SchWemerMung
Erscheint Mittwoch u. Samstag — Preis mit „Kreisblatt" u. „Jllustrirten Familienfreund" vicrteljährl. 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf.
«M 103. Samstag, den 30. Dezember 1893.
Aöonnemeuls Eltttadung.
Bestellungen auf das 1. Quartal 1894 (Januar, Februar, März) der
Ü88F* „8cblücbterner Scifung“ ^^DI
bitten wir durch die Post (auch Laudbriefträger) oder Boten gest, aufgeben zu wollen, und zwar möglichst bald, da die Nachlieferung bereits erschienener Nummern nicht immer möglich ist. Die Bestellung muß spätestens bis zum 28. Dezember geschehen, sonst berechnet die Post 10 Pfennig extra für die Nachlieferung. Aje Expedition.
Glück auf zum neuen Jahre!
Das alte Jahr vergangen ist, ein neues steigt herauf aus dem Schooße der Winternacht. Die Völker der Vorzeit feierten erst am wirklichen Frühlingsanfang Neujahr; noch unter Karl dein Großen begann das Jahr am 25. März. Erst die Erkenntniß, daß die große Wende in der Natur dem Licht und dem Frühling entgegen schon in der Wintersonnenwende geschehe, führte auf den Anfang des Januar. So ist der Neujahrstag kraft historischen Rechts ein Tag, an dem die Hoffnung sich neu belebt und das Auge freudiger auf- schaut zum alten, treuen Gott, der's Frühling werden läßt.
Was wird's bringen, „bu§ Jahr des Heils" 1894? Wir werfen in der Neujahrsnacht den Schuh nicht mehr hinter uns, um abergläubisch die Zukunft zu ergründen; wir lächeln über das Bleigießen und anderen thörichten Sylvestcrkram. Nüchtern und ernst sieht der sinnende Blick in Vergangenheit und Zukunft. Was war und ist und bleibt des Menschen, der Familie, des Volkes, der Völker innerstes Sehnen? Das große Projekt der Weltgeschichte ist der Friede. Mit Versicherung des Friedefls beginnt unser Kaiser, wenn er bei der Reichs- tagseröffnung oder sonst znm Volke spricht; und, mit der Hoffnung auf den Frieden macht er den Schluß. Aber ebenso lechzt nach Frieden, nach innerer Befriedigung jedes einzelne Menschenherz. Wird das neue Jahr uns den Frieden bringen und mehren?
Der größte Mann, den diese Erde je getragen, und den die Seinen den Friedefürsten nennen, hat gesagt: Ich bin nicht gekommen, den Frieden zu bringen, sondern das Schwert. Damit proklamirt Er den Kampf, aber einen Kampf um den Frieden, als höchstes Gut. Mag's im neuen Jahre Kämpfe wie im alten geben, Wahl- kümpfe, parlamentarische Kämpfe, sociale Gefechte, intcr= nationale Streitigkeiten, — unser Neujahrsgruß erfüllt sich, wenn nur jeder Belheiligte das Ziel, den Frieden, nicht den Kampf um des Kampfes willen, nicht den Haß, sondern dir Liebe fest im Auge behalt. Aller Kampf um's Recht sei nur ein Kampf um Erfüllung der Liebespflicht gegen die Brüder, des Gehorsams gegen den lebendigen Gott. Wie auch der Himmel umwölkt ist, es muß doch Frühling wieder werden im deutschen Vaterlande und Friede unter seinen Gliedern!
Drum Glück auf zum neuen Jahre! Vorwärts mit Gott! Jedermanil auf seinen Posten! Einer für Alle, Alle für Einen! Friede sei des neuen Jahres erstes und letztes Geläute!
Deutsches Reich.
Setltit. Der Kaiser und die Kaiserin haben wie üblich im Familienkreise das Weihnachtsfest verlebt. Vor Neujahr noch wird die Uebersiedelung nach dem Berliner Schlosse erfolgen, wo am 1. Januar der große Neujahrsempfang stattfindet.
— Die Masscnpctltion gegen den Entwurf eines Tabaksteuergesetzes hat bis jetzt 995 000 Unterschriften aus allen Gesellschaftsklassen und allen Gegenden Deutschlands erreicht; sie wird in 80 Foliobänden von je 1200 Seiten in den ersten Tagen des Januar dem Reichstage eingefaubt werden.
Als ein Lottetiecuriosum, das wohl als einzig in seiner Art gelten dürfte, wird aus Königsberg i. Pr. mitgetheilt, daß der daselbst jetzt als Rentier lebende Herr Th. seit nahezu 59 Jahren ein Loos der preußischen Lotterie spielt, dessen Nummer noch nicht ein einziges Mal gezogen worden ist. Es ist dies die dlummei 65187. Der jetzt 74 Jahre alte Herr Th. hat das Loos als Angebinde zu seiner Konfirmation erhalten, obwohl darauf, wie gesagt noch nicht der geringste Gewinn gefallen ist. Man weiß nicht, was man hrer mehr bewundern soll: die Hartnäckigkeit, mit welcher die Nummer den Fingern des „ziehenden Waisenknaben"
| entschlüpft, oder die Ausdauer, mit welcher Herr Th. । immer wieder die Einsätze für das merkwürdige Loos erneuert.
Carlsruhe, 20. Dez. Die badische Viehzählung ergab eine Verminderung des Bestandes um 8u50u Stück Rindvieh, fast 13 Procent, gegen das Vorjahr.
Paderborn, 21. Dez. Eine ebenso verwegene, als geschickt operirende Diebesbande hat hier in der gestrigen Nacht einen wirklich schweren Diebstahl ausgeführt. Die Diebe brachen und stiegen in das in der Bahn- Hofsstraße gelegenen Union-Hotel ein und entwendeten aus dem zu ebener Erde gelegenen Comptoir einen über vier Centuer schweren eisernen Geldschrank, welcher dem Restaurateur G. Roden gehörte, ohne daß sie auch nur im Geringsten in ihrer Arbeit gestört worden wären. Sie luden den Geldschrank auf eine Karre und trans- portirten ihn hinaus vor das Thor auf das sogen. Riemcke-Feld, ein gut Stück von der Stadt. Dort angelangt, erbrachen sie mit aller Ruhe den Geldschrank unter Aufbietung großer Gewalt und beraubten ihn seines Inhalts an baarem Geld und Silbersachen. Am andern Morgen fand man den geöffneten leeren Schränk am Felde liegen, nicht weit davon lagen auch vier von den gestohlenen silbernen Löffeln. In den Geldschn.nl befanden sich auch Briefschaften, Portemonnaies, Brieftaschen mit Geld rc., was die Gauner alles mitgehen hießen. Bis jetzt ist es noch nicht gelungen, irgend welche Spur von den Dieben zu ermitteln.
Ausland.
Rußland. Nach gewissen Merkmalen sagt das Landvolk eine sehr schlechte Ernte voraus. Diese schlimmen Vorzeigen seien das Auftreten ungeheurer Massen von Mäusen, eine Erscheinung, die man bereits 1839 beobachtet habe, worauf dann 1840 eine sehr weit ausgedehnte Mißernte gefolgt sei. Sehr schlechte Aussichten eröffne ferner eriahrungsmäßig .das fortwährende Fehlen des Schnees bei starken Frösten, die das Erfrieren der ungeschützten Wurzeln des Winter- getreides zur Folge haben könnten.
Chitago. Die Krupp'sche Riesenkanone, die auf der Chicagoer Ausstellung so allgemeines Interesse und Erstaunen erregt hat, ist der Regierung der Vereinigten Staaten zum Kauf angeboten worden. Die Regierung ist im Allgemeinen nicht geneigt, Kanonen im Auslande zu taufen. Da aber solche Riesengeschütze für die Befestigung des HafenS von Newyork nöthig sind und es noch jahrelang dauern würde, dieselben hier im Lande herstellen zu lassen, so wird man doch vielleicht auf die Offerte Krupps eingehen, da dieser die betr. Riesenkanone verhältnißmäßig billig verkaufen wird, um die außerordentlichen Kosten des Rücktransports zu ersparen. Chicago wird an den Nachwehen der Weltausstellung noch längere Zeit zu leiben haben, und zwar an Nachwehen verschiedenlichster Art. Augenblicklich nimmt die Stadt eine Art „Generalsäuberung" vor. Von der Zeit der Ausstellung her befinden sich dort zahlreiche Fremden, welche während die Affäre im Gange war, Gelegenheit genug fanden, „sich durchzLschlagen," nun aber zu einer vollständigen Gemeingefahr geworden sind. Die öffentliche Sicherheit ist schwer bedroht, und Raub- und Mordanfälle gehören zu den täglichen Vorkommnissen. Und dem zu steuern hat die Polizei sich veranlaßt gesehen, zu außerordentlichen Maßregeln zu greifen. Die Stadt wird künftig von Mitternacht bis zum Morgen unter einen förmlichen Belagerungszustand stehen. Schaaren von Polizisten, die meisten im Civil, werden die Straßen durchstreifen, und jeder, der auch nur einigermaßen verdächtig erscheint, wird sofort fest- genommen werden, wenn er sich nicht zur Genüge über feine Person, sein und was er in der Nacht auf der Straße zu suchen hat, ausweisen kann. Die Polizisten haben allerdings Ordre erhalten, bei Durch
führung dieser Kriegsmaßregeln höflich und nach bestem Wissen zu verfahren, gleichzeitig wird aber doch durch die ihnen ertheilten Instruktionen Jeder, der in einer Allee, einem Hofe oder Garten betroffen wird und nicht sofort die Hände in die Höhe hebt, wenn er an- gerufen wird, für vogelfrei erklärt, er darf dann aus der Stelle niedergeschossen werden. — „Angenehme" Zustände.
Australien. Im Distrikt Coolgardie in West- Australien ist eine Goldgrube aufgefunden worden, die an Reichhaltigkeit alles bisher Dagewesene zu überbieten scheint. Die Grube liegt im Distrikte Coolgardie; etwa 500 Kilometer von Perth. In 5 Meter Tiefe fanden sich bereits Golderze im Werthe von 10000 L. Der Schacht ist jetzt bis zu 50 Meter Tiefe niederge» rieben und liefert ungeheure Mengen gediegenen Goldes in einer quarzigen Gangader. Das neue Goldfeld liegt in wasscr- loser, ober Gegend, doch hat man jetzt bereits Wasserreservoire angelegt, welche durch Ochsengespanne regelmäßig mit Wasser versorgt werden. Man schätzt die Zahl der dort thätigen Goldgräber zur Zeit auf 500 Mann. Uebrigcns ist auch die Mount Morgan-Mine ins Queensland eine ungeheuer ergiebige Goldquelle. Seit Beginn des regelmäßigen Abbaues 1886 bis einschließlich 1890 hat sie nicht weniger als 23000 Kilogramm Gold im Werthe von 60 Millionen Mark geliefert, wovon den Actionären der den Abbau betreibenden Gesellschaft voll 47 Millionen Mark als Rein-Erträgniß zufielen.
Lokales uud Provinzielles.
* Schliichtcr», 29. Dez.
* — Uebermorgen, Sonntag Abend, als am Sylvester-Abend, wird ein Gottesdienst hier in der Kirche abgehalten werden, wie es ja auch schon früher schöne i&itte war.
* — Postcinlieferungsscheine gelten nicht als gesetzliche Quittungen der Empfänger von Postsendungen gegenüber den Absendern derselben. Die Post ist die Vermittlerin zwischen Absender und Empfänger. Die von ihr ertheilte Quittung (der Einlieferungsschein) liefert lediglich den rechtsgültigen Beweis dafür, daß die Postsendung (Gelddricf, Geld auf Postanweisung rc.) an die Vermittlerin übergeben, nicht aber dafür, oaß diese Sendung an den Forderungsberechtigten, den Empfänger, ausgeliefert worden ist. Soll letzteres bewiesen werden, so ist noch diejenige Quittung zu beschaffen, welche die Post sich bei der Auslieferung der der Sendung von dem Empfänger ausstellen läßt (Ablieferungsschein). Beide zusammen bilden bei zu vermittelten Saarbeträgen (Postanweisungen) die Quittung zwischen Absender und Empfänger (Schuldner und Gläubiger). Bei Gcldbricfen ist auch in diesem Falle zu beachten, daß die Post solche Briefe verschlossen annimmt'unb uneröffnet ausliefert, mithin nicht ein- stehen kann, daß der vom Absender deklarirte Werth auch wirklich im Briefe vorhanden ist.
Fulda, 27. Dez. Am 22, Dezember starb hier im 80. Lebensjahr Herr Superintendent Rollmann. Derselbe war u. a. drei Jahr Hilfspfarrer in Schlächtern, hierauf acht Jahre Pfarrer in Hohenzell, von dort als Pfarrer in Hinterstemau drei Jahre. Von da kam Herr Rollmann als zweiter Pfarrer nach Fulda, wo er auch verblieb.
Fulda, 22. Dec. Vor der hiesigen Strafkammer wurde heute gegen einen Commis und dessen Chef, einen Fabrikanten E., Beide von hier, wegen Vergehens gegen die §§. 151 bezw. 108 des Jnoaliditätsgesetzes verhandelt. Dem Ersteren wurde zur Last gelegt, in der Quittungskarte einer im Geschäft Angestellten, die mit „Directrice" seitens des Landrathsamtes dahier eingetragen war, das Wort „Directrice“ ausradirt und dafür „erste Verziererin", als welche sie vom Chef engagirt worden war, eingeschrieben, den Letzteren, den Commis, zu diesem Vergehen veranlaßt zu haben. DaS Landgericht zu Hanau hatte den Antrag der Staatsanwaltschaft auf Eröffnung des Hauptverfahrens gegen die beiden Angeschuldigten abgelehut. Das Oberlandesgericht zu Kassel hatte jedoch die hiergegen seitens der Staatsanwaltschaft eingereichte Beschwerde für begründet angesehen, den Beschluß des Landgerichts zu Hanau aufgehoben und die Eröffnung des Hauptverfahrens vor der kgl. Strafkammer zu Fulda angeorbnet. Der Antrag der kgl. Staatsanwaltschaft, die das Vergehen