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Erscheint Mittwoch und Samstag Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf.

M 57. Mittwoch, den 18. Juli 1894.

Die Einschränkung des Hausirhandels.

Nach Andeutungen in der Presse kann es keinem ' Zweifel unterliegen, daß die Regierung in der nächsten Tagung dem Reichstage endlich einen Entwurf über die weitere Beschränkung des Hausirhandels vorlegen wird. Es hat lange gedauert, hoffentlich wird es auch gut. Der seßhafte Kaufmannsstand und die große 'Waffe der kleinen, unerfahrenen Käufer haben einen gerechten Anspruch auf Schutz gegen Schädigungen durch den Hausirhandel. Andererseits besitzt derGe­werbebetrieb im Umherziehen" nur in einem sehr beschränkten Maße wirthschaftliche Berechtigung, so daß die Gesetzgebung keine Bedenken zu tragen braucht, gründliche Arbeit zu machen.

Als gerechtfertigt wird der Hausirhandel nach zwei Richtungen hin behandelt. Gewisse Gegenden Deutschlands, so wird gesagt, bedürfen wegen ihrer Entlegenheit und geringen Bevölkerung der Wander- Händler, da sich seßhafte Kaufleute dort nicht halten können und die Bewohner zu den nächsten Städten oder Märkten zu weit haben. Dies gilt aber heut­zutage nur für so wenige Winkel Deutschlands, daß man deshalb den Hausirhandel getrost für das Reich .grundsätzlich verbieten und nur für Gegenden der gedachten Art ausnahmsweise erlauben könnte.

Anders verhält es sich mit dem zweiten Recht­fertigungsgrund des Hausirhandels. Es giebt Gewerbe, die von Alters her ihre Erzeugnisse hauptsächlich oder ausschließlich durch Hausirhandel los geworden sind und die schwer geschädigt würden oder gar nicht mehr existiren könnten, wenn sie sich des Zwischenhandels bedienen müßten. Dahin gehören z. B. ein Theil der schlesischen Leinwandfabrikalion und der Schwarzwälder Uhrenindustrie. Bei diesen Gewerben sind aber die Hausirenden fast immer auch bei der Produktion betheiligt oder gehören doch zu den Familien der Produ­zenten. Sie handeln mit einem Artikel oder mit einer Gattung von Artikeln und sind aus diesen Gründen mit einem Hausirer, derAlles führt", in keiner Weise zu vergleichen.

An diesem eigentlichen und zumeist gcmcinschädlichcn Hausirer hat zwar auch eine gewisse Industrie ein Interesse: die Schundindustrie, die nur für Hausirer, Wanderlager und Ansvcrkänfer produzirt, also für den Handel, der auf die Unerfahreuheit, Leichtgläubigkeit, wohl auch auf den Leichtsinn spekulirt. Diese Industrie ist kollossal angewachsen und benachtheiligt die solide Fabrikation ebenso wie der Hausirhandel den redlichen j Kaufmannsstand. Der dritte Geschädigte ist ein wenig wohlhabendes Publikum, dem schlechte Waare zu ver- hältnißmäßig hohem Preise aufgeschwatzt wird. Und nicht etwa nur Bedarfsartikel. Der Hausirer verlockt mit Hülfe seinerBeredsamkeit" und seinenauf den Glanz zugerichteten" Artikeln zu unnützen Käufen, | insbesondere Frauen und Mädchen, sowie Männer, die aus irgend welchen Gründen Frauen oder Mädchen bei guter Laune zu erhalten wünschen. Wäre die Waare ! nicht da. so dächte Niemand an die Erwerbung; der verlockende Anblick aber reizt. Bei der mißlichen Lage ' des Gewerbes und der Laudwirrbschnft ist dies ein ernster Ucbelstand, der schon für sich allein die Hoffnung ! rechtfertigt, die Regierung möge eine Vermehrung der : Waaren vorschlagen, mit denen unter keinen Umständen hausirt werden darf.

Noch dringlicher ist die Beseitigung des Unfuges der sogenannten Stadtreisenden. Diese Herren suchen Privatkundschaft auf und bringen ihre Waaren mit, nicht als Muster, sondern zur sofortigen Abgabe. Sie sind also nichts anderes, als Hausirer, können aber bisher von dem Gesetz über den Hausirhandel nicht getroffen werden, weil sie die mügeführten Waaren als Muster ausgeben. DerStadt"reisende ist übrigens auch auf dem Lande anzutreffen. Diese Leute müssen Unter das verschärfte Haustrgesetz fallen und hohen Geldstrafen unterliegen, wenn sie den wahren Charakter ihres Gewerbes zu verschleiern suchen.

Die Hauptsache ist natürlich, daß der Umfang des Hausirgeschäfts überhaupt verringert wird. Nach einem Vorschlag der bayerischen Regierung soll die Minderung dadurch herbeigeführt werden, daß der Hausirer in der Regel nur in dem Bezirk soll umherziehen dürfen, in dem ihm sein Wandergewerbcschein ausgestellt ist. Will er in einem anderen Bezirk Hausiren, so muß er tue Erlaubniß der Behörde dieses Bezirks haben, und die

Behörde soll sie versagen dürfen, wenn kein Bedürfniß besteht. Es wäre aber wohl zu erwägen, ob die Bedürfnißfrage nicht überhaupt aufgeworfen werden, d. h. ob nicht der Hausirhandel in einem Bezirk ganz verboten werden könnte, wenn es sich nicht um bestimmte Artikel handelt, wie z. B. selbstgewonnene ckandwirth- schaftliche Erzeugnisse, Druckschriften, Gegenstände, die von jeher im Umherzichen verkauft wurden u. s. w.

Deutsches Reich.

Berlin. Der Kaiser und die Kaiserin haben ihre Reise von Bergen nach Drontheim fortgesetzt. Am 14. gedenkt der Kaiser nach Norden weiterzufahren, während die Kaiserin sich mit der Eisenbahn nach Christiania begiobt und von dort auf dem Seewege nach Deutschland zurückkehrt. Die Ankunft der Kaiserin auf Schloß Wilhelmshöhe bei Kassel wo seit dem 7. Juli die Kaiserlichen Prinzen weilen ist für den 20. Juli geplant.

München, 16. Juli. Mehrere Ortschaften Ober­bayerns sind am Sonnabend von einer cyklonartigen Windhose heimgesucht worden. 200 Anwesen sind zerstört worden. 100 Pioniere sind zur Hülfclcistung abgegangen.

Aus Magdeburg wird berichtet: Das jetzige Vor­gehen der Polizei gegen die sogenanntenKonkurs- massen-Ausverkänfe" rc. hat schon recht gut gewirkt. Man sieht hier zur Zeit nur noch selten die rothen und gelben Plakate mit der großgedruckten Aufschrift Kouknrsmassen-Ausverkauf,"Restbestände der Xschen Konkursmasse" oder wie die Reklamen sonst heißen mögen in den Schaufenstern prangen. Nach einer Entscheidung des Reichsgerichts ist die unreelle, schwindelhafte Reklame als Betrug zu betrachten, sie fällt unter den Begriff der absichtlichen Täuschung und ist daher als Betrug zu bestrafen. Viele der soge­nannten Konkursmasscn-Ansverkünfe ergänzen ihr Lager fortgesetzt mit Mengen minderwerthiger Waaren, die sie als gute, von der Masse herrührende verkaufen. Wenn gegen derartige Schwindeleien mit aller Strenge vor- gegangen wird, so wird das der reellen Geschäftswelt zum Segen gereichen.

Essen. Der Geheime Kommerzienrath Krupp ver­handelt mit dem Eigenthümer der Elbinscl Wilhelmsburg bei Hamburg über den Ankauf größerer Ländereien zur Anlage einer Filliale seines Essener Geschäftes.

Culm, 11. Juli. Der Kassirer Lauterborn vom Vorschußverein ist plötzlich in Folge von Blausäure- vergiftung gestorben. Die noch nicht beendete Kassen- revision hat ein Defizit, bis jetzt im Betrage von 141,000 Mark, nachgewiesen.

Leipzig, 10. Juli. Der Postassistent Ulrich, welcher am 20. Mai unter Mitnahme von etwa 160 000 Mk. unterschlagener Gelder flüchtig geworden und in Alexanderstadt bei Wunsiedel in Bayern verhaftet worden war, ist heute vom hiesigen Schwurgericht wegen Unterschlagung im Amte, Unterdrückung von Briefen u. s. w. zu sieben Jahren Zuchthaus, Ab­erkennung der Ehrenrechte auf die Dauer von zehn Jahren und zu den Kosten des Verfahrens verurtheilt worden. Ein Monat Untersuchungshaft ist ihm auf die Strafe ungerechnet worden. Der Rittergutsbesitzer Crome auf Waeldgen, der der Ermordung seines Stiefsohnes angeklagt war, hat sich in der Nacht vom Mittwoch zum Donnerstag im Untersuchungsgefängniß zu Leipzig erhängt. Crome sollte demnächst vor dem Schwurgericht erscheinen.

Gera, 13. Juli. Der Verbrauch von Margarine ist hier ein sehr bedeutender; kein Wunder bei ben Futterpreisen von 1,20 1,40 Mk. pro Pfund! Das Wunder ist nur, daß gerade am Sonnabend, wenn dieMarktweiber", d. h Bauersfrauen und Händler am zahlreichsten in der Stadt sind, der Verbrauch der Margarine um das zehnfache steigt! Man munkelt deshalb von einer neuen SorteMargarine-Butter", die vom Land in die Stadt kommt; ebenso wie vonKasteneiern", die alsselbst- gelegte Landeier" zum Preis von 2 Mark per Schock gekauft und mit 34 Mark wieder verkauft werden! Kann Niemand ein Mittel angeben, Verfälschungen echter Kuhbutter mit Margarine an den Tag zu bringen? Das würde den soliden Geschäftsleuten nur sehr angenehm sein!

Sondershauscn, 13. Juli. Der Oberförster Gerlach und seine Frau wurden unter dem Verdacht, den Tod

ihres Dienstmädchens durch Mißhandlung verschuldet zu haben, verhaftet.

Heiligenstadt, 13. Juli. DieHeiligenstädter Zei­tung" bezeichnet nunmehr in einem längeren Artikel die angeblich in Kreutzcber vorgekommene und in der Presse viel besprochene Blutthat daß ein Vater seinem 2jährigen Kinde im Zorn die Händchen abgehackt habe als jeder Begründung entbehrend.

Ein eigenartiger Akt von Sclbsthülfe wird seit einiger Zeit von einem Fleischermeister in Ruhla gebraucht. Der Meister hat in seinem Laden ein schwarzes Brett ausgehängt, auf dem er die Namen derjenigen Kunden anbringt, von denen trotz aller Mahnungen kein Geld zu erlangen ist. Wie man hört wollen diesem Beispiel, da das Verfahren schon gute Erfolge erzielt hat, weitere Geschäftsinhaber folgen.

Coburg, 10. Juli. In der Jtz, an der Judenbrücke hier, ist gestern ein etwa dreipfündiger Dübling (Döbel, Squatus cephalus) beobachtet worden, der einen breiten dicken Moosgürtel am Rücken und Leib trägt. Der Fisch ist jedenfalls eine der ältesten Exemplare feiner Gattung und bis jetzt allen Nachstellungen entgangen. Bei Karpfen, die in Teichen ausgezüchtet werden und oft ein hohes Alter erreichen, hat man derartige Moos- wucherungen am Körper schon häufig beobachtet, nicht aber an Fischen, die in fließenden Gewässern leben.

Ausland.

Graz, 12. Juli. In dem Nachbarorte Schattleiter explodirte durch einen Blitzstrahl der Pulverthurm. Sieben Personen wurden getödtet.

Paris, 13. Juli. Eine in Frankreich unerhörte Thatsache macht Aufsehen: Ein junger Priester, der Vikar Bruneau, wurde wegen Ermordung seines Pfarrers und einer galanten Frau, sowie wegen Raub und Brandlegung zum Tode verurtheilt mit dem Zusatz, Bruneau sei in Laval, wo er sündigte, hinzurichten. Auch in Frankreich sieht man einer reichen Ge- treibternte entgegen. Nach der amtlich veröffentlichten Statistik ist der Stand des Winterweizens in 29 De­partements sehr gut, in 47 gut und in 14 befriedigend. Der Stand des Sommerweizens ist sehr gut in 8, gut in 24, befriedigend in 2 und mittelmäßig in 2 De­partements. Auch der Stand der übrigen Feldfrüchte ist ein gleich günstiger.

In dem großen Anarchistenprozeß in Barcelona wurde der Anarchist Salvador, welcher seiner Zeit das Bombenattentat im Liceo-Theater vollführte, zum Tode durch die Garolte verurtheilt. Es war kein Zwischen- fall vorgekommen.

Konstaiitiuopel, 12. Juli. Die Nachrichten, welche über das Erdbeben einlaufen, besagen, daß Angara furchtbar gelitten hat. Auch in Koma wurde ein sehr Parker Erdstoß verspürt, der jedoch keinen größeren Schaden anrichtete. In Aalova sind mehrere Häuser eingestürzt, einige Personen sind getödtet oder verletzt. An der anatolischen Eisenbahnlinie wurde das Erdbeben bis auf 480 Kilometer von Konstantinopel verspürt. Im Bosporus ist der Schaden unerheblich, dagegen haben die Prinzeninseln stark gelitten. Auch von anderen Inseln werden große materielle Schäden und zahlreiche Verluste an Menschenleben gemeldet. In San Stefano sind die katholische Kirche und sämmtliche Häuser des Klosters der Capuzinermönche eingestürzt. Unter den Trümmern sind fünf Frauen begraben; außerdem fielen dort noch sechs Menschen dem Erdbeben zum Opfer. Mehrere Eisenbahnstationen in der Nähe Konstantinopels sind zerstört. Das Elend unter der Bevölkerung ist ungeheuer. Der Sultan opfert unermüdlich Geld und Nahrungs­mittel. Viele hundert Menschen wurden getödtet oder verwundet. Der Schaden beträgt gerüchtweise über 50 Millionen Pfund. Die Geschäfte, alle Aemter und die Börse sind fortdauernd geschlossen. Die Bazar- trümmer werden militärisch bewacht. Die Moscheen sind gesperrt, die Aja Sophia ist nur leicht beschädigt. Die Telegraphenämter und die Zollämter sind in Zelten untergebracht. Alles flüchtet. Die Botschaftsparks und öffentlichen Gärten sind von Obdachlosen überfüllt. Auf dem österreichischen LloyddampferAmphitrite" finden mehrere hundert Personen freie Lagerstelle und Be­köstigung.

Newyork, 14. Juli. Im Verlaufe des Streiks sind 17 Personen getödtet worden; der durch denselben an» gerichtete Schaden wird auf 4 Millionen Dollars geschützt.