Indianer-Geographie.
Der Amerikaner Francis Boone mußte, wegen gänzlich zerrütteter Vermögensverhältnisse nach dem Tode seines Vaters, als junger Student die Akademie verlassen. Eine vortreffliche Büchse, ein gutes Bowiemeffer und hundert Dollars Reisegeld besaß er noch, also wanderte er kurzentschlossen nach dem fernen Westen, um sein Leben als Pelzjäger zu fristen. Seine Sinne waren scharf und sein Körper kerngesund und stark, bald gewöhnte er sich an die neue Lebensweise und that es vermöge seiner höheren Intelligenz schon nach wenigen Jahren den allen Trappern gleich. Mehr wie vielen Anderen war das Glück ihm hold, Sparsamkeit, Unternehmungsgeist und die Bekanntschaft wohlwollender Kaufleute in den großen Faktoreien halfen ihm in die Höhe und nach einem Vierteljahrhundert kehrte er als gemachter Mann in seine Vaterstadt zurück, um nur öfters noch zu Pelzaufkäufen den Westen zu bereisen. Regelmäßig, wenn er seine eigene alte Faktorei besuchte, fand sich dort ein langjähriger Freund und Jagdgenosse, der Indianerhäuptling „Wolf im Winter" zur Begrüßung und zum Umtausch der inzwischen erbeuteten Häute gegen Erzeugnisse der Zivilisation ein. Der Rothe war nicht unverschämt, der Weiße nicht knauserig und darum erledigte sich jedesmal das Geschäft zu beiderseitiger großer Zufriedenheit. So auch heute wieder einmal. Wie gewöhnlich, blieb der Häuptling nach abgeschlossenem Kauf als willkommener Gast bis zum nächsten Morgen im Blockhaus und die Beiden plauderten nach dem kräftigen Abendimbiß, bei welchem der Indianer wie ein richtiger hungriger Wolf im Winter für sechs gesunde Europäer speiste, bis in die Nacht hinein von alten und neuen Zellen bei einer Pfeife Tabak und dem beliebten Theegrog. Im letzten Jahre war Boone zwecks Geschäftsverbindungen selbst in Europa gewesen, er erzählte von den Erlebnissen der Reise und welchen Eindruck die hohe See auf ihn gemacht habe und wie man da nichts sehe, als Himmel und Wasser. Aufmerksam hörte der satte Wolf zu und sagte bei einer Pause: „Da bin ich auch schon gewesen, wo man Nichts steht, als Himmel und Waffer."
„Ja, Winterwolf, du warst auf den süßen Binnen- seen," erwiderte der Kaufmann, „ich meine aber das weite, welle, salzige Meer, auf welchem man Monate lang umherfahren kann, ohne ein einziges Stückchen Land zu sehen."
Der Indianer horchte auf. „HughI Du bist auf dem großen Salzwasser geschwommen? Kamst du auch an den Rand, von welchem man in den dunklen leeren Abgrund hinabsieht?"
Der Pelzhändler wußte nicht recht, worauf diese Frage zielte und so erklärte ihm denn sein wilder Freund, daß nach dem Glauben der Indianer die Welt auf dem Rücken- schilde einer ungeheuren Schildkröte liege. Rings um das feste Land aber fließe das große Salzwasser als breiter Warnungsrahmen, damit die Menschen nickt unversehens ins Bodenlose hinabrutschten. Boone lächelte:
„Ja, Rothhaut, wer hält denn aber die Schildkröte?" „Das weiß kein MenschI" entgegnete gelassen der bronzene Krieger; augenscheinlich hatte ihm dieses Geheimniß noch niemals Kopfschmerzen verursacht.
Während Wölfchen seinen originellen Rauchapparat ausklopfte, den Tomahawk (indianisches Streitbeil) mit durchbohrtem Sttel und einem eisernen Pfeifenkopf am Rücken der Betlklinge, um ihn frisch mit dem ausgezeichneten Tabak seines Jagdfreundes zu stopfen, nahm der Weiße eine Büchsenkugel aus der Tasche, kerbte sie ringsum mit dem Messer ein und band einen Faden darum. Er begann sodann einen regelrechten Schul- vortrag, seine Sprechweise nach dem Begriffsvermögen eines Halbwilden einrichtend. In der linken Hand ließ er die Kugel am Faden herabhängen, mit der rechten drehte er sie nach dem auf dem Tische stehenden Lichte,
welches das ewige Feuer der Sonne darstellen mußte; eine ganze Umdrehung in vierundzwanzig Stunden bedeute einmaligen Wechsel von Tag und Nacht und indem er die Kugel eine eiförmige Schwingung, die Ellipse, machen ließ, erläuterte er auch nach Sonnennähe und -ferne den Wechsel der Jahreszeiten. Erstaunt über das tiefe Wissen des weißen Bruders und die Belehrung ab und zu durch kurze, sehr treffende Fragen und Bemerkungen unterbrechend, lauschte der Sohn der Wildniß. Staunend und in wortloses Nachdenken versunken saß er noch eine ganze Weile, als der Herr Professor geendet, und blies dicke Rauchwolken aus seiner gefährlichen Tabakspfeife. Plötzlich hoben sich jedoch die Adlerfedern seines Kopfschmuckes mit einem energischen Ruck empor, ein blitzartiges Leuchten überflog seine dunkelverwetterten, scharfen Züge und, indem er auf Boone's linke Hand deutete, fragte er triumphierend:
„Ja, Blaßgesicht, wer hält denn aber den Faden?"
G. R.
Frrnsprechrr ohne Draht.
Der Elektriker des englischen Generalpostamts, Henry Preece, hat sich seit zehn Jahren mit der Frage der „Telephonie ohne Draht" beschäftigt und auch praktische Versuche in großem Maßstabe im Kanal von Bristol angestellt, als die Regiemng beschloß, die Leuchtschiffe und Leuchtthürme durch eine elektrische Leitung mit dem Festlande zu verbinden. Bei Cardiff liegen zwei Inseln, Fiat Holm und Steep Holm. Die erstere ist drei, die andere eine englische Meile vom Gestade entfernt. Das Telephonieren ohne Draht durch daS Waffer ging herrlich. Nicht so gute Erfolge hatte der Versuch, von Lavernock nach Steep Holm zu sprechen. Hier beträgt die Entfernung 5,35 englische Meilen. Man konnte Töne vernehmen, aber die Worte nicht deutlich verstehen. Preece hält es nur für eine Frage der Zeit, daß man auf der Sttecke von Dover nach Calais zum Telephonieren keines Drahtes mehr bedarf.
Gefrorenes Fleisch.
Der Handel mit gefrorenem Fleisch aus Australien, Neuseeland, den La Plata-Staaten u. s. w. begann vor etwa dreizehn Jahren und hat heute für die Volksernährung in Europa besondere Bedeutung. Im Jahre 1893 wurden in London 3 905 000 gefrorene Schafe und 171640 gefrorene Rinderviertel eingeführt. Zur Lagerung und weiteren Behandlung dieser gewaltigen Fleischmassen besitzt diese Stadt bereits eigene Niederlagen. Es sind große Räume im sechsten Stock, die nur von außen mittels Fahrstühlen zu erreichen sind, ohne Fensteröffnungen an den Außenseiten, mit elektrischer Beleuchtung im Innern. Das Fleisch wird in Leinentücher gehüllt, an den Wänden derart aufgestapelt, daß die aus Röhren einströmende kalte Luft zwischen ihnen hindurchstreichen muß. Für 250 ooo Schafe ist Raum vorhanden, die nicht selten Monate lang lagern müssen und auch lagern könnm. Als Kälte-Er- zeugungsmittel dient verdichtetes Ammoniak; es streicht durch ein Röhrensystem, dessen Lichtweite immer enger wird, so daß schließlich das Ammoniak aus nadelöhrfeinen Oeffnungen in ein Rohr von viel bedeutenderem Querschnitt gelangt, wodurch es sich plötzlich ausdehnen muß und sich sowie die im Rohr enthaltene Luft stark abkühlt. Die vom Ammoniak gereinigte kalte Luft wird dann den Lagerräumen zugeführt. Für das Ausschlachten und Eingefrieren von Schafen bestehen in Neuseeland allein 22 Firmen, und 88 Dampfer mit Gefriervorrichtungen vermitteln den Verkehr. Trotz des weiten Seeweges und der umständlichen Behandlung der Ware ist dieser Handel immer noch Vortheilhaft. Der Preis des Fleisches, das in Australien 2 Pence oder 87a Pfennig das Pfund kostet, stellt sich für den Londoner Einführer auf nahezu 4 Pence oder 17 Pfennige das Pfund.