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Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf.

^ 93. Mittwoch, bett 21. November 1894.

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Deutsches Reich.

Berlin. Wie dieSchles. Ztg." erfährt, steht ein Besuch des Kaisers in Schlesien bevor, indem derselbe am 29. d. bei dem Fürsten v. Lichnowski zur Jagd einzutreffen beabsichtigt.

Die Vereidigung der Rekruten der Garnisonen Berlin Spandau und Charlottenburg hat am Donnerstag auf dem großen Platz zwischen dem königl. Schloß und dem Lustgarten in Gegenwart des Kaisers stattgefunden. Nach Beendigung der Feier hat der Kaiser folgende Ansprache an die Rekruten gehalten:Nach dem mir soeben geleisteten Eid begrüße ich Euch als meine Soldaten. Wenn Ihr gute Soldaten sein wollt, so müßt Ihr auch gute Christen sein und Religion im Herzen tragen. Als Soldaten meiner Garde ist Euch ein besonderes Ehrenkleid gegeben worden; vergesset nicht, daß Ihr den Rock Eures Königs tragt, haltet den Rock in Ehren und bcdenkt, daß Ihr den Vorzug genießt, den Dienst unter meinen Singen zu thun und daß Ihr mit Euerem Eintritt in das Heer etwas Vor­nehmes geworden seid. Blicket jetzt auf die Fahnen, die vor Euch stehen und an die sich eine ruhmreiche Ge­schichte knüpft: lasset sie nie beleidigen. Gedenket der Standbilder der Könige und Führer, die auf Euch herniederschauen, denkt an Eueren Eid, dann werdet Ihr gute Soldaten sein. Vergesset nie, daß Ihr verpflichtet seid, Ordnung und Religion im Land zu schützen. Nun geht hin, thut Euern Dienst, der auf meinen Befehl Euch gelehrt wird!" Nach dieser Rede hat der kommandirende General des Gardekorps, Generallieutenant von Winterfcld, ein dreimaliges, von den Offizieren und Mannschaften begeistert auf- genommencs Hurrah! auf den Kaiser ausgebracht.

Ein aus Südafrika von Major Leutwein einge­troffenes Telegramm meldet, daß er Hendrik Witbooi in den Dienst der deutschen Regierung genommen und zwar mit einem Jahresgehalt von 2000 Mk. Für die Kenner der dortigen Verhältnisse erscheint die Milde der deutschen Entschließung als ein Anzeichen, daß Witbooi sich den deutschen Interessen vollkommen zur Verfügung stellen wird.

Die Bevölkerung des Deutschen Reiches beträgt gegenwärtig 51,500,000 Seelen. Das neuesteStati­stische Jahrbuch für das Deutsche Reich," herausgegeben im Reichsstatistischen Amt 1894 berechnet die Bevölkerung des heutigen Reichsgebietes seit 1816 wie folgt: 1816 24,833,000 Seelen, 1820: 26,294,000 Seelen, 1830: 29,250,000 Seelen, 1840: 32,787,000 Seelen, 1850: 37,397,000 Seelen, 1860: 37,740.000 Seelen, 1870: 40,818;000 Seelen. Im Jahre 1890 war die letzte Volkszählung, und da sich die Reichsbevölkerung jährlich um etwa 500,000 Seelen vermehrt, ist ihr gegenwärtiger Stand rund 51,500,000 Seelen.

Wie man in Berlin Konkurs macht. Der Konfektionär" theilt zur Beleuchtung Berliner Ge­schäftsverhältnisse folgende interessante Fälle mit:Vor kurzen machte ein hiesiger Kaufmann zum dritten Mal Konkurs; etwa 180 000 Mk. Passiven standen nur 12 000 Mk. Aktiva gegenüber. Die Bücher waren jedoch ordnungsgemäß geführt, der Bankerottem' daher nicht strafbar. Zugleich meldete ein kleiner Kaufmann derselben Branche Konkurs an: Passiven von 6000 Mk. standen Aktiva von 5000 Mk. gegenüber. Dieser Ge­schäftsmann mußte der Staatsanwaltschaft überwiesen werden, weil die Bücher nicht ordnungsgemäß geführt wurden. Vor drei Wochen machten in Moabit drei Schwestern, deren jede ein eigenes Geschäft besaß, Konkurs; in einem derselben fand sich so wenig Masse vor, daß gerichtlicherseits der Konkurs nicht angenommen werden konnte. Seitens der Gläubiger fanden mit den drei Gcschüftsinhabcrinncn Vergleiche statt und nach Durchführung hatten die drei Damen wieder bedeutende Waarenlager, welche vor Anmeldung des Konkurses versetzt worden waren. Bei einem Konkurs, den eine größere Firma über sich ausbringen ließ, wurde nach gewiesen, daß sie vor wenigen Tagen Waaren im Werth von etwa 100 000 Mk. empfangen und diese versetzt hatte. Da der Geschäftsinhaber Geld gebrauchte, wurden die Pfandscheine verkauft, allerdings um deren Erlös zur Begleichung einer Rechnung zu benutzen. Bei einem Fallissement der in der neuen Königsstraße wohnenden Firma S. waren bei 100 000 Mk. Passiva so wenig Aktiva vorhanden, daß die Gläubiger, um die Eröffnung eines Konkurses und die strafrechtliche Ver­

folgung des Schuldners herbeiführen zu können, zur Masse 1500 Mk. bauten Zuschuß leisten mußten. Es stellte sich später eine Dividende von */s pCt. heraus, eine Bestrafung S.'s konnte jedoch nicht erfolgen, da der Konkurs ein ganz ordnungsgemäßer war. Schließlich möchten wir noch einesFamilien-Konkurses" erwähnen; vor etwa dreißig Jahren eröffnete ein gewisser L. ein kleines Weißwaarengeschäft und machte kurz darauf Pleite. Seine Frau errichtete ein neues Geschäft, das sich mehrere Jahre hindurch hielt, bis die Ungunst der Zeitverhältnisse, wie es in dem gedruckten Anschreiben an die Gläubiger hieß, sie zwang, in Konkurs zu gehen. Nachdem die Angelegenheitgeordnet" war, Übernahmen in chronologischer Reihenfolge der Bruder und die Schwester, der Sohn und die Tochter des Geschäfts­begründers das Geschäft, und sie alle machten aus­nahmslos Pleite, die jedesmal außergerichtlich oder durch Zwangsvergleich geordnet wurde. Die Gläubiger haben im Lauf der dreißig Jahre gegen 700 000 Mk. in das L.'schc Geschäft hineingepulvert; der Patriarch, der alte Herr L. aber, der von seinen Zinsen lebt, blickt mit gerechtem Stolz auf das Schild der Firma, das in prangenden goldenen Buchstaben den Zusatz trägt: Gegründet 1864."

Potsdam, 10. Nov. In der Kaserne des Garde- Jäger-Bataillons, und zwar in dem an den Casinosaal der Officiere stoßenden Corridore hat am Donnerstag Abend eine heftige Gasexplosion stattgefunden, durch welche der Seconde-Lieutenant Vogel von Falckenstein mehrere Brandwunden an Gesicht und Hüuden erlitt. Gleichzeitig explodirte im unteren Stockwerke der Gaso­meter, wodurch zwei Soldaten erhebliche Brandwunden davontrugen. Der Materialschaden ist ebenfalls be­trächtlich.

Aus Ostpreußen. Ueber die Kleingewerbetreibenden in Culm an der Weichsel ist durch die 300,000 Mark betragenden Unterschlagungen des Kassirers des dortigen Vorschußvereins schweres Unglück gekommen. Mehr als hundert Bürger müssen ihr sauer erworbenes kleines Besitzthum zur Deckung der Fehlsumme hin­geben. Das ist gleichbedeutend mit dem völligen Ruin der von diesem schweren Geschick Betroffenen. 300,000 Mark sind für die kleine Stadt eine gewaltige Summe; sie muß gedeckt werden durch Mitglieder des Vereins, die dafür haften! Der Betrüger hat seine Schuld mit dem Tode gebüßt, den er sich selber ge­geben, aber mehr denn hundert Bürger, zum größten Theile kleine Beamte, Handwerker, Besitzer, müssen ihr Vertrauen ohne geringste eigene Schuld mit dem ihrem Hab' und Gut bezahlen. Was sie im Laufe der Jahre mit saurem Schweiße sich erworben, muß jetzt hinge­geben werden. Der Executor pfändet die Mobilien, die Grundstücke werden subhastirt ohne Gnade und Barm­herzigkeit. Ehrenwerthe, in redlicher Arbeit ergraute Bürger verlieren ihr Alles und müssen vollständig ver­armen. Die Arbeitsfreudigkeit der Wenigen, welche noch zu hoffen wagen, wird gelähmt im Hinblick anf den Gerichtsvollzieher, dessen Hand in Folge fruchtloser Zwangsvollstreckungen immer wieder sich ihnen entgegen- streckt, und der Mangel des Vertrauens lastet schwer auf den geschäftlichen Verhältnissen der Stadt.

Ein Fall unschuldiger Verurtheilung wird aus Memel gemeldet: Im Wiederaufnahmeverfahren wurde der Gemeindevorsteher Waschkewitz aus Karkelbeck, der im vorigen Jahr in zwei Instanzen wegen Betruges zu zwei Monaten Gefängniß verurtheilt worden war, von der hiesigen Strafkammer freigesprochen, da der Haupt­belastungszeuge inzwischen des Meineids überführt worden ist. Waschkewitz hat die Strafe unschuldig verbüßt, und ist ihm das Gemeindevorsteheramt zu Unrecht entzogen worden.

Skyren, Kr. Krassen. (Das Tusculum des Grafen Caprivi.) Bekanntlich beabsichtigt Graf Caprivi seinen Wohnsitz bei seinem Neffen, dem Rittergutsbesitzer Joachim von Schierstädt zu Skyren, zu nehmen. Das Schlößchen hat im Laufe des Sommers einen bedeutenden Anbau erhalten, der zur Zeit im Rohbau fertiggeftellt ist. Während des kommenden Winters wird der innere Ausbau vollendet werden und im nächsten Frühjahr wird Graf Caprivi in Gemeinschaft mit einem anderen Verwandten, einem unverheiratheten höheren Officier, der bis dahin seinen Abschied zu nehmen gedenkt, dorthin übersiedeln. Skyren selbst ist ein einsames Bauerndorf, das in einer wald- und wildreichen Gegend nahe der

Straße von Krossen a. Oder über Ziebingen nach Frankfurt a. O. liegt. In der Nachbarschaft' sind die bedeutenden Forsten des Fürsten von Hohenzollern.

Aus der Provinz Sachsen, 16. Nov. In Eilen- bitrg kam es am Mittwoch Abend zu einer förmlichen Schlacht zwischen Einwohnern und Zigeunern. Es gab verschiedene Verwundungen. Nach vollbrachten Thaten. machten sich die Zigeuner aus dem Staube.

Erfurt, 15. Nov. Eine Feuersbrunst im nahen Dachwig zerstörte innerhalb acht Stunden 28 Gehöfte mit 80 Gebäuden. Der Oberförster Gcrlach zu Sondershausen und seine Frau, die ihr Dienstmädchen zu Tode gemißhandelt haben, wurden Ersterer zu 4 Jahren Gefängniß, Letztere zu 10 Jahren Zuchthaus verurtheilt. Das verurtheilte Weib ist eine Bestie, er, obgleich groß und kräftig, ein Waschlappen, der von seinerbesseren Hälfte" geprügelt wurde, wenn er das Dienstmädchen nicht genug prügelte. Dabei heuchelte das würdige Ehepaar auch noch große Frömmigkeit.

Dortmund. Arbcitcrentlassungcn in der westfälischen Eisenindustrie. Aus Dortmund wird geschrieben: Das Stahlwerk Hüsch kündigte 450 Arbeitern und will vom 1. Dezember ab in einzelnen Betrieben nur in Tagcs- schicht arbeiten lassen. Die Dortmunder Union sagte ca. 100 Mann die Arbeit auf, und auch der Hörder Verein hatte einer Anzahl von Arbeitern die Entlassung in Aussicht gestellt, die aber nunmehr doch nicht zur Ausführung kommen soll, da dieses Werk wieder für alle Betriebe genügende Beschäftigung hat. Der Noth, die obige Maßregeln im Gefolge haben könnten, thunlichst vorzubeugen, war gestern Gegenstand der Berathung zwischen Regierungspräsident Winzer aus Arnsberg, den städtischen Behörden und den Werks- besitzern. Da die Stadt jetzt beim Eintritt des Winters nicht in der Lage ist, ihre noch auszuführenden Hafen- anlagen und Rieselfelder voll in Angriff zu nehmen und auf diese Weise den Arbeitslosen neue Beschäftigung zu bieten, so sollen bei den Werken möglichst nur junge, unverheirathete Leute zur Entlassung kommen. Der Redaktcnr derDortm. Ztg." war wegen des Abdrucks des RomansUnter den Dolomiten" von Konrad Telmann wegen Beschimpfung der katholischen Religion zu Gefängniß verurtheilt worden. Der Fall war insofern besonders interessant, als lediglich von dem Dortmunder Gericht in der Arbeit Telmanns etwas Anstößiges gefunden wurde, daß aber die gegen den Verfasser selbst eingelegte Klage wieder eingestellt und anderswo, z. B. in Leipzig, ein Einschreiten gegen den Roman, der mittlerweile in Buchform erschienen war, einfach abgc- lehnt wurde, da man nichts Strafbares darin fand. Es entstand so die Anomalie, daß ein einziger Nach- drucker von vielen bestraft wurde, während der Verfasser unbehelligt blieb und dem Weiterverkauf des Buches nichts in den Weg gelegt wurde. Nunmehr ist auf dem Gnadenwege die Gefänguißstrafe für den ver­antwortlichen Redakteur derDortm. Ztg." in eine kleine Geldstrafe umgewandelt.

Stuttgart, 10. Nov. Aus dem Oberamt Tettnang kommt die Kunde von einer Schrcckcnsthat. Der seit längerer Zeit im hohen Grade schwerinüthigc Sohn eines Bauern im Weiler Bunlehofen wurde vorgestern Nacht Plötzlich tobsüchtig. Er erhob sich von seinem Lager und brächte seinem Vater mit einem scharfen Säbel, den er stets, auch des Nachts bei sich hatte, so schwere Verletzungen bei, daß bald darauf der Tod eintrat. Die ihrem Manne zur Hülfe herbeieilende Mutter wurde von dem Rasenden in lebensgefährlicher Weise verletzt, im Gesicht und an den Händen erhielt die Frau gegen 20 Säbelhiebe und schwere Verwundungen. Der Tobsüchtige eilte nun auf die Straße, wo er zunächst einen 70jährigen Maurer niederschlug. Außer- dem ergriff er im benachbarten Dorfe Ailingen, wohin er ging, noch drei Witter an und verletzte sie schwer; nur mit größter Mühe gelang es, des unseligen Menschen Herr zu werden, ihn zu fesseln und vorläufig in das Ortsgefängniß zu bringen.

Vom Odenwald, 14. Nov. Von den in unserem Gebirge vereinzelt vorkommenden Ahornbäumen wird zur Zeit auf Anordnung der obersten Forstbehörde der herabfallende Samen sorgsam gesammelt und auf sogenannte Pflanzschulen ausgesäet. In Folge der niederen Lohriudenpreise sind Eichenwälder kaum mehr rentabel, weshalb in der Zukunft bei Neupflanzungen Ahornwälder angelegt werden sollen. Auch soll der