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SchlüchtemerMung

Erscheint Mittwoch und Samstag Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf.

Mittwoch, den 29. August

1894.

Deutsches Reich.

Berlin. Der Kaiser wird am 23. September i» Theerbude eintreffen und bis Anfang Oktober dortselbst verbleiben. Nach derDanziger Ztg." wird das Haupt­quartier des Kaisers während der ganzen Dauer des Manövers im Schloß in Schlobitten anfgcschlageu werden. In der Marienburg wird der Kaiser nur vorübergehend Aufenthalt nehmen und zwar in den Nachmiltagstunden des 7. und 8. September. Nach einer Mittheilung derDanziger Ztg." soll es nunmehr feststehen, daß außer dem Prinzregenten von Braun­schweig und dem König von Sachsen auch der König von Württemberg als Gast des Kaisers dem Kaiser­manöver beiwohnen wird.

DerReichsanzeiger" meldet: Der Saatenstand im deutschen Reiche für Mitte August ist folgender: Winterweizen und Sommerweizen 2,5, Winterspelz 1,9; Sommerspelz 2,0, Winlerrogzen 2,1, Sommerroggen 2,4, Sommergerste 2,1, Hafer 2,2, Kartoffeln 2,7, Klee 2,5, Wiesen 2,1. (Die Zahlen bedeuten: 1 sehr gute, 2 gute, 3 Mittel-Ernte.) Die Erntearbeiten sind abgesehen von den östlichen Gebietstheilen durch das Wetter überall erschwert und verzögert. Roggen ist meistens eingebracht, in Süddeutschland meist gut, in Norddeutschland theilweise nicht völlig trocken. Weizen ist theilweise schon geborgen, theilweise verlieren die Körner durch Auswachsen an Mahlfähigkeit. Klee und Wiesen gereichte die Feuchtigkeit zum Bortheil; der zweite Schnitt verspricht guten Ertrag. Der Roggenstroh- Ertrag ist meistens überaus reich.

Der Reichsanzeiger schreibt: Die bisher nur für häufiger erscheinende politische Zeitungen und An­zeigenblätter statthaften Zeituiigsbestcllungen für den zweiten und dritten oder für den dritten Monat im Vierteljahr sollen bei den Postanstalten im Reichs- Postgebiel vom 1. Januar 1895 auf alle vierteljährlich zu beziehenden Zeitungen und Zeitschriften, soweit deren Verleger sich hiermit einverstanden erklären, zu- gelassen werden. Wegen Einführung des gedachten Verfahrens werden die Postanstalten mit den Zeitungs­verlegern alsbald in Verbindung treten.

Vom 1. April nächsten Jahres ab werden die preußischen Großstädte eine reichhaltige Muster-karte aller möglichen indirekten Steuern aufzuweisen haben. Dieser Tage hat in Aachen die Stadtverordnetenversammlung wegen eines noch nicht gedeckten Stcuerbcdarfs von 93,000 Mark berathen. Man beschloß, sogenannte Luxussteuern auf Wildpret und Geflügel, Equipagen und Luxuspferde einzuführen und die Steuer auf Lust­barkeiten zu erhöhen. Eine Erhöhung der Schlachtsteuer wurde abgelehnt, dafür aber eine Umsatzsteuer auf Liegen­schaften und eine Erhöhung der Hundesteuer auf 30 Mk. für große und 15 Mk. für kleine Hunde in Aussicht genommen. Ferner sollen die Gebühren der Baupolizei erhöht werden. Endlich wurde aus der Mitte der Ver­sammlung heraus der Finanzausschuß damit beauftragt, über die Einführung einer Besteuerung von Markt­waaren und Viktualicn, von Automaten, Feucivcrsiche- rungspolizen, sowie von Gold, Silber und Juwelen weitere Vorberathungen zu pflegen und hierüber der Versammlung demnächst etwaige Vorschläge zu unter­breiten. Für die Steuertechniker und besonders die Freunde indirekter Steuern werden allein Anscheine nach die preußischen Gemeinden vom nächsten Jahre ab ein höchst fruchtbares Versuchs- und Studienfeld bilden. Dem steuerzahlenden Bürger werden freilich die neuen Massensteuern weniger Vergnügen bereiten.

Aus Ostpreußen, 19. August. Die Strafkammer in Stallupönen verhandelte gegen eine jugendliche Räuber- dande, die im letzten Frühjahr durch zahlreiche ver­wegene Einbrüche die ganze Stadt in Aufregung versetzt hatte. Der Führer der Bande, ein lbjähriger Schreiner- lehrling, erhielt 2'/« Jahre Gefängniß. Nach dem eigenen Geständniß hatte er sich vorgenommen, den be­rüchtigten litauischen Räuberhanptmann Radiszot zu übertrumpfen.

Aus Thüringen. Der Gemeinderath in Thale a. H. hat die Einführung einer Luxussteuer beschlossen. Es sollen Steuern erhoben werden: 1. für jedes von einer Herrschaft gehaltene zweite Dienstmädchen, 2. für jeden männlichen Dienstboten, 3. für Gouvernanten; ferner sollen besteuert werden: Luxuspferde, Equipagen, Fahr­räder und Klaviere. Bei der Submission der Maler­arbeiten an der Stadtkirche in Greußen hat ein Maler­

ein gerichtliches Nachspiel. Gegen 150 Parochianen ist Anklage wegen bewaffneten Widerstands gegen die Staatsgewalt erhoben worden. Der Prozeß kommt vor einem hierzu besonders eingesetzten Gerichtshof zur Ver­handlung. Sämmtliche Angeklagte befinden sich in Haft. Das ist ein ächt russisches Verfahren. Statt den Be­amten zu bestrafen, der die entsetzlichen Mißhandlungen der römisch-katholischen Bewohner anbefohlen hatte, stellt man die unglücklichen Opfer der Knute vor Gericht.

Ein lehrreiches Beispiel, wie man in Rom geflissent­lich die Franzosen begünstigt und die Deutschen ver­nachlässigt, erzählt die ultramontaneKölnische Volksztg ": Mit einem wirklich komischen Eifer geben die Franzosen ihrer antideutschen Gesinnung auf einem Gebiete Aus­druck, auf welchem dieselbe am wenigsten Platz haben sollte. Bis zum Jahre 1900 besitzt eine Regensburger Firma ein päpstliches Privileg betreffend ben Druck kirchlicher Choralbücher. Seit Jahren hat sich nun die französische Presse bemerkenswertherweise nicht nur die katholische, sondern auch die chauvinistischlliberale dieser Angelegenheit bemächtigt und das Privileg als Frankreichs, der treueften Tochter der Kirche, unwürdig hingestellt. Die Sache wurde sogar zur Haupt- und Staats-Aktion anfgebauscht, in welcher es zu einem Austausch von diplomatischen Schriftstücken zwischen dem französischen Botschafter im Vatikan und dem Kardinal- staatssekretär kam. Kardinal Rampolla theilt dem Bot­schafter mit, das Privileg werde 1900 nicht erneuert werden, überdies sei der Gebrauch der betreffenden Büchex ja nur empfohlen, nicht geboten worden. Diese Erklärung werde Se. Excellenz wohlberuhigen", meint der Kardinal. Se. Excellenz beruhigt sich aber hiermit nicht, sondern behauptet in seiner bezüglichen Mittheilung an den französischen Minister des Auswärtigen, die meisten, der befragten Kardinäle" hätten übrigens die privilegirte Ausgabe für ungenügend befunden. Nun kann Frankreich ruhig sein." Irren wir nicht, so ist es die Firma Pustet in Rcgensburg, welche von dieser Entscheidung hart betroffen wird. Jedenfalls aber ist es sehr bezeichnend, daß dieKöln. Volksztg." alle Schuld bei denchauvinistischen" Franzosen, und nicht bei dem deutschfeindlichen Kardinal Rampolla sowie bei dem franzosenfrenndlichen Papst Leo XIII. sucht, ohne welche doch solche ungerechte Entscheidung nicht möglich gewesen wäre.

Türkei. Der TriesterPiccalo" meldet aus Kon- stantinopcl: Die Erderschütterungen im Orient sind noch nicht vorüber. In den letzten Tagen wurden in Galli- poli, Demckuca, Malcara, Rodosto, in den Dardanellen und in Smyrna heftige Erdstöße verspürt.

Wie aus Spanien geschrieben wird, hat das Scheitern des Handelsvertrags mit Deutschland dem dortigen Ge­schäft großen Schaden gethan. Wahrscheinlich wird es auch bis Ende des Jahrhunderts so weiter gehen, denn die guten Leute der Pyrenäen sind in der That blind. Der größte Reichthum, den das Land besitzt, ist sein Wein, und der ist unverkäuflich, weil die Ausfuhr fehlt. In manchen Gegenden lassen die Leute ihre Weinbestände auf die Straße laufen, um nicht die Steuer darauf an die Regierung zn zahlen, die ihren Verlust noch ver­größern würde. In einem Ort hat man den Kalk für einen Hausbau mit Wein angerührt, der werihlos ist, während man das Wasser von weit her Hütte holen müssen. In La Rioja kann man für eine Peseta (= 80 Pfennig) 8 Liter Wein kaufen. Und das nennen die Leute Schutz der heimischen Produktion!

Lokales und Provinzielles.

* Schlächter«, 28. Aug.

* Der Oberförster Wägncr von Stcinau ist auf die Oberförsterstelle Jüvcriitz im Regierungsbezirk Magdeburg versetzt worden. Der Forstassessor M a x Schmidt ist zum Oberförster ernannt und demselben die Oberförsterstelle Steinau im Regierungsbezirk Cassel übertragen worden.

* Am Samstag fand in dem Saale des Gast­hauses zum Stern hier ein Kreistag statt, in welchem folgendes beschlossen wurde: 1. Der Wegebauetat für die Unterhaltung der Landwege des Kreises für das Jahr 1895 wurde auf 29,500 Mk. festgesetzt. In demselben ist auch ein Betrag für die Anlage einig Fußsteiges auf der hiesigen Bahnhofstraße von Slat. 0,0 bis 0,2 + 12 enthalten, was gewiß die Bewohner unserer Stadt mit Freuden begrüßen. 2. ES wurde

meister 7 000 Mk., der nächste 5000 Mk., ein dritter 3700 Mk. gefordert und schließlich hat der Maler Nötiger daselbst die Instandsetzung der Kirche laut Vor­schrift für 2200 Mk. übernommen. Eine Differenz von ziemlich 5000 Mk. bei einem verhältnißmäßig kleinen Auftrag dürfte selbst auf diesem Gebiet eine Selten­heit sein.

Erfurt, 21. Aug. Ein entsetzliches Unglück ereignete sich gestern in der Nähe des Herrnberges. Dort führte ein Offiziersbursche das Reitpferd seines Herrn spazieren; plötzlich warf sich das Thier auf den Unglücklichen, biß ihm den Röhrenknochen des rechten Armes durch und schleuderte den Bedauernswerthen hoch in die Luft. Immer von Neuem warf sich das rasende Thier auf den Burschen und ließ auch nicht von ihm ab, als Leute herbeieiltcu und das Pferd von seinem Opfer zu trennen versuchten. Der Bursche wurde, mit schweren Wunden bedeckt, vom Platze getragen.

Roßla am Harz, 21. August. Die hiesige fürstliche Rentkammer hat jetzt andie Verwaltung der Wilhelm- stiftung" (einer Stiftung für Schulen, Kirchen, Pfarrer und Lehrer, vom Grafen Wilhelm von Stolberg-Roßla vor etwa siebzig Jahren gestiftet) die Aufforderung zur Herausgabe des mehrere Millionen Mark betragenden Vermögens der Stiftung an den Chef des Hauses Stolberg-Roßla gerichtet. Wahrscheinlich erfolgt, wie die Magd. Z. mittheilt, die Herausgabe des Stiftungs- vermögens jetzt ebenso wenig wie vor einigen Jahren, als der verstorbene Fürst Botho einen Prozeß in dieser Sache geführt und verloren hatte. Nach dem Testa­mente Graf Wilhelms, der Stittungsurkunde, kann eine Einziehung des Stiftungsvermögens erst dann erfolgen, wenn Preußen das fürstliche Konsistorium zu Roßla aufhebt, ober wenn nachgewiefen wird, daß für die Exi­stenz des Fürstenhauses Stolberg-Roßla die Einziehung des Stiftungsvermögens dringend erforderlich ist. Für die Gemeinden und Pfarrer der Grafschaft Stolberg- Roßla wäre die Einziehung der Wilhelmstiftung ein harter Schlag, ein etwas weniger harter auch für eine Reihe von Lehrern.

Aus dem Milnsterlailde, 23. August. Ein Land­mann in der Nähe von Rinkerode las, wie derMagdeb. Ztg." geschrieben wird, vor Kurzem in seinem Kreis- blatte folgende Anzeige:Für 5 Mk. erhält jeder Landwirth eine Anweisung, sein Heu innerhalb zwölf Stunden gut und schnell zu trocknen. Auch bei Regen- wetter kann das Verfahren angewandt werden. Gegen Einsendung des obigen Betrages an M. Zomali, post­lagernd Pest, wird Anweisung ertheilt." Der Land­mann, der sich über die vielen Regentage geärgert haben mochte, sandte 5 Mk. ein. Nach einiger Zeit erhielt er aus Pest einen umfangreichen Brief. Er öffnete ihn und entnahm ihm einen großen Bogen Strohpapier, dem ein weißes gedrucktes Zettelchen entfiel mit den lakonischen Worten:Setze deinen Backofen gut in Brand und breite das Heu auf dem Gewölbe gut aus­einander, jedoch nicht zu dick, und nach zwölf Stunden wird es trocken sein." Man kann sich das lange Ge­sicht des Bauern denken, als er den Schwindel erkannte.

Aus Essen meldet das B. G.: Vor der Fcricnstraf- knmmcr des hiesigen Landgerichts war der Bergmann Carl Lodz aus Ehrenbreitstein angeklagt, Beamte des Reichsversicherungsamtes in einer sozialdemokratischen Versammlung, die im Februar in Gelsenkirchen stattfand, beleidigt zu haben. Bei der Publikation des Urtheils, das auf vierzehn Tage Gefängniß lautete, feuerte Lodz einen Revolverschuß auf den Gerichtshof ab und einen zweiten Schuß auf sich selbst, ohne zu treffen. Die Richter flohen in das Berathungszimmer, während der Staatsanwalt sitzen blieb. Es wurde sofort die Fest­nahme des Lodz bewirkt. Im Publikum herrschte große Panik.

Ausland.

An dem politischen Nationalfest in Kraka», dem Jubiläum der Heiligsprechung des Pater Hyacinth, das, nach dem Ausrufe des Komitees, von derganzen polnischen Nation" mitgefeiert werden soll, wird sich auch Fürstbischof Dr. Kopp betheiligen; er wird am 2. September in Krakau das Pontifikalamt celebriren und die Prozession nach dem Wawcl, dem Hügel der polnischen Nationalheiligthümer, anführen.

Rußland. Die Greuelfzenen bei der Schließung der katholischen Kirche in Kroze erleben »«vermuthet