ZchlüchternerMung
Erscheint Mittwoch u. Samstag — Preis mit „Kreisblatt" u. „Jllustrirten Familienfreund" vierteljährl. 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf.
M 4. Samstag, den 13. Januar 1894.
i^UfblhtttAMi °^ die „Schlüchterner Zeitung" Mp^^t^ttkk^Lß» werden noch fortwährend von allen
' " Postanstalten undLandbrieftrügern sowie von der Expedition entgegen genommen.
Die wirthschaftliche Gemeinschaft.
AuSzug aus einer Broschüre von einem westdeutschen industriellen Kreise. (Fortsetzung.)
XL
Die Franzosen haben unter dieser Diskontschraube wenig oder gar nicht zu leiden. Der Goldabfluß wird dort auf verschiedene Weise verhindert, man giebt den Geldsuchenden, sowie die Absicht des Exportes vermuthet wird, wie bereits bemerkt , die alten Goldstücke, die verschlissen und der Grenze des Passirgewichtes nahe sind, deren Export und Umprügung rentirt schlecht. Oder auch man macht Gebrauch von dein Recht, die Banknoten mit Fünsfrankenthalern einzulöscu, und wer effektiv Gold haben will, muß thatsächlich ein kleines Aufgeld an den Wechsler zahlen, der ihm das Geschäft besorgt.
Wenn aber trotzdem ein Goldabfluß stattgefundeu hat, dann giebt es ein viel billigeres Mittel, dasselbe zurückzuholen als die Diskontschranbe — man kauft es im Ausland auf und transportirt es zurück!
Die Reichsbank hat in den 17 Jahren ihres Bestehens ungefähr 1700 Mill onen Mark Gold gekauft, also durchschnittlich 100 Millionen Mark pro Jahr. Ein glänzendes Geschäft hat sie daran nicht gemacht; 1886 und 1887 hat sie an 130 respektive 129 Millionen Mark nur Mark 9,72 respektive Mark 23,60 verdient, aber sie ist doch nicht nur ohne Schaden abgekommen, sondern hat im ganzen an der Million 390 Mark verdient, und welch unsinnige Summe hätte es dem gelb» suchenden Publikum gekostet, wenn diese 100 Mill. Mark alljährlich durch Diskonterhöhung hätten herangeholt werden sollen.
Da nun zweifellos der erste Zweck der Reichsbank der ist, den Banrumlauf in Ordnung und jederzeit der Geschäftswelt für zweifellose Sicherheiten thunlichst billiges Geld bereit zu halten — wohl zu unterscheiden von Kredit —, so erscheint die Frage billig und gerechtfertigt, warum erhöht sie den Diskont nicht nur bei Geld knappheit, sondern schon bei Gefahr von Gold- abfluß, statt Gold zu kaufen, selbst wenn in schwierigen Zeiten ab und zu ein kleiner Verlust damit verbunden gewesen wäre, resp, sein sollte?
Der Grund liegt unseres Ermessens in der zwiespältigen Natur unserer Reichsbank. Dieselbe ist nicht allein Nationalbank, sondern ein Erwerbsinstitut, welches seinen Aktionären Dividenden geben muß, und so steht die sehr ausfällige Thatsache, daß der Diskomertrag 70 bis 75 Prozent und der Lombardertrag weitere 15 Prozent des Bruttogewinns der Reichsbank ausmacht, und daß ihre Dividendensätze seit 1889 ziemlich genau doppelt so hoch sind, als der durchschnittliche Jahresdiskont, doch wohl in einem kausalen Zusammenhang mit dieser Richtung der Bankpolitik. Das ist ein Mangel der Institution, kein Fehler der maßgebenden Behörden.
Aber wenn wir statt 3200 Millionen Mark Metall- nmlauf den doppelten hätten, wie Frankreich das hat, dann würden die doppelten Mengen Baargeld, die dann in der Reichsbank sich zusammen finden müßten, eine andere Gold- und Diskontpolitik mit einer gewissen Naturnothwendigkeit erzwingen, man würde im Bankdiskont wie jetzt im Privatdiskont zu 1—2 Prozent jederzeit Geld haben können, das aber ist die Reichs- bünk dem Lande schuldig. Sie hat das Recht, bis zu 320 Millionen steuerfreie Noten auszugeben, und der Ertrag derselben wird bei gehöriger Ausnutzung auch mit nur 1—2 Prozent Diskontertrag ausreichen, die 120 Millionen des Bankkapitals in angemessener -Weise zu verzinsen, wenn auch vielleicht nicht so opulent wie in den letzten Jahirn. Da alle anderen Diskont- banken genau das gleiche Interesse haben, wie die Aktionäre der Reichsbank, so ist es begreiflich, daß von dieser Seite gegen die wünschenswcrthe Vermehrung des Baarumlauss ebenso gearbeitet wird, wie gegen eine auch nur lhcilweise Remonetisirung des Silbers. Ohne eine solche ist jene Vermehrung auf die Dauer nämlich unmöglich. Jetzt vermag die internationale Geldbörse wohl Unser großes, hochgelegenes Goldbassin anzuzapfen, nicht
Dauach haben wir sogar gerade in dem schlechtesten Erntejahr des letzten Jahrzehntes, in 1891, mit beinahe 100 Millionen Mark die höchste Mehreinfuhr des Jahrzehntes an Gold zu verzeichnen gehabt und auch das nachfolgende Jahr hat noch eine Mehreinfuhr von 28 Millionen Mark geliefert. So lange die Kaufkraft, die Verkaufskraft und der Kredit des deutschen Marktes der Mark deutscher Valuta den Werth von l/139ö Pfund Feingold zu verleihen vermag, so lange ist es dem Ausland ganz gleichgültig, ob wir unsere Schulden mit Kronen, Thalern oder Papier bezahlen. Woraus die Währung besteht, kommt für das Ausland erst dann in Frage, wenn bei uns die Kreditmark in Staatspapier- geld, Banknoten und Silberthalern niedriger steht, wie die effektive Goldmark in dem 10- oder 20-Markstück. So lange wir dies vermeiden können, hat, wie gesagt, das Ausland absolut kein Interesse daran, womit wir im Inland unsere Schulden bezahlen. Diesen Zustand haben wir seit 20 Jahren. Der deutsche 100- und 1000-Markschcin ist in London wie in Paris, in Rom, Brüssel und Wien nicht nur ebensogut wie die gleiche Summe in deutschem Gold, sondern wegen der leichteren Versendbarkeit beliebter. DaS Ausland weiß, daß die dentschen Banknoten in Deutschland gegen .Währung" umtauschbar sind, daß sie im ganzen deutschen Reich pro Mark 1/1395 Pfund Feingold repräsentiern, es weiß, daß man mit 100000 Thalern auf diesem reichen Markt überall genau ebensoviel kaufen kann wie mit 15 000 Doppelkronen. Daß der Thaler infolge der Silberentwerthung nur noch zwei Mark Metallwerth hat, ist richtig und bedauerlich, er hat seinen Werth nicht mehr „in sich", sondern ist dadurch theilweise zu Kreditwährung geworden, seinen Werth garantirt nicht mehr wie früher der Metallgehalt, sondern die Präge, die öffentliche Bürgschaft, welche das Reich dadurch giebt, daß der Thaler unter allen Umständen in seinen Grenzen drei Mark — 31395 Pfund Feingold gelten soll, bis er gegen Gold «ungelöst ist. Deshalb eben dürfen wir die ©überpräge nicht freigeben, sondern müssen die Hebung des Silberpreises mit weniger gefährlichen Mitteln versuchen.
Aber wenn Staaten wie Oesterreich und Rußland ihrem an sich werthlosen, nicht umtanschbaren Papiergeld nur durch den Kredit des Staates und ihres Landesmarktes einen Werth von 50, 67 und 75 Pro
aber das kleinere, ausschließlich dem inneren Verkehr dienende Silberbassin. Vergrößern wir das letztere soweit, daß es dem inneren Verkehr allein zu genügen vermag, so wird der letztere gegen die Schwankungen des internationalen Goldmarktes bedeutend geschützt. Die Politik der Reichsbank hätte alsdann nur den Goldschatz des Landes zu hüten und die Ausgleichung der Wellen von Ebbe und Fluth im Niveau des Goldbassins zu überwachen.
In normalen Zeiten fluktuirt dieses Niveau nur müßig. Auch die schlechten Ernten von 1889 und 1891, wo über 20 Prozent des Bedarfs importirt wurden, haben den Goldbestand gar nicht, die von 1883 und 1884, wo 14 und 18 pSt. des Noggenbedarfs und sogar 27 und 30pCt. des Weizenbedarfs importirt wurden, nur sehr mäßig berührt, wie sich aus der Ausfuhrstatistik der Edelmetalle ergiebt.
Die Mehreinfuhr an Getreide schwankt je nach einem guten oder einem schlechten Erntejahr für Deutschland zwischen 100—400 Millionen Mark. Nach der „Theorie der Handelsbilanz" müßte ein Theil dieser 300 Millionen- Differenz eines schlechten Jahres mit Gold ausgeglichen werden. Das ist nach folgender Tabelle ein Irrthum.
zent sogar im Ausland zu schaffen vermögen, dann wird es doch dem Kredit und dem Markt des deutschen Reiches nicht schwer sein, auch für sein Thalersilber im Inland die Differenz zwischen Silberpreis und Münz- werth auszugleichen, selbst wenn dieselbe auf 50 Prozent steigen sollte. (Fortsetzung folgt.)
ßM
<5
i = §
Waarenbilanz
Einfuhr in Mill. Mk.
Ausfuhr in Mill Mk.
1883
20,8
34,0
13,2
3,290
3,335
1884
18,4
30,5
12,1
—
3,284
3,269
1885
42,5
24,5
—
18,0
2,989
2,915
1886
46,8
20,5
——
26,3
2,944
3,051
1887
55,4
14,6
—-
40,8
3,188
3,190
1888
134,2
99,1
35,1
3,435
3 352
1889
66,1
52.4
13,7
4,087
3,256
1890
101,8
41,6
60,2
4,272
3,409
1891
220,9
121,5
—
99,4
-4,403
3,339
1892
178,4
149,8
28,6
4,463
3,327
Landwirthschaft und Wlrlhschaftslehre.
In seinem Buch über die Aufgaben der Landwirthwirthschaft in der Gegenwart beklagt der Verfasser, Prof. v. d. Goltz, als einen Hauptgrund für die schwierige Lage, in der sich viele Landwirthe befinden, den Umstand, daß häufig der Wirthschaftslehre eine zu geringe Bedeutung bcigcmessen wird. Dies hat seinen Grund in der allgemeinen Anerkennung der Liebigschen Lehren und der daraus folgenden Ueberschätzung des rein naturwissenschaftlichen Theils der Landwirthschaft, denn indem die Landwirthschaft jetzt überall' intensiver betrieben wird, wird das Hauptgewicht häufig auf den Rohertrag, nicht, wie es richtig wäre, auf den Reinertrag gelegt. Diese Verkennung der Wichtigkeit der Wirthschaftslehre führt z. B. auch oft zu einem Mißverhältnis zwischen Ackerbau und Viehhaltung, oder, was annähernd dasselbe ist, zwischen Marktfruchtbau und Futterbau. In der Mitte der 70er Jahre, als die Getreidepreise zu sinken begannen, während die Preise der thierischen Produkte, ausgenommen Wolle, sich auf der früheren Höhe erhielten, wurde in der landwirthschaftlichen Literatur vorwiegend die Absicht vertreten, die deutsche Landwirthschaft müsse ihren Schwerpunkt von dem Ackerbau in die Viehhaltung legen und viele praktische Landwirthe leisteten dem Folge. ?I1§ dann in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre auch die Viehpreise sanken und gleichzeitig der Mangel an Arbeitern und deren hohe Löhne den Ackerbau schwieriger und kostspieliger machten, ging man zu dem anderen Extrem über; man erblickte in der Abschaffung oder doch in einer starken Beschränkung der Nutzviehhaltung ein besonders wirksames Mittel zur Erhöhung der Baarerträge. Viel Thörichtes, wenig Verständiges ist über den sogenannten viehlosen Wirth- schaftöbctrieb veröffentlicht, und manche Landwirthe sind dadurch zu ihrem Nachtheil irre geführt worden. Man verkannte und verkennt noch jetzt vielfach die gegen» fettigen Beziehungen zwischen Ackerbau und Viehhaltung und ist sich darüber nicht klar, daß nur unter bestimmten, bei uns nicht gerade häufig vorkvmmendcn Verhältnissen eine starke Einschränkung der Nutzviehhaltung rentabel sein kaun.
Eine andere Ursache für diese wie für andere Fehler sieht der Verfasser darin, daß der landwirthtchaftlichen Buchführung zu wenig Beachtung geschenkt wird. Bei der Landwirthschaft, so führt er aus, hat man es keineswegs allein mit Ausgaben und Einnahmen an baarem Geld oder an Gegenständen zu thun, deren Geldwerth leicht ermittelt werden kann, vielmehr besteht selbst in der Gegenwart die Hauptmasse der Einnahmen und Ausgaben in Objekten, die in der Wirthschaft erzeugt und wieder verwendet werden, für deren Geldwerth außerdem der etwa gezahlte Marktpreis dem Landwirth keinen sicheren Anhalt bietet. Die sämmtlichen Produkte der Wiesen und Weiden, von den Produkten des Ackerbaues, das Stroh, die Futterkräuter, die meisten Wurzelgewächse, ein Theil der geernteten Körner, der gewonnenen Milch und Molkerciprodukte werden von den in der Wirthschaft befindlichen Menschen und Thieren verbraucht) der Dünger des Zug- und Nutzviehes kommt wieder dem Ackerbau zu Gute. Für die weit überwiegende Mehrzahl der aufgezählten Erzeugnisse ist es aus Gründende hier nicht näher bargelegt werden können, unzulässig, behufs landwirthschaftlicher Veranschlagungen einen Geld- werth anzunehmen, der dem am nächsten Marktort vielleicht für einzelne Posten gezahlten Preise entspricht. Man muß vielmehr den Geldwerth nach den besonderen Grundsätzen berechnen, welche für lnndwirthschafiliche Veranschlagungen maßgebend sind. Unter solchen Umständen ist es mit nicht ganz geringen Schwierigkeiten verknüpft, z. B. festzustellen, wie hoch die Rentabilität des Ackerbaues oder der Viehhaltung im Ganzen und mit noch größeren, wie hoch die Rentabilität der einzelnen Zweige beider gewesen ist. Dennoch scheint dies uncut-- dehrlich, wenn man ein klares Bild und sicheres Urtheil über die Zweckmäßigkeit oder Unzweckmäßigkeit, sei es der gesummten Wirthschaflsorganisation, fei es bestimmter Einrichtungen, gewinnen will.