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Mittwoch, Seit 24. Januar
1894.
Nostplllinaon ouf tue „Schlüchterner Zeitung" jl^rmUUliyi ll werden noch fortwährend von allen
- - - Postanstalten und Landbriefträgern sowie von der Expedition entgegen genommen.
Der im Januar l. I. in Fulda abzuhaltende Rind" Viehmarkt findet am 25. Januar l. J. statt, was hiermit zur allgemeinen Kenntniß gebracht wird. Schlüchtern, den 23. Januar 1894.
Der Königliche Landrath: i. V.: Goerz.
Die wirthschaftliche Gemeinschaft.
Auszug aus einer Broschüre von einem westdeutschen industriellen Kreise. (Schluß.)
XIV. Was wir wollen.
Wir haben in den voraufgehenden Abschnitten den Beweis geführt, daß die wirthschaftlichen Interessen der produktiven Stände, wenn auch nicht überall identisch, so doch in allen großen Fragen einigungsfühig sind.
In der Arbeiterfrage werden die Stände zur Befriedigung und Seßhaftmachung der Arbeiter nach Kräften beitragen; aber sie werden die wirthschaftliche und politische Machtstellung der Arbeiter nicht über die Grenze ihrer eigenen Exislenzfähigkeit vorschreiten lassen dürfen und von dem Grundsätze auszugehen haben, daß, wo die Existenz des einen wirthschaftlichen Körpers durch unberechtigtes UeberwiegeN der Arbeitergesellschastsklasse zerstört und damit praktischer Sozialismus duichgcführt wird, auch gleichzeitig die Existenz der anderen Körper in Frage gestellt wird. Der Arbeitsertrag soll nicht von den „Händen" allein aufgezehrt werden.
Dem Handel gegenüber haben diese Stände sich einen größeren Antheil am Arbeitserträge zu sichern und sich damit aus der finanziellen Abhängigkeit der Produktion von dem Handel zu befreien. Der Arbeitsertrag soll nicht allein vom Handel aufgezehrt werden.
Allen gemeinsam ist die Nothwendigkeit, sich den nationalen Schutz zu sichern, und zwar so, daß beunruhigende Angriffe ein für alle mal aufgegeben werden. Der Außenhandel, welcher nur aus Kosten der nationalen Produktion lebensfähig ist, ist nicht lebens- würdig.
Sie haben in der Währungsfrage zu sorgen, daß nicht durch Goldkörner und künstliche Verringerung der Umlaufsmittel den kreditfähigen aber geldbedürftigen produktiven Ständen das Geld verlheuert und die Produktion damit von dem mobilen Kapital noch weiter abhängig gemacht wird.
Sie haben schließlich zu sorgen, daß ihnen staatliche Lasten nicht weiter aufgebürdet werden, als gemäß ihrer absoluten und relativen wirthschaftlichen Stärke im Reiche ihnen zukommt, daß immer aber der Höhe der Lasten die Summe ihrer Rechte entspreche, daß ihr Einfluß im Staate vorherrschend bleibe.
Das Bild, welches wir im ersten Kapitel malten, ist inzwischen bis zum gütigen Tage (Anfang Juli) klar aus dem Rahmen der politischen Wirrnisse der letzten Zeit hervorgetreten.
Rascher, als wir es ahnten, hat sich schlagend unsere frühere Behauptung bestätigt, daß eine Einigung der rechts stehenden Konservativen mit dem Zentrum unter Ausschließung aller anderen Stände. auf religiöser Grundlage überhaupt nicht, auf politischer Grundlage schwerlich, auf wirthschaftlicher Grundlage nicht immer möglich sein wird; der scharfe Ruck des Zentrums nach links, seine vollständige Jdcntifizirung mit der demokratischen Partei, seine Ausstoßung der konservativen Landwirthschaft hat uns recht gegeben.
Unser Appell an die Industrie, den Moment zu benutzen, welcher unbeachtet blieb, ist durch die Bildung einer ausschließlich agrarischen Parthei ergänzt worden.
Dieser mit wenig Vorbereitung unternommene und panz veicinzelte Versuch der Landwirthschaft, sich selbst ^u helfen, hat trotzdem schon gezeigt, welche Wucht den produktiven Klassen innewohnt, wenn sie nur wollen. Er hat jedenfalls erreicht, daß mit unfruchtbarer Theorie lind höhnischen Späßen in Zukunft im Reichstage keine Handelsverträge mehr durchgepeitscht werden, welche innerhalb 24 Stunden Milliarden verschenken. Aber wir wiederholen nochmals: zu allen ihren Zielen wird auch diese Bewegung nicht gelangen können, ohne sich anderen wuthjchastliqen Kreisen anzugliedern. Es bleibt ^ie Thatsache bestehen, daß die Landwirthschaft nur über
[42 Prozent der Bevölkerung verfügt; und wie viel von | diesen 42 Prozent sind durch die Demokratie aller Schattirungen den wirthschaftlichen Interessen der Landwirthschaft noch entfremdet!
Innerhalb der Konservativen des Ostens gährt es; man vergegenwärtige sich nur einmal den Unterschied zwischen den Angriffen des Abgeordneten von Kardorff auf das Kohlensyndikat und den verbindlichen Ver- beugungen des Abgeordneten von Minnigerode in der letzten Landtagssession der Industrie gegenüber. Die Hoffnung, daß die von höheren Gesichtspunkten geleitete wirthschaftliche Anschauung den Sieg davon tragen möchte, bestätigten die letzten Nachrichten über die Bildung einer freien wirthschaftlichen Vereinigung im Reichstag. Die Anregung — und das ist uns überaus wichtig — geht aus von dem Führer der agrarischen Bewegung, und wir haben alle Ursache, zu wünschen, daß die Industrie die bargebotene Hand ergreift.
Wir sagten im Anfänge unseres Aufsatzes: Deutschland sei religiös, politisch und wirthschaftlich in Segmente eines Kreises zcrissen, und zwar sei es das Bemerkenswerthe, daß diese Zerreißung nicht allein geographisch, sondern auch nach Gesellschaftsklassen erfolge. Nur eine Klasse ist nicht zerrissen; nach religiöser, politischer und wirthschaftlicher Seite steht die Sozial- demokratie auf einheitlicher Grundlage, und das ist das ganze Geheimniß ihrer kolossalen Energie. Bis zu dieser vollendeten Form der religiösen, politischen und wirthschaftlichen Rücksichtslosigkeit können es die anderen Stände nicht bringen. Was allein wir erstreben und befürworten, ist, daß Landwirthschaft, Großindustrie und Kleingewerbe sich nur nicht den Luxus einer wirthschaft- lichen Zersplitterung erlauben; im übrigen mag jede Klasse von diesen dreien ihren Idealen, ihren Träumereien ujrb Hirngcjpinnsten nach Belieben folgen.
Was soll nun geschehen? Wir erhoben schneidenden Protest gegen die Vergewaltigung wirthschaftlicher Bedürfnisse durch politische Gepflogenheiten; aber die politischen Beweggründe haben auch ein Recht, gehört zu werden.
Eine Einigung der parlamentarischen Vertreter der produktiven Stände erachten wir für ausreichend, aber ungeheuer schwierig. Sie setzt voraus, daß die produktiven Stünde zunächst für wirthschaftliche Vertreter im Reichstage sorgen, mit anderen Worten, sie setzt voraus, daß sie die politischen Parteien bis zu einem gewissen Grade zerbrechen und die politischen Drahtzieher und die politischen Kondottieri, mit denen die parlamentarischen Körperschaften durchseucht sind, hinauswerfen. Die Wirthschaftspolitik ist das Reagens, welches die politischen Parteieu auflöst, — das wissen die politischen Parteien. Und sie werden sich gegen jede Durchtränkung mit solchen Reagenzien sträuben. Ein kleines Vorbild des Aufbäumens der politischen Parteien bildet der Kampf des auf religiöser Grundlage aufgebauten Zentrums mit der landwirthichaftlichen Bewegung, welche innerhalb des politischen Zentrums niedergeschlagen worden ist. Wir glauben nicht, daß sie jetzigen politischen Parteien für einen ausdauernden und energischen Versuch einer wirthschaftlichen Bereinigung zu haben sind; man wird ihnen die Tropfen wirthschaftlichen Oels nur ein- gießen können, wenn man sie vorher gefesselt hat.
Es bleibt also nur noch die eine Möglichkeit, daß die ungemein starken und weit verbreiteten wirthschast- lichen Organisationen sich ihrerseits zusammenschließen. Ob dieser Zusammenschluß erfolgt durch direkte An- glicberung der bestehenden Vereinigungen oder durch Schaffung einer neuen Vereinigung, welcher die wirth- schaftlichen Individuen unmittelbar angchören, oder schließlich durch Schaffung dreier Korporationen, einer landwirthschaftlichen, einer großgewerblichen und einer 1 kleingewerblichen, welche sich unter einander wieder zu einem Kartell verbinden, das mag eine Frage der Zukunft bleiben.
Schaffend vorzugehen wird die Aufgabe derjenigen Leute sein, welche Führer im wirthschaftlichen Leben sind; es genüge, hier kurz das Bild vorgezeichnet zu haben, welches mehr oder weniger klar eigentlich in den Köpfen aller steckt, welche tagtäglich in der Arbeit für ihre Existenz gleichzeitig um die wirthschaftliche Entwickelung geistig sich sorgen und abmühcn. Was allein noch fehlt, ist jene Mitgift an sicherem Wagemuth, ohne welchen kein großes Werk entsteht. Der entrüstete Lärm der existenzbesorgten politischen Größen schreckt noch manche;
und doch: giebt es etwas einfacheres, als die Thatsache, daß gerade die Verbündung der drei wirthschaftlichen Träger unserer Kultur dem wirthschaftlichen Egoismus die Spitze abbrechen wird? Wie der Zusammenschluß der Kleinstaaten zu einem Reich nicht den Sieg, sondern den Tod der wirklichen Kleinstaaterei bedeutet, so wird gerade der Zusammenschluß der Wirthschaftspolitik den wirthschaftlichen Blick schürfen, zu einer edleren Auf- faffung der Volkswirthschaft führen und diejenige habgierige wirthschaftspolitische Kirchthurmspolitik niederschlagen, welche nirgends besser gedeiht, als unter einem „hochpolitischen" Regime, welches ohne wirthschaftliches Gewissen seiner Macht und seinen Wünschen zuliebe jeden Pakt unterschreibt.
Deutsches Reich.
Berlin. Das Krönungs- und Ordensfest hat am Sonntag im königlichen Schloß zu Berlin unter Entfaltung großen Prunkes stattgefunden. Schon um 10 Uhr begann die Anfahrt der neu zu dekorirenden Personen und der zur Feier geladenen älteren Ritter preußischer Orden. Nachdem in der zweiten Braun- schweigischen Kammer die Verleihung der Orden stattgefunden hatte, begaben sich die Neudekorirten nach dem Rittersaal, wo sie rangirt und dem Thron gegenüber ausgestellt wurden. Kurz nach */2 12 Uhr erschien das Kaiserpaar, gefolgt von den Prinzen und Prinzessinnen des königlichen Hauses sowie den fürstlichen Gästen, im Rittersaal, wo alsbald die Defilirkour der Neudekorirten ftattfanb. Nach Beendigung derselben wurde in der Schloßkapelle Gottesdienst abgehalten und später war im Weißen Saal, in der Bildergallene und in mehreren anderen Sälen große Tafel.
— Wie die „Schlesische Zeitung" meldet, hätte der Kaiser neuerdings Gelegenheit genommen, sich gegenüber einem der konservativen Partei nahestehenden Mann dahin auszusprechen, die Konservativen sollten doch nicht denken, daß er sich in der Wahl seiner Rathgeber irgend- wie beeinflussen lassen würde, und daß er insbesondere in Bezug auf den russischen Handels-Vertrag nicht ganz hinter dem Grafen Caprivi stünde. Dazu bemerkt die „Post": „Wir können die Richtigkeit dieser Nachricht vollkommen bestätigen und hinzufügen, daß die kaiserliche Aeußerung zu dem Träger eines bekannten konservativen Namens gethan wurde."
— Fürst Bismark war in letzter Zeit wieder unpäßlich; er litt an starker Erkältung (Influenza) mit Heiserkeit, die ihm das Sprechen erschwerte. Es ist indeß Besserung eingetreten.
— 22. Jan. Abg. v. Massow theilte soeben in der Budgetkommission mit, daß Exkönig Milan von Serbien letzte Nacht in Belgrad ermordet worden sei.
— Wie wir erfahren, wird beabsichtigt, eine Entschädigungskasse für Geschworene und Schöffen für den Umfang des preußischen Staates einzurichten. Die bezüglichen Statuten werden binnen kurzer Zeit dem Ministerium des Innern zur Genehmigung vorgelegt werden. Inhaltlich der Statuten soll die Entschädigung pro Tag 8 Mark betragen und aus den Eintrittsgeldern sowie den feststehenden Jahresbeiträgen der Mitglieder beftritten werden. Nähere Auskunft über diese Orga- gunisalion ertheilt Direktor Rich Lentz, Berlin, Schlegel- straße 4.
DreSden, 17. Jan. Zwei Fälle von Einkommen- stenerhinterziehung, welche durch den Tod der betreffenden Personen, eines Großkaufmanns und eines Restaurateurs, zur Kenntniß der Behörden kamen, erregten hier nicht geringes Aufsehen. Die Erben des ersteren müssen nun 500,000 Mark, diejenigen deS Restaurateurs 400,000 Mark Strafe zahlen.
Naumburg, 17. Januar. Die kleinste Schule in Preußen mag in Schulpforta bestehen. Dort giebt es eine Elementarschule mit einem Schüler und drei Lehrern, nämlich einem Akademiker (Philologen) als Ordinarius, einem Musikdirektor als Gesanglehrer und einem Volksschullehrer als Schreiblehrer. Der Schüler ist erst sieben Jahre alt. Aber gescheid, grundgescheid wird der Junge einmal werden.
Niirndcrg. Ein deutscher Eedernwald. Der Cedern- wald auf der Besitzung des Freiherrn v. Fader auf Schloß Stein (bei Nürnberg), welcher über 6 ha umfaßt, ist der erste und einzige seiner Art in Deutschland, ja, auf der ganzen Erde, denn selbst in Florida und Alabama kommt Ledernholz in den Urwuldungen