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Erscheint Mittwoch u. Samstag — Preis mit „Kreisblatt" u. „Jllustrirten Familienfreund" vierteljährl. 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf.
Mittwoch, den 9. Mai
Deutsches Reich.
Berlin, 6. Mai. Der Kaiser hat seit seiner Rückkehr aus dem Süden täglich in Berlin Truppenbesich- tigungen abgehalten und mit dem Reichskanzler, dem preußischen Ministerpräsidenten Grafen Eulenburg, dem Staatssekretär von Bötticher und dem Staatssekretär Freiherrn von Marschall konferirt. Am Sonnabend Abend wohnten der Kaiser und die Kaiserin im Circus Renz in Berlin einem historischen Concert zum Besten des Kaiser-Wilhelm-Denkmals auf dem KyffhÜuser bei und kehrten später nach Potstam zurück. Sonnabend Vormittag hatte in Gegenwart der Kaiserin die feierliche Einweihung der Lutherkirche auf dem Dennew tz Platz in Berlin stattgekunden.
— Die preußische Eisenbahnverwaltung wird jetzt die erste Wagenllasse, nachdem sich gezeigt hat, daß dieselbe nur sehr wenig benutzt wird, auf einzelnen Strecken auSsallen lassen resp, beschränken. So ist dieselbe nach der „Dortm. Ztg." am 1. Mai er. auf den Strecken Wesel-Geldcrn-Venlo, Münster-Grouau ganz, auf der Strecke Hamm-Dortmund-Köln, Wanne-Bochum und anderen nur bei einigen Zügen fortgefallen. Durchgehende Fahrkarten, die auch über eine solche Strecke lauten, werden für die erste Klasse nicht mehr ausgcgcbcn, vielmehr muß der Passagier sich für denjenigen Theil der Strecke, welche noch erste Klasse hat, falls er diese benutzen will, eine Zuschlagskarte nehmen.
— Infolge der geplanten Neuordnung der preußischen Staatseisenbahnen werden in folgenden Städten an Stelle der Betriebsämter Betriebsinspektionen errichtet werden: Berlin, Breslau, Görlitz, Stralsund, Stettin, Guben, Kottbus, Altona, Hamburg, Kiel, Flensburg, Schneidemühl, Stolp, Danzig, Königsberg i. Pr, Allenstein, Thorn, Bromberg, Posen, Oppeln, Kattowitz, Ratibor, Neisse, Glogau, Lissa i. P, Magde- burg, Halberstadt, Braunschweig, Bremen, Hannover, Paderborn, Harburg, Cassel, Frankfurt a. M., Nord hausen, Wiesbaden, Münster, Dortmund, Essen, Düsseldorf, Wesel, Köln, Neuwied, Trier, Koblenz, Krefeld Saabrücken, Aachen, Erfurt, Weißenfels, Dessau, Halle a. S., Hagen und Altena i. W.
— Mit Hilfe der vom Kaiser bewilligten Mittel will der Deutsche Verein zur Förderung der Luftschiff- fahrt im Laufe der nächsten Monate einige kleinere Luftballons mit selbstschrcibendcn meteorologischen Apparaten in solche Höhen aufsteigen lassen, welche dem Menschen in Folge der Luftverdünnung nicht mehr zugänglich sind. In den amtlichen Organen der Kreisbehörden wird jetzt um möglichste Förderung des Unternehmens gebeten und eine Belohnung von 50 Mark demjenigen zugesagt, welcher einen solchen Ballon in gutem Zustand und den Apparat unbeschädigt und un- eröffnet zurückliefert.
— Die Tabakfabrikanten waren von der „Nordd Allg. Ztg." aufgefordert, doch selbst Vorschläge zu machen für die höhere Belastung des Tabaks und die Gestaltung der Tabalfabrikatsteuer. Dazu bemerkt ein Leser der „Deutsch Tabak-Ztg.": „Wozu sollen wir uns den Strick selbst drehen, an dem uns ein anderer aufhängen will? Wenn man einzelne Klassen der Gesellschaft auffordern will, sich selbst Opfer an Steuern aufzuerlegen, so wende man sich doch einmal an solche, welche mit größerer Leichtigkeit geben können! Man fordere einmal die jetzigen und früheren Minister, die aktiven und die pensionirten Generale auf, ihrerseits etwas zur Rettung des Reiches und der angeblichen Finanznoth dcizutragcn! Wenn alle die höheren Osficiere und Minister, ob aktiv oder in Pension, von ihren Bezügen im Verhältnisse Abstriche machen lassen, so gibt das voraussichtlich eine recht stattliche Summe."
— In dem Chef des Welthauses Rudolf Hertzog, der nach kaum zweitägigem Krankenlager in Karlsbad am Gehirnschlag gestorben ist, ist wohl der bekannteste Kaufmann der Reichshauptstadt dahingegangen. Er war am 15. Juni 1815 geboren und noch vor'wenigen Wochen konnte man den nahezu 79jährigen Greis in voller Schaffenskraft in seinem Hause wirken sehen. Das Geschäft in der Breitenstraße, das mit Recht einen Weltruf genießt, wurde 1839 gegründet; es entstand aus kleinen Anfängen, dem Fleiß, den umfangreichen Kenntnissen und der Solidität seines Begründers verdankt es seine heutige Größe. Als Hertzog 1889 sein fünfzigjähriges Jubiläum feierte, erklärte er, „mit nichts
angefangen“ zu haben. Eine Vorstellung von dem Geschäft erhält man, wenn man bedenkt, daß das Personal aus 500 Personen besteht, wovon allein 1'00 Hausdiener sind, daß gegen 100 Fabriken, darunter welche in Frankreich, England, Amerika und in der Schweiz, dafür arbeiten, und daß der Versand täglich sich allein auf 13 -1400 Postkollis stellt. Die Art, wie er durch Kataloge, Anzeigen rc. seine Firma mit dem kaufenden Publikum in ganz Deutschland in Verbindung brächte, hatte auch eine national-mirthschaftliche Bedeutung: es wurde dadurch den großen Pariser Magazinen, wie Louvre, Printemps u. s. W., ein Gegengewicht geschaffen, das zur Einschränkung des Verbrauchs solcher ausländischen Waaren, die ebenso gut oder besser in Deutschland hergestellt werden, unzweifelhaft erheblich beigetragen hat.
Das Schützenbataillon in Zwickau hat neuerdings Versuche über die Durchschlagsfähigkeit der neuen Geschosse des Jnfanteriegewehrs auf massive Mauern gemacht. Eine Abtheilung von zwölf Schützen schoß aus einer Entfernung von 300 Meter auf eine wenige Tage vorher ausgeführte Mauer, die 2 Hz Meter hoch und 42 Zentimeter stark war. Schon nach der neunten Salve war die Mauer zerstört; sie glich einem Trümmerhaufen, der kein Hinderniß mehr für eine vorrückende Truppe war.
Aus der Provinz Sachsen, 4. Mai. Ein Akt laudcsväterlichcr Fürsorge des Kaisers wird aus Witten- berg berichtet. Im Jahre 1892 hatte ein daselbst verstorbenes Fräulein Mahlendorf der Stadt ihre Hinterlassenschaft (120,000 Mark) vermacht.' Nun stellte sich heraus, daß die Verstorbene ganz arme Verwandte (einen blinden Cousin und eine Cousine) hatte, deren sie in ihrem Testament nicht gedacht. Von dieser Thatsache erhielt auch der Kaiser Kenntniß, und nun wurde der Stadt Wtttenberg bedeutet, daß die Genehmigung zum Antritt der Erbschaft nur werde ertheilt werden, wenn der blinde Cousin 5000 und die Cousine 3000 Mark von der Stadt erhalte. Nachdem diese Vorbedingung jetzt erfüllt ist, wurde die Genehmigung ertheilt. — In Eisleben ist die Zahl der Jmpfgegner eine sehr große. Mehr als 200 Personen haben dort jetzt Strafmandate über je drei Mark wegen Jmpf- vcrweigernng erhalten. 67 der vorläufig Bestraften wollen es auf gerichtliche Entscheidung ankommen lassen.
Heiligenstadt, 4. Mai. Vor einigen Tagen ging eine Notiz durch die Blätter, wonach der be—rühmte Berliner Bandwurmdoctor Richard Mohrmann jetzt in | New-Aork als „Specialist gegen Influenza wirke." Es ist interessant daher, wohl jetzt zu erfahren, auf welche Weise Mohrmann aus Deutschland entwichen ist. M. befand sich in Heiligenstadt in Untersuchungshaft und wurde von hier aus nach Braunschweig zu einer gegen ihn dort anberaumten Verhandlung geführt. Es war nun gerade Messe in Braunschweig, auf welcher es M. gelang, dem Transporteur M. Viel von hier in dem Gedränge zu entkommen. M. wandle sich sofort nach Amsterdam und von dort aus nach Amerika. Viel wurde nunmehr zu 6 Mark Geldstrafe wegen „fahrlässigen Entwischenlassens eines Strafgefangenen" in der vorgestrigen hiesigen Schösfengerichtssitzung verurtheilt.
Crefeld, 2. Mai. Am Sonntag Abend wurde ein Gutsbesitzer aus Osterath auf dem Heimwege Überfällen und beraubt. Die Criminalpolizei ermittelte den Straßenräuber und traf denselben gestern Nachmittag im Felde in der Nähe des Schlosses Pesch. An der Verfolgung betheiligten sich ein Criminalbeamtcr von hier, die Osterather Polizei sowie eine Anzahl Bürger- aus der Umgebung, wobei der Verfolgte sich mit einem Revolver und einem Messer heftig zur Wehr setzte. Hierbei büßte ein Bahnbeamter aus Osterath durch einen tödtlichen Stich das Leben ein, worauf die Beamten ohne Erfolg von ihren Schußwaffen Gebrauch machten. Schließlich gelang es dem Criminalbeamten, den Räuber zu ergreifen. Dieser wehrte sich jedoch so verzweifelt, daß der Beamte den Revolver zog und den Angreifer medcrschoß. Die Kugel ging ihm durch den Kopf, der Tod erfolgte sofort. Der Gctödtete ist der wegen eines in Oberhausen begangenen Verbrechens verfolgte Metzgcrgcsclle Jacob Christ aus Masterhausen, Kreis Zell a. d. Mosel.
Der Panther ist los! Das war der Schreckensruf, der das Jahrmarktspublikum von Köln in wilder Panck auseinandertrieb. Der Panther hatte das Käfiggitter
durchschlagen und war mit mächtigem Satze über die Köpfe der Zuschauer hinweg ins Freie entwichen. Ein Leonberger Hund war sein erstes Opfer. Dann stürzte sich die Bestie auf ein Droschkenpferd und wurde, während sie die Pranken in das Thier schlug, von einem Fenster aus durch einen sicheren Schuß getödtcl.
Boppard, 3. Mai. Vorgestern wurden mehrere junge Leute, die von der Kirmes in Dörth heimkehrten, von einem Burschen mit einem Dolchmesser Überfällen. Einer der Leute, dem der Bauch aufgeschlitzt wurde, starb auf der Stelle. Reine Mordlust soll das Motiv zu der schrecklichen That gewesen sein. Der Mörder wurde verhaftet.
Von Ulm wird berichtet, daß der im Jahre 1890 ausgebaute und s. Z. durch das große Jubiläum ein- gewcihte 161 Meter hohe Münsterthurm, welcher nach dem Eisfelthurm das höchste Bauwerk der Erde ist, (Washington-Monument 159 Meter, Cölner Dom 156 Vieler, Pyramiden von Gizeh 151 Meter) vom 1. Mai d. J. ab bestiegen werden kann. Bisher waren die großen Schönheiten des Thurmes wenig sichtbar, weil Helm und Achteck durch Gerüste verhüllt waren, die zur Fertigstellung innerer Bauten nöthig waren. Jetzt aber sind die Gerüste abgenommen und der ganze Thurm steht in überwältigender Pracht und Größe da.
Mannheim. Von den vier Brandstiftungsfällen, die in der gegenwärtigen Sitzungsperiode des Schwurgerichts zur Aburtheilung gelangten, richtete sich der schwerste gegen den 26 Jahre alten Kaufmann Hermann Grünstein von Romsthal. Grünstein beabsichtigte, in Gemeinschaft mit dem Reisenden Julius Bcck in Mainz eine Schuhfabrik zu gründen und hatte sich zu einer Einlage von 20,000 Mk. verpflichtet. Um diese Summe flüssig zu machen, mußte er sein Kleider-, Schuh- und Hutgeschäft, das er in Wertheim g. M. betrieb, vek- kaufen, allein es fand sich kein Liebhaber. Er beschloß deßhalb, durch Jnbrandsetzcn der Waaren eine höhere Versicherungssumme zu erlangen. Am Abend des 17. Februar stellte er fünf Flaschen Petroleum, denen er die Köpfe abgeschlagen hatte, an verschiedenen Stellen seines Ladens unter die Regale. In die Hälse der Flaschen steckte er je einen Papierfidibus, den er umbog und auf dem Holzschaftc mit Wachstropfen befestigte; auf das Ende stellte er eine Wachskerze. Dann zündete er die fünf Kerzen an und begab sich in seine Wohnung. Durch diese rafinirte Einrichtung erreichte er, daß sich das Petroleum nicht sofort, sondern erst dann entzündete, ! nachdem die Lichter beruntergebrannt waren. Morgens zwischen 3 und 4 Uhr wurden die im zweiten Stock des Hauses wohnende Ehefrau des Viehhändlers Nathan Spatz und der Nachbar Jak. Volkhard durch den Brandgeruch aufmerksam und konnten die Bewohner des Hauses — drei starke Familien und zwei ledige Personen — noch rechtzeitig warnen, so daß sie dem Erstickungstode durch die Flucht die Hintertreppe hinab entgehen konnten. Das Vorderhaus war nicht mehr zu passiren. Die Feuerwehr löschte den Brand, der noch nicht viel Schaden augerichtet, sehr bald. Grünstein erhielt eine Zuchthausstrafe von 3 Jahren 6 Monaten, 1500 Mk. Geldstrafe und fünfjährigen Ehrverlust.
Anskarrd.
Wien, 5. Mai. Der bekannte Kunstschwimmer Groebel ist heute Nachmittag noch der Luegloch-Höhle abgereift und will versuchen, durch eine Leine eine Verbindung mit den in der Höhle eingeschlossenen herzustellen, um die Beförderung von Lebensmitteln und die Erleuchtung der Höhle zu ermöglichen. Der Minister des Innern bewilligte Groebel die Mittel zur Reise und hat die Behörden angewiesen, Groebel bestens zu unterstützen. — Die Eingeschlossenen in der Lueg- höhle scheinen zweifellos verloren, da neuerdings starker Regen eingetreren ist. Für die umliegenden Ortschaften wird eine Wasserkatastrophe befürchtet.
Graz, 7. Mai. Soeben, 11 ' s Uhr, trifft aus Peggau die telegraphische Nachricht ein, daß die in der Lugloch-Höhle eingesperrt gewesenen sieben Personen (der achte Theilnehmer der Partie war zurückgeblieben) lebend aufgefunben wurden. Um halb elf Uhr Vormittags drang ein Pionier durch den gesprengten Stollen und fand Alle vor. Ihre Befreiung wird raschestens durch- gesührt. Die Rettungsnachricht erregt freudige Bewegung.
Von den heftigen Erdbeben in Griechenland, die etwa acht Tage angedanert habe», ist insbesondere daS