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Erscheint Acittwoch u. Samstag Preis mitKreisblatt" 11Jllustrirtcn Fnmilicnfreund" virrteljährl. 1 Mk.Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg

M 87. Mittwoch, den L November 1893.

Deutsches Reich.

Berlin, 27. Oktober. In derAllgcm. Militär- Correspondenz" lesen wir:In militärischen Kreisen macht der Hannoversche Spielerprozeß den allerpeinlichsten Eindruck. Wie wir hören, soll der Kaiser über die in diesem Prozeß zu Tage getretenen Verhältnisse aufs äußerste ausgebracht sein. Man nimmt in höheren Offizierskreisen an, daß demnächst eine kaiserliche Cabincts- ordre zu erwarten ist, die das Hazardspiel der Offiziere unter allen Umständen mit der denkbar strengsten Strafe bedroht."

DiePost" ist in der Lage, mitzutheilen, daß die Einberufung des Reichstags auf Donnerstag, den 16. November, festgesetzt ist.

Aus Mittenwalde, der kleinen, ruhigen märkischen Stadt, kommen recht seltsame Nachrichten. Der Bürger­meister des Städtchens heißt es sei damit beschäftigt, eine Chronik zu schreiben; dazu habe er vor einigen Tagen alte Akten hervorgesucht und hinter einem Regal, das seit langen Zeiten nicht vorgerückt war, ein Packet gefunden, welches Schuldurkunden vom Kurfürsten Joachim II. und vom Magistrat und Rath der Stadt Berlin enthalte. Die Gesammtsumme der Schuld­verschreibungen soll so groß sein, daß Mittenwalde eine sehr wohlhabende Stadt werden würde, falls die Schuld als noch zu Recht bestehend anerkannt werde, um so mehr, als der Kurfürst in den Berschreibungen ausdrücklich betont haben soll, daß auch seine Nach­kommen für dieses Darlehen aufkommen müssen. Es handelt sich um ein Kapital von 700 Gulden, das im Jahre 1549 von Mittenwalde an Berlin geliehen worden ist, und ein zweites von 400 Gulden Aus­gerechnet wurde, mit Zins und Zinsesfuß ein Capital von 700 Gulden, das im Jahr 1549 zu 6 % geliehen worden, die respectable Summe von 1,503,238,553,600 Gulden ergeben, und ein Capital von 400 Gulden ebenfalls zu 6 °/o verzinslich, 422,496,729,600 Gulden, zusammen also 1,925,735,282,600 Gulden. Glückliches Mittenwalde, armes Berlin!

In der Feldflur Altenweddingen bei Magdeburg sind in der Zeit vom 15. April bis 14. Oktober d. I 10 781 Hamster männlichen Geschlechts und 17166 Hamster weiblichen Geschlechts gefangen worden. Für die ersteren ist eine Prämie von je 3 Pfg., für die letzteren eine Prämie von je 6 Pfg. aus der Gemeinde- kasse gezahlt worden, in Summa 1353,53 Mk. Im Vor­jahre waren etwa 3000 Hamster weniger gefangen worden.

Schandan, 22. Oktober. Im erbarmungswürdigen Zustande wurde dieser Tage im Uttcwalder Grunde bei Stadt Wehlen eine Frau aufgefunden, die dort in der Dunkelheit vom Wege abgekommen und in eine Fels­spalte gestürzt war. Die Unglückliche, die sich eine Ausrenkung und Zertrümmerung des rechten Schulter- gelenks, sowie verschiedene nicht unbedeutende Qactsch- und Rißwunden zugezogen hatte, hat vier volle Nächte und drei Tage ohne jede Nahrung und allen Unbilden der Witterung ausgesetzt an der Unglücksstelle gelegen, bis sie endlich durch den Spürsinn eines Hundes entdeckt wurde. Ob es der ärztlichen Kunst gelingen wird, sie am Leben zu erhalten, ist allerdings fraglich.

Halle, 26. Okt. Landwirthschaftsminister v. Heyden kündigte bei dem gestrigen Festmahl des landwirthschaft- lichen Centralvereins an, die Regierung plane neue land- wirthschaftliche Organisationen (Landwirthschaftskammern).

Braunschweig, 20. Oktober. Ein gefährlicher Ver­brecher, der s. Z. einen eigenartigen, Aufsehen erregenden Betrug ausführte, stand gestern vor dem hiesigen Schwurgericht. Es war dies der 42 Jahre alte Gärtner Karl Schoele aus Schöningen, der wegen der ver­schiedenartigsten Verbrechen früher bereits 10 Jahre Freiheitsstrafen verbüßt, und der im November v. Js. wieder wegen Betrugs und Urkundenfälschung zu 41/, Jahren Zuchthaus verurtheilt worden war. Gestern stand folgender Fall zur Verhandlung.^ Am 31. Juli 1891 wurde auf der Eisenbahnstation Schöningen aus der Güterexpedition der Stations- und Datumsitempel gestohlen. Am 1. August erschien in der Berliner Centralmarkthalle ein Mann, der sich Lange aus Hötcns- leben bei Schöningen nannte, und verkaufte dem Kauf­mann Römhild zwei Ladungen Kartoffeln (für 7i)0 M.), die angeblich von Schöningen unterwegs sein sollten. Als Beweisstück erhielt Herr R. einen Duplikatfrachtbrief Mit dem Stationsstempel Schöningen _ und dem Datum 31, Juli, Der angebliche Lange verschwand dann mit

650 Mark Abschlagszahlung. Der Frachtbrief war eine mit dem gestohlenen Stempel hergestellte Fälschung. Erst lange nachher gelang es, den Dieb und Fälscher in der Person des Schoele zu entdecken. Derselbe wurde unter Aufhebung der bereits erkannten Strafe zu 7 Jahren Zuchthaus verurtheilt.

Neuwied a. Rhein, 28. Okt. Am gestrigen Tage ist der 1000. Raiffeisen'sche Verein als DJtiiglicb bei der Landwirthschaftlichen Central-Darlehnskasse für Deutschland zu Neuwied am Rhein ausgenommen worden. Die letzte hat in diesem Jahre bereits einen Umschlag von 17 Millionen Mark zu verzeichnen.

Ausland.

Amerika. Die Folgen der Silber- und Mac Kinley-Bill sind sehr drastische. Der Secretär des Staatsschatzes, Carlisle, hat erklärt, falls die gegen­wärtigen Verhältnisse andauerten, scheine es wahr­scheinlich, daß sich am Schluß des Jahres ein Defezit von ungefähr 50 Millionen Dollars ergeben werde.

Lokales und Provinzielles.

* Schlüchtern, 31. Okt.

* Gemäß einstimmigen Beschlusses der gesummten Stadtvertretung wird auch in diesem Jahre wieder die Kreis um läge nicht auf die einzelnen Steuerzahler »ertheilt werden sondern es wird dieselbe aus der aus­geschriebenen Gemeindeumlage gedeckt werden. Die Kreisumlage für die Stadt Schlüchtern beträgt rund 2700 Mark, so daß nach Abzug dieser von der 5800 Mark betragenden Gemeindeumlage nur die Hälfte zu städtischen Zwecken verwendet wird. -

* Die Betheiligung an der Wahl der Wahl­männer war diesmal eine recht starke; von 478 Wahl­berechtigten gaben 200 ihre Stimme ab. Es wurden Wahlmänner der Mittelparteien gewählt. Nach vor­liegenden telegraphischen Nachrichten sind in Steinau, Orb, Wächtersbach ebenfalls Wahlmänner der Mittel- parteien gewählt.

* Se. Majestät der Kaiser und König haben dem einer. Lehrer Wichard hierselbst den Adler der Inhaber des Königl. HauSordens von Hohenzollern zu verleihen geruht.

* Wie schon wiederholt mitgetheilt worden ist, wird in diesem Jahre zum ersten Male der Bußtag gemeinschaftlich in der ganzen Monarchie am 22. Nov. gefeiert werden. Der bisherige kurhessische Bußtag am 2. November kommt dadurch in Wegfall.

* Ueber die am 28. d. Mts. im hiesigen Kreis- Hause mit den Bürgermeistern des Kreises zur Be­rathung über Aufbesserung der Lehrergehälter des Kreises abgehaltene Versammlung wird folgendes veröffentlicht: Zunächst wurde dem Erschienenen die Petition der Herren Lehrer bekannt gemalt und ihnen eine Nach- weisung der jetzigen Lehrergehälter des Kreises vorgelegt. Herr Geheimer Regierungs-Rath Roth bemerkte hierbei, daß er sowohl wie der Kreis-Ausschuß sehr wohlwollend und sympathisch dem Lehrerantrage gegenüberstehen, daß beide darin übercinstimmten, daß eine möglichst gleich­mäßige Regelung der Lehrergehälter ein unabweisbares Bedürfniß im öffentlichen Interesse sei und daß eine mögliche Aufbesserung der Lehrergehälter durchaus wünschenswerth erscheine. Nach der Auffassung des Kreis-Ausschusses könne es sich nur darum handeln, wie weit die Zulage auszudehncu ist und ob und wie die erforderlichen Mittel ohne anderweitigen Bedruck aufgebracht werden können. Die zur Aufbesserung sämmtlicher Lehrerstellen auf 1000 Mk. jährlich im Kreise erforderliche Summe betrage 5,663 Mk., die beantragten Alterszulagcn würden jährlich circa 16,000 Mark er­fordern, sodaß im ganzen 21,663 Mark erforderlich wären. Zu erwägen sei dabei wohl noch, ob die zn gewährende Gehaltsaufbesserung nur in baar oder durch Ueberweisung von nutzbaren Grundstücken, Naturalwerth- objectcn zu leisten sei. Jedenfalls könne der Kreis- Ansschuß in Uebereinstimmung mit seinem Vorsitzenden nur wünschen und empfehlen, daß der Kreis dem Lehrcrantrag bis zur äußersten Grenze des Möglichen entgegenkomme. Bei der sich hieran knüpfenden all­gemeinen Erörterung der Sache wurde zunächst von einem der Bürgermeister betont, daß seine kleine Gemeinde bereits jährlich 15 bis 18 Umlagen zu leisten habe und deshalb unmöglich noch die zur Aufbesserung des kompetenzmäßigen Gehalts ihrer Stelle auf 1000 Mark

erforderlichen 242 Mk. aus eigenen Mittel leisten könne, wenn die Gemeinde nicht selbst bankerott werden wolle. Derselbe wies dabei noch darauf hin, daß das Lehrer- einkommen seiner Gemeinde sich leicht auf 1000 Mark steigern ließe, ohne baare Zulage, wenn der Lehrer nur die Luft hätte, das vorhandene Schulland, wie dies in früherer Zeit überall geschehen, sachgemäß zu bewirth­schaften. Wenn das baare Lehrergehalt trotzdem auf 1000 Mk. gebracht werden soll, so kann seine Gemeinde aus eigenen Mittteln jedenfalls nichts beitragen. Dieser Erklärung schlössen sich die Mehrzahl der Herren Bürgermeister an. Der anwesende Referent dieser Sache im Kreis-Ausschuß, Herr Bürgermeister Salomon, ergriff hierauf das Wort und legte der Versammlung in warmen und überzeugenden Worten nahe, daß sie die Erhöhung des Gchaltseinkommen von 750 Mark auf 1000 Mk. für die festangestellten und verheiratheten Lehrer als wirkliches Bedürfniß unter der Voraussetzung anerfennen möchten, daß: 1. Die Schulgrundstücke nicht nach dem Grundsteuerwerth, sondern nach ihrem wirk­lichen Nutzungswerth taxirt und verrechnet werden; 2. daß die hiernach erforderliche Gehaltsaufbesserung im einzelnen Falle soweit als thunlich durch Ueber­weisung von Schulgrundstücken erfolge und 3. daß für diejenigen Gemeinden, welche nachweislich zur Auf­bringung der erforderlichen Gehaltserhöhung nicht im Stande seien, d. h. für diejenigen Gemeinden, welche schon jetztan 1518 Simpel (100pCt. der Realsteuern) erheben müssen, die Gehaltserhöhung auf die Staats­kasse übernommen werde. Für diesen Vorschlag er­klärte sich die Mehrzahl der Anwesenden; die Minderzahl dagegen blieb bei ihrer Auffassung, daß ein wirkliches Bedürfniß zu der vorgeschlagenen Aufbesserung nicht nächzmvcifeu sei und daß die Lehrer mit. ihren jetzigen Gehältern wohl auskommen könnten. Die beantragte gemeindeseitig zu gewährende Alterszulage wurde ein­stimmig von der Versammlung bekämpft mit Rücksicht auf die vom Staate gewährte unb' als vollkommen ausreichend anzuerkennende Zulage. Hierauf wurde die Versammlung geschlossen.

* Am Mittwoch, den 25. b. Mts. hielt der Unterverband der Darlehnskassen-Vereine des Kreises Schlüchtern im Hotelzum Stern" in Schlüchtern eine außerordentliche Generalversammlung ab. Auf der Tagesordnung standen die beißen Punkte: a. Ueber­nahme einer künstlichen Düngerfabrik durch denGeneral- Anwaltschasts-Verband für Deutschland. b. Die Ein­richtung der ländlichen Fortbildungscurse. Erschienen waren ungefähr 5060 Mitglieder und 4 Gäste. Nachdem der Unterverbands-Direktor, Herr Pfarrer Mcyenschein-Hohenzcll, die Versammlung eröffnet und die Theilnehmer begrüßt hatte, ertheilte er Herrn Pfarrer Bodc-Marjoß das Wort zum Vortrage über Punkt 1 der Tagesordnung, welcher ungefähr 8/t Stunde in Anspruch nahm. Nach eingehender Besprechung wurde der Antrag gestellt und einstimmig angenommen: Jeder Darlehnskassen-Berein des Untcrvcrdandcs be« thciligt sich an dem genannten Actienunternehmen mit einem Betrage bis zu 200 Mark." Hierauf dankte der Herr Unterverbandsdirektor dem unterdessen eingetretenen Herrn Landrath, Geheimer Regierungs-Rath Roth für seine Betheiligung an der heutigen Versammlung. Ueber Punkt 2 der Tagesordnung hielt nun Herr Lehrer Kirst-Ramholz einen interessanten und beachtend- werthen Vortrag und wurde baun der von dein Herrn Referenten ausgearbeitete Lehrplan und die Stoff- vertheilung in einer längeren Diskussion besprochen. Ganz besonderes Interesse erregte die Auswahl der Stoffe für den Unterricht in Gesellschaftskunde und Landwirthschaft. Da sich die Vertreter der zwölf Vereine dahin erklärten, daß in ihren Gemeinden Fort- bildungscurse eingerichtet seien, gab Herr Geheimer Regierungs-Rath Roth seinem Wunsche dahin Ausdruck, daß solche Fortbildungscurse in allen Gemeinden des Kreises zum Segen des Volkes erstehen möchten, zumal dieselben in pekuniärer Hinsicht aus Kreismitteln reichlich unterstützt würden. Nach Erledigung einiger Ver- waltungs-Angelegenheiten schloß der Herr Unterverbands- Direktor die Versammlung und in der Hoffnung, daß die gegebenen Anregungen auf einen recht fruchtbaren Boden gefallen sein möchten, trennten sich die Theilnehmer.

Zur Frage über die Unterbringung von Geisteskranken in Jrrrenanstalten ergreift auch Universitäts - Professor Rieger, der Vorstand der