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SchlüchternerMtung

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Mittwo-, den 31. Januar

MW

Nr. 673. Den Herren Bürgermeistern und Guts­vorstehern des Kreises gehen in diesen Tagen die Ge­bäudebeschreibungen und für jeden Gebäudeeigenthümer ein Auszug aus diesen Beschreibungen mit besonderen Anschreiben zu und erwarte ich, daß die in dem letzteren gegebenen Weisungen zur prompten Ausführung gelangen.

Damit die Präclusivfrist der etwa zu erhebenden Reklamationen gegen die Veranlagung chunlichst für alle Gebäude eines Gemeinde- rc. Bezirks an dem­selben Tage abläuft, werden die Herren Bürgermeister rc. hiermit ausdrücklich angewiesen, die Auszuge (Muster V111.) sofort nach Empfang hintereinander und wenn irgend mvglicd an einem und demselben Tage be- händigen zu lassen.

Schlächtern, den 26. Januar 1894.

Der Ausführungs-Commissar für die Revision der Gebäudesteuer-Veranlagung: Roth, Geheimer Regierungs-Rath.

Moderne und antike Kultur.

(Festrede, gehalten im christlich-sozialen Verein in Wien von dem Fürsten AloiS ltiechtenstein )

Die menschliche Gesellschaft ist uralt; die Civili­sationen keimen auf, blühen und tragen ihre Früchte. Die wenigsten sterben eines natürlichen Todes; die meisten gewaltsam, und ihr Erbe, als herrenloses Gut, gehört dem Finder.

Ueberall, wohin der Mensch seine Schritte lenkt, sind Trümmer entschwundener Macht und Herrlichkeit früherer Geschlechter gelagert; mitunter ragen diese Reste als verwitternde Ruinen empor, und Eulen flattern aus den Fensterbogen, denen ein Lichtglanz entströmte; mitunter sind sie unter Schutt und Schlamm begraben schon dem Erdboden gleich; Schaufel und Haue decken erst die modernden Ueberbleibsel des. Reichthums auf, der ehedem am Hellen Sonnenlichte prahlte.

Was Fleiß und Kunst geschaffen an Köstlichem und Schönem, verfällt alles schließlich demselben unerbittlichen Geschick; ist es ein stolzer Ban, so stürzt er wie der Urwaldbaum, den der Blitz getroffen und der Sturm gefüllt hat, er vermorscht an Ort und Stelle. Ist es ein bewegliches Gut, so wandert es von Hand zu Hand, entfremdet der Widmung des ursprünglichen Erzeugers, und der Starke, der es dem Schwächeren entriß, über­läßt es dem Stärksten, dem er erliegen muß, dem Koh- inoor gleich, der für den Schatz altindischer Fürsten geschliffen, die Stirne des mongolischen Eroberers schmückte, der sie überwand und schließlich übers Meer in den Londoner Tower abgeliefert wurde als Siegesbeute des englischen Löwen.

Von den Civilisationen gilt das Wort unseres größten Dichters, daß alles was besteht auch werth ist, daß es zu Grunde gehe. Es fragt sich aber, angesichts dieser Thatsache von allgemeiner Giltigkeit, warum Civilisationen bestehen und warum sie zu Grunde gehen? Civilisationen sind ja feste und starke Gefüge, nicht so vergänglich wie die Staaten, welche geographischen und politischen Be­dürfnissen entsprechend mit diesen wechseln und neuen Eintheilungen Platz machen. Civilisationen wachsen langsam, mühsam, Zelle für Zelle, Ring auf Ring setzen sie an, iretben eichenartig ihre Stämme vom Boden empor und allemal runden sich ihre Kronen hoch oben in den Lüften gleichmäßig wie der Umfang ihres Wurzel- systems im Nährboden sich ausbreitet.

Was ist eine Civilisation? Es ist die Macht einer menschlichen Gesellschaft über die Naturkräfte, welche ihr umso vollständiger dienstbar und nützlich werden, je inniger und näher, je gerechter und moralischer die sozialen Beziehungen von Mensch zu Mensch und ins­besondere der arbeitenden zu den führenden Klassen werden.

Müssen alle in einer Gesellschaft arbeiten, jeder in seiner Art, so wird mehr erzeugt; bleibt den Arbeitenden das ungeschmälerte Erzcugmß ihrer Mühen, so erzeugen sie besser und williger, als wenn sie Noth, Zwang und strenge Aufsicht anspornt. Der solide Reichthum einer Gesellschaft wächst in dem Maße, als er besser und ge­wissenhafter »ertheilt wird auf seine eigentlichen Urheber; und gleichen Schritt mit dem soliden Reichthum der ar­beitenden Volksmassen hält ihre innere wahre Gesittung. Luxus und Elend, die beiden Pole menschlicher Lebens­weise, bilden ungünstige Klimas, in denen die Civili­sation nicht gedeiht. Je mehr Existenzen sich an diesen Polen anhäufen, desto mehr verfallen der Barbarei, die

einen entnervt durch Müßiggang, die anderen verkümmert durch Entbehrung.

Nur in der gemäßigten Zone der Gesellschaft, wo Arbeit und Genuß sich das Gleichgewicht halten, gedeiht die Kultur; je breiter diese Zone ist, umso herrlicher.

Das sieht nun aus wie eine Reihe unbestrittener, längst gewohnter Gemeinplätze; allerdings in den Kreisen, denen wir angehören, unter den Männern, denen es ernst ist mit der sozialen Reform, sind diese Gedanken jedem geläufig und selbstverständlich. Wollte Gott aber, diese einfachen, klaren Grundsätze wären bereits Gemein­platz und Gemeingut in jenen Kreisen, welche die Ge­schicke der Völker leiten, und denen leider die soziale Frage noch eine unwillkommene, störende Neuigkeit, ein verschlossenes Buch mit sieben Siegeln ist. Wollte Gott, daß in ganz Europa an jenen Orten, wo die Zügel zusammenlaufen, mit welchen die Geschicke der Völker gelenkt werden, elementare Kenntnisse der Volkswirth­schaft und der Sozialwissenschaft eingezogen wären; wollte Gott, daß die Diplomatie, welche unserem Welt- theile und seinen betrübten Parlamenten alljährlich die­selben widerspruchsvollen Offenbarungen des verbürgten Friedens und der steigenden Kriegsrüstungen auftischt, internationale Regelung des Arbeiterschutzes, der Arbeits­zeit und des Arbeitslohnes in das Programm ihrer Aufgaben einzuschließen genöthigt wäre. Wollte Gott, daß die hohe Bureaukratie, die jetzt noch in den geschützten Amtslokalen den Altweibersommer der liberalen Lehren genießt, das Brausen der nahenden Stürme vernähme, bevor sie ihr durch die eingedrückten Fensterscheiben auf ihren Aktentisch blasen; wollte Gott, daß die Schatzkanzler der christlichen Nationen, welche heute in Hochachtung vor den Manichüern der Großfinanz ersterben, sich einen besseren geschäftlichen Umgang in Zukunft wühlen; wollte Gott, daß sie es bald einsehen, um wie viel ökonomischer und reinlicher es ist, die Mittel für außergewöhnliche- Staatsbedürfnisse direkt an der Quelle allen Wohlstandes, bei der Sparkraft des Volkes zu schöpfen, statt in den trüben Behältern, die nur zur Abzapfung der Quelle gefüllt worden sind, durch Ablenkung von ihrem materiellen befruchtenden Laufe. Wollte Gott, daß in die leitenden Kreise so viel gesunde soziale Tendenzen und Kenntnisse eingedrungen wären, als heute bereits jeder durchschnittlich gebildete Mann des Mittelstandes besitzt, als heute die junge und die reife Generalion unserer Geistlichen, Be- amten, Lehrer, Handwerker und Arbeiter ihr eigen nennt. Es kann die Unerfahrenheit und die hochmüthige Ab­lehnung des bereits Gemeingut gewordenen neuen sozialen Jdeenschatzes, welche, falls sie an maßgebenden Orten weiterdauern, eine viel größere Gefahr für den Bestand unserer Civilisation bilden, als der Anarchismus und die Sozialdemokratie, die sie heute bedrohen, nicht genug bedauert werden.

Das Losungswort unserer Zeit ist: Reform oder Umwälzung. Reform aber kann nur von oben kommen, mögen auch die Anregungen dazu und die trefflichsten Anleitungen von allen Schichten des Volkes ausgehen. Besteht also im wesentlichen eine jede Civilisation in einer den Massen der Gesellschaft nützlichen Beherrschung der Naturkräfte, die von gerechten und moralischen Be­ziehungen zwischen den führenden Klassen und den Ar­beitenden bedingt ist, besteht im wesentlichen die Civili­sation in der richtigen, möglichst vollständigen Vertheilung der Arbeitsprodukte auf jene, die sie erzeugt haben, dann ist es auch klar, welche große und unentbehrliche Rolle die Religion in der Civilsakion spielt. Dann ist es auch begreiflich, daß die beste und vollkommenste Religion die höchste Civilisation hervorbringen muß und thatsächlich auch hervorgebracht hat; denn die Religion ist nicht Privalsachc, auch nicht bloß Sache der Kirche, des Kultus, der Seelsorge, des Gewissens und der Lebensführung der einzelnen Gläubigen: sie muß ausstrahlen ins prak­tische Geschäfts- und Arbeiisgetriebe, in alle Rechtsver­hältnisse; das ihr entfließende Ideal der Gerechtigkeit und der Moral muß in jenen Staatsgesetzen verwirklicht sein, die das Erwerbsleben regeln. Es ist kein Zufall, sondern streng logische Konsequenz, daß die vornehmste und glänzendste Civilisation, welche bisher die Welt ge­sehen hat, den christlichen Völkern zu theil geworden ist; das Christenthum will und fordert eben die wirthschaft- liche Gerechtigkeit, es ist die Gerechtigkeit.

Es ist aber auch kein Zufall, sondern unausbleibliche Folge bekannter Ursachen, daß unsere Civilisation in demselben Maße krankt und zurückschreitet, je mehr das«

christliche Sittengesetz aus dem Bereiche der Volkswirth­schaft hinausgedrängt wird, je mehr an seine Stelle hohle und unehrliche Phrasen der Humanität einerseits, ander­seits aber unverstandene und trügerische Schlagworte getreten sind, wiefreie Konkurrenz", unbehindertes Spiel der wirthschaftlichen Kräfte, Angebot und Nach­frage und so weiter. (Schluß folgt.)

Deutsches Reich.

Berlin. Der Kaiser hat seinen Geburtstag in der üblichen Weise gefeiert, seine zahlreichen fürstlichen Gäste bei der Galatafel um sich gesehen und mit ihnen am Abend eine Galavorstellung im Opernhause bei­gewohnt. Die Illumination der Reichshauptstadt war war zwar keine allgemeine aber doch eine große und namentlich glänzende. Der Kaiser hat aus Anlaß seines Geburtstages, an welchem er auch sein 2öjähriges Militärjubiläum beging, für die innerhalb des Bereiches der preußischen Militärverwaltung oder von Militär­gerichten verhängten Strafen eine Amnestie erlassen; ausgeschlossen bleiben aber diejenigen Militärpersonen, welche wegen Mißhandlung Untergebener verur- theilt sind. Ferner hat der Kaiser aus Anlaß seines Militärjubiläums eine wesentliche Erleichterung des Jnfanteriegepäcks angeordnet.

* Die Ergebnisse der diesjährigen Steuerein- schützungen sind naturgemäß auch noch nicht entfernt mit irgend einer annähernden Sicherheit vorher zu be- stimmen. Allein schon jetzt lassen allerhand Anzeigen darauf schließen, daß der Rückgang der Einkommen- stcuercrträgc sehr erheblich gegen das Vorjahr sein wird. Man ist in den maßgebenden Kreisen im Finanz­ministerium über diese sehr unliebsamen Erfahrungen mehr als peinlich überrascht gewesen. In einzelnen Kreisen des Waarengeschäftes will man die Beobachtung einer njchhunwesentlichen Einkommenverbesserung allerdings ge­macht haben; allein diese erfreuliche Erscheinung wirb vollständig neutralisirt durch die kolossalen Einnahme­verminderungen in allen Bank- und Börsengeschäften und durch die Rentenverminderungen der vielen mittleren und größeren Kapitalisten. Die Verwüstungen, welche durch die bekannten wirthschaftlichen Vorgänge der letzten Zeit gerade in den mittleren und besser gestellten bürger­lichen Kreisen hervorgerufen worden sind, spotten jeder Beschreibung. Die Steuerrückgänge sollen so beträchtlich sein, daß manche mit den Verhältnissen sehr vertraute Persönlichkeiten die ernste Befürchtung hegen, daß die Erträge durch die neue Einkommensteuerveranlagung wahrscheinlich für das Jahr 1894/95 nicht viel höher sein werden, als es vor der Miquelschen Steuerreform der Fall gewesen.

Essen, 27. Jan. Der Geheime Kommerzienrath Krupp schenkte zum Andenken an den heutigen Ge­burtstag Sr. Majestät des Kaisers, der durch die in ganz Deutschland mit Begeisterung ausgenommene Friedensbotschaft der letzten Tage eine besondere Weihe erhalten habe, der Stadt Essen 100000 Mark als Grundkapital für eine milde Stiftung, welche Se, Majestät gestattet haben zu nennen: Kaiser Wilhelm II. Fürst Bismarck-Stiftung.

Leipzig, 21. Jan. Billige Cigarren glaubt mancher bei Auktionen oder ähnlichen Gelegenheiten erstanden zu haben, wenn ihm 100 Stück zum Preise von 2 Mark 50 Pf. bis 3 Mark zufielen. Interessante Aufklärungen gibt ein Betrugs- und Bankerotlsprozcß, der sich gegen­wärtig vor den Schranken des hiesigen Landgerichts gegen einen Leipziger Cigarrenfabrikanten abspielt. In einer der letzten Verhandlungen erklärte dieser, daß er eigens für Auktionen Cigarren fabrizirt habe, deren Herstellungskosten mit Einrechnung von Löhnen u. s. w. per 100 Stück sich auf 1 Mark 40 Pf. beliefen. Dieser Fabrikant hat von dieser Sorte innerhalb zweier Mo­nate durch einen Auktionator 65,000 Stück versteigern lassen und für 1000 Stück durchschnittlich 19 Mark herausgeschlagen.

Freiburg t. B, 23. Jan. Vor einiger Zeit wurde gemeldet, daß der frühere Bürgermeister von Hugestetten eine Trauung ohne Bräutigam vollzogen, d. h. die Einträge in das Standesregister nur vor der Braut und dem Vater des Bräutigams gemacht, während der Bräutigam seine Unterschrift erst am Tage nachher ge­geben habe. Der ehemalige Bürgermeister wurde deß­halb nach derBad. LandeSztg." von der hiesigen Strafkammer zu vier Monaten Gefängniß verurtheilt,