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SchlüchternerMtung

Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Ps.

Deutsches Reich.

Berlin, 28. Nov. Der Kaiser hat wegen einer leichten Erkältung die Reise nach Weimar und zur Jagd nach Kuchelua aufgegeben und den Prinzen Leopold beauftragt, ihn bei der Beisetzungsfeierlichkeit in Weimar zu vertreten.

Zwischen England und Deutschland weht gegen­wärtig eine etwas scharfe Luft, anläßlich so mancher Borgänge auf kolonialem Gebiet. Es treten immer mehr Anzeichen hervor, daß in den leitenden Kreisen Deutschlands keine Steigung mehr herrscht, mit der so oft bewiesenen Nachgiebigkeit und Schwäche gegen alle überseeischen Ansprüche Englands fortzufahren und daß Deutschland seine kolonialen Interessen fernerhin schärfer zu wahren enischlvssen ist. Darüber ist man in England erstaunt und verstimmt; es wird aber nichts helfen Finstere Mienen der Engländer machen in der ganzen Welt nur noch einen schwachen Eindruck, weil längst die Kräfte dieses Reichs mit seinen A»sprächen nicht recht im Einklang stehen. Dabei ist keine andere Macht so vereinzelt und hat sich so sehr allgemeine Abneigung zugezogen, wie England. Wir Deutsche haben am allerwenigsten Ursache, ein Gefühl der Dankbarkeit für dieses Land zu h gen. In den harten Kämpfen um die Errichtung unseres nationalen Reichs haben wir dort stets Mißgunst und Uebelwollen gefunden und winden, wenn die Kräfte ausgereicht hätten, vielleicht auch offene Feindseligkeiten zu erfahren gehabt haben. Und neuerdings hat England unsere kolonialen Bestrebungen durchkreuzt und erschwert, wo es nur immer konnte.

Die Gemahlin des Alt-Reichskanzlers, die Fürstin Bismarck, geborene Johanna v. Puttkammer ist im Alter von über 70Jahren am Dienstag in Barzin gestorben. Ihre Vermählung mit dem damaligen Herrn Bismarck von Schönhausen fand am 28. Juli 1 847 statt. Der Ehe, welche eine überaus glückliche war, sind bekannilich drei Kinder entsprossen: Marie, den 21. August 1848 zu Schönhausen geboren, mit dem Grafen Kuuo von Rantzau vermählt; Herbert, am 28. Dezember 1849 zu Berlin geboren, und Wilhelm, geboren am 1. Aug. 1852 zu Frankfurt a. M. Graf Herbert Bismarck sowie Graf Wilhelm Bismarck und andere Anverwandte sind in Varzin eingetroffen. Die Fürstin Bismarck litt an Wassersucht, und ihr Zustand wurde bereits vor vier Wochen als hoffnungslos angesehen. Dennoch trat die Katastrophe überraschend ein. Die Verschlimmerung erfolgte in den letzten beiden Tagen. Der Fürst hat, alsbald dem Kaiserpaare von dem traurigen Ereigniß Mittheilung gemacht. Die Beisetznug der Leiche wird voraussichtlich aus dem Bismarck'schen Gute Schön- haujen in der Allmark ftatifinben, woselbst bereits vor einem Jahre ein Erbbegräbnis für die gestimmte Familie Bismarck hergerichtet ist, doch finb die bestimmten Dis­positionen darüber noch nicht getroffen. Der Kaiser hat als einer der ersten ein längeres herzliches Kou- dolenztelegramm an den Fürsten gerichtet. Nach den Hamburger Nachrichten ' findet die Beisetzung^ der Fürstin Bismarck ohne Feierlichkeit und in aller Stille in Varzin statt. Der Tag der Beisetzung ist noch nicht festgesetzt.

Die Bahnsteigsperre soll in Zukunft auf be­stimmten Stationen nicht mehr voll aufrecht erhalten werden. Die Abschließung des Bahnsteiges soll sich, nach demGcs." nur auf die Zeit beschränken, in welcher der Fahrkartenschalter geöffnet ist. In Marien- burg ist z. B- für die übrige Zeit der Bahnhof schon wieder freigegeben worden.

Lübeck. 23. Nov. Ein eigenthümlicher Streit ist in dem benachbarten Oftfeebabe Travemünde ausgcbrochcu. Der dortige Armenarzt hat einer Wittwe, die Armen- uutcrslützung bezieht, bis auf weiteres täglich 1'/, Liter lae yaccinum bomini (gute Kuhmilch verordnet und diese aus der Apotheke beziehen lassen. Die Wittwe hat nun diese Milch drei Monate lang täglich aus der Apotheke erhalten und der Apotheker berechnete für 1,2 Liter 40 Pfg., in Summa 36,80 Mk. Das Armen- toUegium weigert sich nun, diese 36,80 Mk. zu zahlen mit der Begründung, daß dieseMedizin" bei jedem Milchhändler um die Hälfte zu beziehen gewesen sei und daß der Fall, daß Kuhmilch als Arznei aus der Apotheke bezogen werde, wohl einzig dastehe. DerApo theker hat nunmehr gegen das Aruicnkollegium den Rechtsweg beschickten.

Samstag, den 1. Dezember

Essen a. b. R, 29. Nov. Gestern Abend 10 Uhr hat auf der ZecheGraf Molkle" bei Gladbach infolge eines gegen die Jnstruknou abgefeuerten Schusses eine Explosion stattgefnuden, wodurch vier Bergleute geföbtet und sechs verwundet worden sind.

Meiningen, 26. Nov. Vor dem Untersnchnngs- richtcr des hiesigen Landgerichts haben sicherem Ver­nehmen nach die beiden als verdächtig in Haft ge­nommenen Personen, der noch junge Landwirt Müller imb dessen Patenkind, der zwölfjährige Schnlknabc Röder, beide aus Stepfershausen, nunmehr zugestanden, den jüdischen Händler Nußbaum ermordet zu haben. Müller hat sich in den Besitz der Brieftasche des Nuß­baum setzen wollen, weil in derselben eine Schuldner schrcibung vom ihm enthalten war. Nußbaum ist zunächst durch Messerstiche verwundet und dann von Müller durch den Kopf geschossen worden.

Aus Thüringen, 23. Nov. Ueber Nicscutaunen auf dem Thüringerwald schreibt man: In der Nähe des WurzelbergeS bei Neustadt am Rennstiege stehen noch folgende über 300 Jahre alte Prachtexemplare von Tannen, die zu den größten in Deutschland überhaupt gehören:König" mit 47 Meter Höhe und 6'2 Meter Umfang,Cotta" in t 44 Meter Höhe und 5 '/a Meter Umfang,Humboldt" und ..Pfeiltanne" mit je 42','2 Meter Höhe und 5 Meter Umfang. Neuerdings zeigen sich aber leider auch hier die Wirkungen des Zahnes der Zeit": die Bäume beginnen von oben herab allmälig nbzusterbeu. In dem Heiligeustädter Stadtwalde wurde dieser Tage ein vierjähriger Nehbock erlegt mit einem Gehörn, das genau dem eines Gems- bockes glich.

Großes Aufsehen macht in Krenznach der Austritt von sieben den angescheudsteu und wohlhabendsten Kreisen der Stadt ungehörigen Bürgern aus der ka- iholischen Kirchengemeinde.

Mainz. 26. Nov. Während des letzten Manövers der hessischen Truppen ist der traurige Fall vorgekommeu, daß ein Einjähriger Arzt einem Soldaten des l l7. Hess. Jufanterie<Regime»ts, welcher sich unwohl fühlte, durch ein unglückliches Versehen in der Feldapotheke anstatt einem einfach schmerzstillenden Mittel einen Löffel voll Carbol gab. Trotz aller angewandten Gegenmittel gelang es nicht, den Soldaten zu retten, noch in der Nacht verstarb der Arme unter den furchtbarsten Schmerzen. Wie nun dasMainzer Tageblatt" vernimmt, hätte die eingeleitete militärische Untersuchung nur einen un­glücklichen Zufall konstatirt, so daß eine Bestrafung des Arztes nicht hätte eintreten können; dafür hat sich aber der Arzt mit dem Vater des verstorbenen jungen Mannes, der sein Ernährer war, dahin geeinigt, daß er sich verpflichtet hat, auf eine ganze Reihe von Jahren dem Vater des Soldaten alljährlich an einem bestimmten Tage mehrere hundert Mark als Entschädigung aus- zubezahlen.

Ausland.

Rußland. Am Montag hat die Vermählung des Zaren Nikolaus mit der Prinzessin Alix stattgefnuden. Die Fahrt des Brautpaares zur Kirche führte zu groß­artigen herzlichen Kundgebnngan des Volkes. Angesichts der nach Huuderttauscnden zählenden Menge wären Abspcrruugsmaßrcgcln sicher zwecklos gewesen. Es waren keinerlei Truppenspalicre ausgestellt. Der kaiser­liche Wagen hatte nicht einmal Eskorte. Londoner Blätter enthalten übereinstimmend die Nachricht, der Zar Nikolaus habe die Absicht ansgedrückt, eine Art von Notabeln-Versammlung cinzuberufcn zwecks Vor­bereitung einer Verfassung. An die ausländischen Fürstlichkeiten, außerordentlichen Gesandtschaften und Militärdeputationen, die zum Begräbniß des Zaren nach Petersburg gekommen waren, ist eine Unmasse von Orden und Geschenken »ertheilt worden. Der Andreasorden ist nicht weniger als 16 mal verliehen worden. Auch das Gefolge und die Dienerschaft der fremden Herrschaften haben reiche Ernte gehalten. Die deutschen Militärdeputationen haben sich nach einem Bericht derKöln. Ztg." sehr entzückt über die ihnen zu Theil gewordene Ausnahme und besonders über die natürliche Herzlichkeit des Kaisers, der trotz seines schweren Kummers bei der Vorstellung für jeden Ein­zelnen einige freundliche Worte hatte, ausgesprochen. Den Herren wurden je nach ihrer Charge Orden zu Theil, Oberst von Zettwitz erhielt den Annenorden,

1894.

sogar mit Brillanten. Einer der baicrischen Offiziere, der htrj zuvor erst dekoriert worden war, erhielt einen wundervollen Brillantring zum Audenken. Die Diener und Burschen wurden mit reichen Geldgeschenken, goldenen und silbernen Uhren rc., bedacht.

Reggio, 24. Nov. Der kgl. Kommissar Galli hat nunmehr alle Städte und größeren Orte, die im Erd- bebeudistrikt liegen, besucht. Diese bilden, ausgenommen Baguara, nur noch Trümmerhaufen. Pellgrina, San Eufemia, Sinopoli, San Procapio sind vollständig zerstört. Um den Ausbruch von Seuchen zu verhindern, müssen die bereits beerdigten Leichen ausgegraben und nochmals tiefer begraben werden, da an vielen Orten die in Folge der abgerissenen Gliedmaßen entstellten Leichen nur in der Erde d. h. nicht in Särgen liegen. Der Kommissar hat überall Geldsummen zur Unter­stützung der um all ihre Habe gekommenen Familien hinterlassen und die Militärärzte zur Hilfeleistung an­gewiesen. In Folge des furchtbaren Unglücks muß für etwa 50,000 Menschen vom Staat gesorgt werden. In Messina hat man in den letzten 24 Stunden keinen Erdstoß mehr gespürt, sodaß die Bevölkerung wieder Mut schöpft, dagegen hat man in Milazzo in längeren Zwischenräumen noch leichte Erdstöße mit unterirdischem Rollen wahrgenommen. Als Zentrum des Erdbebens betrachtet man die Liparischen Inseln. Die Bevölkerung bringt die Nächte noch im Freien zu.

Washington, 26. Nov, Nach einer Depesche des Admirals Carpeuter vom KriegsschiffeBaltimore," welches sich nach der Kapitulation von Port Arthur von Chesoo dorthin begab, zählten die am Kampfe belheiligten Japaner 15000, die Chinesen 13000 Mann. Der Verlust der Japaner betrage 200 Todte und Ver­wundete; die Chinesen verloren 2000 Todte. Nach heftiger Beschießung des Forts schritt die japanische Infanterie zum Angriff; die Chinesen leisteten anfäng­lich eutjdj!offenen Widerstand, aber allmählich wurde derselbe schwächer. Die Japaner erstürmten ein Fort nach dem andern, worauf die Chinesen die Flucht ergriffen. Beide Seiten erlitten erhebliche Verluste. Wie verlautet, sandten die Chinesen einen Svnderagenten nach Tokio mit Weisungen Frieden zu schließen. Die Pekinger Regierung ist entschlossen, alle Bedingungen Japans anzuuehmen, aber kein wiklich chinesisches Gebiet abzutreten.

Lokales n«b Provinzielles.

* Schlächtern, 30. Nov.

Wie wir von zuständiger Seite erfahren, hat der Stadtrath bezüglich des Diphtherie-Heilserum be­schlossen, von Anschaffung und Verausgabung desselben seitens der Stadt Abstaud zu nehmen, sich aber bereit erklärt, wenig bemittelten Einwohnern der Stadt die Kosten für das auf ärztliche Anordnung beschaffte Diphtherie-Heilserum aus städtischen Fonds zu ersetzen.

* Die alten Veteranen des ehemaligen Kur- fürstenthums Hessen, die Ende der 40r Jahre die Feldzüge gegen Dänemark mitgemacht haben und jetzt im Aller von 6770 Jahren stehen, erhalten aus einer Stiftung des verstorbenen Kurfürsten eine einmalige Unterstützung von 30 Mk. Die Gesuche sind aber so massenhaft eingelanfcn, daß von Seiten der Behörden darauf aufmerksam gemacht wird, daß sie nur dann berücksichttgt werden können, wenn die Bittsteller that­sächlich hilfsbedürftig finb.

* Der Provinziallandtag hat gestern die Land- gemciude Ordnung mit Dreiklassenwahlsystem in nament­licher Abstinimuug mit 51 gegen 30 Stimmen ange­nommen.

* Weihnachts-Packetsendungcn nach den Ver-- einigten Staaten von Amerka, welche mit der deutschen Packetpost den Adressaten rechtzeitig zum Fest zugehen solle», sind zweckmäßig noch vor Ablauf des Monats November zur Post zu liefern; bei späterer Absendung kann wegen der in Newyork mit der Verzollung ver­knüpften Umständlichkeiten und Stauungen auf eine rechtzeitige Zustellung der Packele nicht sicher ge­rechnet werden.

* Die den Verwaltern im Verfahren der Zwangs- Verwaltung zu gewährende Vergütung, für welche bisher Bestimmungen vom 7. März 1872 maßgebend waren, ist durch allgemeine Verfügung des Justizministers vom 2. November d. J. nach bestimmten Sätzen neu geregelt worden.