SchlüchternerMimg
Erscheint Mittwoch und Samstag — Preis mit „Krcisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf.
Mittwoch, den 17. Oktober
1894.
Deutsches Reich. i
Berlin. Es ist bereits mitgetheilt worden, daß am 17. und 18. Oktober d. J. die Nagelung bezw. Weihe der für die neu errichteten vierten Bataillone bestimmten Fahnen in besonders feierlicher Weise stattfinden wird. Auf Befehl des Kaisers soll diese Feier genau in dem Rahmen gehalten werden, wie jene im Jahre 1861, als es sich ebenfalls um die Nagelung und Weihe einer größeren Anzahl von neuen Fahnen und Standarten handelte. Bon den verschiedenen Wiederholungen ist das Cercmoniell bei der Nagelung bekannt. Jeder Negi- mentscommandenr steht vor dem Tisch, auf dem die Fahne für seinen Truppemheil liegt, ihm gegenüber die Mitglieder der Abordnung seines Regiments. Der Kaiser, die Mitglieder des königlichen Hauses, die anwesenden höchsten Generale und Vorgesetzten und schließlich der Regimentskommandeur und die Abordnungs- mitglieder schlagen Jeder einen Nagel ein. Diesmal geschieht es in der Sicgcshallc, wo die Fahnen bis zum nächsten Tage verbleiben, um dann durch die Leibcompagnie des 1. Garderegiments vor den Altar über- führt zu werden, der am Denkmal Friedrichs des Großen errichtet ist. Nach dem WechegoitesÄenst erfolgt der -Vorbeimarsch der Fahnen und ausgestellten Truppen. Kaiser Wilhelm II. hat als 2jähriger Knabe die Feier am 18. Octobcr 1861 mit angesehen, die sich jetzt wiederholen wird. — Bei der Fahucnvcrleihung an die vierten Bataillone erhalten die Gardercgimcntcr zu Fuß und das Garde-Füsilier-Regiment Gardefahnen, welche das Fahnentuch von weißer Seide haben, die Garde- Grenadier- und die Grenadier-Regimenter Grenadier- sahnen, bei denen das weißseidene Fahnentnch schwarze, nach dem Miltelschild keilförmig verlaufende Ecken hat; beide Fahnenarten haben weiße Stangen. Die übrigen Infanterie-Regimenter und die drei neuen Pionier- Bataillone erhalten Linienfahney, welche ein schwarz- seidenes Fahnentuch mit weißen keilförmigen Ecken und schwarze Stangen haben. Die vierten Bataillone der badischen und hessischen Regimenter, sowie des oldcu- burgischen, braunschweigischen und anhaltischen Infanterie- Regiments erhalten die Fahnen nicht vom König von Preußen, sondern von dem betreffenden Landesherr«, zu dessen Rechten die Fahncnverlcihung nach den abgeschlossenen Militärconventionen gehört.
— Der Major Leutwein telegraphier aus Werft Witbois vom 14. Oktober d. I., daß Hendrik Witboi sich, nachdem er wiederholt geschlagen worden sei, der deutschen Schutzherrschaft bedingungslos unterworfen habe
— Die preußischen Provinzialregierungen sind an- gcwicscn worden, die Kreise und Gemeinden ihres Verwaltungsbezirkes auf Maßregeln aufmerksam zu machen, dem Entstehen weitverbreiteter Arbeitslosigkeit vorzu- beugen und die Wirkungen eines unvermeidlichen Arbeitsmangels zu mildern. Wie der Staat so hätten auch die kommunalen Vertretungen in ihrer Eigenschaft als Arbeitgeber die Pflicht, der Arbeitslosigkeit nach Kräften dadurch entgegenznwirken, daß sie allgemein und planmäßig auf eine zweckmäßige Vertheilung und Regelung der für ihre Rechnung anszufnhrcudcn^ Arbeiten Bedacht nehmen. Insbesondere sei darauf zu sehen, daß die Arbeiten, die nicht unbedingt an die Jahreszeit oder an bestimmte Termine gebunden seien, möglichst in solche Monate verlegt würden, in denen ein Mangel an Arbeitsgelegenheit zu befürchten sei. Dies gelte namentlich von solchen Arbeiten, bei denen auch nicht gelernte Arbeiter Verwendung finden könnten. Andererseits müßten aber auch Vorkehrungen getroffen werden, um einen zu großen Zufluß Arbeitsloser nach einzelnen Orten thunlichst zu verhindern. Deshalb sollten bei Arbeiten der erwähnten Art von den Kommunen nur solche Leute beschäftigt werden, die in dem betreffenden Orte den Unterstützungswohnsitz haben und dort wenigstens bereits eine bestimmte Zeit in regelmäßiger Arbeit gewesen sind. Eine Ergänzung dieses höchst bemcrkenswcrthen MinisterialerlasseS bildet die kürzlich üon den Blättern mitgetheilte Verfügung des preußischen Handclsministcrs zu Gunsten der Errichtung kommunaler Arbeitsnachweise in den größeren Städten.
— Ueber die Wirksamkeit des Hcilscrnms gegen die Diphtheritis hat Prof. Rudolf Virchow einem Mitarbeiter der „Bcrl. Zlg." gegenüber folgendes Urtheil abgegeben: „Ich kann meine Ansicht über das Serum dahin zusammenfassen, daß es eine starke schützende,
s Wirkung auf Wochen, vielleicht auf Monate, sagen wir drei, vier Monate ausübt. Ob diese Wirkung von immerwährender Dauer ist, muß ebenso abgekartet werden, wie die Lösung der Kardinalfrage, ob es wirklich möglich ist, die Diphtheritic mit diesem Mittel zu heilen. Aber es ist schon viel erreicht, wenn es z. B. gelingt, in einer Familie, wo drei ober vier Kinder an der Diphtheritic erkrankt sind, auch nur eines mit beut Serum immun zu machen d. h. zu schützen. Für diese Wirkung des Mittels spricht alle Wahrscheinlichkeit."
— Auf die Ueberfüllung der gelehrten Berufsfächer werfen die amtlichen Angaben über die am 1. Oktober in Preußen vorhandenen Gerichtsassessoren und Referendare ein trübes Licht. Während sich die Zahl der Gcrichtsasscssorcn seit fünfzehn Jahren auf das Sechsfache erhöht hat, nimmt die Zahl der Referendare zum mindesten nicht ab. Es ist gerade eine Stauung in der Verwendung dieses jüngeren Bcamtennachwnchses eingetreten, und viel besser ist es auch nicht in anderen Anstellungen, die eine gelehrte oder auch technische Vorbildung erfordern. Viele allmählig schon gereifte Männer können noch jahrelang auf feste Anstellung warten und müssen vielfach, wenn die eigenen Einnahmequellen versiegen, in die traurigsten Verhältnisse kommen. Einigermaßen nützlich gegen diesen Uebelstanb könnten wohl geeignete Einwirkungen auf eine Verminderung des Zudraugs zu den höheren Studien fein. Leider aber beschränkt sich die Ueberfüllung des Arbeitsmarktes mit erwerbsuchenden Kräften nicht nur auf Stellungen, die eine höhere Geistesbildung verlangen, auch die Handwerker und Industriearbeiter klagen vielfach, daß sie keine genügende Arbeit mehr finden können. Man lese z. B. nur die Angaben über die Tausende von beschäftigungslosen Bauhandwerkern, die in Folge des Stockens der Bauthätigkeit in großen Städten erwerb- los geworden sind, nachdem sie durch eine ganz ungesunde und unmöglich haltbare Bauspekulation hatten anlockcn lassen. Der Abfluß der überflüssigen deutschen Volkskraft nach außereuropäischen Ländern hat auch sehr nachgelassen. Insbesondere nimmt Nordamerika, das früher alljährlich Tausenden von Deutschen Unterkunft bot, jetzt ungleich weniger mehr auf, weil es nachgerade selbst bevölkert genug ist und die Erwerbsverhältnisse dort viel ungünstiger geworden sind. Die zweckmäßige Verwendung unserer überschüssigen VolkSkraft ist eins der schwierigsten socialen Probleme ' der Gegenwart. Aber freilich ist es leichter, die augenfälligen Ucbclständc zu beklagen, als wirksame Mittel der Abhülfe anzngcbcn.
Hamburg, 12. Okt. Der Schuhmacher Jahns in Altona ist wegen Hochvcrraths und anarchistischer Umtriebe verhaftet worden. Weitere Verhaftungen sind wahrscheinlich. Die Untersuchung wird sehr geheim geführt.
Kiel, 10. Okt. Ein Verhafteter schleuderte in vergangener Nacht den Schutzmann Lau über die große Brücke am kleinen Kiel iu's Wasser, sodaß Lan ertrank.
Die Frau des Kaufmanns E. Sch. in Küstrin, der ein bedeutendes Schuhwaaren Geschäft betreibt, hat sich in Wien zum Schuhmacher ausbllden lassen. Sie hat dort ihre Meisterprüfung so gut bestanden, daß ihr ein Diplom und eine silberne Medaille zncrkannt wurden.
Magdeburg. Ein schwarzer Einjährig-Freiwilliger dürfte wohl das neueste Jmport-Prodnct aus unseren Kolonien sein. Beim 4. Feldartillerie-Regiment in Friedrichstadt Magdeburg ist dieser Tage ein sehr intelligenter und hübscher Negerjüngling bei der Unter- suchnng einzustellender Einjährig-Freiwilliger als diensttauglich befunden und auch schon als Einjähriger ein- gekleidet worden. Er spricht sehr gut deutsch.
Naumburg a. S , 11. Okt. Ein ErbschaftSprozeß, der sich volle elf Jahre hingezogen, hat endlich vor dem hiesigen Obcrlandcsgericht seinen Abschluß gefunden. Der Rittergutsbesitzer Treumanu auf Burgwerben bei Weißenfels hatte seinem ältesten Sohne ein Vermögen von 2 Millionen Mark hinterlassen, seinem zweiten Sohne aber hatte er nur eine jährliche Rente von 4500 Mark ausgesetzt. Letzterer focht das Testament an und hatte damit Erfolg. Der älteste Sohn erkannte jetzt selbst an, daß sein Bruder zu Unrecht enterbt worden sei, und es kam ein Vergleich zu Stande. Der Prozeß hat rund 100,000 Mark Kosten verursacht.
Münnerstadt, 10 Okt. Eine weibliche Feuerwehr. In dem Dorfe Brünn bei Münnerstadt war eine gc- füllte Scheune in Brand gerathen, der, da die Männer
auf dem Felde waren, bei dein starken Winde höchst verhüngnißvoll hätte werden sonnen, wenn nicht die Frauen mit der Spritze nach der Brandstätte geeilt wären und durch energisches Eingreifen das Retter auf seinen Herd beschränkt hätten. Mit Hilfe der hcrbei- geeilten Männer wurde der Brand gelöscht.
Die Generaldircklioii der Eisenbahnen in Stuttgart hat vor Kurzem Räume für das Ucbernachten von Locomotivführern, Heizern, Schaffnern rc. hcrstcllcn lassen, deren zweckentsprechende Einrichtung den Betreffenden behagliche Ruhestunden ermöglicht. Eine ganze Reihe gut gelüfteter, kleiner Einzelzimmer, welche durch Dampfheizung erwärmt sind, stehen zur Verfügung. Für Solche, welche noch nicht schlafen wollen, ist ein genügend großer Raum vorhanden, wo sie mit ihren Amtsgenossen in geselliger Weise sich vereinigen können. Waschgelegenheiten mit kaltem und warmem Wasser, sowie ein Bad — beides für die von Ruß und Kohlenstaub bedeckten Heizer und Führer unerläßliche Vorbedingungen für ihre Erfrischung und ihr Wohlbefinden — sind vorhanden. Hoffentlich findet, so schreibt die „Dtsch. Verkehrsztg." das Beispiel, welches die Srutt- garter Eisenbahndircktion mit dieser zeitgemäßen und humanen Einrichtung gegeben hat, in Bälde auch an anderen Orten Nachahmung. Unseres Wissens ist bis jetzt nur in Dresden bei den neuen Bahnhofsbauten für ähnliche Unterkunft gesorgt worden.
— Die relativ stärkste Garnison des Deutschen Reiches hat das lothringische Städtchen Mörchingen. Die Civilbevölkerung betrug bei der Zählung am 1. Dezember 1890 nur 1109 Seelen, ist seitdem aber auf 2000 gestiegen. Ihr steht eine Garnison gegenüber, die aus zwei Regimentern Infanterie, einer Abtheilung Feldartillerie und einer Schwadron Ulanen, im Ganzen runo 5000 Mann besteht. Die Garnison bezieht den höchsten Servissatz und außerdem jeder Stabsoffizier täglich 5 M., jeder Hauptmann 3 M., jeder Lieutenant 2 Mk. und jeder verheiratete Unteroffizier 80 Pfg. Kommandozulage. Also scheint Mörchingen auch die theuerste Stadt Deutschlands zu sein.
Ausland.
Aus Petersburg geht dem „Bcrl. Tagebl." nachfolgende sensationelle Nachricht zu: Die aus Tientsin am 5. Oktober telegraphisch kurz gemeldete Nachricht, daß in der Mongolei ein Aufstand nnsgcbrochcn fei itnb chinesische Truppen zur Unterdrückung dieses Auf- standes abgeschickt worden wären, ist die allcrwichligstc politische Nachricht, nie bis zur Stunde aus dem zusammenbrechenden China gemeldet worden ist, denn das Ziel der Aufständischen besteht einzig und allein darin, die Mongolei, nachdem die so verhaßten Chinesen vertrieben, Rußland zur Inkorporation anzubieten! Von dieser Absicht der aufständischen Mongolen wissen in Rußland nur wenig Eingeweihte, in Westeuropa ahnt den Zweck und das Ziel des Aufstandes noch Niemand! Ein Blick auf die Karte genügt, um zu begreifen, daß Rußland schon seiner großen sibirischen Eisenbahn halber, welche längs der Grenze der Mongolei läuft, gezwungen ist, bei dein Znsammenbruche des chinesischen Reichs wohl ober übel dieses Anerbieten der fraglos siegreich bleibenden aufständischen Mongolen anznnehmen, und das um so mehr noch, da Rußland mit solcher ihm keinen Schwertstreich kostenden Inkorporation eines Areals von beinahe 3,800,000 Quadrat- Kilometer, mit einer ihm schon jetzt durchaus ergebenen, äußerst tapferen Bevölkerung von 3 Millionen Seelen, die als Rcitcrvolk über einen imensen Reichthum an Pferden animiern öfter Rasse gebieten, in Asien die dominirendste Macht wird. — Bei dem Zaren halten der durch die Krankheit verursachte Schwächezustaud und die Schlafsucht noch an. Die letzten aus Livadia eingetroffenen Nachrichten über die Krankheit des Kaisers lauten ungünstig. Die Aerzte bezeichnen es als sehr besorgnißerregend, daß die auffällige Schlaf sucht sich steigere; es gehe fast keine Mahlzeit vorüber, bei der der Zar nicht cinschläft; eine unmittelbare Gefahr sei indeß nicht vorhanden. Dem „Berl. Tgbl." zufolge befürchten St. Petersburger ärztliche Kreise, bei der Nierenkrankheit des Zaren handele es sich um Krebs, zumal da im Hause Romanoff der Krebs erblich sei. — Polnische Blätter melden, der Tod des Zaren fei als bevorstehend anzuschen, man habe bei demselben bereits Blutvergiftung konstatirt und es sei keine