Deutsches Reich.
Berlin, 17. Jan. Dem Bundesrath ist ein Gesetzentwurf zugegangen, enthaltend: die Einführung der Berufung'in Strafsachen, die Entschädigung unschuldig Berurtheilter,' die Ausdehnung des Kontumazialver- fahreiis, die Abänderung der Zeugenvereidigung, die Einführung eines abgekürzten summarischen Verfahrens für gewisse Strafthaten, sowie endlich Kompetenzver- veründerungeu der Gerichte.
— Einschränkung von Auszeichnungen. Hervorragende Persönlichkeiten wurden nach einem alten Bräuche aus Anlaß der Vollendung des 70., 80. oder 90. Lebensjahres bisher Seitens des Ressortminister zu allerhöchsten Auszeichnungen vorgeschlagen. Wie die „Voss. Ztg." hört, hat das Staatsministerium beschlossen, für die Zukunft die Erreichung eines bestimmten Lebensalters nicht mehr zum Anlaß derartiger Auszeichnungen zu nehmen.
— Der geschäftsführende Ausschuß des Landesvereins preußischer Volksschullehrer wird in den nächsten Tagen dem 'Kultusminister, sowie dem Kriegsminister eine Bittschrift "zugehen lassen, in welche um Gewährung des Einjährig - Freiwilligen - Zeugnisses an die Seminar-Abiturienten gebeten wird. Die gegenwärtige Gestaltung der Dienstpflicht der Lehrer hat sowohl für diese, wie auch für die Heeresverwaltung so viel Unzuträglichkeiten im Gefolge, daß eine Aenderung im Sinne der Bittschrift dringend zu wünschen ist. In Oesterreich und Baiern haben die Lehrer schon seit längerer Zeit das Recht des Einjährig-Freiwilligen, und besonders die österreichischen Lehrer machen von diesem Recht vielfach Gebrauch.
In welcher eigenthümlichen und schwierigen Lage sich viele Bewohner Rußlands deutscher Herkunft befinden, schildert der „Wilna'sche Bote". Nach demselben leben im nordwestlichem Gebiete sehr viele Personen, die als deutsche Reichsangehörige gelten, von Deutschland jedoch als solche nicht mehr anerkannt werden. Die Mehrzahl derselben ist bereits in Rußland geboren, ein Theil im Kindesalter eingewandert. Sie. erhielten daselbst wiederholt Aufenthaltsscheine, erneuerten aber ihre Heimathspässe nicht und ließen sich auch nicht in die Consularmatrikel Einträgen. Ihre jetzt gestellten Gesuche um Aufnahme in den russischen Unterthanenverband sind zurückgewiesen worden, den Zeitpunkt für die Eintragung in die deutsche Matrikel haben sie vergessen und bilden somit eine Kategorie staatlich vogelfreier/ rechtloser Leute. Es handelt sich dabei nicht nur um einzelne Individuen, sondern um eine sehr große Zahl, da.anzunchmen ist, daß es mit vielen im Süden lebenden Deutschen nicht anders bestellt ist. Wenn die Lommission, welche beauftragt werden soll, ein neues Ausländergesetz anszuarbeiteu, ihre Arbeiten beginnt- wird die Frage, was mit diesen Leuten zu geschehen habe, sich von selbst aufwerfem Sie gehört in das Völkerrecht und man kann auf ihre Lösung gespannt sein.
Der Unteroffizier als Lehrer — kein Wahn, sondern Wirklichkeit. Der „Preuß. Lehrerztg." wird aus Memel geschrieben: Auf der Nordspitze der Kurischen Nehrung liegt der Stadt Memel gegenüber das gleichnamige Fort. Es zählt etwa zehn schulpflichtige Kinder, die von jeder Schule abgeschlossen sind. Der Unterricht der Kinder ist daher dem Aufseher des Forts, dem aktiven Feldwebel Hannemann, gegen ein jährliches Gehalt von 540 Mk. übertragen worden. Der Unterricht wird an allen Wochentagen Vormittags ertheilt. Feldwebel Hannemann nimmt regelmäßig an den Konferenzen der Kirchspiels Theil, wobei er stets in_ Uniform erscheint.
Neiße, 17. Januar. Das Schwurgericht sprach nach zweitägiger Verhandlung im Wiederaufnahmeverfahren den GoldUbeiter Menzler aus Leobschütz, welcher im Jahre 1889 wegen wissentlichen Meineids und zwei Bünkcrottfällen zu vier Jahren Zuchthaus veruttheilt worden, gänzlich frei. Bis aus wenige Monate hatte Menzler dre gegen ihn erkannte Strafe bereits verbüßt,
Hagen, 8. Januar. Die Frau des Rottenarbeiters Carl Herr in Rühlerheide hat in einem längeren, an den Amtmann ^Knippschild in Altenhagen gerichteten Schreiben ihren am 6. Mai v. I. nach Amerika ausgewanderten Mann, des Mordes bezichtigt, der hier am Weihnachtsabend 1891 an Amalie Mander verübt wurde. Zur Zeit der That wohnte Herr nur 200 Schritte von der Mordstelle.
Wanue i. Wests., 9. Januar. Mehrere Frauen von „ Mietern- und Wanne veröffentlichten in der „Emscher Ztg." folgendes Eingesandt: „Es ist schon lauge unser sehnlichster Wunsch gewesen, daß jeden Abend die Wirthshäuser pünktlich geschlossen werden, um unsere Ruhe haben zu können; aber es bleibt hier immer noch beim Alten, obgleich seit Jahresfrist die Beamtenschaft vermehrt worden ist. Wir verlangen aber, daß Ruhe und Ordnung herrscht, und bitten daher die Beamten, strengstens gegen jeden Unfug und gegen jede Uebertreibung einzuschreiten, andernfalls wir uns höheren Orts beschweren müssen." Das läßt ja tief blicken.
Aus Franken, 16. Jan. Die Nachwehen der vorjährigen Futterernte lassen sich noch allenthalben in den betroffenen Kreisen sehr unlieb verspüren. Eine
besondere Sorge hat die ausreichende Beschaffung von Rauhfutter gebildet, zumal von Futterstroh. Die Regierung von Unterfranken hat in dieser Beziehung sich viel Mühe gegeben; daß allerlei Verdrießlichkeiten außer der nöthigen Arbeit sich einstellen würden, darauf war man ja wohl schon bei Uebernahme dieser werkthätigen Hilfsleistung gefaßt. Trotz der vorsichtig abgeschlossenen Verträge mit den Lieferanten ist es doch zu verschiedenen Streitigkeiten bei der Lieferung gekommen; so hat es auch Gewichtsdifferenzen bei den einzelnen Waggons gegeben, die sich aus der Verdunstung der feuchtge- preßtcn Ballen erklären. Auch die Qualität hat in einzelnen Fällen den Vereinbarungen nicht entsprochen, kurz die Arbeit und Mühe die sich die leitende Kreise aufgeladen haben, ist eine solche, daß die einsichtigen Landwirthe sie wohl zu würdigen wissen. Auch die eindringliche und überzeugende Belehrung über die Art und Weise, wie der Bauer seinen Vichstaud am leichtesten über den Winter bringen kann, war sehr am Platz; vor Allem die Anweisungen SoxhUls sind vielfach auf guten Boden gefallen. Freilich, harte Monate stehen noch bevor; doch eine Panik wird sich kaum breit machen können. Beachtung und Nachahmung verdient das Vorgehen der Händler mit Kraftfutter Mitteln tn Schweinfurt; diese haben mit dem dortigen Landwirthschaftlichen Bezirksvernn (er ist der größte in Bayern) einen Vertrag abgeschlossen, nach dem den Vercinsimtglicdern Vortheile beim Bezug eingeräumt werden. Der Landwirthschaftliche Verein hat dabei auch das Recht eingeräumt erhalten, die Kraftfnltcrmittel chemisch auf ihren Nährgehalt prüfen zu lassen; die Händler ihrerseits versprechen sich von der Empfehlung ihrer geprüften Kraftsuttermittel durch den Verein einen größeren Absatz.
Lokales und Provinzielles.
* Schlächtern, 19. Jan.
* — Da es vielfach vorkommt, daß sich Wehrpflichtige im Zweifel darüber befinden, ob sie sich wegen Erlangung ihrer bei der Anmeldung zur (Stammrolle vorzulegenden Geburtszeugnisse an das Pfarramt oder an das Standesamt zu wenden haben, so machen wir darauf aufmerksam, daß die Geburtszeugnisse nur von den Standesämtern ausgestellt werden dürfen.
— Im Jahre 1894 kommen nach einer Bekanntmachung des Landwirthschaftsministers 51 und im Jahre 1895 55 preußische Domänenvorwerke mittelst öffentlichen Ausgebots zur anderweitigen Verpachtung. Von diesen liegen vier in der Provinz Hessen-Nassau.
— Was eine gute Milchziege leisten kann, beweist eine Ziege in Pfungstadt in Hessen-Darmstadt, die am 13. April v. J. geworfen hatte, in der 2. Woche 6 bis 6V2 Liter und am 28. Oktober noch 51'2 Liter Milch täglich gab. In Heffen-Darmstadt hat überhaupt die bisher in Deutschland vielfach vernachlässigte Ziegenzucht zuerst bessere Pflege gefunden. Es haben sich Ziegenzuchtvereine gebildet, die aus der Schweiz Böcke und Mutterthiere guter Rassen entführen. Am besten hat sich die ungelernte weiße Saanenziege bewährt, von der die Gemeinde Pfungstadt 6 Böcke aufgestellt hat. Dieses Vorgehen ist lobend anzuerkennen, denn wenn auch die Ziegenzucht in manchen Gegenden gar keine Rolle spielt und in anderen, wo dies früher der Fall war, stark zurückgegangen ist. so in unseren Walddörfern, so ist dieses anspruchslose Hausthier, doch für Deutschland immer noch von Bedeutung, zählt man doch im Deutschen Reich 2 600 000 Stück Ziegen. Es läßt sich wohl nicht leugnen, daß auch hier zu Lande mit der Einführung von guten Zuchtthieren viel erreicht werden könnte, denn die Ziege ist ja für den Haushalt des kleinen Mannes, insbesondere des Fabrikarbeiters, wie geschaffen. Darum hat sie auch der Witz des Wäldlers mit doppeltem Humor die „Fabrekanten-Kuh" getauft.
* — Die Frage, ob der Milchverkauf durch Land- wirthe am Sonntage eine Verletzung der Bestimmungen über die Sonntagsruhe sei, ist, wie der „Feierabend des Landwirths" mitteilt, durch ein Urtheil des Ober- landesgerichts in Frankfurt a. M. in verneinendem Sinne entschieden worden. Zu dem Urtheile heißt es: „Die Größe des Betriebes ist nicht entscheidend. Der Verkauf selbstgewonneuer Produkte von Seiten des Landwirthes ist kein Handelsgeschäft, weil er sich nur als Abschlußakt des eigenen wirthschaftlichen Betriebes, nicht als Akt der Handelsthätigkeit darstellt. Derselbe unterliegt deshalb nicht den Bestimmungen der Gewerbe- Ordnung über die Sonntagsruhe."
Fulda, 16. Jan, Heute Vormittag 9 Uhr fand die Beisetzung der irdischen Ueherreste des Bischofs Wey- land vor dem Josephs-Altarc int hohen Dome mit der Entwickelung all jenes kirchlichen Pompes und bei all jenem Menschenandrange statt, den man in einer Bischofsstadt in solchen Füllen gewohnt ist. Schon von 8 Uhr an begann es am Paulusthor und auf dem Domplatze lebhaft zu werden: es sammelten sich allmählich die Leidtragenden. Darunter befanden sich an höheren Geistlichen die Bischöfe Dr. Simar von Paderborn und Dr. Haffner von Mainz; die anderen Bischöfe waren durch Mitglieder ihrer Domkapitel vertreten; von höheren Personen weltlicherseits u. a.: Herr Regierungspräsident Graf Clairon d'Haussonville, Herr Ministerialdirektor
Kühn aus Weimar, Herr Oberbürgermeister Dr. Antoni u. a. m.; Herr Oberpräsident Magdeburg, durch einen ernsten Krankheitsfall in seiner Familie am Erscheinen verhindert, war durch Herrn Oberpräsidialrath Polen vertreten. An Geistlichen waren allein 310 im Chorrock und mit brennenden Kerzen zugegen. Unabsehbar war der Leicheuzug, der, von 56 Fahnen überragt, punkt 9 Uhr von der Domkirche aus zur Abholung des Leichenwagens sich nach der bischöflichen Kurie begab und sich von da durch die Paulus-Allee zurück zum Dome bewegte. Dem vierspännigen Leichenwagen, den zu beiden Seiten die Dekane der verwaisten Diözesen geleiten, folgte der Bisthumsverweser, dann die Anverwandten, Körperschaften, Deputationen, Vereine und Leidtragende aller Stände. Das Pontifikalamt celebrirte der Bischof von Paderborn; während desselben und der ciustündigcu Trauerrede, welche der Bischof von Mainz hielt, ruhte der Sarg unter der Kuppel auf einem Katafalk, um« standen von Alumnen mit brennenden Kerzen. Dr. Haffner entwarf in seiner Rede, wie der „Rh. K." berichtet, ein Lebensbild des Verewigten, dessen schönste Seite in der Schilderung des Charakters und der Toleranz gefunden wurde, welche der Verblichene als Stadtpfarrer von Wiesbaden in der religiösen Wirrenszeit geübt hat. Um halb 12 Uhr wurde der Sarg versenkt; und mit ihm ein Mann, der durch Milde und Freundlichkeit segensreich wirkte und an Verdiensten um die Kirche seinen Vorgängern in nichts nachsteht. — Bis zur Wiedcr- besetzung des bischöflichen Stuhles in Fulda wurde als Bisthumsverweser Herr Prälat Dr. Komp gewählt.
Neufeld, 15. Januar. Am Sonnabend früh gegen 7 Uhr bräunten in dem benachbarten Sargenzell zwei Scheunen und ein Wohnhaus, den Bauern M. Kirchner und Peter gehörig gänzlich ab. Die Windrichtung war zum Glück eine günstige, sonst konnte bei dem herrschenden Wassermangel das ganze Dorf in Gefahr kommen. — Ein junger Mann aus Rückers wurde hierbei von einem wild gewordenen Stiere angegriffen und erlitt, da er sich vor demselben durch einen Sprung über eine Hecke retten wollte, einen sehr gefährlichen Beinbruch.
Gclnhausen. Montag Morgen passirte zwischen Rothenbergen und Laiigenselbold ein gräßliches Unglück. Der Fahrknecht Georg Laubach, welcher in der hiesigen Kunstmühle des Herrn F. Kees bedien stet ist, fuhr mit einem mit ca. 80 Centner Mehl beladenen Wagen atm der Chaussee zwischen beiden genannten Orten nach Laiigenselbold zu, als ihm drei Fuhrwerke begegneten. Während das erste von diesen unter dein vorgcschrie- benen Ausweichen vorbeikam, wurde der neben seinem Wagen hergehcude Fahrknecht von einer an dem zweiten angebrachte Henwinde, welche mehrere Mehlsäcke aufriß, zu Boden geworfen und fiel unter die Räder des eigenen Wagens, welche ihm über die Brust gingen. Der Führer des letzten Wagens richtete ihn etwas auf, dann fuhren sie weiter und erstatteten in Rothenbergen von dem Vorfall Anzeige. Währenddessen schafften zwei des Weges kommende Handelsleute den Schwerverletzten nach dem Rand der Straße, von wo ihn später Einwohner von Rothenbergen auf einen Wagen auf Stroh betteten und hierher brachten. Auf der neuen Straße in der Nähe des Rötherbrunnens starb der Verunglückte. Groß war der Jammer der Frau des Lanbach, als sie von dem Schicksalsschlage Kunde erhielt. Laubach, welcher bereits einige Zeit hier beschäftigt ist, ließ seine Familie am vergangenen Samstag von deren seitherigem Wohnort Ober-Mockstadt hierher- tommen und bezog eine Wohnung in Burg-Gelnhausen. Sein Leichnam, welcher nach dem hiesigen Hospital verbracht worden war, wurde gestern von seinem Bruder in Empfang genommen und nach dem Heimathortc übergeführt. Die Führer der drei Fuhrwerke, welche zur' Zeit des Unglücksfalles dem Laubach begegneten, waren die Fuhrwerksbesitzer Kurz aus Hanau und deren Knecht.
Aus Hessen, 14. Jan. Der Futtermangel fängt erst jetzt an, sich in dieser Gegend in bedenklicher Weise besonders bei den Pferdebesitzern geltend zu machen. In vielen Orten erkranken die Pferde infolge des Heu» mangels und manches noch brauchbare Thier ist bereits gefallen. Wie wirds aber erst im Frühjahr werden?
Malsfelv, 12. Januar. Eine schreckliche Verletzung zog sich der hiesige Schmiedemeister Konrad Stiebeling zu, als er damit beschäftigt war, einen stumpf gewordenen Eiseudorn zu spitzen. Bei dem Bearbeiten mit dem Hammer sprang der glühend gemachte Eisentheil plötzlich aus der Zange und traf das linke Auge des Genannten so unglücklich, daß dasselbe sofort ausbrannte.
Hersseld, 15. Jan. Der Herr Regierungspräsident in Kassel macht folgendes bekannt: „Auf Grund des § 100e Nr. 3 der Neichsgewerbeordnung bestimme ich hierdurch widerruflich für den Bezirk der Schneider- Innung zu Hersfeld „daß diejenigen Arbeitgeber, welche das Schneidcrgcwcrbe betreiben, und, trotzdem sie zur Aufnahme in die Schneider-Innung zu Hers» seid geeignet sein würden, gleichwohl dieser Innung nicht angchören, vom 1. Januar 1894 ab keine Lehr» linge mehr annchmen dürfen."
Bermischtes.
— Die Miethen für Geschäftsräume sind in großen Städten fast unerschwingliche geworden und in dieser