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Sch WernerZeitung

Erscheint Mittwoch und Samstag Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf.

^U 85. Mittwoch, den 24 Oktober 1894.

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Deutsches Reich.

Berlin, 23. Okt. Der Kaiser hat mit dem Piinzcu Heinrich die auf der Durchreise nach Livadia begriffene Prinzessin Alix von Hessen in Charlottenburg begrüßt und sie bis zum Schlesischcu Bahnhof in Berlin begleitet. Der Kaiser wird am 1. November in Stettin zur Enthüllungsfeier des dortigen Kaiser- und Kriegerdenkmals Eintreffen und noch an demselben Tage nach Berlin zurückkehren. Der Kaiser empfing am Sonnabend im Beisein des Ministerpräsidenten und des- Laudwirthschaftsministcrs und Kavinctchefs Lukanus eine ostpreußische Deputation des Bundes der Landwirthe.

Darmstadt. Erfreulich ist es, daß die Braut des russischen Thronfolgers, die Prinzessin Alix von Hessen, dem sog. Heiligen Shuod und seinen Satzungen sich doch nicht ohne jeden Widerstand unterworfen hat. Ist dieKrenz-Ztg." recht unterrichtet, so sind die Zu­geständnisse, die sich die tapfere Hessin erkämpft hat, sogar nicht unbedeutend und ähnliche Zugeständnisse sollen noch keiner ihrer Vorgängerinnen gemacht worden sein. Sie braucht einmal ihren früheren Glauben nicht zu verfluchen, wie dies die russische Formel verlangt, noch auch zu erklären, daß sie übertrete, weil sie ersannt habe, daß die Wahrheit nicht bei ihrer Kirche, sondern bei der russischen Kirche sei; der Synod begnügt sich jetzt mit der Erklärung, daß die Prinzessin übertrete um mit ihrem künftigen Gatten eines Glaubens zu sein Man kann die tapfere Prinzessin, der es an Charakter nicht zu fehlen scheint, zu diesen Erfolgen nur beglück­wünschen; wünschen möchten wir, daß sie nicht nur für sich selbst, sondern auch für alle ihre deutschen Schwestern für jetzt und in alle Zukunft gesümpft und den Sieg wenigstens ungebahnt habe!

Nürnberg, 19. Okt. Die hier herrschende Maul- und Klauenseuche veranlaßte, daß der hiesige Vichhof gesperrt wurde.

Speyer, 15. Okt. Gerste und Hopfen sind in diesem Jahie so billig, wie noch nie. Der Bauer bekommt nichts für seine Produkte, und die Brauer? Man hört noch nichts davon, daß sie mit dem Bier- preise herunter wollen. In München speziell haben die Herren Bierfabrikanlen seiner Zeit den Biei preis mit der Begründung theuerer Einkaufspreise in die Höhe geschraubt. Verschiedene Blätter geben nun der Hoff­nung Ausdruck, daß sie bei billigen Einkaufspreisen heruntergehen. Wir sind in dieser Hinsicht schon skeptischer, schreibt diePfälz. Ztg.". Zu oft schon haben wir wohl die Preise bei Vcilhcuerung der Natur­waare steigen sehen; fast nie jedoch gingen die Preise der bearbeiteten Waare herunter, wie billig auch der Einkauf der Grundwaare sich gestaltet habe.

Erfurt. Zur Arbeitcruoth in der Landwirihschasl schreibt man aus der Provinz Sachsen: In unserer Provinz herrscht auf dem Lande jetzt ein solcher Mangel an Arbeitskräften, wie er bisher in gleichem Umfange wohl noch nicht da war, und es steht, wenn der Noth nicht schleunigst abgchvlscn werden kann, zu befürchten, daß von den noch im Felde stehenden Kartoffeln und Rüben ein großer Theil durch etwa cintrctendeu Frost verloren geht. Die Bemühungen des Verbandes znr Besserung ländlicher Arbcitcrvcrhüllnisse in Halle, Ar­beiter aus dem Osten hcranznschasfeu, sind von sehr geringem Erfolge gewesen, da auch in den Provinzen Posen und Preußen großer Mangel an Arbeitskräften herrscht, besonders wohl dadurch hervorgcrufen, daß in Folge der in Rußland und Galizien herrschenden Cholera cimNachschub aus diesen Ländern ausgeschlossen ist. Der Verband richtet deshalb jetzt an die Städte der Provinz das Ersuchen, schleunigst Anordnung zu zu treffen, daß die in ihnen überflüssigen Arbeitskräfte wenigstens für einige Zeit zur Arbeitsleistung auf dem . Lande veranlaßt werden. Wie die Städte das madjen sollen, wird leider nicht gesagt.

Eisleben, 16. Okt. Gestern Abend und in ber verflossenen Nacht sind hier wiederum eine ganze Reihe Erderschüttcrungen verspürt worden, von denen die um 9 '/a und 11'/., Uhr Abends einen nach allgemeiner Ueberzeugung noch niemals mapi genommenen heftigen Charakter besaßen. Der Ausdchnungsbezirk der starken Erderschüttcrungen war ein außerordentlich großer; nicht allein in der gesummten Oberstadt, sondern auch weit in die Unterstadt hinein wurden die Erschütterungen empfunden, die sich diesmal durch ein fülflbares Schaukeln und Schwanken und einen heftigen Schlag

äußerten. Ein großer Theil der Bewohnerschaft hielt sich ängstlich und erschreckt bis nach Mitternacht auf der Straße auf, da alle die Empfindung halten, als müßte jeden Augenblick eine Katastrophe eintreten. - - Von anderer Seite schreibt man derSaale Ztg." hierzu noch: Während in den letzten Tagen die Erd- erschütterungen kaum wahrgcuommen wurden, machte die gestern Abend 820 Uhr stattgefundene jede Hoffnung auf eine baldige Beruhigung zu nichte. Dieser überaus heftigen Detonation folgten zwischen 10 und 11 Uhr die zweite, 11 Uhr die dritte, 1110 Uhr die vierte, 1130 Uhr eine an furchtbarer Heftigkeit alle bis jetzt wahrgeuom- meuen übertreffenbe fünfte. Es entstand eine an Panik grenzende Aufregung: die Kinder schriceu, die Hunde bellten, das Geflügel wurde unruhig, die Bewohner raunten zum großen Theil auf die Straße; alles war aufs schlimmste gefaßt, umsomehr, da in kurzen Zanscheuräumen noch einige weniger heftige Erder- schüttcrungen folgten. Daß die Senkungserscheinungen noch einen günstigen Verlauf nehmen, scheint seit den letztest, Vorgängen vollständig ausgeschlossen und sonach eine Katastrophe unvermeidlich.

Vom Kyffhäuser. Das Aufsuchen der im Früh­jahr von den Hirschen in unseren Bergen abgeworfeueu Geweihe war bisher in den angrenzenden preußischen und schwarzburgischen Ortschaften eine Art Industrie­zweig. Die Finder kamen aber, zumal wenn sie ihre Funde zu verwerthen suchten, häufig in eine ganz miß­liche Lage. Denn während die abgeworfeueu Geweihe in preußisch! n Waldungen der freien Besitzergreifung unterliegen, verlangt in Schwarzburg Rudolstadt auf Grund einer Bestimmung des dortigen Jagdgesetzes die Forstbchördc die Ablieferung der gefundenen Geweihe, jedoch gegen einen bestimmten Finderlohn. Aus Anlaß eines Spczialfnllcs, in dem aufgefundene recht wcrthvollc Hirschgeweihe der schwarzburgischen Forstbchördc von dem Finder nicht abgcliefcrt worden sind, haben jetzt jedoch sowohl das preußische Amtsgericht zu Kclbra wie das schwnrzbnrg-rudolstädtische Amtsgericht zu Franken- Hausen entschieden, daß die nach dem Naturgesetz zum Abwurf gelangenden Hirschgeweihe im Kyffhäusergedirge weder dem Forstfiskus noch den Jagdberechiigten, mithin also dem Finder gehören. Damit ist eine lange Streit­frage gelöst.

Salzwedel, 19. Okt. Bei der alljährlich statt- finbenben Ansrangirung der Kavallcriepfcrde sollte in diesem Herbst beim 16. Ulanenregiment Hennings o. Treffeuseld hier ein Pferd zur Ansrangirung lammen, das sechsjährig den Feldzug von 1870/71 und im Besonderen die Vitale von Mars la Tour mstgcmacht hat. Auf den Antrag des Regiments, dies brave Thier nicht zur Versteigerung stellen zu müssen, ist durch Verfügung des Kriegsministers dem Pferde das Guadenbrod bewilligt worden, das es nunmehr in Beetzendorf durch den Landrath v. d. Schulcuburg, der sich hierzu erboten hat, erhalten wird. Das Pferd ist bisher noch stets zum Dienst in vollem Umfang heran- gczogcu worden, es hat jetzt ein Alter von 30 Jahren überschritten.

Von Solingen haben sich ein in Konkurs gerathener Schreiner und seine Frau heimlich entfernt, ohne ihre 7 Kinder, die 1 9 Jahre alt sind, mitznnehmen. Die armen hilflosen Kleinen mußten von der Armcuvcrwaltung in Obhut genommen werden.

Aus Königswinter wird geschrieben: Kartoffeln aus Kamerun hat man hier versuchsweise angepflanzt; sie haben nach demEcho der Gegenwart" einen guten Ertrag geliefert. Von sieben Gruppen wurden 13 Pfund geerntet. Die Colonialkartoffel hat die Form unserer Nierenkartoffel; ihre Schale ist sehr dunkel, fast schwarz, das Innere ist dunkelbläulich. Gekocht sieht sie bläulich aus, nicht so appetitlich, wie unsere heimische Kartoffel. Im Geschmack hat sie große Achnlichkcit mit letzterer.

Lüncbnrg. Zwanzigtausend Mark sind zu »ertheilen! Das Unleroffizierkorps des fünften Infanterie-Regiments der vormaligen hannovcrschcn Armee zu Lüncbu/g besitzt eine Wsttweukasse, die im Jahre 1866 von der preußischen Staatsregierung mit Beschlag belegt wurde. Die Gelder wurden vom Amtsgericht in Lüneburg verwaltet, das Kapital ist jetzt von der Regierung für die Nutznießer freigegeben worden. Sämmtliche Unteroffiziere, die dem bezeichneten Regiment damals angehört haben, werden nunmehr aufgeforbert, am 21, Oktober Nachmittage

2 Uhr sich im Hotel Stadt Hamburg zu Helgen ein« zufinden, um die Vertheilung des inzwischen auf 20000 Mark angelaufenen Kapitals vorzunchmen. Es dürften etwa 60 Personen noch sein, die sich in diese Summe zu theilen haben werden.

Ausland.

Rußland. Die neuesten Nachrichten aus Livadia lauten sehr ernst; es wird eigentlich nur von Anzeichen berichtet, die ein nahes Ende des Zaren voraussehen lassen. Dem entspricht es auch, daß bereits sämmtliche Diitglicber ber kaiserl. Familie nach Livadia unterwegs sind. Die Braut des Großfürsten-Thronfolgers, Prinzessin Alix von Hessen, ist am Freitag Vormittag mit der Prinzessin Victoria von Battenberg von Darmstadt nach Livadia abgereift. Das großherzogliche Paar hat im Hinblick auf die im Spätwinter bcvorstchcudc Niederkunft ber Großherzogin von der Begleitung Abstand genommen. Wie berKölnischen Ztg." aus Petersburg gemeldet wird, soll alsbald in Livadia der Uebertritt der Prin­zessin Alix zu der orthodoxen Kirche und unmittelbar darauf die stille Vermählung der Prinzessin mit dem Thronfolger erfolgen, so daß damit noch ein Herzens­wunsch des Zaren erfüllt wird. Nach einer anderen Petersburger Meldung soll nach der Ankunft der Mit­glieder der kaiserlichen Familie in Livadia eine Regent­schaft, bcstchcud aus dem GroßfürstemThronfolger und den Großfürsten Wladimir und Michael, eingesetzt werden. Die letzten Nachrichten über das Befinden des Zaren lassen es zweifelhaft erscheinen, ob es zu einer derartigen Maßregel überhaupt noch kommen wird. Die Taufe der Prinzessin Alix wird am Dienstag, ihre Ver­mählung mit dem Großfürsttn-Thionfolger morgen, Mittwoch, stattfinden. Die schleunige Vermählung des Thronfolgers entspringt übrigens nicht einem rein menschlichen Wunsche des Zaren, sondern hat eine durch bic Hausgesctze der Zarenfamilie gegebene hohe politische Bedeutung. Daß die Prinzessin Alix am Montag spätestens in Livadia eintrifft, daß die Trauung sofort stattfinden wird, ist bereits gemeldet worden. Das Räthsel dieser schnellen Tranuiig findet seine Lösung in Kaiser Pauls I. Hausgesctz für das Haus Romanow. Es muß nach diesem Hausgesctz jeder Thronfolger, wenn er das 21. Lebensjahr erreicht hat, eigentlich schon vcr- heiralhct sein, andernfalls er nicht Kaiser werden kann. Bleibt die Gattin des Thronfolgers ohne männliche Nachkommen, so muß bei der Thronbesteigung sofort der nächste Agnat zum eventuellen Thronerben protlamirt werden. Daher bic schnelle Heirath und die zu er­wartende Proklamirnng des Großfürsten Michael als eventuellen Thronfolger. Auf dieses Hausgesctz dürften alle Gerüchte zurückzuführen sein, die in Betreff des Großfürsten Michael cirkulircu Diese Bestimmung des Hausgesctzes, daß der Throufolgcr bei der Thronbesteigung vcrheirathct sein muß, ist vielfach unbekannt, ebenso ist vielfach unbekannt, daß sofort bei der Thronbesteigung auch ein Thronfolger protlamirt werden miß! In Rußland muß bei der Eidablegung der Truppen und der Bcamlcu für den neuen Kaiser auch gleichzeitig dem Throuiolgcr der Eid der Treue geleistet werden.

Livadia. Die Nachrichten aus Livadia geben der Hoffnung auf die Gesundung des Zaren schlechterdings nicht mehr Raum. Das am Souuabeud Abcud aus« gegebene Bulletin über das Befinden des Kaisers lautet: Im Laufe der verflossenen 24 Stunden schlummerte her Kaiser etwas und verließ im Laufe des Tages das Bett. Der Zustand, die Kräfte und die Herzthätigkeit sind dieselben. Das Ocdcm ist nicht stärker geworden. Leyden, Sacharjiu, Hi sch, Popow, Weljaminoff." lieber die Ausdehnung der Anschwellung in den unteren Extremitäten (Oedem) meldet derFigaro", daß das Oedciu der Beine sich bis über bic Knice hinaus erstreckt, daß aber eine gestern Morgen vorgcuommene Punklaüou dem Patienten einige Erleichterung gebracht habe.

Paris, 20. Okt. In mehreren Departements Nord- frankreichs ist das Thermometer bis auf 4 Grad unter ben Gefrierpunkt gefallen. Die plötzliche Kälte hat enormen Schaden augerichtet.

Lokales unb Provinzielles.

* Schlüchter», 23. Okt.

* Falsche Zinsschcine. Von Seiten der Reichs- schuldcnvcrwaltung wird Folgendes mitgetheilt:Im Laufe der letzten Wochen sind an verschiedenen Orini