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32 10L Mittwoch, den 20. Dezember 1893.
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Deutsches Reich.
Berlin. Deck Kaiser und die Kaiserin werden das Weihnachtsfest in Potsdam verleben; die Neujahrscour erfolgt in Berlin in hergebrachter Weise im Königlichen Schlosse. Die kaiserliche Familie gedenkt bis Anfang Mai in Berlin zu residiren. Ein Frühlingsaufenthalt des Kaiserpaares und der kaiserlichen Kinder auf Schloß Urville ist allerdings geplant, indessen ist Näheres noch nicht festgestcllt. — Die „Nordd. Allg. Ztg." bestätigt, daß der Kaiser den Grafen Caprivi und Herrn v. Marschall nach Annahme des rumänischen Handelsvertrages telegraphisch beglückwünscht habe und fügt hinzu, der Kaiser habe gleichzeitig seine Genugthuung
über die geschickte Vertheidigung der Handelsverträge thun könne, sei, nichts zu wissen. In seinem Plaidoyer von Seiten des Regierungstisches ausgesprochen. ; führte der Reichsanwalt Treplin aus, es sei mit ver- — Auf das Vorkommen von Lepra (Aussatz) im ftlüffender Klarheit erwiesen, daß die Zeichnungen und Kreise Meinet ist im Herbst d. J. die öffentliche j Pläne in der Absicht dcs Gebrauchs gegen die Sicher- Ausmerksamkeit durch einen ostpreußischen Arzt hinge- Heft des Deutschen Reichs angefertigt worden seien. Es lenkt worden. Seine Mittheilungen haben die Staats-' handle sich nicht um einen speziellen Spionagefall, regierung veranlaßt, Erhebungen anzuordnen. Durch sondern um ein Glied in einer Kette. Achtmal habe diese sind die Angaben des Arztes durchaus bestätigt das Reichsgericht schon französische Spione verurtheill, worden. Die Regierung wird nun jedenfalls Fürsorge woraus ersichtlich sei, daß ein System der Spionage treffen müssen, um die Ausbreitung dieser ebenso gegen Deutschland bestehe. Neu sei, daß jetzt französische ansteckenden wie entsetzlichen Krankheit zu verhindern. Offiziere deutsche Gewässer befahren, um die Karten zu — Das allergrößte Aufsehen hat weit und breit, korrigiren. Ferner sei die Geheimhaltung der angcfer- die 6i Öffnung des griechischen Ministerpräsidenten i ligten Zeichnungen von den Befestigungen des Kieler Trikupis über den Staatsbankerott Griechenlands Hafens, Helgolands, von dem Fahrwasser, den Kabeln gemacht, wonach die zahlreichen deutschen Inhaber und dem Schußmaterial militärisch geboten und der griechischer Papiere mit einer wahren Lappalie abge- Verrath nach dem neuen Reichsgesetz vom 3. Juli 1893 funden werden. Jemand, der in Deutschland einen ■ strafbar. Ein erschwerender Umstand sei die gewaltige
solchen Bankerott machen würde, müßte ohne weitere Umstände ins Zuchthaus. Mit Gewalt läßt sich wenig thun, und so viel steht nun unbedingt fest, daß viele, viele Millionen besten deutschen Geldes unrettbar verloren sind. Griechenland hat noch im Jahre 1890 in Deutschland eine Anleihe ausgenommen, die natürlich ebenfalls in den allgemeinen Sumpf hineingerathen ist. Es ist schwer zu verstehen, wie die Emmiisivnsbanken, welche diese Anleihen vermittelten, es so ganz und gar unterlassen konnten, sich um den wahren Stand der griechischen Finanzen zu bekümmern. Es mußte doch schon damals zu erkennen sein, wohin die Dinge zielten, und dann durften die betr. Banken um allen Verdienst der Welt nicht mehr diese Anleihen übernehmen.
Hamburg, 14. Dez. Der Riescn-Prozeß gegen die fünfzig Schaffner und Viehhändler, welche aus den Hamburger und Rheinischen Bahnen Billet- Unterfdjleife verübt haben, hat heute vor der dritten Strafkammer des Hamburger Landgerichts seinen Anfang genommen. Angeklagt sind 28 Schaffner und Bremser und 22 Viehhändler, und zwar die Schaffner: 1. Quasebart, 2. Papenhagen, 3. Rogge, 4. Meinceke, 5. Bernhard Stemmer, 6. Edler, 7. Rohde, 8. -rhoma- schefsky, 9. Martin Buck, 10. Philipp, 11. Bremser Grüner, 12. Bremser Ferdinand Lewandowsky, die
Schaffner 13. Friedrich Brauns, 14. Karl Hahn, 15. Johann Held, 16. Ferd. Schmidtke, 17. Bremser Wiese, 18. Schaffner Borchers, 19. Lorcke, 20. Wilhelm Mariens, 21. Palm, stimmlich aus Hamburg; die Schaffner 22. Grünwald, 23. Schuldt, 24. Vwdgc, sämmtlich aus Geeslemünde; 25 Bürger aus Kalk, 26, Hummelstein aus Deutz, 27. Brotzki aus Deutz, 28. Frantz aus Deutz; ferner die Viehhändler 29. Franz Marp aus Borbeck, 30. v Ofen aus Borbeck, 31. Schönthal aus Altendorf, Kr Essen, 32. Goldschmidt aus Münster,
aus Jbbcnbüren, 33, Rosenberg 34. Lucas aus Mühlheim an
der Ruhr, 35.
Wolfs aus Essen, 36. Meyer aus Mühlheim a., d. Ruhr, 37. Moses aus Mühlheim a. d. Ruhr, 38. Philipps aus Mühlheim a. d. Ruhr, 39. Strauß aus Eugen, 40, Levy aus Oberhausen, 4l. Wolfs aus Essen, 42. Kaufmann aus Essen, 43. Marcus aus Essen, 44. Moses aus Broich, 45. Mensel aus Hamburg,
46. Moses aus Mühlheim n. d. Ruhr, 47. Meyer aus Mühlheim a. d. Ruhr, 48. Mühlcmeyer aus Mühlheim a. d. Ruhr, 49. frühere Viehhändler, jetziger Renner Rosenberg aus Burgstemfurt, 50. Mühlenbauer Kern aus Ottensen.
In dem vor dem Reichsgericht in Leipzig verhan- dclicu Spionageprozeß haben am Freitag die beiden Angeklagten zugegeben, die Reise unternommen zu haben, um Berichte an den französischen Marine-Generalstab zu geben. Sie hätten von dem Chef die Instruktion erhalten, keine deutschen Unterthanen zu bestechen, keine Zeichnungen am Land anzufertigen und die größte Vorsicht zu beobachten. Das einzige, was der Chef sonst
Summe der Finanzwerthe, die Deutschland der französischen Spionage wegen verloren gingen, der Verlust vieler Geistesarbeit der Marineoffiziere und die Schädigung unserer Kriegsmacht. Der Strafantrag sei deshalb hoch zu bemessen und so beantrage er gegen Degony (alias Dubais) 5 Jahre, gegen Malvas (alias Dagnet) 4 Jahre Zuchthaus. Das Urtheil lautete gegen DuboiS aus 6 Jahre, gegen Daguel auf 4 Jahre Festungshaft.
Aus Solingen, 13. Dec., schreibt die „C. Ztg.": Wenig beifällig wird hier die Thatsache besprochen, daß auf dem hiesigen Standesamt der Vorname „Emma" als ungesetzlich abgelchnt worden ist. Emma ist ein altdeutscher Name, und das Gesetz kann unmöglich wollen, daß ein deutsches Mädchen in einer deutschen Provinz einen deutschen Vornamen nicht führen dürfe. Wir haben diese Mittheilung veröffentlicht, weil unser Berichterstatter ausdrücklich versichert, daß die Sache sich so verhält. Uns dünkt sie schier unglaublich. Sollte der Standesbeamte in Solingen noch nichts von Emma, der Tochter Carls des Großen, gehört haben? Nach der Bestimmung des Solinger Standesbeamten hätte auch die jetzige Königin-Regentin der Niederlande, eine geborene Prinzessin von Waldeck, ihren Namen Emma gesetzwidrig erhalten. Der Standesbeamte von Solingen verdient, wenn das Unglaubliche wirklich Thatsache ist, daß ihm als Strafe auf erlegt würde, an alle lebenden deutschen Frauen und Mädchen, die den Namen Emma tragen, eine schriftliche Bitte um Entschuldigung zu richten. Dann würde ihm keine Zeit mehr übrig bleiben solche Entscheidungen zu füllen, wie die ihm zugeschriebene.
ÄuS dem OSenwalS, 13. Dez. Ein tragisches Ende nahm gestern (Dienstag) in Zeilhard das fünfjährige Töchterchen eine® TaglöhnerS, welches in eine Wirthschaft geschickt worden war um etwas zu holen und beim Betreten des Hofes von einer Gans um- geworfen und mit dem Schnabel derartig im Gesichte verletzt wurde, daß es in Folge davon und des ausgestandenen Schreckens alsbald, nachdem es von dem Thiere befreit war, verstarb.
Ausland.
Italien. 12. Dez. Die Unruhen auf Sizilien nehmen noch immer kein Ende. In der Gemeinde
| Giardinello sind große Unruhen gegen die Munizipalität ausgebrochen. Die Manifestanten plünderten das Rathhaus, zerstörten die Archive und wandten sich dann mit Waffen gegen ein Detachement Bersaglieri, welches von Montelepre kam. Die Bersaglieri verstanden in der Aufregung und dem Lärm den Befehl ihres Offiziers falsch und gaben Feuer. Von den Aufrührern wurden 8 Personen gelobtet und 14 verwundet, von diesen 4 schwer. Die Bersaglieri hatten keine Verluste. Als noch andeie Truppen zur Verstärkung eintrafen, fanden sie Giardinello verlassen. Eine spätere Depesche berichtet weiter, während die Bersaglieri, welche auf das Volk gefeuert hatten, sich in das Fort Principessa zu- rückzogen, um Verstärkung zu erwarten, kehrten die erregten Meuterer wieder nach Giardinello zurück, tödteten einen Kommunalbeamten und dessen Frau und trugen deren Köpfe aufgespießt umher.
Lokales und Provinzielles
Bon der Rhön, 13. Dcc. Ein beklagenswerthes Unglück passirte gestern Nachmittag dem königl. Forst- anns-Assessor Herrn Sack in Geiersnest. Als derselbe, ein eifriger Jäger, sich auf einem Pürschgang im dortigen Staatswald befand, kam er plötzlich zu Fall, wobei sich sein Gewehr entlud und die Kugel ihm den einen Fuß zerschmetterte. Der Verunglückte, der jung verheirathet ist, blieb längere Zeit hilflos im Walde liegen, bis er aufgefunden und nach seiner Wohnung transportirt wurde.
Ziegenhain, 13. Dcc. In der hiesigen Strafanstalt hat John Curtlu, der Spießgeselle des Frankfurter Bankräubers O'Connell, ein Geständniß abgelegt; er war es, der den Banklehrling Müller bei dem räuberischen Ucberfall am Salzhaus würgte. Auch spricht Curtin auf einmal geläufig Deutsch, Er lieferte dieser Tage dem katholischen Anstaltsgeistlichen zwei Zwanzig- markstücke aus, die er bis jetzt, wiederholten Leibesdurch- suchnngcn zum Trotz, zu verbergen gewußt und wohl für einen Fluchtversuch aufgehoben hatte.
Homberg, 12. Dez. In dem benachbarten Caßdorf hatte der Wirth Töpfer das seltene Glück, daß ihm eine Kuh in einem Jahre vier Kälber geworfen, nämlich im Januar und vor etlichen Tagen abermals Zwillinge.
Frankfurt a. M-, 4. Dez. Ein braver Mann. Es war am 15. November, Abends um halb 10 Uhr, als der bei Friedelhausen stationirte Bahnwärter Seitz das Signal des Frankfurter Zuges Nr. 75 durchging. Nach einigen Minuten trat Seitz vor die Thür; aber kaum herausgetreten, hörte er ein Getöse, als sei ein Bergsturz erfolgt. Der Beamte lief dem Geräusche entgegen und fand nun, daß 4 bis 5 schwere Steinblöcke im Geleise lagen; der äußere Schienenstrang war über einen Meter hoch verschüttet Schon war der von Lollar kommende Zug in Sicht; da hieß es schnell gehandelt! Vor lauter Zittern konnte Seitz kaum die rothe Scheibe versteifen; als dies geschehen lief er dem Zug noch 250 Meter weit entgegen und brächte denselben zum Stehen. Jetzt beeilte er sich, vorn an die Maschine zu kommen, und zu berichten, was vorgefallen; er denkt aber in seinem Eifer nicht an den Viadukt und stürzt plötzlich in die Tiefe. Glücklicherweise kam er mit einigen Rippcn-Quctschungcn davon. Seitz ist gegenwärtig nicht mehr bettlägerig, klagt jedoch noch über Schmerzen und thut noch keinen Dienst. Durch den Abrutsch der Gesteine war nicht nur der Schnellzug 75, sondern auch der entgegengesetzte Schnellzug 74, welcher mit Verspätung in Marburg abfuhr, gefährdet. Denn nachdem der Schnellzug 75 durch Seitz gestellt war, sauste auch der Schnellzug 74 (von Marburg) an diesem vorüber. Hätte Seitz den Schnellzug 75 nicht gestellt, so wäre dieser auf die Erdmassen in diesem Geleise gefahren, die Wagen hätten sich auf einander gethürmt und wären alsdann umgeschlagen; hierdurch wäre aber auch das andere Geleise durch Wagen, Aufreißen der Schienen rc. unfaßbar geworden und der heranbrausende entgegengesetzte Schnellzug 74 auf diese Wagen gefahren. Es ist durch Seitz somit nicht nur ein, sondern es sind durch ihn zwei Eisenbahnunglücke abgemenbet worden.
Höchst, 10. Dez. Am Schalter des hiesigen Bahnhofs der Taunuseisenbahn ließ gestern Abend eine Frau aus Sulzbach ein ganz unansehnliches Tuch liegen. Der Herr Bahnhofsinspcklor nahm dasselbe