SchWemerMtung
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Die wirthschaftliche Gemeinschaft.
AuSzug aus einer Broschüre ton einem westdeutschen industriellen Kreise.
I. Einleitung und Grundlegung.
Das Deutsche Reich läßt sich nach drei Gesichtspunkten zerlegen. Von dem Standpunkte des Menschen zu der christlichen Offenbarung zertheilt sich das Reich in ein katholisches und zwei evangelische Drittel. Vom Standpunkt des Verhältnisses des Menschen zum Staat uud seiner Ordnung ist das Land in zwei annähernd gleiche Theile gespalten, in die staaterhyltende (konservative) und die staatentwickelnde (liberale) Richtung. Vom Standpunkt des Menschen zur Volkswirthschaft und ihren Interessen zerfällt, unser Reich in die der unmittelbar produzirenden Klassen (Landwirthschast, Groß-und Kleingewerbe) und die mittelbar produzircnde Klasse (Handel und Verkehr, Börse); das Verhältniß beider ist fünf Sechstel zu einem Sechstel. Die unmittelbar produ- zirenden Klassen werden wir kurzweg: produzircnde Klassen oder schaffende Stände nennen.
Konfessionelle und staatliche Anschauung hat bislang das Reich beherrscht; sie hat die wirthschaftlichen Interessen in den Hintergrund gedrängt und vernachlässigt.
Die wirthschaftlichen Ereignisse der letzten Jahre, die Aenderungen in der Zollpolitik, die Arbeiter-Ausstände und sozialpolitischen Debatten in den Volksvertretungen, die Handelsverträge, die Beratungen über die Währungsfrage, die Bildung des Bundes der Landwirthe und einer Handwerkerpartei lassen erkennen, daß die Trennung der schaffenden Stände des Deutschen Reiches auf dem Punkt angelangt ist, wo die Wege sich für. immer scheiden oder durch neue und außerordentliche Anstrengungen wieder zusammengeführt werden müssen. Jeder der schaffenden Stände in Deutschland wandert seit Jahren unbekümmert um die übrigen seinen Weg., Die Folge ist, daß nacheinander ein jeder der drei Stäbe, welche das Bündel der wirthschaftlichen Gemeinschaft bilden, zerbrochen ward.
Das Kleingewerbe besteht im Westen und Süden wesentlich aus Anhängern des Zentrums. Die Scheidungslinie wird also nach der religiösen Seite gezogen, die wirthschaftlichen Interessen ordnen sich den religiösen unter, wenn auch letztere aus die ersteren Rücksicht zu nehmen haben.
Das Kleingewerbe im Osten ist, vorwiegend konservativ. Die Schewungslinie wird also nach politischen Grundsätzen gezogen.
Beide Gruppen haben gemeinsam die Abneigung gegen das Kapital. Dieses Kapital aber ist ihnen nicht nur das unsichtbar wirkende, bewegliche Vermögen, sondern dasjenige, welches sie mit Händen greifen können, und gegen welches sich demgemäß ihre Abneigung zunächst richtet, das industrielle. So zieht sich seit Jahren der Gegensatz zwischen Groß- und Kleingewerbe weiter, ein Mißverstündniß, wie es nur entstehen kann in einer Uebergangsperiode. Das Großgewerbe wird seinen Vorrang nur in bestimmten Betriebszweigen dauernd behaupten können, nämlich da, wo eine starke Absatzfähigkeit Massenproduktionen technisch derselben Warenart gestattet; das Kleingewerbe wird niemals hier wettbewerbsfähig, dagegen wird das Kleingewerbe dort seinen Besitzstand behaupten, wo eine reiche Mannigfaltigkeit des Erzeugnisses, einehäufigeUmwandlungdes Betriebszweiges die Herstellung mit monoton arbeitenden Maschinen verbieten, oder wo es sich um individuelle Weiterverarbeitung und Veredelung von maschinenmäßig hcrgcstellten Pro duklen handelt. Es wäre zum Beispiel leicht der Beweis zu erbringen, daß erst das Aufblühen der Groß-Esien- industric in Deutschland das Kleingewerbe in der Mechanik Und der Schlosserei zur Blüthe brächte.
Die Landwirthschaft im Wespen und Suden scheidet sich ebenfalls nach der religiösen Zugehörig.ctt ab. Aus politisch-religiösen Interessen steht die Landwirthschaft Rheinlands und Westfalens sowie des Südens der Landwirthschaft im Osten ablehnend gegenüber ; mit dem Großgewerbe ihrer eigenen Gegend liegt sie m Volksvertretungen, in den Provinzial-, Land- und Kreistagen in dauerndem Streit.
In der Landwirthschaft im Osten erkennt man zwei Strömungen, einmal entscheidet sie sich nach ieu- giösen politischen Gesichtspunkten, andererseits nach wirthschaftlichen Anschauungen. Die ersteren führen die Land- iwirthschaft ohne weiteres zu einem konservativ gemäßigt
liberalen . Kartell. Die letzteren müssen suchen, auch die im Zentrum befindlichen landwirthschaftlichen Kreise heranzuziehen.
Am verfahrensten sind die Verhältnisse des Groß- gewerbcs.
Wenn der Staat beabsichtigte, sich die Herrschaft über die Industrie zu sichern, so hätte er kein besseres Mittel wählen können, als er thatsächlich benutzt hat: die Verstaatlichung der Eisenbahnen und die Gewährung eines Schutzzolles.
Durch die erste Maßregel dehnte der Staat, bereits bis dahin der weitgrößte Abnehmer und von einflußreichster Bedeutung für die Industrie (zum Beispiel Textil-Jn- dustric, Landwirthschaft), seine Macht auf die beiden industriellen Massenrohstoffe Deutschlands aus: Kohle und Eisen. Der Schienenmarkt und damit der Roheisenmarkt liegt in der Hand der Staatsbahnen; der Kampf auf dem Kohlenmarkt, welch letzterer auch fchon früher durch die Staatsgruben beeinflußt war, wird nunmehr alljährlich im Frühjahr durch die Verdingungen der Staats- eisenbahnen auf ein Jahr entschieden.
Durch den Schutzzoll wurde die Abhängigkeit von der Regierung vollständig. Es kann sich von da ab für die Industrie nur darum handeln, unter allen Umständen diese Zölle als die Grundlage ihres Lebens nicht zu gefährden, und jeder Schritt, welcher die Regierung zu einem Bündniß mit dem Freihandel und seinen politischen Parteien oder der extremen landwirthschaftlichen Partei treibt, bedeutet eine solche Gefährdung.
Nehmen wir schließlich hinzu, daß der Regierung das etwas mildere Mittel der Rangverleihung zu Gebote steht, eine Auszeichnung, welche jedoch nur für Lebzeiten des Beliehcnen gilt, und das Emporkommen einer durch eine Reihe von Geschlechtern hervorragenden Familie, eines von den Tagesströmungen der Regierung unabhängigen Jndustrieadcls verhindert, so wird man verstehen, weshalb die Industrie seit Jahren nicht mehr gewagt hat, der Regierung eine Gegnerschaft zu bereiten. (F. f.)
Jnteressen-Gemeinschaft.
Mit Freuden hat es mit uns jeder Volksfreund bemerkt, wie auch die gewerblichen Kreise bei uns sich zu organisiren beginnen. Organisation ist das Heilmittel unserer kranken Verhältnisse. Und es ist hocherfreulich, daß auch politisch Liberale wenigstens wirth- schaftlich mit dem Liberalismus brechen. Der wirth- schastkiche Liberalismus hat durch die Zertrümmerung aller Organisationen den heutigen Nothstand wesentlich mit verschuldet. Die Lehre der englischen National- Oekonomie kam dem kapitalkräftigen Theil des Volkes höchst gelegen. Die Lehre vom freien Spiel der Kräfte schmeichelt dem Selbstständigkeitstrieb des Menschen und kann von vornherein.auf die Zustimmung jedes tüchtigen Mannes rechnen. Aber ein großer Volkskörper besteht zum größten Theil aus schwachen, d. h. wirth- schaftlich schwachen Individuen; und eine Volkswirthschaft kann, solange sie den Samen einer christlichen, ja auch nur einer Humanen für sich beansprucht, niemals die „Herrenmoral" eines Nitzsche und Genossen zu der ihrigen machen. Vielmehr muß ihr erstes Streben auf die Kräftigung aller Bestandtheile des Volkes bedacht sein. Für den einzelnen ist es aber unter normalen Verhältnissen unmöglich, sich im Kampf um's Dasein zu behaupten — das kann er nur im Zusammenschluß mit Seinesgleichen. Darin lag die Berechtigung der Gilden und Zünfte des Mittelalters, darin liegt die Verur- theilung des wirthschaftlichen Liberalismus. Jene mußten nach Jahrhunderte langem, segensreichem Bestehen verschwinden, weil sie es nicht verstanden, sich den Bedürfnissen der Zeit anzupasfen, dieser wankt bereits nach fünfzig-, sechzigjährigem Regiment dem Grabe zu, weil er zu Gunsten einiger Millionäre das arbeitende Volk recht- und schutzlos gemacht hat.
Nun, es regt sich auch bei uns in dieser Hinsicht. Hoffentlich bleibt's nicht bei bloßen Regungen, hoffentlich sind die Erscheinungen, welche wir scheu, nicht die letzten Zuckungen eines sterbenden, sondern die ersten Bewegungen eines erwachenden Körpers. Bezeichnenderweise ist in unserem vorwiegend ländlichen Kreise die ländliche Bevölkerung zuerst mit einer Organisation vor- gegangen. Für dieselbe ist die natürlich gegebene Form die Dorfgemeinde; und die zahlreich entstehendenDar- lehusknssenvereinen scheinen in der That die Electrtsir- maschine zu sein, durch welche der oft todte Körper und
seine membra disiecta wieder belebt werden können.
Nicht so einfach ist die Sache in unseren Städten. Da liegen die Interessen der verschiedenen Stände auf zu verschiedenen Gebieten. Darum ist hier eine Gliederung nach Stünden nöthig. Es ist sehr bedenklich, wenn man Kaufleute und Handwerker in einer Vereinigung zusammenschmeißen will. Soll eine Organisation gedeihlich wirken, so darf man nicht heterogene -Elemente darin vereinigen wollen. Die Leiter haben viel Noth und Aerger damit und der Sache wird nur geschadet, weil man sich nicht versteht. Harmonisch verlaufen in solchen Vereinigungen nur die Bälle und die Festivitäten. Daß das aber nicht der Zweck ist, den die Leiter der Bewegung bei uns verfolgen, dafür bürgen uns ihre Namen. — Darum aber von vornherein Klarheit! Jeder Theil für sich!
Damit ist aber nun nicht gesagt, daß beide Vereinigungen, weil ihre beiderseitigen Interessen auf verschiedenen Gebieten liegen, wider streitende Interessen hätten. Es ist das eine der windigen Einreden, mit denen man urtheilsloscn Philistern vor einer Jnteressen- Vertretung grußelich macht. Die Interessen der drei großen Produktivflände: Landwirhschaft, Han d- weiI und Industrie Widerstreiten einander nicht, sondern sind int letzten Grunde gemeinsame. Vor allem haben sie einen gemeinsamen Feind, den durch das Großkapital möglich gewordenen Großhandel. Wir sind der Ueberzeugung, daß es uns nicht passirt wie sonst oft, daß sich, wenn vom Handel in diesem Sinne die Rede ist, jeder kleine Kaufmann, der im Schweiße seines Angesichts sein sauer verdientes Brot ißt, getroffen fühlt, während er in seiner Beschränktheit gar nicht merkt, daß ihm der Großhandel ebenso das Mark aus den Knochen zieht, wie der Landwirthschaft und der Industrie. Wir sind der Ueberzeugung, daß die Kaufleute, die bei uns an der Spitze der Bewegung stehen, vermöge ihrer eigenen Erfahrungen und ihres weiteren Blickes dies längst erkannt haben. Wem dies noch nicht klar geworden sein sollte, dem empfehlen wir eine höchst lesenswerthe Broschüre: „Die wirthschaftliche Gemeinschaft" 1893, bei Schmitz in Cöln. Preis 1 Mark.*)
Anfänglich hörte man, der geplante Gewerbe- verein sollte ein Gegenunternehmen gegen die Organisation der Landbevölkerung in den Darlehnskassen sein. Wir haben das nie recht geglaubt, sondern stets nur gewünscht, daß die einzelnen Prnductiv-Stünde unseres Kreises, untereinander verbunden durch eine gesunde, dein einzelnen Stand adäquate Organisation, zusammen den Verheerungen des Großcapitals, welches nicht im Schweiße des eigenen, sondern des fremden Angesichts mühelos genießen will, entgegen kämpfen.
Dazu wünschen wir dem organifirten Kaufmannsund Handwerkerstand dieselbe Protcction an maßgebender Stelle, wie sie dem organifirten Bauernstand mit Recht bei uns zu Theil wird. Dazu wünschen wir allen wackeren Männern ein herzliches: „Glück zu!"
Mit der heutigen Nr. eröffnen wir eine Serie ton Auszügen aus dieser Schrift an der Spitze u. Bl. D. R.
Deutsches Reich.
Berlin, 15. Nov. Se. Majestät der Kaiser traf mittelst Sonderzugcs um 8 Uhr 10 Min. aus Schlesien hier wieder ein. Der Großfürst Wladimir von Rußland, in der Uniform des Thüringischen Husaren- Regiments Nr. 12, erwartete Seine Majestät auf dem Bahnhöfe.
— 16. Nov. Der Reichstag wurde heute durch den Kaiser in Person eröffnet. Die von Sr. Majestät verlesene Thronrede dankt für die Mitwirkung an der Fortbildung der Heeresemrichtungcn. Die Thronrede kündigt einen Gesetzentwurf alt über die anderweite Ordnung des Finanzwesens des Reichs, sodann die Vorlagen über die Tabaksteuer, Weinsteuer und Reichs- stempclstcucr, sowie der Handelsverträge mit Spanien, Rumänien, Serbien. Die Verordnungen betreffend die außerordentliche Erhöhung der Einfuhrzölle gegen Rußland würden sofort mitgetheilt werden. Der- Kaiser betonte, er gebe sich der Hoffnung hin, der Verlauf der schwebenden Handclsvertragsverhandlungen mit Rußland werde zur Beseitigung dieser Maßnahmen führen. Die Thronrede kündigte ferner an das Reichsfeuchengesetz sowie die Vorlage der Beschlüsse der Dresdener Conferenz, welche noch der Zustimmung des Reichstags harren.