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Mittwoch, den 6. Dezember
Die wirthschaftliche Gemeinschaft.
Auszug aus einer Broschüre von einem westdeutschen industriellen Kreise.
(Fortsetzung.)
Jene Ueberschußquote hat ihre ganz naturgemäße Grenze in dem Ertrage des fertigen A rbertspr oduktes. Denn, wie gesagt, ebenso wie der Stand der Lebenshaltung, bestimmt der Preis der Waare den Arbeitslohn. Der Arbeitslohn steigt mit dem Preis- der Waare. Willkürliche, künstliche Preissteigerungen seitens der Unternehmer kommen nur selten vor und haben hier stets einen raschen Preissturz zur Folge. Jede dauernde Preissteigerung innerhalb eines Gewerbzweiges oder einer Waarengattung ist immer die Folge der günstigen Lage in anderen Gewerbzweigen. Steigt zum Beispiel der Preis für landwirthschaftliche Maschinen, so ist daraus mit unbedingter Sicherheit auf eine vermehrte Nachfrage nach denselben, auf eine sich bessernde Lage, einen Aufschwung in der Landwirthschaft zu schließen. Der Lohn des ländlichen Arbeiters wird im Zusammenhang damit eine Erhöhung erfahren, seine Lebenshaltung wird eine bessere werden, und der industrielle Arbeiter, immer gewöhnt, dem ländlichen voraus zu sein, wird nicht zurückbleiben wollen. Auch für ihn wird eine Steigerung seines Arbeitsertrages unvermeidlich. „Hat der Bauer Geld, so hat es die ganze Welt." Unternehmer und Arbeiter, Landwirthschaft und Industrie, keiner kann ohne den anderen leben.
Nur eine räumliche Trennung Deutschlands in einen vorzugsweise landwirthschaftlichen und einen vorzugsweise industriellen Theil hat bis zu einem gewissen Grade schon jetzt Platz gegriffen, bedingt durch die geologischen und geognostischen Verhältnisse des Landes. Tue Ausschließung der Kohlen- und Erzlager an der Saar und im Aachener Revier, des großen Ruhrkohlenbeckens unb. des mitteldeutschen Braunkohlen- und Erz- deckens haben in einem Zeitalter, in dem Kohlen und Eisen die gewaltigsten wirthschaftlichen Kräfte geworden sind, zu einer früher kaum geahnten industriellen Entwicklung geführt. Die Grenze gegen den vorzugsweise Ackerbau treibenden Theil Deutschlands bildet die Elbe, Nur mit dem schlesischen Jndustriebezirk schiebt sie sich weiter nach Osten vor. Diese Theilung Deutschlands in einen industriellen und einen landwirthschaftlichen Flügel, diese territoriale Arbeitstheilung, bedingt natürlich wirthschaftliche Nachtheile für das Ganze. Eine Erleichterung des Verkehrs und des Austausches zwischen Ost und West, eine Forderung, auf die wir später zurückkommen, wäre das beste Ausgleichsmittel. Jedenfalls wird dafür gesorgt werden müssen, daß die beiden Hälften wirthschafts-politisch niemals ganz auseinander fallen. Auch im Osten hat sich ja ein Industriezweig entwickelt, der mit der Landwirthschaft im engsten Zusammenhänge steht, und an dessen Existenzmöglichkeit vor fünfzig Jahren noch niemand dachte. Die Zuckerindustrie in Westpreußen und Posen weist schon einen ganz bedeutenden Prozentsatz innerhalb der deutschen Rübenzucker-produktion auf, und niemand kann wissen, ob nicht in Zukunft auch für andere industrielle Unternehmungen der Osten die Bedingungen bietet.
Wie aber heute, im Großen und Ganzen betrachtet, die Thatsachen liegen, bietet der wirthschaftliche Unterschied zwischen Ost und West auch für die Beurtheilung der Arbeiterfrage einige Merksteine. Von seinem Standpunkte aus völlig mit Recht beklagt sich der Landwirth des Ostens über den Wegzug seiner Arbeiter nach dem industriellen Westen. Die Industrie sei der große Schwamm, der ihm seine besten Arbeitskräfte stetig aufsauge.
Man darf nicht vergessen, daß es zunächst und hauptsächlich nicht der Westen Deutschlands, sondern der Westen der Erde ist, die neue Welt jenseits des Ozeans, Amerika und Australien, welche die Massen der Auswanderer aus den östlichen Provinzen aufnehmen. Hierdurch geht jahraus jahrein der beste Theil des deutschen Nationalreichthums für immer verloren. Bei der letzten Volkszählung hat sich aber auch herausgestellt, daß der Osten ganz unverhältnißmäßig in der Bevölkerungszu- Nahme gegen den Westen zurückgeblieben ist, daß Ostpreußen, als die einzige Provinz, sogar in seiner Bevölkerungszahl zurückgegangen ist, eine wahrhaft erschreckende Wahrnehmung. Die Arbeits- und Erwerbs- dedingungen müssen also im Westen Deutschlands ganz wessentlich besser sein als im Osten. In der That, wer die Lebenshaltung eint! ländlichen Tagelöhners des
äußersten deutschen Ostens kennt und sie mit der eines indstriellen Arbeiters des Westens vergleicht, wird auch
die „Sachsengängerei" ganz begreiflich finden.
Es muß zugegeben werden, daß hier ein gewisser Gegensatz zwischen Ost und West, zwischen Landwirth- schast und Industrie besteht. Allerdings ist es das beste Arbeitermaterial nicht, das die Industrie aus dem Osten empfängt. Die 20—25000 Polen, die im Gelsenkirchener Bergbaurevier beschäftigt sind, haben sich bisher keineswegs als zuverlässige Arbeiter, die der Bergbau doch ganz besonders nötig hat, erwiesen. Bei den Arbeiter- Ausständen der letzten Jahre waren sie immer das unruhigste Element. Die alten Untugenden der Nation des weißen Adlers, die Lust an revolutionären Bewegungen und am Barrikadenbauen lebt bei jedem Anlässe wieder auf. Einige Gläser Branntwein, und es fehlt nicht viel, daß sie ihren Arbeitgebern den Hahn auf's Dach setzen. Einen großen Vortheil hat die Industrie von diesem Zuzug der Arbeiter aus dem Osten wahrlich nicht. Dem, Arbeitermangel des Ostens steht außerdem die stets steigende Arbeiteransammlung des Westens als eine gleichwertige soziale und wirthschaftliche Gefahr gegenüber. Wo sich, wie im Ruhrgebiet, auf einem engen Raum an 400 000 Arbeiter zusammendrängen, da ist der wahre Weizenboden für die sozialdemokratische Propaganda. Entstanden ist hier aber die Sozialdemokratie ebensowenig, wie überhaupt innerhalb der Großindustrie.
Wenn man Don einer „sozialen Frage" sprechen will, so ist sie unstreitig ebenso alt wie die Welt. Im alten Lande der Pharaonen, im alten Rom, in der Zeit der Völkerwanderung, während der Bauernkämpfe im Mittelalter und der Gesellenunruhen an der Schwelle der neueren Zeit, überall erblicken wir soziale Bewegungen, deren Ziele' durchaus nicht grundverschieden von denen der heutigen sind. Die Sozialdemokratie in ihrer heutigen Form aber verdankt ihre Entstehung der harten Notb des Handwerks in den vierziger Jahren unseres Jahrhunderts. Das Handwerk, nicht die Großindustrie, die damals in Deutschland erst in ihren Anfängen stand, hat zuerst unter der Arbeiterfrage zu leiden gehabt. Die Mehrzahl der heutigen sozialdemokratischen Agitatoren sind ursprünglich Handwerker, nicht Fabrikarbeiter gewesen. Der Kontraktbruch der Arbeiter stand lange schon im Kleingewerbe auf der Tagesordnung, bevor er sich auf das Großgewerbe übertrug.
Die preußische Gewerbeordnung vom Jahre 1845 enthielt ein scharfes Verbot der Koalition der Arbeiter, Beweis genug, daß schon damals ein Zusammenschluß der Gesellen und Arbeiter gegen ihre Meister vorkam. Das Handwerk jener Jahre litt eben nicht allein unter dem Mangel an Arbeit und dem Preisrückgang, sondern auch unter den übermäßigen Ansprüchen und dem raschen Wechsel der Handwerksgehülfen und Arbeiter. Mit dem Aufkommen der Großindustrie übertrugen sich diese Verhältnisse nur in erhöhtem Grade auf dieselbe. Die Landwirthschaft sah dem ruhig zu, hatte Hgar ihre Freude daran, der zu Reichthum und Macht gelangenden Industrie Verlegenheiten zu bereiten. Es ist bekannt, daß ein Jnitiativ-Antrag im Norddeutschen Reichstage von 1867, der Verabredungen über gemeinsame Arbeitseinstellungen für straflos erklärte, ganz besonders seine Annahme den Agrariern und Konservativen des Ostens verdankte. Politiker, wie der bekannte Geheunerath Wagener und der Abgeordnete Nathusius, stimmten für den Antrag, um durch die Koalitionsfreiheit der Arbeiter die Weiterentwicklung der Industrie zu hemmen. Auf ländliche Arbeiterverhältnisse fand der 8-152 der Gewerbeordnung von 1869, der dem Sinne jenes Initiativantrages entsprach, keine An
wendung.
Die Wirkung der Koalitionsfreiheit auf die industriellen Arbeiterverhältnisse aber entsprach dem Sinne jener industrieftindlichcn Agrarier. Die auf dem Eisc- nacher Kongreß von 1869 aus dem bisherigen „Verband deutscher Arbeitervereine" hervorgegangene „Sozialöemo- kratische Arbeiterpartei" wuchs zusehends an Umfang der Agitation und Zahl der Mitglieder. Die Einführung des allgemeinen gleichen und geheimen Wahlrechtes fügte ihr das Bewußtsein ihrer politischen Macht hinzu.
Wie rasch die Sozialdemokratie wuchs, zeigt die Zahl der für die Reichstagswahlen abgegebenen sozial- demokratischen Stimmen; sie betrug
1881: 335 300 1884; 507 800 1887; 673 300 1890; 1323 200. ($.f.)
Deutsches Reich.
Berlin. Ihre Majestäten der Kaiser und die Kaiserin sind gestern Abend von Hannover wieder im Neuen Palais eingetroffen.
— 2. Dez. Der Reichstag hat gestern den Antrag Hompesch auf Aufhebung des Jesuitengesetzes in zweiter Lesung mit 183 gegen 136 Stimmen angenommen.
— Die „Germania" scheint sich selbst wenig Hoffnung zu machen, daß der Bundesrath der Aufhebung des Jesuiten-Gesetzes zustimmen werde, ist aber doch über das Votum des Reichstages hoch erfreut.
Ausland.
Rußland. Ueber die Katholikenverfolgung in Rußland melden die Morgenblätter Folgendes: Auf Befehl der russischen Regierung sollte die katholische Kirche in Krosche (im Gouvernement Kowno) 50 Werst von der preußischen Grenze, geschlossen werden. Die Gläubigen, welche hiervon feit Wochen wußten, versammelten sich Nachts in der Kirche. Nachts um 2 Uhr umzingelten Truppen unter der Anführung des Gouverneurs von Kowno, Klingenberg, die Kirche und drangen, als die Gläubigen dieselbe nicht verlassen wollten, mit Gewalt hinein, und hieben auf die Menge mit blanker Waffe ein. Zwanzig Personen sind todt. Ueber 100 schwer verletzt. Eine große Anzahl fand durch Verfolgung von Kosaken ihren Tod im nahen Flusse. Einige Hundert Personen wurden verhaftet und sollen wegen Widerstandes gegen die Staatsgewalt vor ein Kriegsgericht gestellt werden.
Lokales und Provinzielles
* Schlichtern, 5. Dez.
* — Wie wir nachträglich erfahren, ist Herrn Lehrer Wichard bei seinem Ausscheiden aus dem städtischen Schv^'enst in Anerkennung seiner ununterbrochenen 49jährigen erfolgreichen Thätigkeit an der hiesigen Stadtschule durch einstimmigen Beschluß der Stadtvertretung das Ehrenbürgerrecht der Stadt Schlächtern verliehen worden. Die diesbezügliche Urkunde wurde Herrn Wichard durch eine Deputation unter Führung des Bürgermeisters Salomon überreicht, welche gleichzeitig das Abschiedsgeschenk der Stadt: Eine Kopie des Richter'schen Gemäldes „Königin Luise von Preußen" überbrachte.
* — Der hiesige Handels- und Gewerbeverein hat sich betreffs der neuen Steuervorlagen, besonders auch der Tabakfabrikatsteuer, an unseren Reichstagsabgeord- nctcn, Herrn Richard Müller in Fulda gewendet. Aus dem dieserhalb an Herrn Kaufmann Fenner gerichteten Antwortschreiben entnehmen wir folgende auch für weitere Kreise Interesse habende Stelle: „Ich bin gegen alle Steuern, welche den wirthschaftlich Schwachen belasten, dagegen werde ich dahin streben, daß die nöthigen Gelder von den leistungsfähigen Leuten aufgebracht werden. Die Tabakfabrikatsteuer werde ich selbstverständlich bekämpfen. Sie werden mit der Zeit schon die Ueberzeugung gewinnen, daß die in Nr. 46 der Schlücht. Ztg. vom 10. Juni d. J. gegen mich gerichteten Angriffe vollständig grundlos gewesen sind."
— Die Reichsschuldenverwaltung macht bekannt, daß in neuerer Zeit falsche 50-Mark-Scheine zum Vorschein gekommen sind. Für die Entdeckung des Fälschers ist eine Belohnung ausgesetzt.
* — Auf den der heutigen Nr. beiliegenden Prospekt der Firma Louis Spier in Frankfurt machen wir an dieser Stelle aufmerksam.
— Nach Abschluß der angebahnten Umwandlungen wird unsere Provinz neben 20 Gymnasialschulen 57 berechtigte öffentliche Realanstalten und darunter 19 lateinlose höhere Schulen besitzen, nämlich 3 Oberrealschulen (Cassel, Frankfurt, Wiesbaden) und 16 Realschulen, theilweise mit wahlfreiem Unterrichte im Lateinischen (Schmalkalden, Biebrich, Bockenheim, Cassel, Dicz, Ems, Eschwege, Frankfurt 4, Fulda, Geisenheim, Hanau, Homburg v. d. Höhe und Marburg). Hierzu kommen noch eine Zahl berechtigter privater Anstalten mit lateinlosem Lehrplane und 6 kleinere unvollständige Anstalten. In manchen Städten scheint sich noch eine Veränderung zu Gunsten der Realschule vorzubereiten.
Cassel, 30. Nov. Gegen Wucher hat der Verband der Hess, landwirthschaftlichen Genossenschaften jetzt die Einrichtung getroffen, daß wenn sich Jemand ein Pferd, eine Kuh rc. kaufen will, er dies der Kasse anzeigey