SchluchternerMung
Erscheint Mittwoch u. Samstag — Preis mit „Kreisblatt" u. „Jllustrirten Familienfreund" viertcljährl. 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Ps.
,M 10. Samstag den 3. Februar 1894.
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Moderne und antike Kultur.
(Festrede, «ebnlten im christlich-sozialen Verein in Wien von dem Fürsten Alois Liechtenstein ) (Schluß.)
Seitdem die liberale Nationalökonomie, als feile und unechte Wissenschaft, sich in den Dienst des Wuchers, der Unterdrückung und des Betruges gestellt hat, seitdem sie Begriffe, die nach christlicher Anschauung in den Kriminalkodex gehören, durch unverfängliche Worte der Gelehrtensprache übersetzt, und sie so den arglosen Zeitgenossen mundgerecht gemacht hat, ist die Gesellschaft krank und die Civilisation bedroht; denn seitdem werden die Gebote „Du sollst nicht stehlen" und „Du sollst nicht begehren deines Nächsten Gut" nur mehr dem kleinen und dem plumpen Berbrecher gegenüber wirksam vertheidigt; die Geschicklichkeit und die Größe sichern alle Vermögensübertrctnngcn vor Strafe; wehe dem Hungrigen, der einer Oebstlcrin einen Apfel vom Stande manst; er wird es schwer büßen; ist man aber ein Panamist höheren Grades, dann ergraut man in Ehren; erkrankt man, so liefert die Kapilals-Presse dem europäischen Publikum sympathische Bulletins über den vornehmen Kranken.
An der Hand der Geschichte läßt es sich Nachweisen, daß die Civilisationen, welche untergingen, zwar äußerlich durch den Angriff kriegerischer Feinde vernichtet wurden, daß aber die Ursache jedesmal ein inneres Sicchthum wirthschaftlicher Natur war, daß die Ausbeutung und Entmnthigung der Arbeitenden, die Erschlaffung und Verweichlichung der oberen Klassen jene Wehrlosigkeit herbeiführten, die den Feind zum Einfall reizten.
Rom ist gestürzt, geplündert und zerstört worden durch die deutschen Barbarenvölker; so wird es unseren Gymnasiasten gelehrt; aber es war die Gleichgültigkeit und die Stimmung der gedrückten Sklaven, der aus- gesogenen Colonen, der »erbettelten städtischen Handwerker, welche ihnen die Wege ins Herz der römischen Provinzen ebneten und Öffneten. Ja, die Germanenheere waren zeitweise begleitet von langen Zügen der niederen römischen Bevölkerung, die sich ihnen anschlossen, um an der Beute theilzunehmen und Rache an ihren Herren und am Fiskus zu üben. Gerade derselbe Hergang wiederholte sich bei dem dröhnenden Falle so vieler anderer, afrikanischer und asiatischer Civilisationen, die im Momente äußerer Gefahr von ihren natürlichen Vertheidigern in Stich gelassen wurden, weil sie ihrer Bestimmung untreu geworden waren.
So ist das gesegnetste Gartenland der Erde, Mesopotamien, verödet und so ist Bagdad beinahe ohne Schwertstreich den Mongolen erlegen, weil der arabische Fiskus dem Bauer durch hundert Jahre kaum mehr ein Fünftheil der Jahresernte ließ.
Unsere moderne Civilisation des europäischen Kon- tiuentS denkt nun freilich nicht an die Vergänglichkeit alles Irdischen, und, angelangt auf dem Gipfel ihres Glanzes, merkt sie nicht, daß sie ihn bereits überschritten hat. Sie hält sich gefeit gegen das Schicksal, das sie doch täglich herausfordert, und feile Lobredner wiegen sie in Sicherheit. Allerdings ordnet die Sozialdemokratie die ungezählten Schaaren der Unzufriedenen, und der Anarchismus brütet Unheil; Streiks in Vorbereitung und Ausführung, Bomben, die platzen oder versagen, Aufstände hier und dort, Verschwörung allenthalben; der Gährungs- und Auflösungsprozeß unserer Civilisation schreitet unverhüllt unb unaufhaltsam vorwärts, er bildet unsere tägliche Lektüre in den Zeitungen, unseren gewöhnlichen Gesprächsstoff, wo sich Bekannte treffen. Aber unsere Gesellschaft ist, wenn nicht nervenstark, so doch abgestumpft, und hat sich in ihren eigenen Niedergang hineingefunden, als wäre es der normale Zustand der Gesundheit.
Die krassesten Gegensätze gehen bereits an unserer Gesellschaft vorüber, ohne auch Eindruck zu machen. In derselben'Woche lesen wir in einem jubelnden Tendenz berichte über die Wiener Börse: „Geradezu einen überwältigenden Eindruck macht die Abrechnung über das Konversionsgeschäft. Aus den österreichischen Konver filmen renilnrt für die emittirenben Banken ein Nutzen von 43 Millionen Gulden. Da nun die Bedingungen, zu welchen das ungarische Konversionsgeschäft abgeschlossen wurde, für die kontrahirende Rothschild-Gruppe bei weitem günstiger waren, als beim österreichischen Geschäfte, da auch der zur Konversion aufgelegte Betrag
um mehr als 200 Millionen Gulden größer war, als die Transaktion für cisleithanische Rechnung, so kann dieser Gesammtgewinn aus der großen Konversion für die Gruppe auf etwa 50 Millionen Gulden veranschlagt werden. Das sind imponirende Ziffern, die vorläufig noch nicht entsprechend gewürdigt werden."
Zugleich erfahren wir über die Lebensführung der siciliauischen Bauern, die jetzt wegen Aufruhr nieder- geschossen werden: „Täglich 40, 50, höchstens 60 Cen- tefitnt (32, 40 bis 48 Pf.). Im Jahre gibt es 160 bis höchstens 200 Arbeitstage, es kann also jährlich unter den günstigsten Verhältnissen der beste Arbeiter 96 Mark verdienen. Dazu bedenke man. daß so ein armer Arbeiter täglich zwei bis drei Stunden bis zu seinem Arbeitsorte gehen, und daß er vom Tagesanbruch bis zum Abendläuten hart arbeiten muß! Wer wundert sich noch über Aufruhr und Krawalle?!"
Wären nicht Erwerbs- und Geldkrisen, die selbst die reichen und herrschenden Klassen unserer Gesellschaft periodisch empfindlich treffen, sie würde die Noth und die Aufregung der Volksmassen wie bisher ignoriren und wo es erforderlich ist, mit dem Rcpctirgewchrc kuriren. Den Ruf nach Reformen erheben und verstehen regelmäßig nur jene, die unter den M ßbränchen leiden.
Aber gerade die Druckmittel, auf welche sie baut, sind unverläfilich und gebrechlich. Der europäische Kon« tinent, der Sitz der modernen Civilisation, hat äußere Feinde, deren er sich nicht wird erwehren können, wenn das Elend und der Mißmuth in den unteren Volksklassen länger dauern. Europa hat allenthalben wirthschaftliche Feinde; Nord- und Südamerika, Indien und Australien konkurriren mit billigem Getreide und Fleisch unsere Landwirthe zu Tode, so lange die Zinsenlast der Hypotheken und die Steuerlast der verschuldeten und in Waffen starrenden Staaten die Bauern niederdrückt. Mit den Bauern verlieren aber die Staaten ihr Fundament und das starke ruhige Gegengewicht der längst aufgewühlten industriellen Massen. Europa hat einen politischen Feind, den riesigen nordischen Nachbar, der selber vermöge des uralten sozialistischen Gemeinbesitzes gegen Ansteckung gesichert, mit dem Angriffe nur auf den Augenblick wartet, wo Europa durch soziale Revo- lution lahmgelegt ist, und wo die riesigen Volksheere, die den europäischen Staaten so viele Opfer kosten, ihnen mehr Verlegenheit bereiten, als Schutz gewähren dürften.
Ist es nun nicht ein merkwürdiges Phänomen, daß in ganz Europa die offizielle Welt der sozialen Frage gegenüber den Vogel Strauß spielt oder mit kleinen Maßregeln sie behandelt, die jedem Unbefangenen ein mitleidiges Lächeln abnöthigen? Ist es picht peinlich und befremdend, gerade auf jenen Höhen, denen das Licht zuerst aufgeht, dichte Nebel wallen zu sehen?
Ist etwa die durchschnittliche Staatsweisheit nichts anderes als Routine, die, wie ein Räderwerk aufgezogen, mechanisch abläuft, bis e§' an irgend eine harte Thatsache anstößt und umwirft? — Wir hoffen das Gegentheil; mögen auch heute noch die Staatskünstler, welche Europas Geschicke leiten, liberal verbildet sein; mögen sie den Aufgaben der sozialen Reform umsoweniger gewachsen sein, als sie selbst vorerst einer persönlichen Reform bedürften, für welche ihre geistige Elastizität nicht ausreicht — die junge Generation unserer Intelligenz besitzt die Studien, den guten Willen, die Spannkraft, die Besonnenheit, um den Anforderungen, welche eine große Zeit an sie stellt, zu entsprechen; unser braves Volk aber, welches sein Christenthum treu im Herzen verwahrt, sich erhalten hat, brennt vor Begierde, es ins öffentliche Leben hinauszutragen und ihm dort zu huldigen als Herrn und Gebieter.
Freilich, die Gegenwart ist betrübend genug, trostlos, gleich einer Wüste; so denke ich mir die Landschaft am Fuße des Berges Sinai in jenen historischen Momente, als die Juden, durch ein paar Tage ohne Aufsicht gelassen, ihren eigenen Inspirationen folgten und die Goldwährung einführten; eine energische Haussepartei begrüßte den gelben Metallgötzen mit Opfern, Gebeten und Tänzen; es war ein großer, doch ein kurzer Aufschwung. Gott sandte vom Berge herab seinen Willen, geschrieben auf steinernen Tafeln. Das Kalb wurde gestürzt; es galt fortan das Gesetz, die zehn Gebote. Heute versuchen sie es mit der Goldwährung zum zweiten Male, hoffentlich mit demselben Resultate!
Deutsches Reich.
Berlin. Der „Reichsanzeiger" bringt an der Spitze seiner gestrigen Nummer folgenden, an den Reichskanzler gerichteten Kaiserlichen Erlaß: „Beim Eintritt in ein neues Lebensjahr war es Mir durch Gottes Gnade vergönnt, zugleich auf eine fünfundzwanzigjährige Zugehörigkeit zur Armee zurückzublicken. Waren es auch ernste Gedanken, welche Mir in Erinnerung an den weihevollen Tag Meines Eintritts in die Armee die hehren Gestalten Meines Mir allzufrüh entrissenen Herrn Vaters und Meines unvergeßlichen Herrn Großvaters besonders lebendig vor Augen führten, so wurde Ich doch hoch beglückt durch die mannigfachen Beweise treuer Liebe seitens des deutschen Volkes, welches mit seinen Erlauchten Fürsten darin wetteiferte, Mich an Meinem doppelten Festtage zu ehren und zu erfreuen. Zahlreicher noch als sonst sind die schriftlichen und telegraphischen Glückwünsche, welche mir von nah und fern zugcgangen sind. Eine innige Befriedigung gewährte es Mir, aus denselben wahrzunehmen, wie die von allen patriotisch fühlenden Herzen Meinem Feste entgegengebrachte freudige Theilnahme durch den Mir gewordenen Besuch des um Kaiser und Reich so hochverdienten Staatsmannes noch eine besondere Steigerung erfahren hat. Indem Ich Allen, welche Mir bei dieser Gelegenheit so liebevolle Aufmerksamkeit erwiesen haben, auf diesem Wege Meinen tiefgefühltesten Dank ausspreche, gebe Ich gern Meiner freudigen Zuversicht in die friedliche und segensreiche Weiterentwickekung unseres theuren Vaterlandes Ausdruck. Ich ersuche Sie, diesen Erlaß zur öffentlichen Kenntniß zu bringen."
Coburg. Nicht uninteressant in jetziger Zeit wird das Urtheil sein, das der verstorbene Herzog Ernst im Jahr 1883 gesprächsweise einmal über die Jesuiten gefällt hat. Er sagte, damals: „Man macht sich von der GroMttgtc.t dieser geheimen Organisation keine Vorstellung; die nüchterne Wahrheit klingt wie eine phantastische Fabel. Es sind die unbequemsten Feinde der staatlichen Ordnung, bic. auf der Welt existiren und wir haben die Beweise, daß sie den Umsturzbestrebungen mit ihren Mitteln Vorschub leisten. Von Zeit zu Zeit tritt irgendwo ein Ereigniß ein, das außer allem Zusammenhang mit den Verhältnissen, ja mit unserer ganzen Kultur zu stehen scheint. Vergeblich sucht man nach einem Beweggrund. Verzichtet man aber auf das Besondere und faßt das Allgemeine in's Auge, so kann man die Motive aufdecken, und viel öfter, als man ahnt, haben gerade da die Jesuiten ihr Hand im Spiel. Wir erschrecken über den vulkanischen Ausbruch, den wir sehen. Nach dem unterirdischen Fcucrheerdc forscht man nicht und das ist der Jesuitismus! Der Zusammenhang zwischen dem Jesuitismus und dem Internationalen unterliegt für mich nicht dem geringsten Zweifel. Die Jesuiten sind erheblich viel schlimmer als die Internationalen. Die Stimme, die unsere Vaterlands« lösen Umstürzler hetzt, die Hand, die sie leitet, die ihnen bic Schwierigkeiten bei der Ausführung ihrer Thaten aus dem Weg räumt, sie sind jesuitische."
Der Aufsichtsrath, der Vorsitzende und der Direktor des Vorschußvereins in Weimar sind wegen gesetzwidriger Benutzung der Vereinsmittel verhaftet worden. Der Kassirer und der Controleur des Vorschnßvereins sind ebenfalls verhaftet worden. Die Unterbilanz ist enorm.
Apolüa, 29. Jan. Wenn nicht Alles trügt, muß sich ein hiesiger Einwohner eine Neun-Millioneu-Erb« schaft gefallen lassen. Ein vor Jahren von Witten- berg nach Wien verzogener Schmied Namens Kunze ist dort unter Hinterlassung von 9 Millionen Gulden und ohne bekannte Erben gestorben. Nun haben sich bereits einige Kunze erboten, die Rolle der Universalerben mit Vergnügen zu spielen, aber allen fehlt bis jetzt der gehörige Nachweis ihrer Vetterschaft zu dem Heimgegangenen Millionär. Der hiesige Kunze nun, der sich mit seiner übrigens recht fleißigen Ehefrau sein Brod mit allerlei Handarbeiten verdient, behauptet, daß der Millionen-Kunze in Wien der Bruder seines Vaters sei, und hat den Nachweis dieser seiner Blutsverwandtschaft zum Theil wenigstens bereits an Gcrichtsstelle nachgewiesen.
Salzungen. Es ist also nichts mit dem vermeintlichen Bohrsieg in Wernshausen gewesen, denn die Kon- furrentin des Herrn Sauer hatte leider schon zwei Tage früher Salz erbohrt, in aller Stille dem Bergamt davon