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Die wirthschaftliche Gemeinschaft.
Auszug aus einer Broschüre von einem westdeutscher: industriellen Kreise. (Fortsetzung.)
VI.
In allen Judustrieen, in welchen der Absatz im Kleinverkauf in zahllose Hände fließt, liegt die Sache ähnlich; die Aufgabe des Gütervertheilens ist hier überhaupt schwerer als die des Gütererzeugens. Der Händler ist hier nicht zu ersetzen und er hat es in den meisten Fällen verstanden, seine Macht weit über das Bedürfniß hinaus auszudehnen. Die Fabriken bilden nur noch einen Anhang zum Handel; der Hersteller ist der Sklave des Händlers.
Wir haben in dem Gesagten gleichzeitig unseren im zweiten Kapitel ausgesprochenen Satz erläutert, daß der Arbeitsertrag auch dem Unternehmer nur zum Theile, zuweilen nur zum geringen Theile zu gute kommt. Der Handel verzehrt heute einen übermäßigen Antheil von demselben.
Wie immer sich wirthschaftliche Macht in politische umsetzt, so wirkt das rasch steigende finanzielle Ansehen des Händlerthums zurück auf seine politische und soziale Machtstellung. In Deutschland und in Preuße.4- mit geringen Unterbrechungen der Händler stets das verzogene Kind der Regierung gewesen. Da bislang die Regierungen noch nicht zu der Ansicht vorgedrungen sind, daß nicht der Produzent, sondern der Händler der Preis- und Lohndrücker ist, so ist die sozialpolitische Entrüstung und sind alle Lasten sozialpolitischer Weisheit bislang nur auf die schaffenden Stände gefallen; Börsen- und Handelsblätter und die Börscn-Rcdaktcurc politischer Blätter sind daher intensiv sozialpolitisch angehaucht; sie beweinen mit Regierung und Professoren das Los der Hände — von denen sie leben.
Seit dieser Zeit hat sich der Einfluß des Händlers noch verstärkt. Geht es darum, hervorragenden Männern des Bürgerstandes eine äußere Anerkennung durch Verleihung eines Titels zu geben, so ernennt man sie zu Handels- oder Kommerzienrüthen, handelt es sich darum, einem Stande die Gehässigkeit eines Kontrolleurs bezüglich seiner Pflichterfüllung aufzuerlegen, so schafft man Industrie- oder Gewerberäthe; organisirt man die neuen bürgerlichrn Stände nach wirthschastlicher Richtung, so ernennt man Handelskammern; legt man sozialpolitische Lasten auf, so läßt man den „Händler" in Ruhe und macht — eine Gewerbeordnung.
Gegen diese steigende wirthschaftliche Ueberwu ck erung des Handels, gegen seine Unterdrückung der produktiven Stände und seine politische Macht, welche immer wieder auch wirthschaftlich rück- schlägt, muß der Kampf ausgenommen werden.
Die Industrie hat das gethan, ihr Werkzeug ist die wirthschaftliche Verbündung, das Kartell.
Die umfassende Frage von den wirthschaftlichen Ver- bündungen und der letzteren tausendfältigen Formen- bildungen kann hier nicht zur Erörterung gelangen. Wenn auch gerade von Händler- und Börsenseite immer wieder eine Verdunkelung dieser wirthschaftlichen Erscheinung versucht wird, so ist wenigstens wissenschaftlich diese Frage entschieden; man ist sich einig darüber, daß die wirthschaftlichen Verbände des deutschen Reiches im Gegensatz zu den internationalen Börsenringen einen wirthschaftlichen Fortschritt darstellen. Der Grundsatz, den wir an die Spitze dieser Untersuchungen stellten, bricht hier wieder durch; die glebae adscriptio, die Gebundenheit an die Scholle zwingt das Gewerbe, sich die dauernde Blüthe durch weises Maßhalten und gesunde Geschäftsgebarung zu sichern; das börsenmäßige, wilde Stürzen und Steigen der Preise und Werthe ist daher ausgeschlossen.
„ Indem nun die wirthschaftliche Verbindung den übermäßigen Wettbewerb beschränkt, den Händler zurück- drängt, die Hersteller und Verbraucher nähert,
nützt sie beiden Klassen und birgt daher in sich den wirthschaftlichen Fortschritt und die Abhülse der oben- beregten Mißstände.
Derartige ursprüngliche und ohne Bewußtsein ihrer wirthschaftlichen Klassifizirung gethütigte wirthschaftliche Verbindungen sind auch in der Landwirthschaft nicht selten. Als die Berlin umwohnenden Bauern nach Erbauung der Markthallen zunächst von dem Verkauf vollständig ausgeschlossen wurden und die gesummte Lebens- mittcloersorgung der Hauptstadt durch Händlershände geben mußten, da haben sie mit richtigem Blick das Gegenmittel darauf gesetzt, in den Markthallen Plätze zu miethen und nach Wochen abwechselnd einen der Ihrigen mit dem Verkaufe der Produkte zu beauftragen. Was ist das anders als ein Kartell? und was anderes als Kartelle sind die zahllosen ’ FoWgeNossenschaften, Deich- und Sielgenosscnschaftcn, Molkereigenossenschaften, Buttergenossenschasten u. s. w.? Allerdings ist das Großgewerbe in der Kartellirung weit voraus, vor allem das Eisengroßgewerbe, weil hier die besten Verbindungen vorlagen; darum ist im letzteren das Händlerthum am machtlosesten.
Mas der Laudwirthschaft und dem Kleingewerbe noch fehlt, ist nur die weitere Ausbildung dieses Grundsatzes. Wir verhehlen uns nicht die großen entgegenstehenden Schwierigkeiten. Hat die Industrie bei ihren Kartellen es nur mit einigen Hunderten zu thun, so wird die Laudwirthschaft und das Kleingewerbe sich vor der Koalition von Tausenden sehen. Aber die Schwierigkeit kann überwunden werden, wenn es gelingt, in kleinen Verbänden etwa nach Kreisen eine Koalition herbeizu- führen. Wenn die Regierung ihre großen Bezüge an Lebensrnitteln, Getreide u. s. w. von diesen Kartellen einkauft, wenn die Kreisverbände sich zu Provinzvcr- bänden zusammenschließen (ebenso wie auch aus solchen kleinen lokalen Gemeinschaften aus die sich über ganz Deutschland erstreckenden großen industriellen Kartelle sich gebildet haben), so wird es vielleicht später gelingen, landwuthschaftliche Gemeinschaften für das Deutsche Reich zu organisiern und dann wird auch der Zeitpunkt wieder gekommen sein, an dem der Gelreidepreis von den Getreidebanern selbst bestimmt wird. (F. f.)
Deutsches Reich.
Berlin, 12. Dez. Die kaiserliche Familie dürfte aller Wahrscheinlichkeit nach im künftigen Frühjahr einige Wochen auf Schloß Urville in Lothringen zubringen.
— In der demnächst erscheinenden Dezember-Nummer des „Blackwoode Magazine" wird ein Aufsehen erregender Artikel des ob seiner taktischen Kenntnisse rühmlichst bekannten schottischen Generals Archibald Alison enthalten sein, über dessen Inhalt die „Daily News" folgende Mittheilungen bringt: Sir Archibald Alison macht auf die Thatsache aufmerksam, daß Frankreich, welches seine Armee in bedeutend schnellerem Tempo verstärkte, als Deutschland, jetzt an der Grenze seiner Anstrengungen angelangt ist, während Deutschland, obgleich es bei Weitem langsamer vorwärts schritt, tut Stande ist, mit seiner bisherigen Schnelligkeit noch mehrere Jahre hindurch fortzuschreiten. Den Ausbruch eines Krieges zwischen Frankreich und Rußland einerseits und Deutschland, Oesterreich und Italien andererseits betrachtet General Alison als unvermeidlich. Betreffs der russischen Armee behauptet Sir Archibald, daß von ihren auf nahezu eine Million geschätzten Truppenkräften 784,000 Mann an der deutschen Grenze und hinter dieser Grenze als Reserve stehen, während Odessa und die Krim nur von 80,000 Mann beschützt werden; der Kaukasus ist von 50,000 Mann besetzt, welche die türkische Grenze
- Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf. in Kleinasien beobachten, und jenseits des Kaspischen Meeres, längs der afghanischen und chinesischen Grenze, stehen nur 51,000 Alaun, und etwa 12,000 am Japanischen Meere. Sir Archibald Alison zieht daraus folgende Schlüsse: 1. daß Rußland alles aufbietet, um möglichst große Truppenmassen an der polnischen Grenze anzusammeln, welche im geeigneten Augenblicke gegen Deutschland vorrücken sollen. 2. Daß Rußland, so lange der Kampf mit Deutschland nicht ausgefochten ist, auf die Ausführung seiner Pläne hinsichtlich Konstantinopels verzichtet. 3. Daß Rußland augenblicklich weder gegen Afghanistan, noch gegen Britisch-Jndien etwas zu unternehmen beabsichtigt. Obzwar Frankreich und Rußland in Friedenszeiten 362,000 Mann mehr als der Dreibund unter den Waffen haben, werden nach Sir Archibalds Berechnung im Kriegsfalle die vereinigten Armeen des Dreibundes denjenigen Frankreichs und Rußlands doch um 503,000 Mann überlegen sein.
Hamburg, 7. Dez. Die Ausfuhr kleiner russischer Pferde (Ponies) nach England, welche monatelang stockte, ist gestern wieder eröffnet worden, indem mit zwei dahin abgegangenen Dampfern 140 Ponies transportirt wurden, um in den Kohlenbergwerken Englands Verwendung zu finden. Die Ponies werden, wie man mittheilt, zunächst yier Monate lang zum Transport der Kohlen in den Gruben verwendet und dann wieder an die Oberfläche befördert, um sich längere Zeit zu erholen. Alsdann werden sie abermals in die Gruben gebracht, aus denen sie zum zweiten Mal nur todt herausgeholt werden, weil sie der angestrengten Thätigkeit bald erliegen.
Die Strafkammer zu Dortmund hat kürzlich ein für den Kafseehandel wichtiges Erkenntniß gefällt. Der dortige ^lischt Chemiker Herr Dr. Kaysser, hatte die Fabrikation von sog. Fabrikmenado als eine Fälschung im Sinn des Nahrungsmittelgesetzes bezeichnet, worauf gegen mehrere angesehene Kaufleute Anklage erhoben wurde. Der Fabrikmenado, der unter diesem Namen auch an der Börse gehandelt wird, wird hergestellt aus billigen, kleinen, bleichen, brasilianischen Kaffee, Die Bohnen werden gequellt, mit Ocker rc. gefärbt und dann wieder getrocknet. Die Bohnen erlangen dadurch das Aussehen des echten, gelben, großbohnigen Menados. Im Handel ist der Fabrikmenado um 50 Psg billiger als ger echte Menado, das Publikum kauft ihn unter dem Namen „gelber Kaffee". Da es sich um eine prinzipielle Entscheidung handelte, begnügte sich das Gericht nicht mit dem Gutachten des Herrn Dr Kaysser, auch nicht mit dem des Medizinal-Kollegiums in Münster, sondern es wurde ein Obergutachten der wissenschaftlichen Deputation in Berlin eingeholt. Dieses stellt sich völlig auf den Standpunkt des Herrn Dr. Kaysser. Das ganze Verfahren geschehe nur, um nicht leicht verkäuflichen, unansehnlichen Kaffeesorten das Ansehen von echtem Menado zu geben, den Kaffee also verkäuflicher zu machen. Solcher Kaffee sei als ein Kunstprodukt zu bezeichnen. Das Gutachten deutet auch an, der Kaffee werde durch das Verfahren keineswegs besser, sondern durch den reichlichen Wasserzusatz und das Auslaugen verschlechtert. Die beiden Dortmunder Kaufleute wurden wegen Vergehens gegen das Nahrungs- mittelgesetz zu je 300 Mark Geldstrafe verurtheilt.
Crefeld, 8. Dec. Die Stadtverordneten beschlossen gestern auf wiederholten Antrag von Geschäftsleuten die Aufhebung der Jahrmärkte und damit den Wegfall der nunmehr seit 400 Jahren bestehenden Crefelder Kirmes. Die Stadt verliert dadurch eine jährliche Einnahme von 10,000 Mark an Standgeldern. Der Beschluß wurde durch die großen wirthschaftlichen, finanziellen und moralischen Schäden, welche die Feier im Gefolge hatte, begründet.
Aus Württemberg, 4. Dez. Die Futternoth hat eine Menge von Forstfreveln zur Folge gehabt, die auch gerichtliche Ahndung finden mußten. In mehr als 1000 Fällen ist nun ganze oder theilweise Begnadigung eingetreten; 500 Fülle sind noch in Behandlung. — Dr. Sigl erzählt in seinem „Bayr. Vaterl.": „Mehrere Krieger von Obertaufkirchen (Ober- bayern) ließen in der Filialkirche Steinkirchen ein heiliges Seelenamt Halten für den verstorbenen Marschall — Mac Mahon. Ein ehemaliger Unteroffizier gab während der heiligen Handlung sechs Schüsse ab. Wird das die Franzosen freuen und — (den Marschall auch, wenn er's im Mühldorser Anzeiger liest! O Michel!"