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Erscheint Mittwoch u. Samstag — Preis mit „Kreisblatt" u. „Jllustrirten Familienfreund" vierteljährl. 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf.
M 5. Mittwoch, den 17. Januar 1894.
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Nostpl^t^a^ "^ die „Schlüchterner Zeitung" gtPl^lvUUeilys. H werden noch fortwährend von allen ——--------— Postanstalten und Landbriefträgern sowie von der Expedition entgegen genommen.
/ Die wirlhschaiftliche Gemeinschaft.
Auszug aus einer Broschüre von einem westdeutschen industriellen Kreise. (Fortsetzung.)
XII.
Die böse derzeitige Abhängigkeit der Regierung und der Heeresleitung von dem Geldmarkt, den Getreidebörsen des Landes und ihren Bchcrjchern ist allein zu vermeiden durch eine größere Ausdehnung des Baarumlaufs, der es auch für größere Bankkonsortien unmöglich oder doch gefährlich macht, ihm seine Wege vorzuzeichnen. Aber diese Vergrößerung ist nicht leicht. Das aufgespeicherte Gold in Münzen und Barren ist in festen Händen, die Jahresproduktion von etwa 500 Millionen Mark läßt für Münzzwecke nur etwa 170 Millionen Mark übrig. Der größere Theil wird zu Schmuck- und Kunstgegeu- ständcn verwandt, um jene 170 Millionen Mark ringen England, Amerika, Deutschland, Frankreich, Italien, Rußland und Oesterreich mit einander.
Die Produktion an Gold und Silber betrug im ganzen (Svetbeer, Nachtr. p. 282):
189O,-i
an Gold
Kilo
174 556 = 487,2 Millionen
Ä
1889
f» ■
176 272 = 492
ff
1888
w
ff
164 090 = 458
ff
ff
1890,-i
an Silber
ff
4 010 516 = 532,4
ff
1889
ff
kk
4 237 000 ----- 535
1888
ff
ff
3 673 000 = 477
ff
ff
Die Ausmünzungen
18901 in Gold 096 Mill. -M in Silber 597 Mill. ^ 1889 „ 675 „ „ „ 554 „ „ -1888 „ 539 „ „ „ 540 „ „
Hieraus geht hervor. 1. daß die Silberproduktion und die Goldproduktion gar nicht so verschieden sind, auch nach dem Verhältniß von 1 : 15 Vs beträgt die Silberproduktion nur etwa 50 Prozent mehr als der Werth der Goldproduktion.
In diesem Verhältniß liegt absolut kein Grund für die Entwerthung des Silberpreises, denn das umgekehrte Verhältniß — mehr Goldproduktion und mehr Goldprägung — hat über zwei Jahrzehnte in der Welt bestanden, ohne daß jemand daran gedacht hatte, deßhalb das Gold zu demonetisiren und das Silber zum ausschließlichen Währungsmetall zu erheben. Es betrug nämlich die Goldgewinnung zur Silbcrgewinnung dem
Werth nach_____________________________________
Perioden (durchschnittlich)
Gold Pro- duktion in 1000 Mark
«Silber Pro- duktion in 10 0 Mark
Prozent- Verhältnisse der
Produktion
Silberpreis per
Unze Standard Pence
Gold
Silber
1851-1855
556308
160387
77,6
22,4
csg’Mskiei^
1856—186(1
562899
164709
77,4
22,6
(60"2-62^) 61 b g
1861-1865
516326
199308
72,1
27,9
(6V«ö-^2'2)6l'<
1866-1870
544139
239596
69,4
30,6
(60-621») 6«chs
Wenn man bedenkt, wie stark sich die Bevölkerung der Kulturstaaten seit 1850 vermehrt hat, wie sehr ihr Verkehr gewachsen ist, welchen Umfang besonders der Werthverkehr angenommen und welch gewaltige Völker Massen durch die fortschreitende Erschließung Asiens und Afrikas an dem Gold und Silber der Welt ihr Theil zu fordern beginnen, so liegt ein Grund nicht vor, eine Ueberflutung des Geldmarktes durch Münzmetall zu be-^ fürchten, auch wenn dem Silber die Stellung niib der Markt als Währungsmetall zurückgegeben wird. Aus obiger Tabelle geht aber des weiteren mit, wie wir glauben, großer Evidenz hervor, daß die Goldproduktion dem Bedürfniß nach Münzgold absolut nicht entspricht. Durch eingehende Untersuchungen ist man zu der Ueberzeugung gekommen, daß nach Abzug der Gold- Massen, die nach Asien abfließen, in der Industrie verwandt werden rc., etwa 30—35 Prozent der Jahresproduktion für Münzzwecke übrig bleiben, also etwa 170 Millionen Mark pro Jahr. Die Ansprägungslisten belehren uns, daß seit langen Jahren das drei- bis vierfache dieser Summe geprägt wird, was natürlich nur durch Um Prägungen von Goldmünzen fremder Staaten möglich wird, die ihr Gold nicht mehr zu schützen vermögen.
Hieraus ergab sich schon vor Jahren, daß die Ent
werthung des Silbers eine internationale Kalamität war, die von allen Völkern und auch von den eifrigsten Verfechtern der Goldwährung anerkannt wurde, gegen die man sich nach besten Kräften zu schützen suchte. Die deutschen Goldwähruugsmänne? empfehlen die Radikalkur: alles im Lande vorhandene Silbergeld bis auf die Scheidemünzen zu jedem Preise zu verkaufen und dafür Gold anzuschaffen, ein Vorschlag, der uns zur Zeit etwa 130 Millionen kosten und unsern Umlauf um ebensoviel verringern würde; die radikalen Bimetallisten verlangen Einführung der freien Silderpräge in den Kulturstaaten auf Grund internationaler Verträge. Da die deutsche Regierung seit 1878 die Silberverläufe wegen zu großer Verluste und damit die Durchführung der Goldwährung suspendirt hatte und sich zu einer Wiederaufnahme derselben ebensowenig entschließen konnte, wie zu irgend nennenswerthen Maßregeln zur Hebung des Silberpreises ohne Englands Mitwirkung wurde die Situation immer gespannter. Die etwa 450 Millionen Mark in deutschem Thalersilber (inklusive österreichische Thaler) lagen wie eine jeden Augenblick sturzbereite Lawine über dem Silbermarkt und machten den Vereinigten Staaten, Frankreich und dem lateinischen Bnnd durchgreifende Maßregeln zum Schutz des Silberpreises schwer, wenn nicht unmöglich. Selbst etwas zu letzterem beizutragen, wurde der Regierung erschwert durch die Hartnäckigkeit, mit welcher die radikalen Bimetallisten die vertragsmäßige Freigabe der Silderpräge als Allheilmittel und conditio eine qua non verlangten.
Die Vertreter der Goldwährung, deren Durchführung bei uns eine Verminderung des Baarumlaufs und eine verstärkte Goldthenerung nebst weiterem Prcisnicdcrgang zur Folge haben müßte, haben nicht diesen Grund als Motiv angegeben,v obwohl er Dom Standpunkt des großen Bankgeschäfts überaus stichhaltig ist, sondern behaupten, es sei unmöglich und widersinnig, den Werth der Dinge mit verschiedener Elle an zwei Geldmctallen gleichzeitig messen zu wollen, statt an einem.
Das ist eine wunderbare Ueberschätzung der schul- mäßig formalen Logik und ihres Werthes gegenüber den Erfahrungen des Lebens und der Geschichte. Soweit wir zurückzublicken vermögen, sind Silber und Gold neben einander die Münzmetnllc aller Kulturvölker gewesen, und eine 'mchrtauscndjährigc Erfahrung sollte man doch etwas respektvoller behandeln und erst einmal nachsehen, ob der logische Schluß, der ihr direkt zu widersprechen scheint, nicht irgendwo hapert und hinkt. Die Logiker haben nämlich zwei Funktionen des Geldes nicht auseinander gehalten, die des Werthmessers und die des Tauschmittels, sie haben Valuta und Währung verwechselt. Wir rechnen nach Gold wie Frankreich, aber wir zahlen in deutscher Reichswährung, das heißt nach Belieben des Schuldners in Gold oder in Silberthalern zu 3 Goldmark. Der Maßstab des Waaren- werthes ist Gold in England, Deutschland, Frankreich und Amerika — wie dw Zahlung vermittelt wird, ist eine Sache, die mit der Werthbemessung als solcher nichts zu thun hat.
Nach dem unrühmlichen Verlauf der Brüsseler Konferenz scheint Europa in der ©Überfrage endgültig ab= gedankt und den Amerikanern die Erledigung überlassen zu haben.
Diese werden dieselbe zweifellos mit jener überraschenden Rücksichtslosigkeit der jeunesse dorde erledigen und sich keine Skrupel machen, wenn ihre Maßnahmen uns nicht gefallen, sich auch mit den Folgen eines etwaigen Fehlgreifens besser und rascher abzufinden wissen als unsere Bureaukratie, die heute noch genau so klug, ist wie auf den Münzkongressen der 60er und 70er Jahre und seit 1879 einen Entschluß noch nicht hat fassen können.
Nach bewährtem Rezept wartet sie, bis eben „die Techniker sich geeinigt haben." Jedenfalls wird Amerika vorher handeln. Seine derzeitigen Verhältnisse drängen zur Klärung. Uebersichtlich sind dieselben für uns nicht, durchsichtig noch viel weniger.
Es fragt sich, ob Amerika das Silber aber das Gold abstößt — die Kraft zu beiden scheint es zu haben. Wir haben auf den Anhieb verzichtet und müssen deßhalb uns jetzt aufs parken legen.
Das aber ist wohl klar, daß, wenn ein Smat, gleichviel welcher, heute Silber zum Tagespreise kauft und es als Kurant mit gesetzlicher Zahlkraft im Verhältniß von 1 ; 15 h- zur Umlaufsvermehrung ausgiebt,
teincii Verlust leidet, wenn er das Silberkurant gelegentlich gegen Gold al pari umtauscht und schließlich eventuell ebenso einzicht. Nur bei weiterem Rückgang des Silberpreises würde er beim Einziehen der Silbermünzen Verlust erleiden. Ein derartiges Einziehen aber ist doch gar nicht voraus zusehen, bei niedrigen Silberpreisen kauft er seinen Jahresbedarf natürlich ebenfalls niedriger, und der Berlustchance, die nicht realisirt zu werden braucht, steht doch beim Steigen des Silberpreises eine nicht minder große Gewinnchance gegenüber.
Das gilt für die Vereinigten Staaten ebenso wie für uns und für England. Und überall haben die produktiven Stände das gleiche Interesse an der Herstellung eines ausreichenden, dem der Nachbarstaaten entsprechenden Baarumlaufs und einer Hebung des Silberwerthes bis zum alten Paristand 1:15'/». Das mobile Kapital allein ist an der Herstellung der strikten Goldwährung bei uns und anderorts interessirt. Die zur Zeit der Veröffentlichung dieser Abhandlung ein» getretene Schließung der Indischen Münzen gegen die Silderpräge macht der widerwärtigen verschleppenden Behandlung dieser Frage seitens Amerikas, Englands und Deutschlands hoffentlich ein Ende. Wir werden Prcisderoutcn von schwer zu bemessender Größe bekommen und man wird sich entschließen müssen, dem Silber, wenn auch nicht zu freier Präge, so doch zu umfangreichen Staatsprägungen nllerwüns die Münzen wieder zu öffnen, denn das Silber ist das einzig mögliche Münzmetall für den ungeheuern Verkehr der Völker auf ihrem nationalen Markt. Der Werthverkehr des täglichen Lebens vollzieht sich meistens in Silber und kann sich ganz in demselben vollziehen, während Gold für ihn ein sehr angenehmer, aber allenfalls entbehrlicher Luxus ist. Gold wird wesentlich das Münzmetall für den internationalen Ver- rchr der Staaten und Völker und ihrer nationalen Banken bleiben. (Fortsetzung folgt.)
Das Schreiben des Reichskanzlers vom 5. Januar.
In seinem Antwortschreiben auf die Eingabe des oft» preußischen konservativen Vereins hat der Reichskanzler zwei Maßregeln angefünbigt: Die Aufhebung des Identitätsnachweises und die Einsetzung eines Ausschusses zur Prüfung der Silberfrage.
Die erste Maßregel hängt von dem Abschluß eines deutsch-russischen Handelsvertrags ab: nur in diesem Falle kann den Wünschen der Handelsplätze der Ostsee und weiter landwirthschaftlicher Gebiete im Osten entsprochen werden. Gegenwärtig wird für Getreide, das ins Ausland geht, der Zoll nur dann vergütet, wenn der Nachweis erbracht wird, daß dasselbe Getreide zuvor vom Ausland eingeführt war (Identitätsnachweis). Vor der Herrschaft der GctrcidezöÜc ging von den Ostseeplätzen aus viel deutsches Getreide ins Ausland, gewisse deutsche Getreidesorten sind namentlich in England beliebt. Mit den Getreidezöllen schwand diese Ausfuhr, weil die Steigerung des Inlandspreises durch den Zoll den Verkauf im Julande voriheilhafter machte. Die östlichen Provinzen und namentlich die Hafenstädte von Memel bis Stettin hin haben darunter viel zu leiden gehabt, und mit ihnen auch die landwirthschaftliche Bevölkerung. deren Interessen mit dem Verkehr in den nahen Handelsplätzen eng zusammenhängen. Deßhalb war schon in der Session 1887/88 der Vorschlag gemacht worden, den Identitätsnachweis aufzuheben und bei der Ausfuhr von Getreide, gleichviel welcher Herkunft, einen Betrag in Höhe des Getreidezolles zu erstatten. Indessen seit und so lange Differentialzölle gegen Rußland bestehen, würde die Beseitigung des Identitätsnachweises die Wirkung der Differentialzölle zum Theil ausheben und der russischen Landwirthschaft in den Grenzländern mehr nützen als der unfrigen.
Da Deutschland weniger Brotfrucht baut, als eS bedarf, so muß auch jede Ausfuhr inländischen Getreides an derselben ober an irgend einer anderen Grenzstelle eine im gleichen Betrage größere Getreideeinfuhr nach sich ziehen. Bedenken gegen die Aufhebung des Identitätsnachweises wurden namentlich aus dem westlichen und südlichen Deutschland erhoben; hier fürchtet man, daß man genöthigt sei, au Stelle der Getreidebezüge aus dem deutschen Osten mehr Getreide aus dem Aus- lanbe zu beziehen, und daß dadurch im südlichen und westlichen Deutschland die hier gewöhnlich höher als im