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i WüchternerMullg

Erscheint Mittwoch u. Samstag Preis mitKreisblatt" u.Jllustrirtcm Familienfreund" vierteljährl. 1 W.Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg M 55. Mitttvoch, den 12. Juli 1893.

^ ^"Schlüchterner Zei-u-g" : von den ^HilliluUyü U werden noch fottwährrnd von allen Zützen ---ü^" Postanstalren uudLaubbiieftlügern sowie von der Expedition entgegen genommen.

Deutsches Reich.

Berlin. Die Kaiserreise nach Norwegen ist cntgültig aufgegeben, hingegen für die zweite Julihälfte- eine Reise in die Ostsee beabsichtigt, wobei ein Besuch der schwedischen Schären in Aussicht genommen ist.

* Angesichts der schweren Entscheidung, vor die der Reichstag wiederum gestellt ist, wird es nützlich sein, eine geschichtliche Erinnerung aufzufrischen. Es handelt sich um das Scheitern der französischen Heeresreform, die Napoleon 111. nach den Erfahrungen des Krieges von 1866 und auf den dringenden' Rath des aus­gezeichneten Obersten Stoffel dnrchzusetzcn suchte. Sein Haupthelfer dabei war bekanntlich der Kriegsminister Niel, auch ein Mann von großer Sachkunde und er­probter Fähigkeit. Dieser berief zunächst ein Ausschuß von Officiereu und forderte vor Allem zwei Dinge: die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht und die Bildung selbst staubiger Armeecorps. Aber die Antwort war: man dürfe mit solchen Forderungen gar nicht vor die Kammer treten; kein Abgeordneter werde seine Stelle dadurch aufs Spiel setzen wollen, daß er für eine solche Mehrbelastung des Volkes stimme. Der Kaiser gab jetzt mit tiefem Schmerz den Entwurf preis und setzte einen zweiten durch, der wenigstens eine Ver­dreifachung des Heeres und zwar dadurch anftrebte, daß die Linientruppen auf 800,000 Mann gebracht und eine Landwehr ^aide mobile von 400,000 Mann ge­bildet werden sollte. Auch dieser, im December 1867 veröffentlichte Entwurf wurde aber von der Presse mit einem solchen Schrei der Entrüstung ausgenommen, daß die Regierung sich beeilte, zu erklären, es handle sich ja nur um einen jeder Abänderung offen stehenden Entwurf! Als die Vorlage an die Kammer kam, wollte der gesetz­gebende Körper von der allgemeinen Wehrpflicht, die Niel abermals vorschlug, von Abschaffung der Frei- loosung und des Freiverkaufs nichts wissen; ja Jules Simon beantragte unter Berufung auf die levee en masse vom Jahre 1793, man solle das stehende Heer abschaffen genau wie dies Bcbcl im aufgelösten Reichstag angeregt hat. Simon ließ sich auch nicht belehren, als Nick ihm ganz richtig erwiderte, 1793 sei Frankreich nicht durch die levee en masse gerettet worden, sondern trotz derselben, und die wahre leve en masse sei das preußische System. Das Ende vom Liede war, daß nur das Gesetz über die Mobilgarde durchging, aber auch mit den erheblichsten Verschlech­terungen; zwar konnte man sich von der Landwehr nicht mehr loskaufen; aber das Recht, sich ihren Uebungen zu entziehen, ward ganz unbeschränkt gemacht; auch sollte keine Uebung zu mehr als eintägiger Ab­wesenheit von Hause verpflichten, und mehr als fünfzehn Mal im Jahre sollten sich die Einziehungen nicht wieder­holen dürfen. Ebenso beschränkte die Kammer die Geld­mittel für das Heer unbarmherzig; sie forderte außer­dem übermäßige Beurlaubungen und die Abgabe von 3000 Artilleriepferden an die Bauern; mit Mühe und Roth setzte Niel wenigstens die Ablehnung dieser letzten Forderung durch. Mit all' dem ward nun zweierlei erreicht: Frankreich sparte von 186870 eine mäßige Summe Geldes, aber es hatte 1870 den 384,000 Deutschen, die zu Anfang August den Rhein überschritten, nur 240,000 Mann entgegen zu stellen, wodurch es den Krieg verlor. Dieser kostete beinahe zwölf Milliarden an baarem Geld und nun wurde die allgemeine Wehrpflicht mit aller Strenge durchgeführt; von jetzt ab hatte die französische Volksvertretung das Sparen am Militär gründlich verlernt; als die Kuh aus dem Stalle war, schloß mau die Thüre zu. Die Nutz­anwendung ergibt sich von selbst.

* Ausnahmetarif für Torfstreu und Torfmull sowie für Futtermittel vom 26. Juni d. Js. iyür vorbezeichnete Streu- und Futtermittel tritt mit sofortiger Oültigkeit bei Sendungen nach der Rheinprovinz und der Provinz Hessen Nassau, sowie bezüglich der Provinz Westfalen bei den Sendungen nach chmmtlichen Kreisen der Regierungsbezirke Arnsberg und Münster und nach den Kreisen Büren, Herford, Höxter, LübbcH, Minden Paderborn und Marburg des Regierungsbezirks Minden, knie weitere Frachtcrmäßigung dahin ein, daß 25 pEt.

durch obigen Ausnahmetarif Angeführten Fracht- begw. 2b pCt. der auf die Preußischen Staats- bahMt entfallenden Frachtantheile den Empfängern im Reklamationswege zurückerstattet werden, wenn durch eine Bescheinigung des Vorstandes des laudwirthschaft- lichen Vereins oder des Landraths des Kreises nach- gewiefen ist, daß das bezogene Streu- ober Futter­mittel in dem landwirthschaftlichen Betriebe des Ein- psängers Verwendung findet oder von einem landwirth- schaftlichen Verein ober einem Gemcindevcrbande bezogen und unter seine Mitglieder behufs Verwendung in deren eigene Wirthschaft zur Bertheilung gelangt. Nähere | Auskunft ertheilen die Gütcr-AbfertigungssteUen.

DerReichsanzeiger" veröffentlicht die kaiserliche Verordnung, durch welche die Ausfuhr von Heu, frischen und getrockneten Futterkräutern, Stroh und Häcksel über sämmtliche Grenzen gegen das Ausland bis auf Weiteres verboten wird. Der Reichskanzler ist ermächtigt, Ausnahmen von diesem Verbot zu gestatten und etwa erforderliche Eomrollmaßregeln zu treffen. Die Verordnung ist am Tage ihrer Verkündigung (Mittwoch) in Kraft getreten.

Lippfladt, 28 Juni. Ein eigenartig belebtes Bild bietet unsere Stadt seit Beginn der Heu Ernte. Zu allen Thoren kommen die Bauern herein mit hoch- beladeneu Wagen des schönsten, duftigsten Heues, um es hier verwiegen zu lassen. Von der Wage gelangt das Heu zum Bahnhof und wird in alle Welt versandt. Sogar aus Paris sind Aufkäufer hier gewesen. Bei dem großen Futtermangel stehen die Preise sehr hoch. Die gute Ernte in der hiesigen Gegend trotz der großen Dürre ist durch die großartigen Bewässerungsanlagen bewirkt, die im Laufe der Jahre im Lippelhale von hier bis nach Paderborn geschaffen worden sind. Auf An­regung unb unter Beihülfe der Regierung wurden Schleusen in den Lippefluß eingebaut, die das Wasser aufstauen und in die Bewässerungsgräben leiten. Hier­durch war es möglich, auch bei der großen Trockenheit dieses Jahres den Boden stets feucht zu halten und ihm mit Hülfe einer guten Düngung großartige Erträge zu entlocken.

Essen a. d. Rh, 7. Juli. Gestern gegen Abend verunglückten 10 Arbeiter in Preßbau der Krupp'schen Gußstahlfabrik, inbem sie bei Reinigung der Kanäle durch Wasferdämpfe schwer verbrüht wurden. Drei wurden in das Krankenhaus gebracht; dem einen lösten sich während des Transports die Fleischtheile vom Körper ab.

Bsm Rhein. Die Aussichten auf die Weinlese! bleiben am Rhein und an der Mosel sehr gut. In Frankreich hofft man, daß dieselbe die beste seit vielen Jahi en werden wird.

Meßkirch, 29. Juni. In schrecklicher Weise suchte der offenbar geistesgestörte Engelbert Fecht nach badischen Blättern den Tod. Er ging in aller Frühe auf den Holzlagerplatz am Bahnhof, wo er beschäftigt war, und schob, wie man annimmt, einen auf dem Bahngeleise nebenan stehenden Eisenbahnwagen gegen einen anderen etwas entfernt stehenden Waggon an. Als der erste Wagen im Laufe war, sprang Fecht zum anderen Wagen und legte dort seinen Kops zwischen die Puffer der zusammenstoßenden Wagen. Fecht, der Familienvater ist, war sofort tobt.

Lsbach, 20. Juni. Der Pfarrer im nahen Orte Windhagen besitzt eine dänische Dogge, die er der Widersetzlichkeit wegen züchtigen wollte. Sie widersetzte sich ihm und biß ihn in die Waden und in die Beine. Die Köchin, die den Vorfall zufällig beobachtete, glaubte, unter Zuruf an das Thier, ihrem Herrn zur Hilfe eilen zu müssen. Wüthend fi l der Hund nun über sie her, biß, riß fast fetzengroße Stücke ihr vom Leibe und brächte ihr lebensgefährliche Wunden bet. An ihrem Aufkommen wird gezweifelt. Auch das Dienstmädchen, das auf das Hitfegeschrei herbeieilte, wurde von dem Thier angefallen und erhielt schwere Bißwunden. Der Hund, wie man befürchtet, toll­wüthend, wurde erschossen. Alle drei Personen befinden sich in ärztlicher Behandlung.

Wctzlar, 1. Juli. Ein Hochstapler geriebenster Art hat vor einigen Tagen unsere Stadt unsicher gemacht. Derselbe, eine stattliche Erscheinung mit dunklem Vollbart, in einem Sommer-Jagdanzug gekleidet, suchte namentlich den Umgang hiesiger Jäger und Jagdliebhaber auf, denen er vorspiegelte, er fei hier, um einen mehr- monatlichen Forstdienst-Kursus durchzumachen. Da sein

Auftreten ein gewandtes war, so gelang es ihm, in zwei hiesigen Gasthäusern mehrere Tage lang Logis, Kost und Zeche auf Kredit zu erhalten. Ebenso brächte er es fertig, einen kompletten Anzug auf Pump zu be­kommen, indem er die Finte machte, daß er den Handel in Gegenwart eines Herrn abschloß, der in dem be­treffenden Geschäft bekannt war und den er zu seiner Begleitung zu bewegen vermocht hatte. Auch einige Hnndekäufe sind dem braven Jagdliebhaber gelungen. Seit vorgestern ist der Hochstapler fort von hier, ohne nach den Kosten zu fragen. Hoffentlich gelingt es vor­stehenden Zeilen, wenigstens an anderen Orten die 'Wirthe, Geschäftsleute und die Herren Jäger vor ! gleichem Neinfall zu bewahren. Der Hochstapler nannte sich hier Johann Grechler aus Sicglar bei Siegburg und gab an, er sei der Sohn eines Rittergutsbesitzers.

Aus Hessen, 5. Juli. Mit Rücksicht auf die durch Futtermangel hervorgerufene Nothlage der Landwirth- schaft haben die Verwaltungsbehörden eine Beschränkung der öffentlichen Festlichkeiten in den Landgemeinden am geordnet. Tanzerlaubnißscheine werden außerhalb der Kirchweihen vorerst nicht mehr ertheilt und die Kirch- Weihmusik muß unter Ausschluß der Nach-Kirchweihen auf zwei Tage beschränkt werden.

Ein Gutspachter im Orlathul besitzt einHeubuch", in welchem die alljährlichen Fultcrcrntcn seit 1823 ver­zeichnet b, als futterarmstes, trockenstes Jahr ist 1842 vermerkt; doch sind in diesem Jahre auf dem Gute immer noch 58 Fuder Heu und 12 Fuder Klee geerntet worden, während heuer nur 17 Fuder Heu, Klee aber fast gar nicht ein gebracht worden ist.

Aoslaud

Der Stcfansdom in Wien war Dienstag Nach­mittag der Schauplatz einer großen Schrcckcsscenc. Gegen 4000 Wallfahrer hielten nach ihrer Rückkehr aus dem Wallfahrtsorte Mariazcll den üblichen Fest­einzug in die Stefanskirchc. Als ungefähr die Hälfte der Wallfahrer die Kirche bereits besetzt hatte, fing plötzlich der Blumenstrauß einer Wallfahrerin Feuer. Die Frau warf die brennenden Feldblumen auf den Boden, was einen Funkenregen hervorrief, dem sofort Feuerrufe erfolgten. Es entstand ein wildes Gedränge; die Menge in der Kirche eilte zu den Ausgängen, während gerade ein Theil des Wallfahrer, der noch außerhalb der Kirche stand, seinen Einzug halten wollte. Viele wurden niedergeworfen, zahlreiche Frauen wurden ohnmächtig. Einige Beherzte suchten die Ruhe herzustellen, doch dauerte der Feuerlärm zehn Minuten. Viele Personen trugen Verletzungen davon, zwei Kinder wurden lebensgefährlich v.rwuudet aus der Menge hervorgezogen. Außerhalb der Kirche verbreitete sich das unbegründete Gerücht, die Socialisten hätten den Feuerlärm verursacht. In der Kirche wurde eine Unzahl von Hüten, zerbrochenen Schirmen und Kleidcr- fetzen vorgefunden. Bcmerkcnswerlh ist, daß die Geist­lichkeit, um die Menge zu beruhigen, die Orgel spielen ließ, ohne den erwünschten Erfolg zu erzielen. Später wurde der Gottesdienst fortgesetzt.

Eilglanü. Von einer furchtbaren Grubenkatastrophe wird aus England berichtet. In dem Kohlenbergwerk Thornhill in der Nähe von Dewsbury fand Dienstag Nachmittag eine Explosion statt, wobei 145 Bergleute verschüttet worden sind. 4 Leichen sind wurden bisher aufgefunden. Die Schächte stehen in Flammen, es ist nicht möglich, Rettungsarbeiten vorzunehmen. Man befürchtet, daß sämmtliche 145 Bergleute ums Leben gekommen sind.

Lokales und Provinziealles.

Schlüchtern, 9. Juli. Auch hier hat matt in der vergangenen Woche mit dem Kornschneiden begonnen; vielfach sieht man schon Garbenhaufeu auf den Aeckeru stehen. Die Roggcncrutc wird allem Anschein nach bei uns eine gute werden. Die langen Halme stehen dicht, die Aehren sind voll und groß. Dagegen war die Heuernte dieses Jahr hier so gering, wie noch nie, und ebenso wird es mit der Grummeternte sein, wenn nicht bald ein kräftiger Regen kommt.

Behufs Klärung der heutigen Futterverhältnisse hat der Bund der Landwirthe 994 Fragebogen an seine Bezirksvorsitzenden aller deutschen Bundestheile versendet. Von diesen sind bis jetzt (nach 3 Tagen) bereits 194 Fragebogen zurückgekommen. Aus Hessen