SchlttchternerMtung
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32 7L Mittwoch, den 5. September 1894,
Deutsches Reich.
Berlin. Am Sonntag wohnten die Kaiserlichen Herr- schaften der Einweihung der Sarkophage Kaiser Wil Helms I. und Kaiserin Augustas im erweiterten Mausoleum zu Charlottenburg bei. Der Kaiser ist dargestellt in der Uniform des 1. Garde-Regiments, entblößten Hauptes, unter einem Hermelinmantel ruhend; in beiden Handen hält er das lorbeerumwundene Reichsschwert. Die Kaiserin mit dem Diadem und einem feinen Spitzenschleier geschmückt, hält in den gefalteten Händen ein Kruzefix. In ihrem Schoße liegen Blüthen und Blätter von Passionsblumen, eine besonders schwierige Leistung des Bildhauers. Das Kaiserpaar ruht auf antiken Ruhebetten, Löwenköpfc mit Klauen bilden die Enden der Sarkophage.
— Der Kaiser hat bestimmt, daß das 1. Thüringische Infanterie-Regiment Nr. 31 fortan den Namen Infanterie-Regiment Graf Böse (1. Thüringisches) Nr. 31 führt.
— In den Kaiser-Manövern werden versuchsweise zwei Radfahrer per Bataillon den Meldedienst übernehmen. Ferner werden eine Anzahl technischer Er- sindungen, die übrigens auch in der Felddienstübung Berücksichtigung gefunden haben, weitere Proben ablegen müssen. So werden zwei Luftschiffe die Manöver begleiten, das eine, um zugleich dessen technische Brauchbarkeit näher zu prüfen, da es von neuerer Konstruktion ist. Die Telephone werden in Verbindung mit der nach den Vorschriften der Felddienstübung verwendeten Telegraphie einer Prüfung unterzogen werden, besonders in Bezug auf den Anschluß der Kavallerie an die Hauptarmee u. s. w. ^ierjn möge bemerkt werden, daß dieselben Versuche bereits in den Manövern zu Güns gemacht wurden und zu ziemlich guten Resultaten führten. Die Kavallerie ist mit zusammen legbaren sogenannten Certhon-Faltbooten ausgerüstet, um Flußübergänge zu machen. Diese Boote bestehen aus einem leichten Gestell, welches mit wasserdichter Leinwand überzogen ist.
— Die Frage der Anlegung von deutschen Verbrecher- Colonien wird jetzt vielfach in der Presse erörtert und findet bet allen bürgerlichen Parteien eine dem Ernst der Sache entsprechende Beurtheilung, außer bei dem politischen Radicalismus, der auch hier wieder in seinem blöden Dusel von Polizeidruck und Humanität auch für menschliche Bestien eintritt. Einen sehr verständigen Artikel bringt die „Crefelder Zeitung" über die Frage: Brauchen wir Verbrecher-Cvlonien? Sie fordert Schaffung von Strafcolonien und begründet eingehend diese Forderung mit dem immer bedenklicher wuchernden Ber- drecherthum und der daraus entstehenden staatlichen Ueberlastung und socialen Gefahr, mit der Erkenntniß des Werthes einer sittlichen Beeinflussung der Verur- theilten durch nutzbringende Arbeit, mit der immer unerträglicher werdenden Beeinträchtigung des Erwerbs ehrlicher Menschen durch Zuchthäuslerarbeit, mit der Nothwendigkeit der Erschließung unseres colonialen Besitzes.
— Wegen Heranziehung der unmittelbaren und mittelbaren Staatsbeamten, der Beamten des Könlgl. Hofes, der Geistlichen, Kirchendiener und Elementar- schullehrer sowie der Wittwen und Waisen dieser Personen zu den Kommunal-Einkommen- und Aufwands- steuern werden in Zukunft die Bestimmungen der Verordnung, betreffend die Heranziehung der Staatsdiener in den ncuerworbenen Landestheilen, vom 23. Sept. 1867 mit der Maßgabe zur Anwendung kommen, daß das nothwendige Domizil außer Berücksichtigung bleibt. Danach bewendet es bis auf Weiteres -- soweit Einkommen- und Aufwandsteuer in Betracht kommen — lediglich bei dem bisherigen Rechte. Auch hinsichtlich der Heranziehung der Militärpersonen zu den auf das Einkommen gelegten Gemeindeabgaben bewendet es bei den bisherigen Bestimmungen. Die Mitglieder der Gendarmerie sind nach denselben Grundsätzen wie Militär- personen zu behandeln.
Hamburg. Das aus Amerika hier eingeführte Fleisch erfüllt nun doch nicht die Hoffnungen, welche die Hamburger Importeure darauf gesetzt hallen. Eine Sendung amerikanisches Ochsenfleisch von der Firma Heyn und Classen in Hamburg wurde am Freitag in Frankfurt a. M. nur zum Theil verkauft, der Rest wurde, wie die Allg. Fleischerzeitung meldet, als für den dortigen Markt nicht geeignet befunden und ging
inach Straßburg. Dort ist dann, wie nunmehr aus Straßburg gemeldet wird, der ganze Borrath, bestehend in 120 Vierteln, wegen schlechter Beschaffenheit kon- fiszirt und der Abdeckerei zur Vernichtung übergeben worden.
Lübeck, 31. Aug. Eine schwere Operation wurde hier in letzter Woche im hiesigen Krankenhause ans- geführt. Ein Insasse des hiesigen Zwangsarbeitshauses mußte in ärztliche Behandlung genommen werden, weil er schon längere Zeit über heftige Magenschmerzen klagte. Der ihn behandelnde dirigirende Arzt des Krankenhauses, Herr D. Hofstaetter, stellte das Vorhandensein eines Fremdkörpers im Magen fest und erklärte der Patient endlich auf Befragen, daß er nach und nach etwa 40 kleine Nägel verschluckt habe. Da die Beschwerden nicht weichen wollten und die Beseitigung des Fremdkörpers auf andere Weise nicht möglich war, entschloß man sich zur Operation, welche denn ein ganz erstaunliches Resultat zu Tage förderte. Nicht weniger als 125 Nägel der verschiedensten Größe, bis zu vier Zoll lang, fanden sich im Magen des Patienten vor. Der Nägelfresser befindet sich auf dem Wege der Besserung und der Heilungsprozeß hat bisher einen günstigen Verlauf genommen.
Braunschweig, 26. Aug. Gestern ist hier der im Kochschen Droguengeschäfte thätige, etwa 25jährige Handlungsgehilfe Karl Kramer (gebürtig aus Schwarzfeld a. H.) wegen verübter Unterschlagungen in Gesammt- Höhe von etwa 10,000 Mk. verhaftet worden. Da Kramer angeblich selbst über die Zinsen eines ansehnlichen Vermögens verfügt hat, so sind seine kostspieligen Ausgaben, die er als bekannter Radfahrer in weiterer Umgegend machte, nicht besonders auffällig gewesen. Die immer geringer werdenden Ladeneinnahmen ließen schließlich den Chef Verdacht schöpfen und es gelang bald, Kramer zu überführen.
Bochum, 27. August. In der gestrigen Delegiertenversammlung des deutschen Bergarbeiter-Verbandes hat der Vorsitzende Schröder nutgetheilt, daß der Kassen- abschluß des Verbandes mit einem Defizit von 22 000 Mk. aufweise. Das Vereinsvermögen von 16 000 Mk. sei an den Konsumverein ausgeliehen und werde in Folge der Liquidation desselben wahrscheinlich verloren sein. Im Anschluß hieran haben lebhafte Debatten stattgefunden. Die Versammlung hat den Anschluß an die General-Kommission der gewerkschaftlich organisierten Arbeiter Deutschlands in Hamburg beschlossen.
Bochum, 30. Aug. Ein unerhörter Bubenstreich wurde gestern von zwei Arbeitern der Gattin eines Fabrikbesitzers gegenüber ausgeführt. Dieselben traten am Wilhelmsplatze auf die nichts ahnende Dame zu und theilten ihr mit, daß sich in der Fabrik ein Unglück ereignet habe. Ihr Gemahl sei in das Getriebe der Räder gekommen und habe sich beide Beine abgequetscht. In schrecklicher Aufregung eilte die Dame, die den Worten der Unholde glaubte, nach Hause. Als sie dann in einiger Entfernung auch das Dienstmädchen dem Hause zueilcn sah, glaubte sie, ihren Gatten nicht mehr unter den Lebenden anzutreffen. Nur mit Aufbietung aller Kräfte war es ihr möglich, die Hausthür zu öffnen und den Flur zu betreten, woselbst ihr der Gemahl, der kurz vorher zurückgekehrt war, wohl und munter entgegentrat. Beim Anblick ihres Mannes brach die Erschrockene in Folge der erlittenen Aufregung ohnmächtig zusammen, und es bedurfte langer Bemühungen, bis sich die schwer geprüfte Dame wieder einigermaßen erholte. Es hat sich nun herausgestellt, daß die ganze Geschichte von dem Unglück in der Fabrik erlogen ist, und man glaubt, daß ein Racheakt vorliegt. Man hat der Dortm. Ztg. zufolge zwei aus der Fabrik entlassene Arbeiter in Verdacht und wird, falls die angestellten Recherchen dies bestätigen, die Schuldigen zur Bestrafung bringen.
Essen, 27. August. Auf dem gestrigen Delegierten- tag zur Organisation der christlichen Bergleute des Oberbergamtsbezirks Dortmund waren 125 Vereine mit 424 Delegierten vertreten. Die Versammlung hat die gewerkschaftliche Organisation der christlichen Bergarbeiter des nicderrheinisch-westfälischeu Kohlenreviers einstimmig beschlossen. Jedes Mitglied muß einen Revers gegen die Socialdemokraten unterschreiben. Religiöse und politische Parteipolemik ist gänzlich ausgeschlossen. Der Verein bezweckt die Herbeiführung eines gerechten Lohnes, der dem Werth der ge-
| leisteten Arbeit und der durch die Arbeit bedingten Lebenshaltung entspricht.
Horneburg, 23. August. Ein l4jühriges Kindermädchen wollte seinen Dienst verlassen. Als die Herrschaft das Mädchen nicht ziehen ließ, kam dasselbe auf den schrecklichen Gedanken, das vier Monate alte Kind ihrer Dienstherrschaft aus dem Wege zu räumen, so daß dann die Stelle überflüssig werde. Das Mädchen gab dem Kinde sechs zerbrochene Nähnadeln, eine Stecknadel und ein Hornknopf ein, in der Hoffnung, daß das Kind daran sterben würde. Das Kind wurde jedoch gerettet, so daß es wohl und gesund blieb. Vor Gericht leugnete das Mädchen die That, wurde aber für schuldig befunden und zu zwei Jahren Gefängniß verurtheilt.
Han.-Münden. Bekanntlich hatte der Berliner Bildhauer Professor Eberlein seiner Vaterstadt, der bei Göttingen gelegenen Stadt Münden, ein Reiterstandbild Kaiser Wilhelm I. zum Geschenke zu machen versprochen. Für die Herstellung des Sockels wurden durch Sammlung namhafte Beträge aufgebracht, so daß eine Fertigstellung des Denkmals in baldige Aussicht genommen werden konnte. Jetzt wird aus der ganzen Sache nichts. Professor Eberlein hat sein Geschenk zurückgezogen, d. h. genauer gesagt, der Magistrat der Stadt und der Denkmalsausschuß haben das Denkmal in der Form, in der es nun ausgestellt werden sollte, abgelehnt und dadurch das Zurückziehen veranlaßt. Der Künstler hat schriftlich erklärt und in einem Aufrufe, den er zur Veranstaltung der Sammlungen für den Sockel selbst hat drucken lassen, wiederholt, er wolle ein Reiterbildniß aus Bronce stiften, das bereits in München gegossen werde, und ferner, dieses Standbild sei einzig und allein für Münden bestimmt. Nun will er aber — so berichtet wenigstens die „Magd. Ztg." — das Bildniß nicht aus Bronze herstellen lassen, sondern es soll mittelst galvanoplastischen Kupferniederschlags auf einen Gipskern, sogenannter „galvanischer Bronze", hergestellt werden, sodann ist das Bild nicht für Münden allein gemacht, sondern ein gleiches steht schon in Geislingen selbst. Die Stadt Münden will sich aber kein Denkmal von zweifelhafter Dauerhaftigkeit schenken lassen. Andererseits hat Professor Eberlein erklärt, daß er nicht in der Lage sei, 9000 Mark für ein Bronzedenkmal anszngcben, die Stadt Münden möge das Denkmal einstweilen annehmen. Das hat die Stadt abgelehnt, und so wird sie wohl einstweilen ohne ein Kniserdenk- mal bleiben.
Gotha, 31. August. Herr Bezirksthierarzt Georges hier hat dieser Tage vor der hiesigen Strafkammer in einer Verhandlung wegen Vergehens gegen das Nahrungs- mittelgesetz als Sachverständiger bekundet, daß jedes Kalb, das noch nicht 14 Tage alt sei, als ungesund bezeichnet werden müsse und das Fleisch eines solchen an sich geeignet sei, die menschliche Gesundheit zu schädigen. Möchten sich daS die Herren Metzger merken, denn es ist bekannt, daß häufig Kälber geschlachtet werden, die kaum 8 Tage alt sind.
Ausland.
Trieft, 24. August. Ueber die am 8. d. in Korfu stattgefundene Explosion werden dem „Judipendente" von einem aus Korfu angekommenen Reisenden folgende Details erzählt: Vor drei Jahren verlor eine bei Korfu manövrirende Panzerfregatte eine Granate von großen Dimensionen, welche Anfangs August von einigen Fischern aufgefunden und an einen jüdischen Trödler als altes Eisen verkauft worden war. Der Trödler wollte das Eisen von den Messingbeschlägen scheiden und bearbeitete die Granate mit einem Hammer, als dieselbe Plötzlich unter entsetzlichem Getöse platzte. Der Trödler, seine drei Gehilfen, sowie vier nahestehende Personen wurden gelobtet und die Körper förmlich zerrissen. Sechs Passanten wurden schwer verletzt.
Mailand, 31. August. Die „Provincia di Brescia" brings aus Alix-les-Bais die Sensationsnachricht von einem beabsichtigten anarchistischen Attentat auf den König von Griechenland, welcher daselbst in einem Hotel gewohnt hat. An den Kutscher des Hotels habe sich ein Fremder herangedrängt und ihn bezüglich der Gewohnheiten des Königs in ausfallender Weise ausgefragt. Der Kutscher habe die Polizei benachrichtigt, welche den Fremden verhaftete. Derselbe verweigerte jegliche Auskunft. Man fand jedoch in seinem Besitze