chlüchternerZeitung
Erscheint Mittwoch u. Samstag — Preis mit „Kreisblatt" u. „Jllustrirtcm Familienfreund" vierteljührl. 1 Mk.
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^L 74. Samstag, den 16. September
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1893?
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Der Kampf mit der Maschine.
Die schweren Aufgaben, welche bei allen Industrie- völkern heute mehr oder weniger gebieterisch ihre Lösung verlangen und die wir gewöhnlich unter dem Begriff „Arbeiterfrage" zusammenfassen, hängen bekanntlich vielfach sehr eng mit den technischen Fortschritten der modernen Großindustrie zusammen. Es ist eine leider täglich mehr in die Augen springende Thatsache, daß mit jedem industrieUechnischen Fortschritt der Broterwerb der Handarbeitenden Klassen schwieriger wird und der Kampf um das Dasein in den Tiefen des Volkes schließlich zu unerträglichen Verhältnissen führt, ohne daß der Staat Mittel hätte oder finden könnte, den daraus hervorgehenden Mißständen erfolgreich zu steuern. Wie erheblich in neuerer Zeit Handarbeit und Hausgewerbe durch die Maschinentechnik zurückgedrängt wurde, zeigt Johannes Corvey im letzten Vwrteljahrsheft des „Arbeiterfreund", Organ des Zentralvereins für das Wohl der arbeitenden Klassen, an einigen Beispielen aus Sachsen.
Im Erzgebirge sind die Nagelschmiederei, die Herstellung von Blechlöffeln, die Steckkammfabrikation, die einst als blühende Hausgewerbe dort betrieben wurden, als solche nahezu ganz durch die Maschinenarbeit auf- gerieben. Fast ebenso ergeht es der Hausindustriellen erzgebirgischen Bürstenbinderei und der einst hochberühmten sächsischen Spitzenklöppelei. Auch die Wirkerei wandelt sich mehr und mehr vom Hausgewerbe zur Fabrikindustrie um. Im Jahre 1863 gab es in Sachsen noch 27 000 Handkulierstühle und 500 Hand- kettenstühle, jetzt sind etwa 12 — 13 000 mechanische Stühle vorhanden und die Zahl der alten Handstühle ist auf 2 —3000 zurückgegangen. In zahlreichen früher rein hausgewerblichen Dörfern erheben sich jetzt große Fabrikanlagen. In Chemnitz wurde kürzlich eine Maschine in Betrieb gesetzt, die täglich 4—5 Dutzend Strümpfe herstellt. Eine Arbeiterin kann 15 solcher Maschinen bedienen, also täglich 75 Dutzend Strümpfe liefern. Noch vor kurzer Zeit wurden in den Trikot- taillenfabriken die Knopflöcher von Arbeiterinnen gefertigt. Ein flinkes Mädchen nähte den Tag 200—300 Knopflöcher. Jetzt gelangt, wenn auch zunächst vereinzelt, eine aus Amerika stammende Maschine zur Einführung, mit welcher ein Mädchen täglich 4 Tausend Knopflöcher fertigstellt. Für die Fabrikation von Kammgarnstoff sind in Greiz, Gera, Reichenbach und Umgegend. jetzt 80 000 mechanische, aber nur noch 5000 Handstühle thätig, in der Fabrikation von Streichgarnwaaren und Flanellen sind die Handstühle in der Reichenbacher Gegend bis auf 2500 zurückgegangen und 1200 mechanische Stühle haben die Arbeit übernommen. Ein feines Banmwollgewcbe, „Kongreßstoff" genannt, wurde in Plauen zuerst auf Handstühlen hcrgestellt, jetzt sind zur Anfertigung dieses Stoffes bereits 250 mechanische Stühle beschäftigt. Ebenfalls in Planen hat man seit einiger Zeit Schiffchenstickmaschinen neuer Konstruktion aufgestellt, die durchschnittlich in der Woche 180 000 Stiche liefern, während in derselben Zeit^ eine dreireihige Handstickmaschine nur etwa 10000 Stiche macht.
Diesen Ausführungen wollen wir aus bcn, neuesten sächsischen Handelskammerberichten noch hiuzufügeii, daß man auch in den Steinbrüchen die mechanischen Anlagen zur Beförderung von Schutt und fertiger Waare erweitert hat und „überhaupt in den letzten Jahren mehr bestrebt gewesen ist, wo es geht, die Handarbeit durch maschinelle Einrichtungen zu, ersetzen". Im Dresdener Handelskammerbericht für 1892 wird mitgetheilt, das Verbot der Kinderbeschäftigung habe in einer Leimfabrik zur Aufstellung einer Leimanfädel- Maschine geführt, welche die Handarbeit vollständig überflüssig mache. In einzelnen Hausgewerben werden die Arbeiter nur noch beschäftigt, wenn sie billiger arbeiten als die Maschine) so in manchen Zweigen der
Weberei und Wirkerei. Die lange Arbeitszeit und gedrückte Lebenshaltung dieser Hansarbeiter ist bekannt. Aber auch sie werden den ungleichen Kampf mit der Maschine bald aufgeben müssen.
Deutsches Reich.
Karlsruhe, 13. September. Der Kaiser kehrte um 3 Uhr aus dein Manöverterrain zurück und nahm um 6 Uhr am Familiendiner Theil. Gegen 7 Uhr traten der Kaiser und die Fürstlichkeiten auf den Schloßbalcon, um den von zahlreichen Vereinen und Carporationen verunstalteten Lampionzug zu beobachten. Nach dem Vortrag einiger Lieder wurde eine Deputation vom Kaiser empfangen, der über die Huldigung der Bürgerschaft seine große Freude aussprach. Darauf bcgabcn sich der Kaiser und die Fürstlichkeiten in's Theater.
Berlin. J.M. die Kaiserin gedenkt ain nächsten Montag von Schloß Wilhelmshöhe bei Cassel nach dem neuen Palais bei Potsdam zurückzukehren.
- - Wie aus Metz gemeldet wird, ist der komman- dirende General des 8. Armeecorps Freiherr von der LoS, Generaladjuiant des Kaisers, zum General-Obersten befördert worden. Freiherr von der Los ist der älteste commandirende General, denn er ist bereits am 18. September 1886 zu dieser Charge befördert worden. Die preußische Armee zählt jetzt 5 Generalobersten, nämlich den Großherzog Friedrich von Baden, den Oberbefehlshaber in den Marken von . Pope, den den Großherzog von Sachsen, den Fürsten Bismarck und den jetzt neu zu dieser Charge beförderten comman- direnden General des 8. Armeekorps Freiherrn von Loö, Diese Beförderungen sind sämmtlich von Kaiser Wilhelm II. vollzogen worden.
— In militärischen Kreisen glaubt man, daß mit Inkrafttreten der neuen Heeresgesetznovelle und der damit verbundenen zweijährigen Dienstzeit bei der Infanterie sich der Zugang von Einjährig-Freiwilligen verringern werde. Namentlich dürften solche jungen Leute, die nicht höheren Studien obliegen, es in Anbetracht der großen mit dem Einjährig-Freiwilligendienst verbundenen Kosten vorziehen, von nun ab die um ein ganzes Jahr verringerte Dienstzeit wie alle übrigen Dienstpflichtigen abzuleisten.
* — Die Pensionen der Volksschullehrer wurden bisher bekanntlich in der Weise aufgebracht, daß die Staatskasse jährlich 600 Mark zahlte und die Schul- gemeinbe, bei welcher der Lehrer zuletzt thätig gewesen war, für den Rest aufkommen mußte. Daß diese Einrichtung vielfach zu Härten führte, indem manche Schulgemeinden dadurch übermäßig belastet wurden, liegt auf der Hand Das Gesetz vom 23. Juli 1893 will hier in der Weise Abhülft schaffen, daß die bislang von den Schulgemeinden anfznbringenden Pensionsthcile in Zukunft von den sämmtlichen Schulgemeinden eines Regierungs-Bezirks gemeinschaftlich getragen werden sollen. Zu dem Zwecke wird vom 1. Juli 1893 ab in jedem Regierungs-Bezirke eine Ruhegehaltskasse gebildet, welche von der Bezirksregierung verwaltet wird. Die Kassengeschäfte werden durch die Regierungshaupt- kasse und die Steuerkassen unentgeltlich besorgt. Die Interessen der Schulgemeinden werden von einem vom Provinzialausschuß auf sechs Jahre zu wählenden Kassenanwalt wahrgenommen. Die Beiträge der Schulgemeinden werden alljährlich nach dem pensionsbercch- tigten Dicnsteinkommen der Lehrerstellen, nach Abzug eines Betrages von 800 Mark für jede Stelle, berechnet und vierteljährlich im Voraus von den Schulverbänden eingczogen. Das Stclleneinkommen darf zur Aufbringung dieses Betrages uld)t herangezogen werden.
* — Der Ucbertritt von Katholiken zur evangelischen Kirche hat sich in den Jahren 1880—1891 in Deutschland sehr günstig für die letztere gestaltet. Es sind über 24000 Personen von der katholischen zur evan
gelischen Kirche übergetreten, hingegen sind nur 4700 Personen katholisch geworden.
* — Ueber die diesjährige Futtereme wird jetzt offiziös geschrieben: „Die reichlichen Niederschlagsmengen, welche seit Monatsfrist und länger in fast allen Theilen Deutschlands niedergegangen sind, haben auf das Ge- sammtergcbniß der Futterernte nach Möglichkeit hebend und bessernd eingewirkt. Der Ertrag des zweiten Grasschnittes ist, soweit sich aus den bezüglichen Meldungen ersehen läßt, namentlich in Nord- und Nordostdeutschland durchweg befriedigend, stellenweise sogar glänzend ausgefallen, sodaß, hier wenigstens, von einer Futternoth im Ernst keine Rede sein kann und Preisaufschläge auf Milch oder deren Produkte, insbesondere auf Butter und Käse, wie sie unter Hinweis auf die „abnorme Knappheit und Theuerung der Futterkräuter" jetzt von Händlern mehrfach angekündigt werden, durch die thatsächliche Gestaltung der Verhältnisse nicht gerechtfertigt erscheinen."
* — Ueber Rudolf Falb, den bekannten Wetter- forscher, erzählt der Volksschriftsteller Rosegger allerlei Interessantes in seinem Buch: „Persönliche Erinnerungen." Danach war Falb früher ein Diener der katholischen Kirche, trat später zum Protestantismus über und lebt jetzt mit seiner Familie in Berlin.
— 11. September. Große Pillenfälschung. Die Berliner Criminalpolizei hat augenblicklich für 20 000 Mark Schweizerpillen in Verwahrung, die von einem angeblichen Droguisten aus Solingen einem Apotheker hier für die Hälfte des Einkaufspreises zum Kauf angeboten worden sind. Der Verkäufer hat ganz offen eingestanden, daß sie gefälscht sind. Da aber die Verpackung derjenigen der echten Schweizerpillen so ähnlich ist, daß das Publikum den Unterschied nicht gewahr wird, so ist er der Meinung, daß sie als echte verkauft werden können. Wenngleich noch kein Betrug vorliegt, so ist der Verkäufer, der sich übrigens auch nicht ausweisen kann, doch verhaftet worden, da er sich immerhin ein Vergehen gegen das Markenschutzgesetz hat zu Schulden kommen lassen.
Aachen, 10. Sept. Ein kaum glaublicher Vorgang ereignete sich gestern Nachmittag in einem Hause der Sandkaulstraße, wo im ersten Stockwerk ein Löjähriger Sohn mit seiner Mutter wohnt. Vermuthlich waren die beiden Personen in Streit gerathen, in dessen Verlauf der Sohn seine Mutter zum Fenster hinaus in den Hof stürzte, wo sie schwer verletzt aufgehoben und zum Mariahilfspital gebracht wurde. Die benachrichtigte Polizei verhaftete den unnatürlichen Sohn, der sich im Kamin versteckt hatte.
Halberstadt, 12. September. In der Nacht zum 8. September wurde der Artist Julius Heilig in der Nähe von Roclum durch die Trollmannsche Zigeuner- gesellschaft überfallen und seines Wohnwagens beraubt. In dem Wagen befanden sich außer den Utensilien eines Puppentheaters auch zwei Kinder des Heilig: ein Mädchen, zwei Jahre alt, von heller Gesichtsfarbe und hellblondem Haar, und ein Knabe, dreieinhalb Jahre alt, mit dunkelblondem Haar und schwarzbraunen Augen. Die Kinder sind von den Zigeunern mit entführt worden. Man sollte diese Nachricht nicht für möglich halten, wenn sie nicht durch eine amtliche Bekanntmachung der hiesigen Staatsanwaltschaft ihre Bestätigung fände.
Schleitz, 13. September. Der Fleischer Wilhelm Zürner hier, der überführt wurde, in sechs Fällen Fleisch von krankem Vieh verkauft zu haben, ist zu einem Jahr Gefängniß und zum Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte auf drei Jahre verurtheilt worden. Die Verhandlung entrollte ein Abscheu erregendes Bild von dem Geschäftsverfahren des Angeklagten. Der Staatsanwalt hatte 8 Monate Gefängniß beantragt, der Gerichtshof ist darüber hinausgegangen.
Aus Franken. Der Bischof von Würzburg hat dem Pfarrer Brunner von Neubrunn, der am Sonntag in einer Versammlung des „Fränkischen Bauernbundes" in Zellingen sprechen sollte, verboten, das Wort zu ergreifen. Die Maßregel erregt begreiflicherweise großes Aufsehen.
In Ronneburg geht man den Steuer- und Schul- gcld-Rcstantcn ernstlich zu Leib. Es sind jetzt die Namen von einigen 50 solcher, die erfolglos gepfändet worden sind, in sämmtlichen dortigen Gasthöfen und Restaurationen öffentlich ausgehängt worden. Die Re-