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.M 53. Mittwoch, den 4. Juli > 1894.
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^Nolllltt^; °us die „Schlüchterner Zeitung"
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Entkräftung des deutschen Erwerbslebens.
Das Rcichs-Vcrsichcrungsamt hatte für die Welt Ausstellung zu Chicago einen „Leitfaden zur Arbeiter Versicherung des Deutschen Reiches" hecausgegebcn, welcher eine Zusammenstellung der Ergebnisse bis Ende 1892 bringt. Danach beträgt der Vermögensstand der Krankenkassen 110,009,000 Mk.
der Unfallversicherungs-Bcrufs- genossenschaften 101,000,000 „
der Jnvalidiküts- und Alters
versicherung . 152,850,000 „
Ende 1892 Gcsammtvermögcu 363,850,000 Rkk.
Auf Seite 26 der Schrift heißt es, daß in den wenigen Jahren dieser Arbeiter-Gesetzgebung nahezu eine Milliarde Mk., und zwar annähernd znr Hälfte seitens der Arbeitsgeber, bezahlt wurde. Die Ansammlung von Reserven für die Kranken- und Unfall-Versicherung wird noch viele Jahre lang in bisheriger Weise ihren Fortgang nehmen und jährlich, wie aus obigen Zahlen zu schließen, etwa 40 Millionen fcstlegcn. Es wird angenommen, daß bei der Alters- und Juvaliditäts- Versicherung nach 17 Jahren erst dcr Beharrungs-Zustand eintritt, d. h. bis dahin hauptsächlich gesammelt und dann ebenso viel ausgezahlt wie eingenommen wird. In dieser Zeit werden also wie 1891 und 1892 etwa 80 Millionen jährlich in Reserve gelegt, abgesehen von den für Verwaltung und Renten erforderlichen Summen. Und auch nach dieser Zeit fließen die Eingänge nicht ins Erwerbsleben zurück, sondern dienen nur zur Lebenshaltung von Leuten, die nichts mehr verdienen können.
Eine Folge dieser Aufsaugung unserer flüssigen Mittel des in den erwerbenden Betrieben umlaufcndcn Blutes, ist, daß seit lange Ueberfluß an Kapital für pupillarischc Anlagen herrscht, und der Zinsfuß dafür niedrig bleibt, während nicht pupillarischc Sicherheiten, wie zweite und fernere Hypotheken, sowie Jndustricpapiere, sich nur mit Opfern verwerthen lassen. Wir stehen aber jetzt erst am Anfang dieser Kapital-Ansammlung, und es ist zu erwarten, daß die erwähnten Geldmarkr-Verhältnisse sich immer mehr verschärfen, je mehr die Betriebsgelder sich in todte Anlagen verwandeln. Die vom Vcrsichernngs- Amt hervorgehobene halbe, dem Erwerbsleben entzogene Milliarde wird auf mehrere Milliarden steigen, ehe eine Verminderung der Abgaben eintritt. Während man der Industrie solche Lasten aufbürdet, wird sie gleichzeitig durch, andere Gesetze in ihrem Erwerb behindert. Die Verwendung von Frauen und jugendlichen Arbeitern ist eingeschränkt, die Verunreinigung von Luft und Wasser wird mit schweren Strafen belegt und sogar durch polizeiliche Schließung der Fabriken geahndet. Die Vertreter zahlreicher Ueberwachungs-Behörden gehen in den Fabriken ein und aus und erwecken in den Besitzern das Gefühl, als ob sie unter Polizei-Aufsicht ständen. Bald wird auch das Gesetz über die Sonntagsruhe in Kraft treten, welches die Leistungsfähigkeit, also den Umsatz vieler Fabriken vermindert.
Die Entziehung des Kapitals im Verein mit den gesetzlichen Erschwerungen des Betriebs haben schon zur Folge, daß wenig Neues entsteht, und können, da sie sich beständig verschärfen, auch das Gedeihen der bestehenden Anlagen ernstlich gefährden. Nach jetziger Annahme treten aus unserer Bevölkerung von 50 Millionen im Beharrungszustand des Jnvaliditütsgesetzes, also in 17 Jahren, 1,500,000 Hilfsbedürftige in den Genuß von 330 .Millionen Mark Jahresraten. Wer wird aber die andern Millionen Menschen erhalten, welche arbeitslos werden können, wenn wir von den weniger belasteten Industrien anderer Länder aus dem Weltmarkt gedrängt werden? Wir wollen hiermit nur auf die Gefahr Hinweisen und hoffen, daß Regierung und Volk, welche gemeinsam und in bester Absicht jene Gesetze geschaffen haben, auch Mittel finden werden, den drohenden Folgen vorzubeugen.
Deutsches Reich.
Berlin, 2. Juli. Das Kaiserpaar hat heute Vormittag um 103/4 Uhr an Bord der „Hohenzollern" die Nordlandsreise von Kiel aus angetreten.
— Gesuche um Gewährung von Veteranenpensionen
für die Theilnehmer an den letzten Feldzügen nach Art des Ehrensoldes für die Veteranen von 1813 bis 1815 sind auf Grund einer in der letzten Reichstagssession gegebenen Anregung in großer Zahl der Regierung unterbreitet worden, indessen scheinen dieselben kaum auf Berücksichtigung rechnen zu dürfen. Die officiösen „Berl. Pol. Nachr" schreiben nämlich darüber: „Man macht sich augenscheinlich die finanzielle Tragweite einer solchen Maßregel nicht klar. Unter Zugrundelegung des bei Lebensversicherungen oder sonst gesammelten thatsächlichen Materials über die durchschnittliche Lebensdauer derjenigen Altersklassen, die an den Kriegen theilgenommen haben, darf angenommen werden, daß sich noch etwa eine halbe Million Männer am Leben befinden, 8 an den letzten Kriegen theilgenommen haben, also sur die Gewährung einer Veteranenpension in Betracht kommen würden. Die Pension für die Veteranen aus den Kriegen von 1813 bis 1815 betrug schließlich 240 Mark; es ist nicht anzunehmen, daß .diejenigen, welche die Erweiterung der Pensions- gewühruug auf die Veteranen von 1870,71 und aus den vorhergegangenen Kriegen ausgedehnt zu sehen wünschen, einen niedrigeren Betrag im Auge haben. Eine Pension von 240 Mark für 500,000 Mann macht im Jahre 120 Millionen Mark an Pensionen. Gegenüber solcher Summe ist der Hinweis auf den Kapitalüberschuß des Reichsinvalidenfonds belanglos; dieser Ueberschuß würde nicht einmal für die Decknng der ersten Jahresrate ausreichen. Die Beteranen- pensionen würden vielmehr so ziemlich im vollen Betrage den Steuerzahlern zur Last fallen und zwar Angesichts der Thatsache, daß die jetzigen Einnahmen zur Deckung der bereits bewilligten Ausgaben noch nicht hinreichen, also die Erhöhung der bestehenden Steuern um etwa 120 Millionen Mark im Jahre nothwendig machen. Und zwar gleichviel, ob man die Deckung durch Erhöhung der eigenen Einnahmen des Reiches oder durch Ausschreibung höherer Matrikularumlagen anstrebt. Letzteren Falles würde z. B. für Preußen ein Zuschlag zur Einkommensteuer von 60 pCt. oder etwa von sieben Monatsraten nothwendig werden. Man sieht daher, daß es sich um Illusionen handelt, die bei der Prüfung mit dem Rechenstifte sich in Nichts auflösen.
Glast, 1. Juli. Die im vorigen Jahre zu mehrjähriger Festungshaft verurtheilten und hier internirten zwei französischen See-Osficiere Dcgony und Delguey sind begnadigt und heute aus der Haft entlassen worden.
Lübeck, 28. Juni. Wegen Kindesmordes wurde heute die Hebamme Langmaak vom hiesigen Schwurgericht zum Tode verurtheilt. Die Angeklagte halte ein Kind der unverehelichten Wichmann, das diese in ihrem Hause geboren hatte, in einer Badewanne ertränkt. Die unverehelichte Wichmann, welche die Beseitigung des Kindes ohne Widerspruch hatte geschehen lassen, wurde wegen Beihülfe zum Morde zu 1 Jahr Gefängniß und der Bräutigam der Wichmann, der vor der Hebamme gewünscht hatte, daß „der liebe Gott das kleine Wesen gleich wieder zu sich nehmen möge" und ihr event. 100 Mk. versprochen hatte, wegen Anstiftung zum Morde zu 4 Jahren Zuchthaus verurtheilt. Die Gerichtsverhandlung nahm theilweise einen dramatisch bewegten Verlauf.
Auf dem Jahrmarkt in Königsberg i. Pr. entstand am Mittwoch durch einen zerbrochenen Benzinballon ein Brand, der drei Marktbuden einäscherte. Eine Frau verbrannte vor den Augen der entsetzten Zuschauer. Außerdem gerieth ein vierjähriges Mädchen in die Flammen und trug lebensgefährliche Verletzungen davon. Das Fener ist durch den Muthwillen mehrerer Knaben verursacht worden.
Breslau, 30. Juni. Gestern Nachmittag stürzte in der Hubenstraße ein Neubau ein. Der Bauherr, sowie zahlreiche Arbeiter wurden unter den Trümmern begraben. Mehrere Personen sind schwerverletzt in das Hospital befördert worden. '
Reichcnberg i. Schlesien, 29. Juni. Bei einem gestern Vormittag erfolgten Hauseinsturz sind 30 Personen unter den Trümmern begraben worden. Bisher sind 8 Leichen gefunden worden; 19 Personen haben Verletzungen erlitten, man befürchtet, daß die noch fehlenden 3 Personen todt sind.
Dresden Wegen fortgesetzter Thierquälereien, begangen an jungen Vögeln, sind in Zöblitz bei Lengefeld im Königreich Sachsen dreizehn Schulknaben polizeilich
mit Hieben in Gegenwart des Arztes und in Anwesenheit der Mitschüler durch den Schulhausmann bestraft worden. Der Vater eines der bestraften Knaben hat bei der Staatsanwalt Beschwerde eingereicht, aber ohne Erfolg. Bravo!
Auch die sozialdemokratische Vereinsbäckerei in München ist, wie die in Berlin und Hamburg verkracht. Das Geschäftsjähr 1893 hat mit einem Verlust von 1535 Mark abgeschlossen und ein Mitglieder-Guthaben ist wicht mehr vorhanden.
Augsburg. Ein eigenartiges Rennen, welches den Sieg eines Fahrrades über ein Rennpferd davontrug, bot das Augsburger Pferderennen am 10. Juni. Am nämlichen Tage, an welchem das Pferderennen in Augsburg abgchalteu wurde, startete auf der Pferderennbahn (Grasbahn) bei strömendem Regen Herr Fischer-Augsburg auf einem „Viktoria-Rennrad" gegen das Rennpferd „Schadschimmel" auf 3000 Meter Distance und schlug letzteres mit ca. 80 Meter Vorsprung. Ein abermaliger Beweis der Uebcrlcgcnheit eines Radfahrers dem Reiter gegenüber auch auf kurzen Strecken.
Mainz, 28. Juni. Ueber den Unglücksfall, welche dieser Tage bei einer Fclddienstübung der Husaren in der Gegend von Hochheim vorgekommen ist und mit dem Tode des getroffenen 20jährigen Soldaten H. Falk, des einzigen Sohnes einer hochachtbaren Mainzer Familie, endigte, wird jetzt folgendes Nähere berichtet: Die Husaren waren in verschiedenen Abtheilungen Patrouille geritten, bei deren Beendigung sie ihre Carabiner, soweit solche mit Platzpatronen geladen waren, entluden. Der unglückliche Soldat hielt während dieser Zeit das Pferd eines mit dem Entladen beschäftigten Soldaten, als durch irgend eine unvorsichtige Bewegung der Schuß aus des Letzteren Carabiner losging und der Pfropf dem mit dem Pferde dicht dabei Stehenden in den Leib drang und Magen, Blase und Leber zerriß. Der Verletzte wurde in das Lazareth gebracht, sofort war ärztliche Hülfe zur Stelle, doch nach wenigen Stunden gab der junge Mann seinen Geist auf. Der Kamerad des Verstorbenen, durch dessen Waffe das Unglück hervorgerufen, wurde in Untersuchungshaft genommen.
Ausland.
Paris, 2. Juli Das gestrige Begräbniß des Präsidenten Carnot gestaltete sich zu einer glänzenden Kundgebung der Volkssympathie für den Verstorbenen. Perier's Anwesenheit hinter dem Sarge seines Vorgängers wird als ein günstiges Zeichen des Muthes und der Solidarität beurtheilt. — Die Begnadigung der französischen Officiere auf der Festung Glatz hat hier den besten Eindruck gemacht. Publikum und Presse Pflichten Perier bei, welcher dem Grafen Münster bei Ankündigung des Gnadenactes des Kaisers antwortete: derselbe werde den Franzosen tief zu Herzen gehen.—Der „Petit Marseilleis" bringt Einzelheiten über eine entdeckte Verschwörung gegen Carnot. Am Montag äußerte ein erst kürzlich eingestellter, gegenwärtig im Militürgcfäugniß befindlicher Soldat auf die Nachricht von dem Attentate auf Carnot, er wüßte, daß Carnot in Lyon ermordet werden sollte. Cesario sei durch das Loos für die Ausführung des Attentats bestimmt. Der Soldat erzählte, daß in Folge der Hinrichtungen Vaillant's und Henry's eine Gruppe von sieben Anarchisten den Tod Carnots beschlossen habe. Durch das Loos sei Cesario bestimmt worden, der hierüber sehr erfreut gewesen. In Folge unbedeutenden Wortwechsels mit seinem Arbeitgeber habe Cesario am 22. Juni letzeren verlassen, sich den Lohn auszahlen lassen und den Dolch gekauft; hierauf sei er nach Lyon abgereist. Der Soldat habe diese Geständnisse vor Gericht wiederholt und die Namen der sieben Mitverschworenen angegeben. Letztere dürften bereits verhaftet sein, oder die Verhaftung ist unmittelbar bevorstehend. — Cesario wird am 23. Juli vor seine Richter kommen, und zwar nicht vor die Assisen, sondern vor den als Gerichtshof konstituierten Senat. Die Strafe, welche die Mörder des Staatsoberhauptes trifft, ist die gleiche, wie bei Vatermord, nämlich der Tod durch die Guillotine, wobei ein besonderes äußeres Ceremoniell beobachtet wird. Der Delinquent muß nämlich barfuß, im Hemd und mit einem über den Kopf geworfenen schwarzen Schlei r zum Richtplatz gehen. Photographien, wie sie zur Untersuchung nothwendig sind, konnten bis jetzt keine von Cesario gemacht