweist. Der Wild­sland beziffert sich auf .000 Stück Hoch- und 200 Stück Schwarzwild. Die größten Hirsche sind Schaufler, auch das Rothwild zählt eine stattliche Zahl von Zwölfender». Unter den Wildschweinen giebt es Keiler, die ein Gewicht bis zu vier Zentner habe». Die Fulierkosten belaufen sich auf jährlich 30,000 Mark, den Schaden, den die Thiere an den Waldbeständen, besonders an jungem Wüchse anrichten, ist bebenteub.

Erfnrt. Ein besonderes Entgegenkommen erweist das Geschäft von Schäfers Nachfolger am Wilhelms- platz in Erfurt seinen Kunde», indem es sie gegen Un­fall versichert. Mit einer vaterländischen Gesellschaft ist ein Vertrag abgeschlossen, demziifolge jeder Kunde des Herrn Berta auf 90 Tage für den Fall des Todes mit 500 Mark, für den Fall gänzlicher Jnvalididät mit 250 Mk. versichert ist, wenn er für mindestens 9 Mk. Waare aus dem Geschäft entnimmt. Diese kostenlose Zugabe wird den Käufern in Gestalt einer Urkunde garantiert.

Die Herrschaft Kreba im Kreis Rothenburg in der Oberlausitz hat in diesem Jahr 620 Zentner Speise- karpfen gezüchtet, die nach Hamburg und Berlin tn 13 Eisenbahnwagen für 3500 Mk. verkauft worden sind. Der bedeutendste Karpfenzüchter in Deutschland ist der Baron von Rabenau in Uhyst an der Spree. Eine Fischhandlnng in Berlin bezieht in einem Viertel­jahr rund 10 000 Zentner gleich 200 Waggons Speise- karpfen nach Berlin, die ein Kaufobjekt von ungefähr 600,000 Mk. ohne die Frachten rc. ausmachen.

Ausland.

Petersburg, 7. Dez. Der König von Dänemark fuhr gesteht Abend in Begleitung des Zaren, um sich von den übrigen fürstliche» Herrschaften zu verabschieden, im offenen Wagen durch die Stadt. Das Publikum nahm Aufstellung wo es ihm beliebte. Es heißt, der Kaiser habe den kategorischen Befehl gegeben, die lästigen polizeilichen Absperrungsmaßregeln aufzugeben. Der Amnesticerlaß des Zaren Nikolaus kommt u. a. auch den lutherischen Pastoren zu Gute. Die Abtheilung des R gaer Bezirksgerichts, welche in der Kreisstadt Windau wieder gegen einen Pastor wegen Zulassung Don 14 orthodoxen Gläubigen zur Kommunion ver­handelt, mußte deshalb ein freisprechendes Urtheil fällen. Die noch schwebenden gleichartigen Anklagen dürften niedergeschlagen werden. Mehrere Pastoren,

welche die verwirkten Strafen noch nicht verbüßt haben werden ebenfalls begnadigt.

In Rußland Herrscht seit der Vermählung (des Zaren und dem damit in Zusammenhang stehenden Gnadenerlaß eine sehr gehobene Stimmung. Mit Genugthuung konstatiren die Blätter, daß bei den Hochzeitsfeierlichkeiten die Polizei in den Hintergrund geschoben und das Volk zur unmittelbaren Theilnahme an den Festlichkeiten zugelassen worden ist. Erst seit der Hochzeit Nikolaus II., schreiben dieNowosti", sei die russische Nation entdeckt; wie in Westenropa, so sei endlich auch in Rußland das Volk gesittet und kulturreif befunden worden, so daß Kaiser Nikolaus sich die Herzen im Flug erobert und seine Regierung mit dem Glanz der Volksthümlichkeit umgeben habe. So groß die Freude der Russen über diesen Umschwung ist, so schwach ist der Boden, auf dem sie sich aufbaut. Ein neuer Vorstoß der Nihilisten und die ganze gepriesene Herrlichkeit fällt in Trümmer!

Paris, 8. Dez. Ferdinand von Lesseps, der Er­bauer des Suezkanals, ist heute Nacht gestorben.

Odessa. Am vorigen Sonnabend sind nicht weniger als 43 englische Schiffe von Konstantinopel nach dem Schwarzen Meer abgefahren, von denen die meisten daselbst Getreide laden werden.

Lokales und Provinzielles. * Schlächtern, 11. Dez.

* Herr Ncntmeister Locher in Steinau berichtigt die in letzter Nr. gebrachte Notiz betr. Aufhebung der Steuerfaffe Steinau rc., dahin, daß ihm noch keine Mittheilung betr. seiner anderweiten Verwendung nach dem 1. April 95 seitens seiner Vorgesetzten Behörde geworden ist unb er deshalb über seinen späteren Aufenthaltsort noch keinen Entschluß gefaßt habe.

* Die Jagden der Dorfgemeinden steigen im Preise; so eine Dorfjagd, die früher 30 Thaler gebracht hat, bringt jetzt 500 oder 600 Mark. Alle Aerzte schreiben den Geldlenten vor:Machen Sie sich Be­wegung, setzen Sie nicht zu viel Fett an; gehen Sie auf die Jagd, das ist ein edler, heilsamer Sport!" Nun zahlen es die Herren doch lieber als Jagdpachb, als in die Apotheke! Und bei den Jagden geht's lustig her. Es wird zwar ab und zu bem Einen der Hut, dem anderen sogar das Auge zerschossen, das gehört aber zum Pech und das Schüsseltreiben ist zuletzt doch herrlich und mitunter finden sich sogar Jägcrinne» ! dazu ein, deren Augen tiefere Wunden schlagen als Schrote. Der Preis der Hasen ist schließlich weit mehr abhängig von dem Fleischpreis im Allgemeinen, als vom Jagdpacht.

Steinau. Die hiesige Diamantschleifern ist durch Kauf in den Besitz des Herrn A. Pluns, früher Pachter des Hofguts Wahlcrt, übergegangen. Derselbe will eine Holzwolle-Fabrik anlegen.

Birstei», 6. Dez. Ein Rechtsstreit, der weite Kreise interessiren dürfte, ist zwischen der Stadt Offen- bach und dem Fürsten Asenburg-Birstei» entbrannt. Dem Fürsten, der bekanntlich anch in Offenbad) ein Schloß hat, steht das Präsentationsrecht über die zu besetzenden Lehrerstellen zu. Seither hat der Fürst immer bei Neubesetzungen von Lchrerstcllen den Wün­schen des Stadtvorstaudes in Offenbad) Rechnung getragen. Neuerdings aber hat der Fürst drei Lehrer präsentirt, die dem Stadtvorstande nicht genehm waren. Diese Lehrer wurden dessenungeachtet von Sr. Königl. Hoheit bem Großherzog bestätigt und erhielten demzufolge Dekrete zum sofortigen Dienstantritt. Nun geht soeben die Mittheilung durch die Blätter, daß die betreffenden Lehrer die Weisung erhalten hätten, vorerst noch auf ihren Stelle» zu verbleiben, weil derStadtvorstand inOffeu- bach Beschwerde beider oberstenSchulbehörde erhoben habe. Man darf deshalb auf den AuSgang dieses Rechtstreites gewiß sehr gespannt sein.

Marburg, 6. Dez. Die Frequenz der Universität stellt sich im Wintersemester auf 800 (gegen 842 im Sommersemester und 807 im vorigen Wintersemester): 102 Theologen (gegen 125 bczw. 108) 207 Juristen (gegen 203 bczw. 191), 225 Mediziner (gegen 230 bezw. 213), 266 Philisophen (gegen 284 bezw. 296). Dazu kommen 52 Hörer. Die Untersuchung von in Marburg zum Verkauf gelangten amerikanischen Apfel- schuitten hat ergeben, daß dieselben in hohem Grade zinkhaltig sind und daß infolge des Genusses derselben