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83. Mittwoch, den 18. Oktober 1893.
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Wie stehen die Herren Lehrer im Wahlkreis Schlüchtern - Gelnhausen zur Abgeordneten Wahl?
Es sind darüber die wunderbarsten Gerüchte in die Oeffentlichkeit gedrungen. Anfangs verlautete, daß die Lehrer den bekannten Führer der Conservativen des Kreises Gelnhausen in Meer Holz durch einen Abgesandten über die Unterstützung, welche sie hinsichtlich 1 ihrer Forderungen auf Gehaltsverbesserung rc. von demselben erwarten könnten, hätten sondieren lassen und sehr befriedigt über die erhaltene Antwort gewesen seien. Später, als die Candidatur Meyenschein aufgetaucht war, sollen die Lehrer sich an diesen gewandt haben und mit seiner Antwort noch befriedigter gewesen sein. Endlich als die Candidatur Zimmmermann von den National-Liberalen durchgedrückt war, wurde behauptet, daß die Lehrer sich auch an diesen gewandt haben; derselbe soll ihnen alles, was sie wollten, versprochen haben. Es cirknlirt in dieser Hinsicht eine recht nette Anekdote, die wir aber aus Rücksicht für den Betreffenden hier unterdrücken wollen. Ein Lehrer- soll öffentlich gesagt haben: „Wir Lehrer sind ja eigentlich conse rv ativ, aber wir folgen dem, der uns das meiste bietet." Dagegen soll ein anderer erklärt haben: „Um ein paar Heller verkaufe ich meine Ueberzeugung nicht; ich bin conservativ und bleibe konservativ!" Wir halten alle diese Gerüchte für erfunden, weil wir eine zu hohe Meinung von der Einsicht der Lehrer haben, und eingedenk sind des bekannten Bismarck'schen Wortes, daß niemals in der ' Welt mehr gelogen wird als vor einer Wahl.
Was sollten die Lehrer auch durch einen Abfall von der conservativen Sache und einen Uebergang zu den Freikonservativen gewinnen? — Nicht ein Heller würde , dabei für sie abfallen! Dieselben wissen jedenfalls so gut wie andere Leute, daß die Freiconservative die klein st e und einflußloseste Partei im Abgeordneten- Hause ist, die noch niemals eine Sache durchgedrückt hat, sondern fast stets den Impulsen folgt, welche von dem zeitigen Inhaber des Regierungstisches ausgehen. Und diese Partei soll den Lehrern zu ihren berechtigten Forderungen helfen!? — Das wäre eine so kindliche Hoffnung, daß wir keinen Lehrer für thöricht genug halten, darauf 'reinzufallen. Wenn die Regierung den Lehrern helfen will und kann, werden die Frei- cons er vativen niemals Schwierigkeiten machen. Die Schwierigkeit liegt bei den großen ausschlaggebenden Parteien, dem Centrum und den Conservativen — diese muß der Lehrerstand zu gewinnen suchen, wenn er etwas erreichen will. Kein vernünftiger Mensch wird aber glauben, daß dies Ziel dadurch zu erreichen ist, daß die Lehrer im Wahlkreis Gelnhausen-Schlüchtcrn die Conservativen und Katholiken aus ihrem langjährigen Besitzstand plötzlich zu verdrängen suchen. Abgesehen davon, daß letzteres denn doch nicht so leicht ist und etwas mehr dazu gehört, als ein bischen Pfiffigkeit und eine Portion Dreistigkeit, so wäre, selbst wenn der Versuch gelingen könnte, damit für die Lehrer nicht das Geringste gewonnen. Im Gegentheil, es wäre dadurch zwischen Lehrern und der durch und durch conservativen Bevölkerung des Kreises ein Zwiespalt geschaffen, der den Lehrern selbst auf die Dauer am unbequemsten werden könnte. Dazu käme noch her Selbstvorwurf, daß sie sich um ganz eingebildeter Vortheile willen einer Fahnenflucht zeihen müßten. Das mag sich ein Handelsmann gestatten, der püt Waaren hausieren geht, dem Lehr er stand, der mit Recht den Anspruch erhebt zu den idealsten Theil des Volkes zu gehören, würde eine solche Fahnenflucht sehr wenig anstehen.
Wer in der Welt etwas erreichen will, der muß seine wirklichen oder vermeintlichen Gegner zu gewinnen trachten. Wenn ein Lehrer wirklich der irrthümlichen Ansicht huldigen sollte, daß die Conservativen den For- derungen der Lehrer etwas lau gegenüberstchen, so müßte er von diesem Standpunkt aus erst recht darauf bedacht sein, in dieser größten Partei des ^Abgeordnetenhauses sich einen warmen Fürsprecher zu sichern. Wer wäre besser hierzu geeignet als Pfarrer Meyenschein? Wir glauben, daß alle Lehrer mit uns darüber einig sind, daß es kaum einen besseren Kenner und aufrichtigeren Freund des Lehrer- standes im Wahlkreis giebt, als den Pfarrer Meycu- chein. Und gerade diesen sMen nun Lehrer kurz
sichtig genug sein, vor den Kopf zu stoßen, um ihn von seiner Vorliebe für den Lehrerstand zu heilen? — Wir werden dies niemals glauben, bevor wir es nicht selbst erlebt haben!
Oder fürchten die Lehrer den Lokalschulinspector in Pfarrer Meyenschein? — Darauf können die drei Lehrer in Kirchspiel Hohenzell die beste Antwort geben. Ucbrigcns ist es wohl kaum ein Geheimniß für die Lehrer, daß Pfarrer Meyenschein jeden Tag bereit sein würde, die Schulaufsicht in technisch noch geschultere Hände zu legen, sobald die Regierung in dcr Lage ist, solche zu beschaffen.
Oder wollen die Lehrer etwa die confessions- lose Schule durch die Freiconservativen erreichen? Der Gedanke wäre noch genialer. Im ganzen Wahlkreis giebt es sicher nicht einen christlichen Lehrer, der seine Kinder von einem Jsraeliten unterrichten lassen wollte. Kurz, man mag die Sache betrachten von einem Gesichtspunkt wie man will, wir können uns keine größere Unklugheit im Interesse des Lehrerstands denken, als wenn derselbe durch eine augenblickliche Verstimmung dazu sich hinreißen ließe, mit dcr großen conservativen Partei das Tischtuch für immer zu zerschneiden. Wohl kann einmal aus dem Munde eines einzelnen Conservativen ein Wort gefallen sein, welches den Lehrern mit Recht nicht gefällt. Solche Worte sind aber aus nationalliberalem Munde einzelner Oberbürgermeister in letzter Zeit viel häufiger gehört. Der Lehrer, der sich durch seinen berechtigten Anmuth hierüber dazu hinreißen ließe: „Wir haben uns verschworen, nie wieder einem Conservativen unsere Stimme zu geben!" der würde sachlich nichts anderes thun, als den Lehrerstand zur Selbstvernichtung auffordern. Denn die Zeit wird sehr bald wieder kommen, wo die Lehrer die conscrvative Partei bitter nötig haben werden. Können sie wünschen daß ihnen dies Wort entgcgengehalten werde? Nein! und immer Nein! Die einfachste Klugheit verbietet es dem Lehrerstand, seine Zukunft so nutzlos zu compromittieren.
Deshalb wollen wir es nochmals wiederholen, das gesunde, kluge, überlegte Urtheil, welches wir noch stets im Lchrcrstnndc gefunden haben, zwingt uns, alle jene Gerüchte als leere Erfindungen, als ziemlich durchsichtige Wahlmache einer Partei anzusehen, die ohne eigentlichen Boden im Volke, gewiß sehr gern den Lehrerstand vor ihren Karren spannen möchte. Der Urtheilsfähige erkennt diese Machinationen auf Kosten des Lehrerstandes sofort. Der Leichtgläubige läßt sich vielleicht dadurch täuschen. Deshalb erschien es zeitgemäß, die Frage öffentlich zu besprechen und klarzustellen, damit aus jenen Gerüchten nicht ein Unkraut des gegenseitigen Mißtrauens erwächst, das sich zum Nachtheil des Lehrerstandes,. der auch im Kreise Schlüchtern gerade jetzt, wenn wir richtig unterrichtet sind, den ersten Schritt zur besseren Gestaltung seiner Lage erhofft, sobald nicht wieder ausrotten ließe.
Deutsches Reich.
Bcrlül. Der Kaiser gedachte Montag nach Berlin zu kommen, um der Leichenfeier für den verstorbenen ehemaligen Kriegsminister General v. Kamckc in der Garnisonkirche bcizuwohnen. Jedenfalls wird der Kaiser am künftigen Mittwoch der Enthüllung des Kaiser Wilhelms-Denkmals in Bremen beiwohncn; der Reichskanzler, die Mehrzahl der Staatssekretäre und der preußischen Minister werden ihn umgeben; auch der kommandircndc General des 9. Armeekorps, Graf von Waldersee, wird sich im Gefolge des Kaisers befinden. Bis Ende des Jahres wird der Kaiser stets im Neuen Palais residiren. Die Gerüchte, daß infolge dcr Ablehnung der Magistrats-Vorlage über die Schloßplatz- Verschönerung der Kaiser überhaupt nicht mehr in Berlin residiren wolle, sind ebenso unbegründet wie unsinnig.
— An der Berliner Börse wurde am Freitag mit großer Bestimmtheit behauptet, daß der Bundesrath die Vorlage betr. die Verdoppelung der Vörscnsteucr angenommen habe.
— 12. Oktober. Wie nun verlautet, hat die „Süddeutsche Tabaksztg." ihre Mittheilungen über biej Sätze der Tabaksfabrikatsteuer auf Grund von. Informationen machen können, die ihr von einer ■ bundesstaatlichen Regierung angegangen sind und die
als zutreffend betrachtet werden können. Sie seien darum hier nochmals angegeben: Auf Cigarren und Cigarrcttcn 33 Hz %, auf Rauchtabak 662/3 °/o, auf Kau- und Schnupftabak 5Oo;o. Der Zoll auf Tabaksfabrikate wird erhöht: für Cigarren von 270 auf 400 Mk., für andere Fabrikate von 180 auf 250 Mk.
— Der preußische Ober-Landstallmeister Graf von Lehndorff hat bei seinem jüngsten Aufenthalt in Frankreich drei sehr werthvolle Stuten für das Graditzer Gestüt gekauft, nämlich die braunen Stuten „Jorande" für 53 000 Frcs., „Brünne" für 30 000 Frcs. und „Mademoiselle Bejart" für 18500 Frcs. „Laintrailles", der alte Deckhengst des Lupin'schen Gestüts, kam an demselben Tag zur Auktion wie diese Stuten, doch gelang es dem Ober-Landstallmeister nicht, ihn für Deutschland zu erwerben. Bis zu 180 000 Francs hatte Graf Lehndorff mitgeboten, dann wurde der elfjährige Hengst für 200 000 Francs einem Herrn I. Lebaudy zugeschlagen.
— Mit Cyankalium vergiftet hat sich in Berlin der 19 Jahre alte Arbeiter Alfred Kleitz, weil ihm sein Vater nicht gestattete, ein 17jähriges Mädchen zu heirathcn!
Stettin, 14. Okt. Die Polizei macht bekannt, daß weitere acht Erkrankungen und fünf Todesfälle an Cholera in den letzten 24 Stunden vorgekommen sind. Es wurde sofort die Abhaltung des Jahrmarktes und jede öffentliche Tanzlustbarkeit verboten.
Aus Ostpreußen. Um dem Uebel der Meineide entgegenzutreten, faßte die ostpreußische Synode folgende Resolution: 1. solle die Eidesabnahme mit möglichster Feierlichkeit und, wo erforderlich, unter der sorgfältigsten Verdolmetschung erfolgen; 2. solle das Konsistorium vierteljährlich einen Auszug aus den Meineidsakten und eine Mittheilung über die Verurtheilten erhalten; 3. solle die oberste Kirchcubehörde gebeten werden, bei den obersten Staatsbehörden die Wiedereinführung des früher gebräuchlichen konfessionellen Schlußsatzes, und zwar obligatorisch zu beantragen; 4. solle der Schiedsmanns- ordnung eine erweiterte Befugniß zuertheilt werden; und endlich 5. sollen die vorgesetzten Kirchenbehörden gebeten werden, sich dahin zu verwenden, daß christliche Zeugen nur von christlichen Richtern vereidigt werden dürfen.
Oppeln, 10. Oktober. Wegen Brunnenvergiftung hatte sich vor dem hiesigen Schwurgericht der Schneider und Dorfwächter Wigleudasch aus Bodzanowitz, Kreis Rosenberg O.-Schl., zu verantworten. Das Wasser des Brunnens auf dem Gehöft des Häuslers Wicczorek in Bodzanowitz war auf unaufgeklärte Weise vor Monaten schon von widerlichem Geschmack geworden, und die Familie Wicczorek, welche das Wasser in ihrem Haushalte verwendete, litt beständig an Uebelfett und dergleichen. Eines Tages nun fand sich am Brunnen ein Zettel mit folgendem Inhalt vor: „Ihr Schicksen, wie schmeckt Euch das Wasser aus dem Brunnen, wo schon feit drei Monaten ein Hund begraben liegt?" Bei der Untersuchung des Brunnens wurde nun wirklich in demselben ein mit einem Steine beschwerter, bereits in Verwesung übergegangener Hund gefunden. Es wurde ermittelt, daß Wigleudasch den Zettel einem anderen Manne bittirt hatte, was der Angeklagte auch zugiebt. Das Sachverständigen-Gutachten lautet dahin, daß Trinkwasser, welches durch einen Kadaver verunreinigt ist, geeignet sei, die menschliche Gesundheit zu schädigen, da es typhyöse Erkrankungen und schließlich den Tod herbeiführen könne. Der Spruch der Geschworenen lautete auf schuldig, und der Angeklagte wurde darauf zu fünf Jahren Zuchthaus verurtheilt.
Esburg Berühmt wegen ihres überreichen Wild- standes waren die bayerisch-tyroler Hochgcbirgsjagden des verstorbenen Herzogs Ernst von Sachsen-Coburg- Gotha, der zu einer Zeit, als die Afrikareisen noch keineswegs Modesachen waren, vorwiegend um der Löwenjagd willen eine auch wissenschaftlich ergebnisreiche Expedition nach Abessinien unternommen hatte. Wie nun die Augsburger Abendzeitung meldet, wäre der neue Herzog Alfred mit dem Herzog von Luxemburg und dem Prinzen August von Coburg-Cohnry, der kürzlich seine 2000ste Gemse erlegte, eben jetzt beim erfolgreichen Abschuß und würde die Verminderung des Wildstandes auch später durch das Personal fortsetzcn lassen. Denn wegen der kostspieligen Winterfütterung sei unter Herzog Ernst jeder erlegte Hirsch auf rund 1500 österreichische Gulden zu stehen gekommen.