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SchlüchternerMung

Erscheint Mittwoch u. Samstag Preis mitKreisblatt

uJllustrirten Familienfreund" vierteljährl. 1 Mk.

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Samstag, den 4. November

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Obstverwerthung.

Die Verlegenheiten, welche sich in der Verwerthung der diesjährigen Obsternte ergeben haben, veranlaßten uns zu Erwägungen darüber, ob und was zur besseren Verwerthung des Obstes im Kreise Schlächtern im öffentlichen Interesse zu geschehen hat.

Auf Grund langjähriger Erkundigungen und Beobachtungen schätzen wir den Ertrag an Obst in gewöhnlichen Jahren im Kreis auf 50,000 bis 60,000 Centner. Derselbe dürfte schon zu niedrig als zu hoch bemessen sein; er wird sich von Jahr zu Jahr- heben und auf die doppelte Höhe steigern, sobald die durch die Kreisbaumschule veranlaßten Ncupflanzungcn in ein ertragfähiges Alter eintreten, was in zehn Jahren etwa zu erwarten ist.

Wenn man nun prüft, wie diese jährlichen Obst­ernten verwerthet werden, so zeigt namentlich das Jahr 1893 ein überaus ungünstiges Resultat. Zwetfchen sind verkauft zum Preis von 1,20 bis 2,50 Mark, Aepfel zum Preis von 1,25 bis 1,75 Mk., Birnen noch niedriger. Ein großer Theil des Obstes ist überhaupt nicht zur Verwerthung gelangt, sondern an Ort und Stelle verfault und verkommen. Wenn man hiernach die durchschnittliche Verwerthung der diesjährigen Obsternte höchstens pro Centner auf 1,50 Mark ver anschlagen kann, so ergibt dies einen Gelderlös an Obst für den ganzen Kreis von 75,000 bis 90,000 Mark.

Demgegenüber steht fest, daß Aepfel bei einem Preis des Apfelweins von 20 Pfg. pro Liter sich durch Verarbeitung zu Apfelwein auf 6 Mark, Zwetschen durch Einkochen zu Latwerge, Marmeladen auf 56 Mk. verwerthen. Durch Verarbeitung des Obstes zu Wein, Gelees, Latwerge u. s. w. würde sich mithin der Werth der Obsternte im Kreis in diesem Jahr von 75,000 bis 90,000 Mk. auf 250,000 bis 300,000 Mk. haben steigern lassen. Aehnlich wird sich das Verhältniß in allen Jahren stellen, wo Süddeutschland (Württemberg, Baden, Baiern,) nicht eine vollständige Mißernte haben.

Es gibt sich hieraus, daß die ungenügende jetzige Verwerthung des Obstes im Kreise in vielen Jahren einen Vermögensverlust von 175,000 bis 225,000 Mk. für die Kreiseinsassen bedingt.

Wenn man nun bedenkt, wie sehr die Landwirthschaft bereits unter der Entwerthung des Getreides und Viehs zu leiden hat, so werden alle Kreiseinsassen wohl darin, übereinstimmen, daß der Kreis diesen jährlichen Verlust von 175,000 bis 225,000 Mk., welcher ihm aus der jetzigen mangelhaften Verwerthung des Obstes erwächst, nicht zu tragen vermag und daß es dementsprechend im dringendsten öffentlichen Interesse liegt, hier Besserung zu schaffen.

Wie ist dies möglich?

Aus diese Frage gibt es nur eine Lösung, die lautet: Durch eigene Verarbeitung unseres Obstes im Kreise selbst respektive durch eigenen direkten Verkauf desselben an den Consumentcn!

Es ist eine wenig erbauliche Thatsache, daß ein Kreis, der so von Natur zur Obstkultur geschaffen ist, wie der Kreis Schlächtern, wo thatsächlich die Obst­produktion einen Umfang von 50,000 Centner und mehr erlangt hat, wo endlich ein Obst wächst, das an Qualität in Aepfel und Zwetschen kaum in Deutschland übertrossen ist bisher noch absolut Nichts für die Verwerthung des Obstes gethan hat. Muß man es nicht als einen abnormen Zustand bezeichnen, daß unsere im Kreis gewachsenen Aepfel erst die Reise nach Sachsenhausen, Baden und Württemberg antreten müssen, daß sie erst unterwegs zerstoßen, zertreten, der Fäulniß verfallen und mit allen Kosten der Fracht, der Spesen der Zwischenhändler belastet werden müssen bevor sie verwerthet werden können? Daß BorSdorfer Acpfel, die selbst in diesem Jahre in Frankfurt a. M. in ausgesuchten Qualitäten bis 30 Mark pro Zentner bezahlt wurden, im Kreise Schlächtern mit 1,50 Mark verschleudert sind?

Man braucht diese Frage nur öffentlich zu stellen und man wird allgemeine Zustimmung finden, wenn man sagt: Das darf nicht so weiter gehen!

Das Mittel, hier Hülfe zu schaffen, ist bereits an­gegeben, nur durch eigene Verwerthung des Obstes kommen wir aus dieser trostlosen Lage heraus.

Eine solche ist aber nur auf genossenschaft­lichen Wege zu erreichen. Der einzelne kleine Obst­produzent kann unmöglich selbst Wein keltern, Latwerge

und Gelee kochen, oder feines Tafelobst nach dem Norden Europas verschicken. Dazu gehört Kapital, Anlagen, genaueste Kenntniß der Fabrikationsarten und der Absatzgelcgcnhciten, die täglich wechseln. Alles dieses fehlt dem kleinen Obstproduzenten und wird ihm stets fehlen. Nur auf genossenschaftlichem Wege kann diese Lücke ausgefüllt werden. Durch Zusammenfassen aller ' einzelnen Kräfte wird sich ebenso wie bei den Darlehas- kassen, den Molkereien u. s. w., das für eine moderne Obstverwerthung erforderliche Kapital nebst Unter­nehmungsgeist und Bctriebsvcrständiß allmählich gewinnen lassen.

Wenn dies erst jedem Obstbesitzer im Kreise klar geworden ist, dann wird es auch keine Schwierigkeit haben, eine solche Genossenschaft zu Stande zu bringen, Das für den Anfang erforderliche Kapital schätzen wir aus mindestens 30,000 Mk. Vielleicht werden sich im Kreise eine Anzahl Obstproduzenten zusammensinden, die zu einer Genossenschaft mit beschränkter Haftpflicht zusammentretcn, und das Ding in die Wege leiten. Es würde dann aber immerhin ein Unternehmen Einzelner Kreiseinsassen bleiben, während eine An­gelegenheit wie die bessere Obstverwerthung im Kreise, an der fast alle Einwohner, alle Gemeinden gleichmäßig betheiligt sind, doch besser in einer Weise zu regeln sein dürfte, die allen Betheiligten Nutzen und Vortheil schafft. Wir geben deßhalb zur Erwägung, die Genossenschaft in der Weise zu Stande zu bringen, daß sämmtliche Gemeinden des Kreises zu einer

Obstverwerthungs-Genosscnschaft der vereinigten Gemeinden des Kreises Schlüchtern zusammen treten. Dies hätte den Vortheil, daß einmal die Aufbringung des Kapitals sich ohne jede Schwierig­keit vollzöge und daß sodann aber auch der Nutzen allen Ortsbürgern zu Gute käme.

Der Geschäftsbetrieb dieser vereinigten Gemeinden würde sich dann in der Weise vollziehen, daß:

1. die Genossenschaft jedem Obstbesitzer im Kreise das abgelieferte Obst zu dem reellen Markt­preis bezahlt;

2. daß der Gewinn, welchen die Genossenschaft durch den weiteren Vertrieb des Obstes nach Abzug der Kosten erzielt, entweder den einzelnen Ge­meinden nach Höhe ihrer Anliefer u n g oder ihrer Kapitalsbetheiligung als Dividende jährlich vertheilt wird und jeder Gemeinde überlassen bleibt, in welcher Weise sie weiter darüber verfügen will.

Wir sind weit entfernt, uns sofort goldene Berge für den Kreis Schlächtern aus unserem Vorschlag zu versprechen. Der Erfolg wird nbtzängen von der Intelligenz und Reellität der geschäftlichen Leitung. Die Betheiligung der Gemeinden würde der Genossen­schaft auf dem Verkehrsmarkt den Privat-Unlernehmungen gegenüber ein gewisses Renom^e sichern. Die Apfelwein- fabrikation in Sachsenhausen schlägt allein jährlich ein Capital von 10,000,000 Mark um, und die Wein- fabrikanten sollen sich überall in recht guten Verhältnissen befinden. Wenn auch nur ein Theil dieser Prosperität dadurch auf uns überginge, ja wenn wir selbst weiter nichts "erreichten, als daß alle unsere Obstbesitzer einen sicheren reellen Käufer für ihr Obst in der Genossenschaft finden, so wäre der Gewinn gegenüber der jetzt wahrhaft miserabelen Lage unserer Obstverwerthung immerhin gar nicht hoch genug anzuschlagen. Deßhalb frisch aus Werk!

Wir haben durch unsere vorstehenden Ausführungen nur eine Anregung geben wollen. Eine Verständigung darüber, wie die Genossenschaft einzurichten, wo, wie und wann der Betrieb zu eröffnen, was zunächst am zu streben ist? u. s. w. kann nur in einer Versammlung der Betheiligten erzielt werden, hoffentlich bietet sich bald zu einer solchen Gelegenheit.

Resormativusfest.

In der Wittenberger Lntherhalle findet sich eine große Silbermünze, die auf der einen Seite das sorg­fältig ausgeführte Bildniß Friedrichs des Weisen zeige, auf der anderen Seite in Latein den Spruch trägt: Gottes Wort bleibet in Ewigkeit.

Die Reformation, deren Gedächtniß die evangelischen Christen morgen begehen, ist wohl der großartigstegeschuht- liche Beweis für die Wahrheit dieses Spruches. Erst

mißverstanden, dann unverstanden, schließlich verdrängt durch Menschenwort, schien das Wort Gottes zu ver­alten und zu verwelken, gleich allen Erdendingen. Da entdeckt ein Mönch mit hungriger Seele die Ewigkeits- krüftc, die in diesem Worte schlummern; Luther dolmetscht die Bibel beider Testamente in deutsche, heimische Art: sie wird zum Volksbuch, zum Schulbuch, zum Lebens­buch deutschen Geschlechts. Einer der größten Söhne Deutschlands, Goethe, urtheilt:Je höher die Jahr­hunderte an Bildung steigen, desto mehr wird die Bibel genügt werden können, freilich nicht von naseweisen, sondern von weisen Leuten." Gottes Wort bleibt in Ewigkeit. Hat Jeder von uns dies köstliche Erbe der Reformation tn seinem Hause? Verstaubt die Traubibel nicht auf dem Sims? Halten es alle Väter mit jenem Vater, der seinem Sohne beim Auszug ins Leben Gottes Wort ins Ränzel gab, indem er ihm hineinschrieb: Mit allem Anderen gehe sparsam um, aber mit diesem Buche verschwenderisch!

Die Reformation gab uns das Buch der Bücher zurück. Fußend auf Gottes Wort, trat der gewaltige Mönch aller Menschensatzung entgegen, die mit diesem Worte nicht in Einklang zu bringen war, und befreite Jeden, der sich befreien lassen wollte, von den Fesseln, in denen die Seelen schmachteten.Von der Freiheit eines Christenmenschen" lautet der Titel einer seiner bedeutendsten Schriften, und diese üeberschrift kann man über Luthers ganzes Wirken setzen. Die wahre Freiheit fand er in der Hingabe des Herzens an Den, der gesammelt ist, zu suchen und selig zu machen, was ver­loren ist, an Jeinm Christum.

Wie das fre$ Amerika alljährlich den Tag festlich begeht, an dem einst die Unabhängigkeits Erklärung von der britischen Herrschaft geschah, so feiert die deutsche evangelische Christenheit alljährlich Reformationsfest als den Geben" -g der Befreiung von Menschensatzung und Menschenwort. Aber nur dann werden wir gesegnete Feier halten, wenn die Erinnerung an das Erbe der Reformatoren uns anfenert, dies Erbe auch zu be­wahren. Was nützt es uns, daß unsere Ahnen uns einen großen goldenen Schatz hinterlassen haben, wenn wir diesen Schatz leichten Sinnes verschleudern oder gegen falsche Münze Umtauschen? Es giebt der Händler viele, die unser evangelisches Volk um sein Erbtheil betrugen Wollen. Das Reformationsfcst ruft uns zu: Halte, was du hast, daß Niemand deine Krone nehme.

Oder haben wir die Krone noch nicht? Stehen wir dem Evangelium noch fremd gegenüber? Dann habcufdie Fcstglvckeu morgen für uns noch einen besonderen Klang. Dann laben sie uns freundlich und herzbeweglich ein, unser Erbe in Besitz zu nehmen, zu werden, was wir noch nicht sind freie Gotteskinder, frei vom Aberglauben, frei vom Unglauben, frei im Glauben.

Deutsches Reich.

Berlin. Die zur Rcichsstcnerrefvrm gehörenden Gesetz- entwürfe, als Tabak, Wein- und Stempelsteucrgesetz, sowie das Gesetz, welches das finanzielle Verhältniß des Reiches zu den ©Inselstaaten regeln wird, und eilte den ganzen Plan behandelnde Denkschrift werden wie nun mehr feststes dem Reichstag gleich nach seinem Znsammentwtt zugehen. Von den 100 Millionen, die bekanntlich fut' die Militärvorlngc und diesen Steuerplan nothwendig sind, sollen ungefähr 50 Millionen durch die Tabakfabrikatsteuer, etwa 36 Millionen durch Erhöhung und Vermehrung der Reichs stcmpelabgaben, der Rest durch die Weinsteuer aufgebracht werden. Von den RcichSstcmpelabgnben wird die sogenannte Börsenstener, also der Stempel auf Kauf und Anschaffuugsgcschäfte, Werthpapiere und Lotterie laufe, vermuthlich im Allgemeinen verdoppelt und für die Umsätze in nichtdcutschen Werthen wahrscheinlich noch weiter erhöht werden. Außerdem steht ein Stempel von 10 Pfennig auf Frachtbriefe und ein gleich hoher Stempel auf alle Quittungen über 20 Mark in sicherer Aussicht. Daß die Weinsteuer im Bundesrath durchgeht, unterliegt feinem Zweifel; es wird sich nur darum handeln, ob die Werthgrenze, von der ab die Besteuerung des Weines eintritt, etwa über 50 Mk. hinaufgesetzt wird. Auf unbedingten Widerstand wird das nicht stoßen, obwohl die norddeutschen Finanzleiter cs schon für eine große Konzession an die weinbau- treibenden Staaten ansehen, daß abweichend von allen Steuern auf Nahrungs- und Genußmittel die geringeren