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Erscheint Mittwoch und Samstag — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf.
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M 68» Samstag, den 25. August 1894
Deutsches Reich.
Berlin Der Kaiser und der König von Württem- berg werden sich am 4. September nach Wesiprenßen begeben, um an den Kaisermanövern Theil zu nehmen. Dieselben werden in der Marienburg Aufenthalt nehmen.
■— Das Gehalt der Amtsrichter wurde bisher innerhalb der Bezirke der einzelnen ObcrlMdesgerichte nach dem Dienstalter und nach Maßgabe der entstehenden Vakanzen regulirt. Wegen der hierdurch entstandenen Ungleichheiten wird beabsichtigt, die Gehaltsregulirung vom 1. April f. I. ab gleichmäßig durch die ganze Monarchie mit alleiniger Ausnahme der Stadt Berlin eintreten zu lassen, da Berlin eine Klasse für sich bilden soll. An Einführung der Dienstalterszulagen für die Amtsrichter wird noch nicht gedacht und zwar im Interesse der Richter selbst, weil sie dadurch, wie auch so viele andere Beamte, geradezu geschädigt würden.
— Ueber die jüdischen Volksschulen in Preußen berichtet die amtliche Statistik: In ganz Preußen waren am 25. Mai 1891 30,386 jüdische, schulpflichtige Kinder. Es waren staatlich angestellt 336 jüdische Lehrer und 58 jüdische Lehrerinnen. Es waren vorhanden 244 öffentliche jüdische Schulen mit 307 Klassen, 305 Lehrern und 9519 Schulkindern. Es entfielen hiervon auf Ostpreußen 0, Westpreußen 21, Berlin 4, Brandenburg 0, Pommern 0, Posen 87, Schlesien 26, Sachsen 0, SchleSwig Holstein 6, Hannover 52, Westfalen 23, Hessen-Nassau 82, Rhein- provinz 32, Hohenzollern 3 Schulen. (Bei der letzten amtlichen Statistik im Jahre 1886 waren vorhanden 318 öffentliche jüdische Schulen mit 421 Klassen, 407 Lehrern und 13,270 Schulkindern.) 10,853 Schulkinder besuchten evangelische Schulen, 4327 jüdische Schulkinder besuchten katholische Schulen uub 5704 jüdische, Schulkinder besuchten paritätische Schulen, an den letzteren waren 31 jüdische Lehrer angestellt. 3491 jüdische Schulkinder wurden in Privatschulen von 125 jüdischen Lehrern und 15 Lehrerinnen unterrichtet.
— Die Verluste der Banhandwerker Berlins durch den Bauschwindel der letzten drei Jahre betragen nach . den bis jetzt bei dem Vorsitzenden des Bundes für Bodenbesitzreform eingelanfcnen 218 Anmeldungen 5,080,556 Mk.
Kiel, 21. Aug. Verhäugnißvoll sind die großen Erdrutschungen am Nord Ostsee-Kanal, die selbst an solchen Stellen eintreten, wo der Kanal beendet ist. Während bis jetzt Schiffe mit einem Tiefgang von 3,5 Metern den Kanal zwischen hier und Rendsburg passiven konnten, gerieth am Sonnabend ein Schiff mit nur 2 Meter Tiefgang zwischen Levensau und Landwehr auf Grund. Gewaltige Moormassen hatten durch den • starken Druck tue schützenden Landdämme in einer Ausdehnung von reichlich 60 Metern durchbrochen und waren in den Kanal gestürzt. Der umfangreiche Erdrutsch hatte das Fahrwasser derart gesperrt, daß mehrere Schiffe in den letzten Tagen den weiten Umweg um die jütländische Nordspitze an treten mußten. Man befürchtet, daß solche Erdsenkungen und -Ruischungen sich künftig wiederholen und die Schifffahrt im Kanal in bedenklicher Weise erschweren werden.
Pasewalk, 17. August. Ein bcklagcnswerthcr Unglücksfall ereignete sich heute Vormittag beim Brigade- Exerziren auf dem Exerzirplatz. Ein Ulan hatte beim Nehmen einer Hürde die Lanze verloren, und diese kam so unglücklich zu liegen, daß sie einen nachfolgenden Kürassier von der 3. Schwadron aufspießte. Die Lanze hatte das Pferd von der Brust nach dem Widerriß und dann noch den Reiter durchbohrt, dem sie dann unter dem Schulterblatt Heranstrat, Pferd und Reiter gewissermaßen zusammenspicßeud. Das Pferd stand nach dem so unglücklichen Sprung mit gespreizten Vorderbeinen still; der Reiter war durch den Stoß aus dem Sattel gehoben und lag hintenübcrgebeugt fast auf dem Rücken des Pferdes. Eine schwierige und für den Verunglückten furchtbare Operation war, dem „Pas. Anz." zufolge, das Herausschaffen der Lanze aus dem Körper. Sie durch das Pferd herauszuziehen war unmöglich; es mußte deshalb der Mann aus der Lanze heransgehoben werden, welche Arbeit von dem Lazareth- gehilfen unter Beistar.d einiger Soldaten bewerkstelligt wurde. Der schwer Verwundete wurde nach dem Gar- Nison-Lazareth geschafft und befindet sich zur Zeit noch am Leben.
In Dortmund war ein Militärpflichtiger wegen
Ausland.
Petersburg. 21. Aug. Der Zar hat gestern Abend entschieden, daß die Manöver bei Smolensk ausfallen.
Zuspätkommens beim Gcstcllungstermin in eine Geldstrafe genommen worden. Er legte hiergegen Berufung ein, und bei der Verhandlung vor dem Schöffengericht ergab sich, daß der Betreffende schon vor dem Ge- stcllungstcrmiu nach Herne verzogen und am Gestellungslage mit dem ersten Zuge von dort nach Dortmund gereist war. Dieser Zug traf aber fahrplanmäßig so spät ein, daß der Militärpflichtige um 7 Uhr früh nicht im Aushebungslokale fein konnte. Die Amtsanwalt- schaft war der Ansicht, daß der junge Mann unter allen Umständen pünktlich zur Stelle hätte sein müssen, und wenn dies durch Benutzung des ersten Frühzuges von Herne nicht anging, habe derselbe Abends vorher kommen und in Dortmund übernachten können. Der Gerichtshof gab jedoch der Berufung statt unb sprach den jungen Mann frei, da man Gestellungspflichtigen doch nicht zumuthen könne, um eine kleine, unbeabsichtigte Verspätung zu verhüten, besondere Auslagen zu machen.
Aus Westfalen. Eine schlechte Lage der Industrie und des Handels, sowie einen allgemeinen Rückgang des gewerblichen Mittelstandes konstatirt der Bericht der Handelskammer Arnsberg-Meschede-Brilvn. Im weiteren wird aber gesagt: „Wer allerdings nur nach dem äußeren Schein zu urtheilen gewöhnt ist, wird geneigt sein, diese Behauptung zu bestreiten. Die zunehmende Putz- und Vergnügungssucht, das Ueberhand- nehmen von Vereinen aller Art mit ihren Festen lassen eher vermuthen, daß unser Land sich in einer Periode blühenden Wohlstandes befindet; sie sind es aber gerade, die es unserem sonst so braven Volke schwer machen, sich durch die schlechten Zeiten durch- zukämpfen, indem sie seinen von den Vätern ererbten Sparsamkeitstrieb zerstören, seine Arbeitskraft und Arbeitslust lahmen." Diese Bemerkung deckt sich mit anderen Beobachtungen in den verschiedensten Theilen Deutschlands.
Lüneburg, 17. August. Große Theilnahme hat in unserer Stadt das tragische Geschick erweckt, das den hiesigen Privatmann und Rittmeister der Landwehr- catmUerie Ernst Frederich, früheren Mitinhaber der bekannten Weinfirma, ereilt hat. Ihm war gegen ein inneres Leiden Chloralhydrat verschrieben worden. Der Apothekergehülfe, der allerdings schon die erste Prüfung, aber noch nicht das Staatsexamen abgelegt hatte, gab in Abwesenheit des Apothekers irrthümlich Morphium Schon nach sechs Stunden war Herr Frcderich eine Leiche.
Weimar, 18. August. Die von Seite des Groß- Herzogs erfolgte Ernennung des hiesigen Hoftöpfermeisters Schmidt zum „Kommerzienrath" erscheint als eine Auszeichnung, die vornehmlich auch das Handwerk selbst ehrt. Gerade in unserer Zeit ist eine solche Anerkennung von doppeltem Werth und wohl geeignet, das Standesbewußtsein unserer Handwerksmeister wieder zu heben.
Aus Schlesien. Die Frauenfrage macht entschiedene Fortschritte. Manchmal auch in einer Richtung, welche der „Allgemeine Deutsche Frauenverein" noch gar nicht einmal ins Auge zu fassen gewagt hat. So schafft sich z. B. eine Landgemeinde von heute, welche die Ordnung und Mäßigkeit der „guten alten Zeit" erhalten unb auf die Zukunft sicher vererben will, einen weib- ichen Nachtwächter an. Bekanntlich haben Frauen für Nachtschwärmer re. ein weit schärferes Auge, als die sonst weitsichtigsten Männer, welche in dieser Hinsicht oft viel zu liberal (schwach) und weitherzig (nachsichtig) sein können und zu sein pflegen. Einen solchen weiblichen Nachtwächter hat sich bereits die Gemeinde Stein höbe! im Regierungs-Bezirk Oppeln (Schlesien) angeschafft. Nacht für Nacht wacht die Frau Nacht- wüchterin mit dem (verpflichteten) Auge des Gesetzes darüber, daß dem Ort „kein Schade geschicht". Und die Steinhöbler Nachtbummler sollen sich gewaltig drücken, daß sie ihr nicht in die Hände laufen. Also weibliche Nachtwächter bestellt, ihr Gemeindeväter! Ihr dient damit cuerer Gemeinde und zugleich der allgemeinen Frauenfrage.
Der Lehrer Pöpplein in Trosicnsurt bei Würzburg, Kassierer der dortigen Darlehnskasse, ist wegen Unterschlagung einer Summe von etwa 25 000 Mk. verhaftet worden.
(Die nihilistische Bewegung scheint also in Rußland doch wieder ihr Haupt mächtiger erhoben zu haben, als die russischen Offiziösen bisher zugeben wollten.)
Chicago, 20. Aug. Die Polizei beschlagnahmte eine Anzahl von Höllenmaschmen, welche zur Tödtung von Menschen und Zerstörung von Eigenthum bestimmt waren. Die Untersuchung wird fortgesetzt. Verdächtige Personen haben die Stadt verlassen.
Lokales und Provinzielles.
* Schlüchtern, 24. Aug.
* — Nach Vereinbarung des Bürgermeisteramts mit der hiesigen kirchlichen Behörde ist wegen der seitherigen ungünstigen Witterung das Einfahren von Getreide für die Bewohner der Stadt Schlüchtern am Sonntag den 26. August d. J. nach beendigtem Vor- mittags-Gottesdienst gestattet.
— Bei dem ungünstigen Erntewetter, welches schon seit längerer Zeit herrscht, ist nicht wenig Getreide — namentlich Roggen — zum Auswachsen gekommen; wir glauben deßwegen, daß es nicht überflüssig ist, über die Behandlung solchen Getreides das Folgende zu bemerken: 1. Das ausgewachsene Getreide darf nicht gleich nach dem Dreschen zur Mühle gebracht werden, sondern man muß es vorher völlig austrocknen oder abdorren, den dabei abfallenden Auswuchs absondern und das Getreide womöglich mit gesundem vermengen. 2. Das von den ausgewachsenen Körnern gewonnene Mehl darf nicht sogleich, nachdem es von der Mühle gekommen ist, verbacken werden, sondern muß wenigstens 6 Tage an einem dunklen Orte stehen bleiben. 3. Bei dem Ein- leigcn des Mehles darf nicht zu viel und ja nicht zu heißes Wasser zugegossen werden. Der Teig selbst ist, wenn, möglich, mit trocknem Mehl zu durchkneten, etwas mehr zu säuern und beim Kneten etwas zu setzen; auch die Laibe dürfen nicht zu groß gemacht und nicht bei jäher Hitze gebacken werden. 4. Man esse das Brod niemals frisch gebacken, sonderst erst nach dem dritten Tage. $
* — Die Jahreszahlen, -welche an ihren beiden letzten Stellen die Zahl 94 enthalten, sind, soweit dies aus den vorhandenen, alten Chroniken zu sehen ist, durch abnorme Witterungsverhältnisse und unglück- bringende Naturereignisse denkwürdig geworden. Im Jahr 994 war nach einem sehr langen strengen Winter eine sehr große Dürre gefolgt. Teiche und Flüsse trockneten aus, die Fische gingen zu Grunde und die meisten Bäume und Pflanzen verdorrten. In Sachsen herrschte große Hungersnoth. 1094 gab es „greuliche Stürme und heftige Gewitter mit noch größeren Ueber- schwemmungen". Dazu kam in Deutschland noch die Pest, wobei ganze Gemeinden ausstarben. 1l94 herrschte in Deutschland eine große Hungersnoth. 1294 hatte man unter einer tropischen Hitze zu leiden. 1394 war ein sehr heißer und trockener, aber doch fruchtbarer Sommer. 1494 ist nichts zu melden. 1594 herrschte ein beispiellos heftiger Winter. Flüsse und Seen gefroren zu. 1694 gab es heftige Gewitter, die großen Schaden anrichteten. Die Schweiz wurde von einer schrecklichen Hungersnoth heimgesucht. Das Jahr schloß noch mit einem strengen Winter. 1794 war sehr feucht und der Winter mild. Die außergewöhnlichen Naturereignisse des Jahres 1891, schwere Erdbeben in Griechenland und Japan, Gewitterkatastrophen u. f. w., sind noch in aller Erinnerung.
* — Im Garten des Simon Adler, Oberthor hier, blüht ein Apfelbaum zum zweiten Mal in diesem Jahre. Auch in Stein an im Garten des Oeeonomen Carl Mayer blüht ein Pflaumenbaum zum zweiten Male.
* — Nach uns gewordener Kenntniß ist die Untersuchung in der Traband'schen Todtschlag-Angelegenheit eingestellt und die verhafteten beiden Söhne des Traband außer Verfolgung gesetzt worden. Es ist trotz eifrigster Recherchen nicht gelungen, das Dunkel, welches über bieer Angelegenheit liegt, so aufzuhellen, daß gegen irgend Jemand strafgerichtlich norgegangen werden könnte.
* — Am 21. d. Bits, fand im hiesigen Seminar tie jährliche Conferenz mit den Schulinspektoren und Lehrern der Umgegend statt. Eröffnet wurde dieselbe um 10 Uhr mit Choralgesang, Schriftoerlesung und Gebet. Hierauf trugen die Seminaristen eine Motette vor, der Seminardirektor begrüßte die Anwesenden und hielt einen Vortrag über die Statistik des preußischen Schulwesens. Gegenstand der Verhandlung war das