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M 61. Mittwoch, den 2. August 1893.

Deutsches Reich.

Berlin. Der Kaiser ist Sonnabend unter dem Geschützdonner der deutschen Kriegsschiffe auf der Rhede von Cowcs eingetroffen. Der Prinz von Wales und der Herzog von Connaught waren derHohenzollern" bis einige Meilen von Jödfort entgegengefahren. Bei der Ankunft in Cowes wurde der kaiserliche Gast von einer nach Tausenden zählenden Menge enthusiastisch begrüßt. Der Monarch, welcher die epglische Admirals­uniform trug, stand bei der Einfahrt auf derKommando- brücke derHohenzollern". Am Nachmittag stattete der Kaiser der Königin von England in Osborue einen Besuch ab.

Der letzte russische Zolltarif datirt vom 1. Juli 1891, d. h. aus einer Zeit, wo der deutsche Getreidezoll allen Staaten gegenüber 5 Mark betrug. Dieser selbe Zollsatz gilt auch heute noch für die Ein fuhr aus Rußland. Nichtsdestoweniger erläßt Rußland mit dem 1. August einen neuen Zolltarif, der die Ein fuhr von Fabrikaten mit einem Zuschlagszoll von 30,. diejenige von Halbfabrikaten mit einem Zuschlag von 20 Prozent und die Transitwnarcn mit einem solchen von 15 Prozent belastet, weil Deutschland anderen Staaten gegenüber den Getreidezoll um 1,50 Mark als Kompensation für anderweitige Tarisermäßigungen er­mäßigt hat. Deutschland war bereit, dieselben Zugeständ­nisse auch dem russischen Getreide zu machen, aber selbstverständlich unter der Voraussetzung, daß Rußland eine entsprechende Ermäßigung seiner Jndustriezölle zugestand. Rußland aber hat diese Gegenleistung ver­weigert. Das ist die Sachlage. Rußland will das umsonst haben, wofür andere Staaten den Kaufpreis bezahlt haben. Und dabei ist der russische Zolltarif Dom 1. Juli 1891 ohnehin schon ein Prohibitivtarif. Beispielsweise betr agen die russischen Eisenzölle 1 00 Prozr.it und mehr vom Werth. Trotzdem war bisher die Einfuhr nach Rußland auch aus Deutschland möglich. Tritt aber der Maximalzolltarif gegen Deutschland in Kraft, so wird die deutsche Industrie von dem russischen Markt ausgeschlossen sein, da Oesterreich-Ungarn, England, Belgien um 30 bez. 20 Prozent billiger liefern können.

Die Ueberweisüngen aus der iex Henne an die Kommunalverbände Preußens sind für 1892 93 nach Ermittelung des preußischen Antheils aus den Gclreidc- und Viehzöllen in Höhe von 51,770,737 Mark auf 36,770,737 festgesetzt worden. Davon treffen, wie der Finanzminister und der Minister des Innern bekannt machen, auf die Provinz Ostpreußen 1,984,072 Mark, Westpreußen 1,483,053 Mark, die Stadt Berlin 3,095,532 Mark, die Provinz Brandenburg 2,990,920 Mark, Pommern 1,919,616 Mark, Posen 1,773,732 Mark, Schlesien 4,783,764 Mark, Sachsen 3,621,083 Schleswig-Holstein 2,042,634 Mark, Hannover 3,093,597 Mark, Westfalen 2,568,346 Mark, Hessen-Nassau 2,147,159 Mark, die Rheinprovinz 5,391,106 Mark, die Hohenzollernschen Lande 76,025 Mark.

Seit der Annahme der Militärvorlage gehen von allen Seiten beim Kriegsministerium aus kleinen und mittlern Städten Gesuche um Gewährung einer Garnison oder um Vermehrung der bereits vorhandenen ein. Besonders zahlreich liegen derartige Bitten aus elsaß-lothringischen Gemeinden vor. In manchen Füllen erklären sich die betreffenden Stadtbehörden zu beson­deren Begünstigungen, namentlich zur freien Hergabe von Baugrund für neue Kasernen oder Baracken bereit. Obwohl die Bestimmungen über die Verlegung der neuen Truppenteile im allgemeinen längst getroffen sind, werden diese Gesuche auf Anordnung des Kriegs­ministers dennoch einer sorgfältigen Prüfung unterzogen.

In der deutschen Armee werden bei den Herbst- manövern Radfahrer zum ersten Male in active Ver­wendung treten. Ju der französischen Armee ist man diesem Gedanken bereits seit dem Frühjahr 1892. näher getreten, indem das Kriegsministerium eine provisorische Dienstvorschrift für den Radfahrerdienst in der Armee aufgestellt hat. Die alljährlichen großen Manöver und Ginzelübungen haben bereits ergeben, daß der Radfahrer im Kriege wird ausgezeichnete Dienste leisten können, ebenso ist seine Verwendung als Ordonnanz in einzelnen Garnisonen als überaus werthvoll anerkannt. Die fran- zdsische Dienstvorschrift theilt, nach derVoss. Ztg.", die Verwendung der Radfahrer in folgende Kategorien:

in solche für den Staffettendienst; 2. für den Eclaireur- und 3 für den Gefechtsdienst. Für jede

dieser drei Arten weist eine Specialvorschrift die geeig netste und ausgiebigste Verwendung der Radfahrer auf. Das einzige in der französischen Armee zu verwendende Maschinenmodell ist das Zweirad. Eine Strecke von mindestens 90 Kilometer muß von den Zweirädlern, die bei den Generalslaben und bei der Kavallerie verwandt werden wollen, in weniger als sechs Stunden zurückgelegt werden können. Diejenigen, die bei den übrigen Truppen- theilen verwandt werden wollen, müssen einen Weg von 48 Kilometer in weniger als vier Stunden zurücklegen können. Ebenso ist die Bekleidung, die Ausrüstung und Bewaffnung der Radfahrer in der französischen Armee bereits genau geregelt und festgestellt. Die Uniform besteht in einem Ueberrock oder Mantel des zugetheilten Truppentheils; in einer Blouse der Alpen­jäger mit der betreffenden Nummer des Korps; in einem Beinkleid ohne Reitbesatz; in einer Pelerine nach dem Modell der Zuavenregimenter; in einem Käpvi bed beigegebenen Truppentheils; in einer Armbinde mit dem entsprechenden Gradabzeichen; in Jnfanteriestiefeln mit Gamaschen. Als Ausrüstungsgegenstände sind bei- gegeben: eine Umhängetasche, eine Depeschentasche, eine Feldflasche mit Trinkgesäß, ein Tournister nach gewöhn­lichem Modell (dieser wird an der Maschine befestigt) eine Revolvertasche mit Leibriemen. Die Bewaffnung der Radfahrer besteht in einem Revolver nebst 18 Pa­tronen. Im Falle einer Mobilmachung bringen die Radfahrer ihre eigene Maschinen mit, gleichzeitig haben sie für die nöthigen Reservetheile zu sorgen. Bei ihrem Eintreffen werden die Räder geprüft und abgeschützt, für welchen Zweck eine besondere Kommission zusammen­getreten ist. Den einzelnen Truppentheilen ist gleichfalls eine bestimmte Anzahl von Fahrrädern ein für alle Mal als Ausrüstungsstücke beigegeben.

- Die Einfuhr von Heu in Deutschland nimmt allmählich stärkere Dimensionen an. Sowohl aus den Vereinigten Staaten wie aus Argentinien werden stärkere Abladungen nach Hamburg gemacht. Aus Bukarest wird demPest. Ll." geschrieben, daß in Rumänien deutsche, französische und englische Händler für das in reichem Maße und in ausgezeichneter Qualität gewachsene Heu in baarem Gelde 34, auch 5 Frks. bezahlen. Der Verkehr ist auch ein außerordentlich großer. Seit den letzten 3 Wochen wurden ungefähr 500,000 Meter- Centner Heu einmngazinirt, zum Theil mit der Be­stimmung für die West-Staaten verfrachtet. Auch im deutschen Julande ist der Heuhandel augenblicklich ein sehr lebhafter. Aus den mit guten Erträgen gesegneten Flußthälern der östlichen Provinzen, namentlich von der Oder, werden enorme Mengen nach dem Westen versendet. In Schwedt a. O. werden jetzt täglich 60 100 Waggons Heu (ca. 10,00015,000 Centner) per Bahn expedirt.

* Eine anderweite Regelung der Gefängniß­arbeit soll, wie verlautet, regierungsseitig geplant sein. Um die der freien Arbeit überaus gefährliche Konkurrenz der Gefangenenarbeit zu beseitigen oder mindestens zu beschränken, hat man auf Seilen der Handwerker seit Jahrzehnten verlangt, daß die disponiblen Arbeitskräfte der Strafanstalten zur Anfertigung der Armeebedürfnisse verwandt werden sollen. Wie nun aus Schlesien gemeldet wird, sind bereits Vorkehrungen getroffen, um die Armee-Bekleidungsgegenstände in den Strafanstalten ^erstellen zu können und herstellen zu lassen. Zu diesem Zwecke werden jedem Armeekorps mehrere Strafanstalten zur Beschäftigung überwiesen.

Dem statistischen Jahrbuch des deutschen Reiches für 1893 entnehmen wir die Ergebnisse der letzten dentschen Volkszählungen bis 1816 zurück: Danach ist die Bevölkerung auf dem heutigen Reichsgebiete feit 1816 bis 1. Dezember 1890 von 24,833,000 auf 49,428,470 Einwohner gestiegen. Im Jahre der Begründung des deutschen Reichs zählte man am 1. Dezember 1871: 41,058,804 Einwohner, 1875: 42,727,360, 1880: 45,234,061, 1885: 46.855,704 Einwohner. Die durchschnittliche jährliche Volkszunahme im Deutschen Reiche betrug von 1871/75: 1.00, 1875/80: 1.14, 1881/85: 0.70 und 1885-90: 1.07 Prozent. Sonach hat die größte Steigung von 187580 und die ge­ringste von 1880 85 stattgefunden. Es hängt dies nicht allein mit der Bewegung der Bevölkerung und der Mehrzahl der Geborenen über die Gestorbenen, sondern auch wesentlich mit der Auswanderung zusammen. Die deutsche Auswanderung betrug 1875 nur 32,329,

1876: 29,646, 1877: 22,858, <1878: 25,627, 1879: 35 888 Personen, dagegen 1880: 1 17,097, 1881 220,902, 1882: 203,585, 1883: 173,616, 1884

149,865, 1885: 110,110, 1886: 83,225, 1887:

104,787, 1888: 103,951, 1889: 96,070, 1890

97,103, 1891: 120,089 und 1892: 116,330 Personen- Anlangend das Geschlecht, so zählte man 1890: 24,230,832 männliche und 25,197,638 weibliche Per­sonen, es kamen mithin auf 100 männliche 104 weibliche Personen (in der preußischen Provinz Westfalen kamen auf 100 männliche nur 95,8, dagegen im Königreich Sachsen 105,9 weibliche Personen, was sich namentlid) aus der Verbreitung der Kohlen- und Eisenindustrie in Westfalen und der Textilindustrie in Sachsen erklärt). Auf 1 Quadratkilometer kommen im ganzen Deutschen Reiche 91,5 Einwohner, in Preußen 86,0, in Baiern 73,7, in Sachsen 233,6, in Württemberg 104,4, in Baden 109,9, in Elsaß-Lothringen 110,5 Einwohner.

Gera, 26. Jult. 16 Personen sind an den-schwarzen Pocken erkrankt! Diese unheilvolle Botschaft durcheilte heute wie ein Lauffeuer unsere Stadt. Schott vor einiger Zeit war ein aus Oesterreich zugewanderter Graveurlehrling an den Pocken erkrankt und gestorben. Trotzdem die Behörden sich alle Mühe gegeben haben, die Gefahr der Ansteckung völlig zu beseitigen, ist dann auch der Mann, bei dem jener Lehrling gewohnt hatte, an den schwarzen Pocken erkrankt. Leider hat dieser Mann in freventlichem Leichtsinn seine Krankheit ver- heimkcht, bis nicht nur seine gesummte Familie, sondern auch nich eine Reihe mit ihm befreundeter Personen von den Pocken befallen worden sind, wie gesagt, bereits 16 Personen, die bis auf ein kleines Kind sämmtlich ein- oder mehrere Male geimpft worden sind. Die Häuser der Pfortener Straße, in denen die Er­krankungen vorkamen, wurden durch Tafeln mit der AufschriftBlattern" gekennzeichnet. Eine in dem einen Hause befindliche Restauration wurde bis auf Weiteres geschlossen. Die Pockenkranken kamen zum Theil in das Krankenhaus. Der Krankheitsheerd befindet sich in unmittelbarer Nähe des Schützenplatzes, wo jetzt das Vogelschießen stattfindet. Die Beamten der Ortskrankenkasse werden heule Nach­mittag geimpft.

Gviha, 27. Juli. Ein hochherziges Beispiel hat der Pfarrer eines gothaischen Dorfes bei Langensalza, dessen Besoldung zum Theil in den Erträgnissen von Ländereien besteht, gegeben. In Ansehung der miß­lichen Lage, in welcher sich die Pächter in Folge der Mißernte bezw. Futternoth befinden, hat er diesen für das laufende Jahr die Hälfte der Pachtgelder erlassen, obwohl er selbst finanziell gerade nicht auf Rosen gebettet ist, weil er fünf Kinder, darunter zwei studierende Söhne, zu erziehen resp, zu unterhalten hat.

Straßburg. 24. Juli. Welche sonderbaren Blüthen das in der Landbevölkerung tief eingewurzelte Unkraut des Aberglaubens treibt, zeigt schlagend folgender Fall. In einer hiesigen Droguenhandlung erbat sich ein Bauer zwei Toneabohnen mit der ausdrücklichen Bemerkung, daß die eine derselben männlichen und die andere weib­lichen Geschlechts sein müsse. Auf die erstaunte Frage des Handlungsgehülfen, wozu denn die Bohnen Ver­wendung finden sollten, erklärte der biedere Landmann mit altkluger Miene, daß seine Kuh die Milch verhalte und daß dies nur daher komme, weil das sogenannte Rätzerle" oderLetzel" das Thier verhext habe, und daß eben diese Bohnen das einzig wirksame Mittel feiert, um dem Bösen beizukommen, denn dieselben würden in ein Söckchen gethan und dies in dem Stalle befestigt, wodurch dann der Bann des Bösen gebrochen werde. Gegen diesen blöden Aberglauben war nicht anzukümpfen und der Bauer erhielt das Gewünschte. Nach einigen Tagen aber erschien des Bauern Weib und erklärte, daß wohl eine Verwechslung stattgefunden und daß ihrem Manne entweder zwei Bohnen männlichen oder zwei weiblichen Geschlechts verabfolgt worden seien, denn das Mittel, das sich immer bewährte, sei diesmal erfolglos gewesen. Zu solchen Hausmitteln anstatt zur Kunst des Thierarztes nehmen die Landleute zu Ende des neunzehnten Jahrhunderts noch vielfach ihre Zuflucht.

Kisfingen, 18. Juli. Der Fürst und die Fürstin Bismarck sind heute Abend hier eingetroffen und von der zahlreich versammelten Menschenmenge lebhaft be­grüßt worden. Die Straßen waren bengalisch beleuchtet.

Am Jacobustag, den 25, Juli, hat die Küferzunft