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Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Krcisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeig n kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Ps.
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Ueber die Lage der Landwirthschaft bringt der „Freiburger Bote" nachstehenden bendjten« werthen Artikel:
„Der Hauptfehler, unter dem unsere Bauern leiden, besteht unserer Ansicht nach darin, daß dieselben keine sichere Einnahme haben, auf die sie zum Voraus rechnen könnten. In früherer Zeit stand das Getreide als Hauptsaktor in der bäuerlichen Rechnung da. Wurden in Folge einer reichen Ernte die Preise niedriger, so wog die gccrntctc Menge den PreisauS- fall auf. Bei geringeren Ernten steigerte sich der Preis und es verminderte sich dadurch der Ausfall. Der baldige Absatz des Geernteten war in beiden Fällen sicher in Rechnung zu nehmen.
Heutzutage sind die Getrcidcprcisc so sehr gesunken, daß auch eine reiche Ernte keinen vollen Ersatz für den Ausfall am bäuerlichen Einkommen mehr bietet. Muß der Bauer vollends merken, daß auch bei dem niedrigsten Preis sich keine Nachfrage für seine Ernte cinstcllt, dann läßt auch der ruhigste und bescheidenste Mann den -Kopf hängen.
Die Gegner der landwirihschaftlichcn Schutzzölle rufen bei jeder Gelegenheit: „Deutschland kann seine Bevölkerung nicht mehr mit eigenem Getreide ernähren, wir brauchen die Zufuhr des Auslandes nothwendig, um nicht zu verhungern!" Der Bauer muß aus den Zeitungen erfahren;- daß Eisenbahnen und Dampfschiffe Millionen -von- Doppel-Centnern Getreide aus aller . Welt Enden hcrbcischleppcn und anst den deutschen Markt werfen. Die hiesigen Getreidelager, die großen Mühlen und Brauereien decken ihren Hauptbedarf aus dem Ausland. — nach der @rntc unserer Bauern fragt kein großer Händler, kein großer Müller und kein großer Bierbrauer mehr. Das ist bitter! Hagclschlag und geringe Ernten nimmt der deutsche Landmann als schwere „Prüfungen" hin. Aber bei einem reichen Erntesegen ohne Absatz und somit ohne Geld da zu stehen, die riesige Konkurrenz des Auslandes zu tragen und trotz der dadurch gedrückten Prciie keine Käufer zu finden — das auch noch als „Prüfung" in Geduld und Ergebung hinzunchmen, geht fast über menschliche Kraft. Und das ist auch nicht zu verwundern.
Woher soll aber eine Besserung der gesunkenen Preise, eine Preiserhöhung kommen? Einem schmeize rischen Blatte wird von einem Landsmann aus Südrußland gemeldet, daß dort in Folge einer sehr guten Ernte die Gctrcideprcisc auf die Hälfte herabgesunken seien. „Der Gutsbesitzer steht trostlos vor seinem Getreidesegen, denn bei den nachstehenden, in unser Geld umgcsctztcu Preisen erzielt er nicht einmal seine Arbeitslöhne ! Die größten Flüchen werden nicht gccrntct, sollen vielmehr stehen bleiben und verfaulen, da der Arbeitslohn mehr betrügt, als der Werth des Getreides ist. Die Nachfrage des Auslandes ist ganz schwach." Für den Doppelcentner Getreide, 'auf die Bahnstationen geliefert (ohne Säcke), wird, bezahlt: Roggen, beste Qualität . . 4 Mk. 30 Pf. Weizen . . . - . . - 5 Mk. 75 Pf. Hafer, leichter . . . . . 3 Mk. 40 Pf. Hafer, besser. . .... 4 Mk. 75 Pf. Gerste......... 2 Mk. 05 Pf. Leinsaat . ) - 13 Mk 50 Pf.
Zur Zeit beträgt (wie . von sachkundigce Seite mit ■ getheilt wird) Fracht für den Doppelcenlucr Getreide von Odessa bis Mannheim nur 1 Mk. 13 Pf.! Amerikanisches Getreide wird von Baltimore bis Rotterdam um 23 Pf. per Doppclceutncr hcröbcrgcb'acht.
Wie soll null unsere deutsche Lendwirthschaft mit solcher Konkurrenz aus Rußland, Amerika, Indien u. s. w. in Wettbewerb treten? Die Dampfschiffe setzen ihre Fracht immer mehr herunter, mit jeder neuen Eisenbahn, die in den Getreideländern Rußland, Ungarn, Rumänien, Nord- und Südamerika,. Indien u. s. w. eröffnet wird, verschärft sich für unsere Landwirthschaft die Konkurrenz.
Summa Sninmarnm: Die Aussichten unserer Bauern sind überaus trübe) die Nothlagc der deutschen Landwirthe läßt sichnimmermehr leugnen und ist größer als je Daß aber abnorm billige Gclreidcprnse für unser deutsches Volk und sein Geschäftsleben kein Segen sind, dürfte nachgerade ein Jeder einseheu, der nicht mit unheilbarer Blindheit geschlagen ist, und auch jeder zugeben, dem die Nothlage nicht zu unehrlicher Ausdeutung und dann zur eigenen Bereicherung dienen soll.
Deutsches Reich.
Berlin. S. M. der Kaiser beabsichtigt, wie in Berliner Blättern zu lesen ist, zu der geplanten Feier der Schlußsteinlegung für das nene Reichstagsgebäude auch den Alt-Reichskanzler Fürsten Bismarck einznladcn, was wohl für richtig gehalten werden darf.
— Der neue Reichskanzler, Fürst Hohenlohe, übernimmt nicht nur das Kanzleramt, sondern auch das preußische Ministerpräsidium. Es mag ihm nicht leicht geworden sein, dem Rufe des Kaisers zu folgen. Seine Stellung in Straßburg ist angenehmer und dankbarer als die in Berlin. Dazu ist Fürst Hohenlohe genöthigt, ein hohes Gehalt aufzugeben. Für die Statthalterschaft in Elsaß-Lothringen sind im Landeshaushalt 332,750 Mk. ausgeworfen; die Einbuße an persönlichem Einkommen und Repräscntationsgcldcrn gegenüber denen des Reichskanzlers wird auf über 170,000 Mk. berechnet. Der Kanzler bezicht ein pensionsfähiges Gehalt von 36,000 Mk. und eine Repräscntationszulagc von 18,000 Mk. Schwerer als die Geldfrage wird für den außerordentlich reichen Fürsten Hohenlohe die Rücksicht auf sein hohes Alter ins Gewicht gefallen sein. Indessen hat der Wunsch des Monarchen den Ausschlag gegeben. — Fürst Hermann zu Hohenlohe-Langenburg ist heute nach Potsdam berufen worden. Seine Ernennung zum Statthalter von Elsaß-Lothringen steht bevor. Die Minister Heyden und Schelling werden bestimmt abgchen.
— Gegen das nunmehr im Wortlaute vorliegende Erkenntniß der Disciplinarkammcr in Sachen Seift wird im Auftrag der vorgesetzten Behörde Berufung an den DiSciplinarhof des Reichsgerichts eingelegt werden.
Lübeck, 27. Oktober. Auch der Senat von Lübeck hat die Einfuhr von lebendem Rindvieh und von frischem Rindfleisch aus Amerika verboten.
Stettin In Folge ermittelter Thatsachen und gewisser Verdachtsgründe sind vor einigen Tagen auf beantragten Beschluß der Staatsanwaltschaft von Seiten der Stempelsiskale in Stettin Haussuchungen bei verschiedenen Häusermaklern und auch anderen Personen, welche ihre Grundstücke verkauft oder solche gekauft haben, nach Urkunden abgchaltcn, zu welchen die vorgeschriebenen Stempel nicht verwendet sein sollen. Diese Haussuchungen sind unter Zuziehung von Ge- richtsvollzichern bei etwa 36 Personen an einem Tagc und mit einer bestimmten Stunde beginnend vorge nominell. Sie haben die Zeit bis nach Mitternacht in Anspruch genommen und haben das überraschende Resultat geliefert, daß eine ganz bedeutende Menge von Berträgen über HauSverkäufe, ferner Licfcrungs- verträge und auch Wechselgcschäfte ohne Verwendung des gesetzlichen Stempels abgeschlossen sind. Bei einzelnen Personen sollen sich die hinterzogenen Stempclgcbührcu auf viele Tausend, man sagt auf gegen 15,000 Mark belaufen. Für Grundstücksvcrkäufe und Licferungs verträge belauft sich die Stempelstrafe auf das Vierfache, für Wechsel auf das Fünfzigfache der hinterzogenen Steuer.
Oberhinsen, 28. Okt. Gestern Abend hat man den Versuch unternommen, das „Kasino", das Beamten- Gesellschastslokal der GutchoffunugShütte, durch Dynamit in die Luft zu sprengen. Durch die zum großen Glück ungeschickte Handhabung der Patrone jedoch, die in die schmale Kellcröffuuug links Vorn Haupteingaug gelegt war, ging die Hanptgcwalt der Explosion mehr nach außen als nach innen. Mit dem mächtigen Knall gingen alle Lichter im Haus aus und Qualm und Staub erfüllten die Räume. Im zunächst betroffenen Flaschenkeller bildete der Inhalt sehr vieler Flaschen und einiger zersprungener Fässer einen See. Sämmtliche Fensterscheiben an der Frontseite wurden zertrümmert, über 90 Stück, auch sprangen im Restanrationssaal Gläser und Flaschen auf den Tischen entzwei. Der Kastellan hatte eben eine Flasche Wein heraufgeholt und befand sich noch auf der Kellertreppe, als ihm durch die Explosion die Kellerthür an den Kopf flog. Verletzungen hat Niemand erlitten.
Coburg, 29. Okt. Von der Ergiebigkeit der Schweinezucht sei hier folgendes Beispiel mitgcthcilt: Ein Landwirth in Großheirath hatte am letzten Sonn abend 16 Saugschweine, den letzten Wurf eines seiner Mntterschweiuc, hier zu Markt gebracht und dafür einen Erlös von 205.Mk. erzielt. Aus dem vorhergegangenen Wurf (18 Stück) hatte er, da die Preise damals noch höher waren als jetzt, 266 Mk. gelöst und aus dem
ersten Wurf desselben Schweins (12 Stück) 158 Mk. Das macht in nicht ganz drei Jahren einen Abwurf von 629 Mk.! Dabei hat das Mutterschwein immer noch einen Werth von 120 Mk.
Ambcrg, 30. Oct. Wie aus Wicsan gemeldet wird, herrschte seit Kurzem in der benachbarten Gemeinde Fuchsmühl, welche einen Proceß gegen den Freiherr» v. Zollcr wegen ihrer Waldrechte angestrengt, jedoch verloren hatte, weitgehende Erregung, die dahin ausartete, daß 200 mit Siesten und Sägen bewaffnete Leute in die Waldungen des Herrn v. Zoller cindrangeu, dieselben verwüsteten und viel Holz wegschleppten. Da die Gensdarmerie zur Unterückung des Excesses nicht aus- reid)te, wurde telegraphisch Militär requirirt, welches heute, 50 Mann stark, in Wiesau im Fuchsmühler Walde eintraf und die ben Wald verwüstenden Bauern vcrtricb. Zwei der letzteren sind in Folge erhaltener Bajonnctwnndcn gestorben.
Ausland.
Petersburg, 31. Okt. Bulletin von 7 Uhr Abends. Der Zar speiste im Laufe des Tages wenig. Die Erscheinungen im linken Lungenflügel, Entzündung, fortdauernd. Die Athmung ist erschwert, Puls schwach, große allgemeine Schwäche. — Wie weiter gemeldet wird, gibt nunmehr auch das Befinden des Großfürsten Alexis, des neunzehnjährigen Sohnes des Großfürsten Michael, zu Befürchtungen Anlaß. Er leidet wie Großfürst Georg an der Lungentuberkulose. (Die Zarin krank, die Großfürstin Lenin krank, der Großfürst Georg krank, der Großfürst Alexis krank, der Zar im Sterben — fürwahr ein furchtbares Vcrhängniß waltet über dem Hause Goitorp-Romanow . . .)
Livadia, 1. November. Kaiser Alexander von Rußland ist heute Nachmittag 2 Uhr 30 Min. gestorben.
Lokales und Provinzielles.
* Schlüchtern, 2. Nov.
* — Wie wir hören ist von dem Kaufmann Fenner hier in der Stadtvertretung der Antrag gestellt, die Stadt möge ein Quantum des neuen, von Dr. Behring erfundenen Diphtheritje-Heilserum kommen lassen, damit solches bei etwa in der Stadt anftretenben Krankheitsfällen zu haben ist. An Bemittelte soll es gegen Bezahlung, an Unbemittelte umsonst abg-geben werden. — Es wäre sehr zu wünschen, daß dieser Antrag zum Beschluß erhoben würde, denn für Private ist es sonst unmöglich, das Mittel im Nothfall erhalten zu können. Herr Renner hat zwei Flaschen Serum nebst der für die Anwendung (Einspritzung unter die Haut) besonders hergestellten Spritze von der Fabrik erhalten, doch ist die Fabrik so beschäftigt, daß die Aufträge nur nach und nach erledigt werden können, trotzdem jeden Tag ungefähr 1000 Flaschen in alle Weltgegenden verschickt werden.
* -- Auch eine „Reisezeit" ist jetzt in vollem Schwünge, freilich eine andere wie im Sommer. Wir meinen, daß in diesen und den nächsten Wochen besonders der Weizen der kaufniäuuischen Geschäftsreisenden blüht, über die schon so viel gewitzelt ist, und in denen bod) trotz aller kleinen Schwächen so viel echte deutsche Energie und kaufmännische Begabung liegt. Beim laugbezopften Chinesen, unten bei den Brasilianern, bei Türken, Christen und Heiden, überall ist der deutsche „Commis voyageur“ zu finden, im Inland, wie im Ausland, und das englische Handelsministerium hat sich einmal in einem amtlichen Bericht zu bem für seine Meinung sehr bitteren Urtheil veranlaßt gesehen, daß der deutsche Geschäftsreisende den britischen an Höflichkeit und Einsicht weit übertreffe. Jetzt handelt es sich nun für Tausende von Gewerbetreibende um die Einleilung zu den Einkäufen für das Weihnachts- und spätere Wintergeschäft, neue Muster und Proben werden vor ihnen ausgebreitet, und in den Fabriken, welche derartige Artikel herstcllen, herrscht schon häufig eine ausgebreitete, fieberhafte Thätigkeit. Der deutsche Handelsstaud macht im Allgemeinen keine allzufrendigen Gesichter; wenn auch hier und da Besserung zu verspüren war, will ein eigentlich flottes und verdienstreicheS Geschäft noch gar nicht wiederkommen. Wo ein Massenabsatz erzielt wirb, betrifft er zumeist ganz billige Artikel, bei denen in der That „kein Schnitt" zu machen ist. Aber im deutschen Gewerbcleben herrscht doch noch Unternehmungs-