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Mittwoch, den 20. September
1893.
Mommuenls-Ginladrmg.
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Deutsches Reich.
Berlin. 17. September. Die deutschen Kaisermanöver haben mit den glanzvoll verlaufenen Kaisertagen in Stuttgart ihr Ende erreicht, der Kaiser kann auf eine Reihe von Tagen zurückblicken, voll von den herzlichsten Ovationen und überaus gelungenen militärischen Uebungen. Bon Stuttgart aus, wo am Freitag die Kaiserparade, am Sonnabend Korpsmanöver des 13. Armeekorps stattgefunden hat, hat sich der Kaiser zur Theilnahme an den großen ungarischen Manövern, bei welchen 130 000 Mann im Feuer stehen werden, nach Güns begebeu, während die Kaiserin nach Potsdam zurückgereist ist. Kronprinz Viktor Emanuel von Italien ist nach Schloß Monza in Italien gereist, wo König Humbert und Königin Margherita sich gegenwärtig befinden. Der Prinz, welcher an den gesummten großen deutschen Manövern theilgenommen hat, ist mit dem herzlichsten Danke von uns geschieden. Die Entlassung der Reserven hat bereits überall stattgefunden.
— In einem dem preußischen Kriegsministerium vorgelegten Einzelfalle hatte ein Mckitäranwärter sich bereits am 6. Juli d. I. bei einer Reihe von Civil- behörden zur Anstellung gemeldet und bis Mitte August noch keine Antwort bekommen, auch die von ihm mit- eingereichten Papiere nicht zurückerhalten. Der Kriegsminister hat die deshalb erhobene Beschwerde für gerechtfertigt erachtet und sie dem preußischen Minister des Innern unterbreitet, der seinerseits in einer aus diesem Anlaß ergangenen Verfügung bemerkt: „Es läßt dieses Vorkommniß auf eine mehrfach vorhandene nachlässige Behandlung von Bewerbungsgesuchen schließen, die um so bedauerlicher erscheint, als bei dem großen Andrange zu allen behördlichen Stellen offenbar ein dringendes Interesse der Bewerber besteht, so schnell als möglich einen Bescheid auf ihr Gesuch zu erhalten, um nötigenfalls weitere Schritte zur Erlangung eines Lebensunterhaltes thun zu können." Behufs gänzlicher Abstellung dieses Mißstandes sollen daher die staatlichen und kommunalen Behörden mit entsprechenden Weisungen versehen werden.
Carlsruhe, 16. September. Das erste deutsche Mädchen-Gymnasium wurde heute durch den Verein für Frauenbildungs-Reform hier eröffnet. Der Feier wohnten Vertreter der Behörden und Schulen und ein sehr zahlreiches Publikum bei. Ansprachen hielten unter Anderen die Vorsitzende des Vereins Frau Kettter, Oberschulrath von Sallwürk und Universitätsprofessor Haag. Sämmtliche Ansprachen wurden sehr, beifällig Ausgenommen. Die Feier nahm einen sehr würdigen Verlauf.
In Alm ist ein elfjähriger Knabe, der beim Verzehr einer Zwetsche unbemerkt auch eine Wespe geschluckt hatte, von der letzteren in den Hals gestochen worden und in Folge dessen an Erstickung gestorben.
Würzburg, 16. Sept. In Veitshöchbeim ^wurde verflossene Nacht ein Raubmord versucht. Ein Strolch überfiel in einem einzelstehenden Hause die Besitzerin, eine Frau Köhler, knebelte und beraubte sie und brannte das Haus an. Die Köhler wurde gerettet _ Das Haus ist niedergebrannt. Die Aufregung ist groß.
Markt-Redwitz (Bayern), 10. September. Die Dienstleistung einer Frau, wie sie in der Geschichte der bayerischen Verkehrsanstalten wohl einzig dastchen durste, hat dieser Tage durch Ausscheiden der Inhaberin der hiesigen kgl. Postexpedition, Frau Eleonore W aus diesem Amte ihren Abschluß gefunden. Seit 30 Jahren stand diese durch Klugheit und Energie ausgezeichnete Frau an der Spitze dieser bedeutenden, mit drei Gehusen Und vier Postboten arbeitenden Postexpedition. Jhttt Thätigkeit wurde seitens des Oberpostamtes, Bamberg, ihrer vorgesetzen Behörde, wiederholt die höchste Anei-
kennung gezollt, bei der hiesigen Einwohnerschaft erfreut sich Frau Lutz der ungeteilten Achtung.
Weimar, 13. Sept. Was heutzutage a conto der „schlechten Zeiten" nicht Alles gepfändet wird! Ein hiesiger Gerichtsvollzieher giebt in den öffentlichen Blättern bekannt, daß er, „einen Haufen Mist, sowie einen Komposthaufen zwangsweise" versteigern werde. Der Käufer des letzteren Objekts wird auch eine große Anzahl unbezahlter Rechnungen erstehen!
Erfurt. Die hiesige Eisenbahndirektion macht bekannt, daß vom 1. Oktober d. I. ab nicht blos die Bahnsteige, sondern auch die Wartesäle für den allgemeinen Verkehr des Publikums gesperrt werden. Sollte diese Maßregel wirklich zur Ausführung gelangen, so würde dies den vollständigen Ruin vieler Bahnhofs- restaurateure bedeuten, welche znm großen Theile mit den Einnahmen aus dem Verkehr des Stadtpublikums zu rechnen hatten und nur in Rücksicht auf diesen Umstand derartig hohe Pachtpreise zu zahlen sich verpflichteten, wie sie heute mit Recht angestaunt werden. Die natürliche Folge der angedeuteten Sperrung würde sein, daß die Pachtsummen erheblich zurückgingen, und in einem solchen Falle müßte für die Staatskasse ein Ausfall entstehen, welcher durch den „Entree-Nickel" bei Weitem nicht gedeckt würde:
Vam Harz, 15. September. Von einem ungeheuerlichen Verbrccherpanr wird aus Andreasberg berichtet. Dort sind die Eheleute Humm in Haft genommen worden wegen dringenden Verdachts, ihre vier kürzlich verstorbenen Kinder gewaltsam gelobtet zu haben. Die Leichen der Kinder und die des Vaters der Ehefrau Humm wurden ausgegraben und secirt. An der Leiche des zuletzt verstorbenen Kindes, bei dessen Tode der Verdacht gegen die Eltern rege wurde, ergab der ärztliche Befund Zetrümmerung der L>chädeldecke; außerdem wurde constatirt, daß das Kind durch Nahrungs- entzichung dem Hungertode nahe gebracht war. Bei der Leiche eines zweiten Kindes wurde Vergiftung als Todesursache fcftgeftellt; bezüglich der anderen Kinderleichen ist der Sectionsbefund noch nicht bekannt. Die Section der Leiche des Bergmannes Bindseil, des im 64. Lebensjahre plötzlich verstorbenen Vaters der Frau Humm, ergab ebenfalls Vergiftungserscheinungen. Da die Leiche !noch gut erhalten war, dürfte auf Arsenikvergiftung 'geschlossen werden. Es wird erzählt, daß der Vater der Frau Humm öfters gegen Bekannte geäußert habe, er fürchte, einmal einer Vergiftung zum Opfer zu fallen.
Nordhausen. (Schlachthäuser vor 600 Jahren.) Auf Grund einer im Nordhäuser Stadtarchive befindlichen Zinsrolle vom Jahre 1310 und der ältesten Stadtgesetze ist jetzt festgestellt worden, daß die Fleischereien schon vor 600 Jahren ein gemeinschaftliches Schlachthaus gehabt haben. Dasselbe bestand aus 3 zusammenhängenden Häusern am Sterneberge. In diesen wurde das Schlachtvieh geschlachtet, auch wurden die Würste dort unter Aufsicht gemacht. Kein Fleischer durfte bei Strafe von 10 Schillingen aus seinem Hause Blut oder unreines Wasser auf die Straße schütten lassen. Das war vor 600 Jahren!
Aus Sachsen. Ein Kuriosum von einem „Geschäftsbericht" veröffentlicht der Konsumverein zu Mühlau i. S., e. G. m. u. H- in Liquidation, in den letzten Tagen im Burgstädter Amtsblatte. Die Bilanz per 1. Juli 1893 lautet: „Einnahme: nichts. — Ausgabe: nichts. — Vermögen: nichts. Etwaige Ansprüche an die Genossenschaft sind bis spätestens den 1. Oktober dieses Jahres geltend zu machen." Nach dieser famosen Bilanz steht wohl zu erwarten, daß diejenigen, welche ihre Ansprüche an den Verein geltend machen, auch — nichts erhalten werden.
Die in Lübeck erscheinende „Eisenbahn-Zeitung" geißelt die Fahr-„Geschwindigkeit" dortiger Sekundärbahnen in dem nachfolgenden drolligen Artikel: „Von
sonst unzuverlässiger Seite wird uns mitgetheilt, daß ein Lokomotivführer der Lübeck-EutinerBahn mit einem einbeinigen sechsundsechziger Invaliden eine Distanzfahrt von Lübeck nach Gleschendorf unternommen habe. Obwohl die Lokomotive noch vierzehn Wagen zu ziehen hatte, schlug sie dennoch den Invaliden, der mit nur einer Schiebkarre am Bahndamm entlang humpelte, in 18 s Pufferlängen. Die Freude des Siegers ist leider nicht ungemischt, da er von der Direktion der Bahn ernstlich ermähnt wurde, dieMaschine nicht e'wa noch einmal einer solchen Strapaze zu unterwerfen. Der Invalide beabsichtigt nun, der Lübeck-BüchenerBahn eine ähnliche Distanzfahrt anzubieten, und zwar (mit Rücksicht auf die Terrainschwierigkeiten) unter Vorgabe von zwei Kilometern."
Weißenburg (Reichslande), 13. Sept. Ueber einen Unglücksfall im Manöver berichtet das „Weißenburger Wochenblatt" das Folgende: Heute Vormittvg wurde auf den hiesigen Bahnhof Hauptmann Lothmar vom 31. Feldartillerie-Regiment gebracht, dem durch Unglücksfall die Augen ausgeschossen wurden. In einem Augenblick der Ruhe ritt er vor die Feuerlinie, als anscheinend von der nebenstehenden Batterie ein Schuß fiel. Mit dem Ausrufe „meine Augen" sank der Verunglückte zusammen. Derselbe wurde mit dem Straßburger Schnellzuge von dem ihn begleitenden Oberstabsarzt in die doriige Klinik gebracht.
Arvlsen, 13. September. Neues Silberbergwerk. Durch Zufall hat man auf Ländereien zwischen den Dörfern Vasbeck und Gembeck das Vorhandensein von Silbererzen entdeckt. Die Steine haben nach einer sachverständigen Untersuchung einen Silbergehalt von 45 pCt. Die Vorarbeiten zur Anlage eines Silber- bergmerks sind bereits gelegt worden.
AuSlanv
In Rußland hat man die durch die neue deutsche Hceresorgamsation eingeführte frühere Rckruten-Ein- stcllung sofort nachgeahnt. Bisher begann diese Mitte November und dauerte wegen der ungeheuren Entfernungen bis Ende Dezember. Der Termin ist nun ebenfalls auf den 15. Oktober fixirt worden. Auch hat man die Altersgrenze des Eintritts vom 20. auf das 21. Jahr hinausgeschoben; die Rekruten werden also den Strapazen des Dienstes in Folge kräftigerer Entwickelung besser gewachsen sein.
Schweden Norwegen. Schweden wolle dem Dreibund beitreten, dies Gerücht beschäftigt die Petersburger Presse. Wenn auch die meisten das Gerücht anzweifeln, sind sie doch darin einig, daß Schweden einen ungemein wünschenswerthen Bundesgenossen für den Dreibund abgebe, weil seine Flotte die russische bei Libau im Rücken bedrohe, desgleichen die Küste des Bottnisch- Finnischen Meerbusens. Die „Nowoje Wremja" warnt den Dreibund vor einer Gegeukundgebung zu der in Toulon, womit die Aufnahme Schwedens in den Dreibund gemeint ist, weil Rußland das ebensowenig ohne Antwort lassen werde, wie die deutschen Zoller- höhungcn. Gleichzeitig warnt man Schweden und räth ihm die größte Vorsicht an, da sich sonst Norwegen von ihm trennen und an Rußland freiwillig einen Küsten- punkt zur Erlangung eines russischen Ausgangs ins offene Eismeer abtreten würde.
Madrid, 15. Sept. In Folge heftiger Stürme sind in Neucastilien große Ucberschwemmungen einge- treten. Der Verkehr auf der Süd-Eisenbahn ist unterbrochen. Zwischen Aranjuez und Alcazar sind mehrere Eisenbahnzüge stecken geblieben. In Folge dadurch bercorgerufener Zusammenstöße sind viele Personen getödtet und verletzt worden. Es wurden bereits 40 Leichen aufgefunden.
Süd Amerika. Eine interessante Mittheilung über Einwanderung und Auswanderung in den Vereinigten Staaten wird in einem Londoner Blatte veröffentlicht. Danach erklären die Agenten verschiedener Dampfschiffs« linien, daß die Auswanderung aus den Vereinigten Staaten die Einwanderung — Übersteigt. Die Anzahl der Auswanderer in die Küstengebiete des Mittelmeeres sei auf's Doppelte gestiegen, und die Anzahl der nach Bremen gehenden sei 10—20 Prozent mehr als die der Ankömmlinge. Man schreibt diesen Umschwung der Schließung von Minen und Fabriken in den Vereinigten Staaten zu.
Amerika. Die Hauptstadt Brasiliens, Rio de Janeiro, ist in Wirklichkeit von den Aufständischen zwei