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Erscheint Mittwoch u. Samstag — Preis mit „Kreisblatt" u. „Jllustrirten Familienfreund" vierteljührl. 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf.
,M 35. Mittwoch, den 2. Mai 1894.
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Das Himmelfahrtsfest ist vielen noch ein fremdes, in das sie sich mir ihren Gedanken nur schwer hineinleben können. Und doch müßte es uns allen ein trautes, frohes, hoffnungsreiches sein. Wie es uns beim Blick auf unser Sterben, das mit jedem Tag uns um 24 Stunden näher rückt, ein lichter Trost wird, daß unser Heiland den finstern Todesweg uns vorangcgangcn ist, so ist es uns eine kraftvolle Weissagung, daß der Sohn Gottes, der uns seine Freunde und Brüder genannt hat, vor den Augen seiner Jünger in die Welt der Vollendung, in sein Vaterhaus heimgekehrt ist. Mitten unter den Todes- kämpfen des Lebens steigt vor uns wie ein Morgen- glanz der Ewigkeit die Gewißheit auf, daß, wenn diese Kämpfe ausgekämpft sein werden, auch uns der erhöhte Heiland die Pforten der ewigen Heimath öffnen wird. Himmelfahrt — Heimfahrt! Gottlob, daß wir uns ihrer getrosten können, und daß das Heimweh, das jedem Erdgeborenen in die Wiege gelegt ist, kein ungestillter Durst bleiben soll. Das von Sünden und Seufzern erfüllte Leben ist nichts anderes, als eine Variation des Psalmes: „Wie der Hirsch schreiet nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott, zu dirs meine Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott; wann werde ich dahin kommen, daß ich Gottes Angesicht schaue?" Manche heilige Stunde giebt es wohl, sei es in Freude oder in Trübsal, da wir die Flügel zur Auffahrt heben; aber von unsrer Schwäche, wie von Bleigewichten immer hinabgezogen, sinken wir klagend in Seit Staub zurück, bis dein Erlösten, dem Geretteten die Stunde der Freiheit schlagt, in der er zur ewigen Heimath zurückkehrt, in der sein Sehnen und Hoffen sich erfüllt und sein Glauben zum Schauen wird.
Die Arbeiter in den Bereinigten Staaten.
Die Vereinigten Staaten sind augenblicklich der Schauplatz eines Vorgangs, der für die dortigen wirth- schaftlichen Zustände außerordentlich kennzeichnend ist. In allen Staaten schaaren sich beschäftigungslose Arbeiter zu Hunderten oder zu Tausenden zusammen, um nach der Bundeshauptstadt Washington zu ziehen und dort in imposanter Menge vor dem Kapitol ihre Noth zu klagen und die Forderungen zu stellen, deren Er- süllung nach der Ansicht ihres Führers Coxcy, eines sonderbaren Heiligen, dem Nothstand ein Ende bereiten könnte. Der seltsame Kreuzzug hat in den Vereinigten Stauten ernste Besorgnisse hervorgerufen, denn die Arbeiter-Heere, denen sich eine Menge berufsmäßiger Stromer und Abenteurer angeschlossen haben, verfügen über keinerlei Mittel und sie sind daher darauf an gewiesen, ihre Verpflegung auf dem Weg der Brand- schatzung zu bewerkstelligen, wobei den Vorrathskammern bei Farmer bös zugesetzt wird. Außerdem haben die Wallfahrer, die den weiten Weg nicht zu Fuß zurücklegen wollen, Hic und da Gewalt angewcudet, um sich in den Besitz von Eisenbahnzügen zu setzen, deren Benutzung ihnen von den betr. Gesellschaften verweigert worden war. Daß von solchen Horden, zumal bei der Unzulänglichkeit der bewaffneten Macht, die schlimmsten Dinge zu befürchten sind, ist selbstverständlich, und die Bundesregierung wird wohl endlich umfassende Maßnahmen treffen müssen, um den anrückenden Banden energischen Widerstand entgegenzusetzen.
Die weilverbreileste Ansicht, daß die Vereinigten Staaten ein Paradies für den Arbeiter seien, hat durch die jüngsten Berichte über diese Bewegung einen starken Stoß erlitten. Und fürwahr, die Leute, die sich bei uns so. phantastische Vorstellungen von den herrlichen Zuständen in dem freien Amerika machen und gerne auf dieses als ein vorbildliches Musterland Hinweisen, wurden nicht übel enttäusch! fein, wenn sie sähen, wie dort gearbeitet werden muß und wie ganz anders dort, z. B. in Betrieben, die das Ideal unserer Arbeiterführer, den Achtstundentag, eingeführt haben, die Kraft jedes Einzelnen ausgenützt wird, als bei uns. Die Gemüthlichkeit, mit der bei uns, namentlich in gewissen Hand- lverken, noch nach alter Vätersitte „gearbeitet" wird nach dem Spruch: „Komme ich heute nicht, komme ich morgen!",
den Schlendrian, bei dem die Zeit vielfach vergeudet wird, kennt der Amerikaner nicht. Der große Sklavenhalter „Dollar", der alle, Arbeitgeber und Arbeiter, mit der gleichen Peitsche hetzt und zur äußersten Leistung antreibt, duldet dergleichen nicht. Zwar sind die Löhne drüben, weit höher, dafür sind aber auch alle Lebensbedürfnisse theurer als in irgend einem Land Europas.
Unabhängig von der Massenbewegung der Arbeitslosen, aber doch gleichfalls mit den gedrückten Gcschüfls- verhältnissen der Union in Zusammenhang stehend ist eine zweite Erscheinung in der Arbeiterwelt, die in ihren möglichen Folgen noch viel größere Gefahren birgt, Gefahren, die das ganze Erwerbs- und Verkehrsleben des Landes in Mitleidenschaft ziehen können. Ein Streik von gewaltigem Umfang ist in den großen Kohlen- gcbieten von Pennsylvanicu ausgcbrochcn, jenem Staat, der einen großen Theil der Union mit seinen weichen, unseren Braunkohlen ähnlichen Kohlen versieht. Man schätzt die Zahl der streikenden Kohlenarbeiter auf 130000. Der Streik, der um sich gegriffen hat wie ein Prairie- feuer, ist bereits nach Maryland, Ohio, Illinois, Tennessee und einem Theil von Virginia übergesprungen und schon wird gemeldet, daß etwa weitere 8000O Arbeiter die Arbeit niederlegen werden. Der Ausgang dieses ungeheuren Streiks wird wesentlich von der Haltung der Arbeiter in Kansas, Missouri, Jndiana und West- Virginia abhängen, wo gegenwärtig noch gearbeitet wird, aber die Streikapostel bereits eifrig bemüht sind, den Ausstand auch auf diese Gebiete zu übertragen. Wenn die dortigen Arbeiter ebenfalls streiken, dann wird die Rückwirkung auf den Markt eine so gewaltige sein, daß es zu einem Kompromiß kommen muß. Wenn die Kohle, die in Amerika eine noch viel größere Be deutung hat als bei uns, eines Tages ausgeht, dann geräth nicht nur die gestimmte riesenhafte Fabrikation, der ungeheure Menschen- nud Güterverkehr ins Stocken, das ganze amerikanische Leben steht still. Wenn die Kohle plötzlich mangelt, kaun man nicht einmal mehr von einem Stockwerk der himmelhohen Geschäftshäuser ins andere gelangen. Man muß ferner bedeuten, daß die meistbevölkerten Staaten Nordamerikas mit ihren Riesenstädten ihre Einwohnerschaft mit den armseligen Erzeugnissen des Landes selbst nicht ernähren könnten, wenn sie nicht durch die ungemein hoch entwickelten Verkehrsmittel aus den reichen unerschöpflichen Vorraths- kammern des Südens und Westens ihre Nahrung beziehen könnten. In New-Aork z. B. ißt man das Fleisch des Viehs aus dem Westen, das Gemüse aus dem Süden und die Früchte aus Kalifornien. Daraus mag man entnehmen, was ein Kohlenstreik für Amerika bedeutet. In so ernsten Dingen versteht aber Oucle Sam nicht lange Spaß. Er wird energisch verlangen, daß entweder der Streik mit rücksichtsloser Gewalt niedergeschlagen wird, oder daß die Kohlenwerkbesitzer kapituliren oder einen Kompromiß mit den Arbeitern eingehen; aber die Kohle darf nicht ausgehen!
Daß der Ausstand in Pennsylvanien bereits einen gefährlichen Charakter angenommen hat, beweisen die ernsten Ruhestörungen, die aus Uniontown gemelbet werden. Als dort ein streikender Kokearbeiter verhaftet worden war, begaben sich 50 Frauen nach der Polizeistation und verlangten die Freilassung des Gefangenen. Als dies jedoch verweigert wurde, griffen die Frauen die Beamten des Sheriffs an, welche gezwungen waren, von ihren Waffen Gebrauch zu machen. Eine Anzahl Frauen wurden mit Knüppeln und Gewehrkolben niedergeschlagen, während andere Bajonettwunden erhielten. Die Lage in der Stadt wird als gefährlich bezeichnet. In Lasalle (Illinois), wo die Ausständigen einen Angriff auf die in den Zechen noch Arbeitenden gemacht haben, hat es ebenfalls viel blutige Köpfe gegeben.
Deutsches Reich.
Berlin. Der Kaiser wird um die Mitte der Woche zurückkehren. Die Kaisenn ist bereits Sonnabend im Neuen Palais ein getroffen. — Der Kaiser wird, wie verlautet, im Laufe dieses Sommers wiederum eine Seefahrt nach Norwegen unternehmen. Dieselbe wird voraussichtlich im letzten Drittel des Monats Juni angetreten werden.
— Im Anschluß an die nunmehr als verbürgt geltende Thatsache, daß Prinz Heinrich in nächster Zeit dem russischen Hof einen zehntägigen Besuch ab- statten wird, tritt in parlamentarischen Kreisen das
bestimmte Gerücht auf, daß diesem Besuche eine Zn- sammenkunkt der beiden Kaiser selbst im Laufe des Sommers folgen werde.
— So weit sich das Ergebniß der Zeichnungen auf die am Mittwoch aufgelegte 3 % ige Reichsanleihe im Betrag von 160 Millionen übersehen läßt, darf angenommen werden, daß die genannte Summe etwa 2'/2mal überzeichnet worden ist. Es ist mit diesem Ergebniß „nicht viel Staat zu machen", zumal im Hinblick auf die Thatsache, daß vor wenigen Tagen eine 3 "/„ige Pariser Stadtanleihe von 200 Millionen Franken nicht weniger als achizigmal überzeichnet worden ist. Allerdings muß angegeben werden, daß in Frankreich bei allen Emmissionen die Spekulation mit Hochdruck arbeitet, was bei uns diesmal nicht der Fall gewesen sein dürfte; auch kommt bei dieser Reichs anleibe in Betracht, daß der AuSgabckurs ein unver- hältnißmäßig hoher gewesen ist.
Holzminde», 26. April. Ein Naturwunder wurde dieser Tage in dem benachbarten Hohenbüchen gefunden. Bei zwei aus den dortigen Forsten geförderten Buchen, welche etwa ein Meter von einander entfernt standen, war in ziemlicher Höhe ein von dem einen der Stämme ausgehender, schräg aufwärts steigender Zweig von 1 ’/z bis 2 Zoll Dicke direct durch ben Nachbar gewachsen, diesen förmlich durchbohrend und hinten weit heraus- ragend. Die Stämme sind auf 1 'is Meter Länge an der betreffenden Stelle ausgesagt und durch Herrn Gemeindevorstand O. dem Göttinger Museum überliefert worden.
Bkverunge«, 25. April. In dem benachbarten Orte Godelheim passirte heute Morgen gegen 5 Uhr in der Cementfabrik ein Unglück. Der Fabrikarbeiter Ostmeier aus Amelunxen, welcher als Ccmcutmüllcr in Godclhcim thätig war, wurde von einem Treibriemen gefaßt und um eine Welle geschleudert. Der Unglückliche wurde in Stücke gerissen. Ein Bein lag fünf Schritte von der Leiche entfernt und der rechte Arm war ebenfalls vom Körper ganz und gar getrennt
Darmstadt, 30. April. Gestern erkrankten nach dem Genuß von altem Kartoffelsalat zahlreiche Soldaten des hiesigen 25. Fcldartillerie-Rcgiments. Die Vergiftungs- symptome machten sich durch Erbrechen, Diarrhöe und Geistesabwesenheit bemerkbar. Die am schwersten Erkrankten — über 30 an der Zahl — wurden auf ,Stroh gebettet und in offenen Wagen nach dem Lazarett) .gebracht. In der Stadt herrscht große Aufregung. Die Militärbehörde benachrichtigte telegraphisch das Korpskommando in Kassel sowie den hiesigen Kreisarzt. Die übertreibende Fama sprach bereits von Todten. Wie jedoch authentisch verlautet, ist kein einziger Todesfall vorgekommen. Eine Anzahl Ertränkter konnte viel- mehr schon gestern Abend aus dem Lazareth entlassen werden. Auch die Entlassung der Uebrigen kann voraussichtlich noch heute erfolgen. Eine Untersuchung ist eingeleitet.
Saargemünd, 24. April. Dieser Tage wurde hier eine Mörderin aus Spillingen bei Falkenberg dem Gericht übergeben. Nach eigenem Geständnisse ermordete sie im Juni v. I. ihren Ehemann, mit dem sie etwa ein Jahr verheirathet war, als dieser schlief, mit Axthieben auf Kopf und Hals, schleppte dann den Leichnam auf ein eigens hergerichretes Holzfeuer und verbrannte die Leiche derart, daß nur noch ein Häuflein Knochen und Asche übrig blieb. Die Ucberreste verbarg sie auf dem Acker unter einem Haufen Steine. Als Grund des Verbrechens giebt die Mörderin an, ihr Mann habe sich dem Trunke ergeben und sie im Rausche stets geprügelt bezw. mißhandelt. Es sei hier bemerkt, daß der Thatort ziemlich einsam ist und deshalb das Verbrechen in solcher Weise ausgeführt werden konnte. Die Mörderin heißt Soulanger und besitzt ein einige Monate altes Kind. Das Verbrechen entdeckte ein auf dem betr. Acker beschäftigter Arbeiter, welcher von jenen Steinen bedurfte und dabei die Knochen fand. Dies machte seinen Verdacht rege; er erstattete Anzeige, was zur Verhaftung der immerhin schon früher etwas Verdächtigen führte. Dieselbe gestand nach anfänglicher Leugnung das Verbrechen in seinem ganzen Umfang mit Kaltblüthigkeit und vor den Ueberrcsten des Gemordeten ein.
Ausland.
In Wien streiken gegenwärtig die Tischlergesel en, ca. 12uou Mann, und die Maurer, ca. 30 000 Mann.