SchlüchternttMung
. Erscheint Mittwoch u. Samstag — Preis mit „Kreisblatt
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Nachbar, wen wählst Du?
Das ist eine Frage, die in der letzten Zeit gar häufig an mich heran getreten ist und deren Beaut- wortung jetzt ein öffentliches Interesse bietet.
Nachbar, wen wählst Du? Nun, zuerst will ich sagen, wen ich nicht wählen kann. Ich kann auf keinen Fall den nationalliberalen Candidaten, auch wenn er sich freikvnscrvativ nennt, wählen. - Warum? Der Amtsrichter Zimmermann ist doch ein sehr honetter und liebenswürdiger Mann, dem kein Mensch etwas nachsagen kann. Gewiß, aber wegen der Liebenswürdigkeit und Unbescholtenheit allein wählt man doch keinen in den Landtag, dann wäre die Auswahl zu groß und die Wahl wirklich eine Qnal! Zum Landtagsabgeordneten gehören offenbar noch andere Eigenschaften, die mir Herr Zimmermann nicht zu haben scheint! Der Mann weiß augenscheinlich nicht, welcher Partei, und welcher Sache er eigentlich dienen will, und eine entschiedene Stellungnahme ist doch in der gegenwärtigen Zeit wohl vor allen Dingen nöthig. Von den Nationalliberalen läßt er sich auf sie Ren, — freikonservativ nennt er sich — und deutsch- konservativen Ursprungs, sagte er, sei seine Candi- datur, also ein Mann für Alles! Welche Begriffsverwirrung !
Zweitens paßt mir der Mann deshalb nicht, weil er ein Amtsrichter ist. Juristen haben wir wahrlich schon mehr als genug im Parlament. Kein Stand i st, glaub' ich, dort so stark vertreten wie der der Richter, Advokaten rc. und was ist die Folge? Eine Masse von Gesetzen, die so umständlich und so furchtbar gelehrt abgefaßt sind, daß sie nicht nur das Volk — das, sagt man, braucht sie nicht zu verstehen, sondern hat nur zu gehorchen, — nicht versteht, sondern auch die Beamten oft erst oben anfragen müssen, was eigentlich damit gemein; ist. Man denke nur an das „Juvalidengesetz" und die vielen anderen neumodischen Gesetze, die selbst unserem Bürgermeister Kopfzerbrechen machen und in vieler Beziehung eine schwere Last für die Regierenden und die Regierten sind. Es ist hohe Zeit, daß neben den Juristen, die an und für sich gewiß unentbehrlich im Parlamente sind, auch Männer in die Volksvertretung kommen, die nicht nur den lieben langen Tag über dicken Akten brüten, sondern mitten im Volksleben stehen und die besonderen Nöthe und Sorgen der sogenannten niederen Stände, des Bauern- und Handwerkerstandes aus eigener unmittelbarer Erfahrung kennen. Der AmtsrichterZimmermann kann ja ganz gute und richtige Ansichten haben, aber man hat bisher herzlich wenig davon erfahren, an keiner der besonderen Bestrebungen für die Wohlfahrt unseres Mittelstandes hat er thätigen Antheil genommen; und daß er denen, die vom Marke unseres Volkes zehren, ohne selbst eine wirkliche Arbeit zu kennen und zu thun, und ihrem Treiben entgegen- wirken wird, das scheint mir doch sehr zweifelhaft bei einem Abgeordneten von der Nationalliberalen Gnaden, die dem traurigen Grundsatz vom „freien Spiel der Kräfte" huldigen und meinen, jeder Mensch und jeder Stand könne sich selbst helfen. Und das bezweifle ich um so mehr, als die Agenten des Herrn Zimmermann bei Jsraclitcn hausiren gehen mit dem Ersuchen, bei ihren Schuldnern dahin zu wirken^ daß dieselben für Herrn Zimmermann eintreten. Daß Herr Zimmermann selbst solchem Treiben fern steht, wollen wir gern glauben, aber es ist doch bezeichnend, daß er solche Agenten sich nicht vom Leibe halten kann.
Aus allen diesen Gründen wähle ich Herrn Z. nicht; und das brauche ich um so weniger, als ich in der glücklichen Lage bin, in der Person des Herrn Pfarrer Meyenschein einen Kandidaten zu besitzen, der als ein Volks mann und Volks kenn er im besten Sinne bekannt und beliebt ist und dem auch seine Gegner bei dieser Wahl das Zeugniß ans- stellen müssen, daß er ein ganzer Mann ist, der nicht nur selbst genau weiß, was er will, sondern von dem auch die Leute sehr wohl wissen, was er will. Es wäre ihm gewiß ein Leichtes gewesen, für einen Aufruf einige h lindert Namen aus Stadt und Land zu bekommen, ohne daß er seine Agenten auf den Dörfern und in den Wirthshäusern herumzuschicken brauchte. Herr Pfarrer Meyenschein ist vom Vertrauen des Volks getragen als Candidat bezeichnet worden und hat keine andere Agitation cnt-
n „Illustrieren Familienfreund" vierteljührl. 1 Mk.
Samstag, den 28. Oktober
faltet und geduldet, als daß er den Leuten, hoch und niedrig, unbekümmert, ob er dem einen oder anderen dabei auf den Fuß tritt, sagt: so mein ich's und so steh' ich; er läßt in keinem Stücke seines Programmes mit sich handeln und wird es Herrn Z. auf keinen Fall nachmachen, erst die Lehrer wissen zu lassen, er nehme eine ganz andere Stellung zur Frage des Volksschulgesetzes als die Conservaliven ein und dann in seinem Aufruf zu erklären: nicht anders als Herr Pfarrer M. er stehe auf dem Boden der confessionellen Volksschule. Natürlich, Herr Pfarrer Meyenschein hat einen großen Fehler, der ihn in den Augen vieler hohen Herrn, die sich gar nicht scheuen, ihre Gleichgültigkeit und Feindschaft gegen das Christenthum laut auszusprechen verdächtig und ungeeignet erscheinen läßt, er ist eben evangelischer Pfarrer und thut ihnen als solcher gerade z n viel für die Bauern und die kleinen Handwerker.
„Einen Pfarrer werdet ihr doch nicht wählen" — das ist das A und O der studierten und unstudierten Herrn, die sich zur Zeit der Wahlagitation auch einmal auf die Dörfern, bemühen und herablassend und menschenfreundlich genug sind, den Bauer zu sich in's Wirthshaus zu bestellen und ihm zu sagen, ihrer Ansicht nach könnten die Bauern aus keinen Fall den ihnen wohl bekannten Hohenzeller Pfarrer, sondern nur den von den Herrn in der Stadt ausgestellten Amtsrichter wählen.
Nun, Gott sei Dank, wir sind nicht mehr so dumm auf dem Lande, uns von solchen Herrn, die man sonst nicht sieht und hört, bescheiden und commandieren zu lassen, und wir werden wohl wissen, wem wir unsere Stimme zu geben haben.
Drum Nachbar, wen wählst D it ?
Nicht d e n, der viellei ch t einmal etwas für uns thun will, sondern den, der für uns schon so viel gethan h a t,
und das ist Herr Pfarrer Meyenschein! §.
Deutsches Reich.
Berlin. 26. Oct. Am Mittwoch Morgen wohnte der Kaiser mit dem zu Besuch hier weilenden Erzherzog Albrecht von Oesterreich dem Exerzieren einer Kompagnie des 1. Gärde-Regiments z. F. vor dem neuen Palais bei. Alsdann begab sich der Erzherzog nach Berlin itnb unternahm eine Visitenfahrt bei den dort anwesenden Mitgliedern der kgl. Familie, den Ministern zc. Donnerstag hat Erzherzog Albrecht die Rückreise nach Wien angetreten.
— Eine große Versammlung zünftlerischer Handwerksmeister und Gewerbetreibender, die am Freitag Abend stattfand, beschäftigte sich mit dem Alters- und Jnvalidäts- Versichcrnngs-Gesctz. Eine seit Monaten in Fluß befindliche Agitation fand hier ihren Niederschlag in dem nahezu einstimmig gefaßten Beschlusse, den Reichstag zu ersuchen: „1. Das Alters- und Jnvaliditäts-Vcrsiche- rungsgesetz(durck) das sich der Mittelstand, ohne für sich selbst gesorgt zu sehen, in schwerster Weise belastet fühlt) dahin abzuändcrn, daß die Beitragszahlungen der Arbeitgeber und der Arbeitnehmer ganz aufhören, daß aber von jedem Staatsangehörigen, je nach der Höhe seines Einkommens progressiv gesteigert, eine allgemeine StaatS- rentenfteuer zu erheben sei und jedem bedürftigen Staatsangehörigen das Recht eingeräumt werde, mit dem 60. Lebensjahre eine Staatsrente von mindestens 1 Mk. pro Tag zu beziehen. 2. Eine Verstaatlichung der bestehenden Kranken- und Unfall-Versicherungskassen mit gleichmäßiger Berechtigung zum Bezüge des Kranken- und des Unfall - Versicherungsbetrages durch alle Staatsangehörigen eintreten zu lassen."
— Die von den Schaffnern auf der Stettiner und Nordbahn verübten Betrügereien haben zur Verhaftung von über 30 solcher Beamten und zahlreicher Viehhändler, sowie anderer Personen geführt, welche ständig auf genannten beiden Bahnen reisten und fast regelmäßig keine Fahrkarten lösten, sondern die Schaffner bestachen. Crimiual-Commisfar Zillmann, welcher zur Aufdeckung der Betrügereien Monate brauchte, ist 40 Mal ohne Fahrkarten gegen Trinkgeld zwischen Stettin und Berlin gefahren. Die Untersuchung scheint einen weit größeren Umfang anzunehmen, als die Anfang des Sommers aufgebeeften Betrügereien auf der Hamburg-Berliner Bahn. Die verhafteten Beamten sind fast sämmtlich bereits seit langen Jahren an der
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Stettiner Bahn bebienftet. Uebrigens ist auch in diesen Tagen mit der Verhaftung der „Freipassagieu", zumeist Viehhändler, begonnen worden, welche Herrn Z. durch die öfteren Fahrten fast sämmtlich bekannt sind. ’
Vor der Strafkammer des Landgerichts in Hannover hat am Montag unter ungeheuren Andrang des Publikums der große Spieler- und Wucherprozeß begonnen. Aus der Anklagebank sitzen: 1. Bankier Max Rosenberg, 2. Bankier Albert Hcß, genannt Seemann, 3. Bankier Louis Adler, 4. Bankier Julius Sußmann, 5. Rentier Johann Fährle, 6. Rittmeister a. D. v. Meyerinck, 7. Rentier Samuel Seemann, 8. Bankier Julius Rosenderg, 9. Geschäftsreisender Julius Heinrich Ludwig Stamer. Zwei andere Angeklagte, Rentier Lichtner und Lieutenant a. D. Frhr. v. Zedlitz-Neukirch, sind flüchtig. Es sind weit über 100 Offiziere und zwar vom General-Major bis zum Sekonde-Lieutenant abwärts aus den verschiedensten Garnisonorten Deutschlands, sowie eine große Anzahl Rittergutsbesitzer, Studenten usw. als Zeugen geloben.
Nürnberg. Der von vierzig Vereinen beschickte Verbandstag der beirischen Gcwcrbcvereine verwarf einstimmig den Entwurf des preußischen Handelsministers betreffend die Organisation des Handwerks und erklärte sich für die frei Bewegung des Gewerbes.
Lokales und Provinzielles.
* Schlüchtern, 27. Okt. Se. Maj. der Kaiser u. König hat dem evangelischen Lehrer und Kantor Philipp Neu der in Niederzech den Adler der Inhaber des Kgl. Hausordens von Hohenzollern mit der Zahl 50 zu verleihen geruht.
* — Die Besetzung der beiden Arztstcüen in UlmW und Heubach ist in Fachblättern ausgeschrieben und haben die Bewerber ihre Gesuche an den Königl. Laudrach, Herrn Geh. Reg. Rath Roth hier einzureichen.
* — Am vergangenen Dienstag fand in der Aula des hiesigen Seminars die Feier des fünfzigjährigen Jubiläums des Kantor Neuber in Niederzell statt, woran sich die Gemeinde Niederzell, die Geistlichen aus Schlüchtern, das Seminar, die Lehrer der Stadtschule und die Lehrer des Kreises betheiligten. Zur Eröffnung desselben sangen die Zöglinge des Seminars den Choral „Lobe den Herren" rc., worauf im Anschlüsse an den Text desselben der Seminardirektor Dr. Renisch die Festrede hielt, zu welcher er eine ausführliches und anschauliches Bild von der fünfzigjährigen Lehrthütigkeit des Jubilars in Niederzell entwarf und am Schlüsse ihm in einem anerkennenden Schreiben der Vorgesetzten Behörde mittheilte, daß ihm der Adler der Inhaber des Königlich Hohenzollerschen Hausorden verliehen sei. Zugleich über reichte er demselben ein Bild als Ehrengeschenk der Lehrer des Seminars und der Stadtschule. Pfarrer Hattendorf sprach dann im Auftrage des Konsistoriums, das dem Jubilar den Cantorritel verliehen hatte, demselben Anerkennung und Dank aus für die so gewissenhafte und treue Erfüllung seiner Pflichten im Dienste der Kirche. Von der Gemeinde Niederzell wurde der Jubilar mit einem prachtvollen Sessel, von den Lehrern des Kreises mit dem „segnenden Christus" von Thorwaldsen und von den Schulkindern mit einem Paar schöner Filzstiefeln beschenkt. Nachdem der Jubilar in tief ergreifender Weise einen Rückblick auf seine fünfzigjährige Wirksamkeit in Niederzell geworfen und für die so zahlreichen Beweise der Anerkennung und Liebe in bewegten Worten seinen Dank ausgesprochen hatte, wurde die erhebende Feier mit dem Liede „So nimm denn meine Hände und führe mich" rc. beendet. Den Abschluß desselben bildete ein solennes Festessen im „Stern". Möge es dem Jubilar beschieden sein, im Besitze seiner bisherigen körperlichen und geistigen Frische und Gesundheit sich eines noch recht langen und gesegneten Lebensabends zu erfreuen.
* — In Sagan erklärte am 1. Oktober beim Empfang seines Lohnes ein Dienstmädchen, daß es auf weiteres mit einem geringeren Lohn zufrieden sei, weil sie durch die Einführung der Wasserleitung von dem Wasserholen am Brunnen befreit sei. — In Schlächtern ist so etwas bis jetzt nicht vorgekommen.
* — Der „Konfektionär" weist darauf hin, daß die sogen. „Rcstcr-Geschäfte" seit Kurzem an allen Ecken und Enden auftauchen. Die Inhaber dieser Geschäfte, sagt er, spekuliern auf die Leichtgläubigkeit des Pub-