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Mittwoch, den 28. Juni
Bestellungen auf das 3. Quartal 1893 (Juli, August, September) der
är „Schlüchterner Zeitung“ "Wtz bitten wir durch die Post (and) Landbriesträger) oder Boten gefälligst machen zu wollen und zwar möglichst bald, da Nachlieferung bereits erschienener Nummern nicht immer möglich ist. Neu zutretende Abonnenten erhalten das Blatt vom Tage der Bestellung bis zu Ende d. Mts. gratis.
Schlächtern, im Juni 1893. Die Expedition.
Deutsches Reich.
Berlin, 25. Juni. Die Rückkehr des Kaisers nach Berlin wird spätestens für das Ende dieser Woche erwartet. Am 7. Juli wird in der kaiserlichen Familie der zehnte Geburtstag des Prinzen Eitel Friedrich gefeiert werden, der an diesem Tage zugleich als Lieutenant in die Armee eintritt.
— Mit dem heutigen Tage ist, abgesehen von zwei oder drei, durch mögliche Doppelwahlen veranlaßten Nachwahlen, der Wahlkampf beendet. Dienstag über acht Tage tritt der Reichstag zusammen.
— 26. Juni. Bis 1 Uhr Mittags sind die Ergebnisse von 141 Stichwahlen bekannt. Darnach sind gewählt: 21 Konservative, 8 von der Reichspartei, 29 Nationalliberale, 8 von der freisinnigen Bereinigung. 19 von der freisinnigen Volkspartei, 6 von der süd deutschen Volkspartei, 8 vom Zentrum, 7 Polen, 10 Antisemiten, 19 Sozialdemokraten, 5 Welsen, 1 Etsässer Protestier.
— Der auf Grund der lex Huene den Kommunalverbänden zu überweisende Antheil an den Getreide- und Viehzöllen beträgt, nach der „Deutschen volkswirthsch. Korr.", für das abgelaufene Etatsjahr 1892 93 etwas über 36.770,000 Mark. Da nach dem preußischen Etat die Höhe der Ueberweisungen für diesen Zeitraum zu 41,400,000 Mark angenommen wurde, so betrüg: der Ausfall gegen den Anschlag ca. 4,630,000 Mark. Der Feststellung sind zu Grunde gelegt die Gctrcidezöllc mit 87,571,000 9M, die Viehzölle mit 8,534,000 Mk., zusammen 96,105,000 Mark bei einem Gesammt- aufkommen an Eingangszöllen von 376,917,000 Mark. Es gelangen sonach gegen das Vorjahr mit 57,035,000 M. über 20,000,000 Mark weniger an Ueberweisungen zur Vertheilung gegen das Jahr 1890/91 mit ca. 47,250,000 Mark bei 10,500,000 Mark. Da mit Annahme des Ergänzungssteuergesetzes die lex Huene ihre Wirksamkeit endet, so wird den Kommunalvcrbändcn für dieses und das folgende Jahr immerhin noch eine nicht unbedeutende Beihilfe zu Theil.
München, 21. Juni. Eine den „Neuest. Nachr." zugegangene authentische Mittheilung erklärt die Massen- Erkrankungen im Jnfanteric-Leib-Rcgiment als Typhus. Die Ursachen liegen vermuthlich im Untergrund der Caserne. Am Typhus erkrankt sind 266 Soldaten, gestorben 11. Ein Theil liegt noch schwer erkrankt, der größere Theil sei in gesicherter Genesung, auch seien keine Neuzugänge zu verzeichnen. Außerdem sei eine erhebliche Anzahl von Mannschaften an Influenza erkrankt. Ein Civilist, der die Kranken im Lazareth besuchte, ist gleichfalls am Typhus erkrankt.
Aus Baiern, 23. Juni. In Maierhos bei Nailla kam eine Frau bei der Reichstagswahl an die Urne, um ihren Mann zu vertreten. Als der Wahlvorsteher die Wackere belehrte, daß Vertretung nicht angehe, und daß Frauen keine Stimme haben, entgegnete die Wählerin, sie habe sogar eine sehr kräftige Stimme. Indeß half das Aufgebot aller ihrer Stimmmittel diesmal nichts. Ein Bauer kam nach Passau, um den Kandidaten des Bauernbundes zu wählen. Auf die Frage: „Habt Ihr auch einen tüchtigen Mann, der reden kann?" antwortete, wie die „M. N. N." schreiben, der Bauer: „'s seit st nix, wir ham an tüchtigen, reden aber _ braucht er nix, für was zohlen wir das viele Geld! s ist schon Alles abgemacht, unser Abgeordneter geht nach Berlin, in Berlin gibt's gute Advokaten, er nimmt sich einfach einen in'n Reichstag mit und sagt ihm, was er reden soll!"
Amberg, 19. Juni. Vor dem Schwurgerichte stand der dreißigjährige Bader Guttenberger, der die noch bekannte Mordthat in der Familie des Lehrers Brunner in Dietkirchen verübt hatte. Das Verbrechen kostete zwei Kindern das Leben. Frau Brunner, ein Kind und die Magd sind von den schweren Verletzungen noch nicht geheilt. Lehrer Brunner war als der That dringend verdächtig eine Zeitlang selbst in Untersuchungs
haft. Schließlich stellte sich heraus, daß der Lehrer den Mörder bei seiner schrecklichen Arbeit gehört hatte, aber zu feige war, seiner Familie zu Hülfe zu eilen. Diesen Umstand benutzte der Mörder in der jetzigen Verhandlung, um den Lehrer Brunner als den Thäter und sich nur als Mitwisser hiuzustellcn. Das Urtheil gegen Gutenberger lautete wegen zweier Verbrechen des Mordes auf Todesstrafe, wegen dreier Verbrechen des Mordversuchs auf 15 Jahre Zuchthaus. Wie der Frank. Courier meldet, war nach Verkündigung des Urtheils die Widerstandskraft des Angeklagten gebrochen, er legte ein offenes, rcumüthiges Geständniß ab und bezeichnete sich als den alleinigen Thäter. Jetzt ist Lehrer Brunner von dem schrecklichen Verdacht entlastet. Freilich kann ihm der Vorwurf nicht erspart werden, daß er sich sehr feige benommen hat. Daß er den persönlichen Muth nicht fand, dem Untersuchungsrichter gegenüber sofort seine Feigheit einzugestchen, dafür hat er bitter büßen müssen, indem er angesichts seiner mit dem Tode ringenden Frau und der übrigen Opfer als deren Mörder in Untersuchungshaft genommen wurde. Guttenberger ist ganz gebrochen, er sieht mit Angst dem letzten Akte dieses traurigen Dramas entgegen.
Kcwpten, 14. Juni. In Stein (bei Jinmenstadt) brach am Dienstag früh gegen 3 Uhr in der Aicheles- Zügemühle Feuer aus, das rasend schnell um sich griff und das ganze Anwesen vollständig einäscherte. Leider sind diesem Brande auch vier junge Menschenleben zum Opfer gefallen. Während es nämlich dem Pächter der Mühle, Lingenöl und seiner Ehefrau noch gelang, nur mit dem Notdürftigsten bekleidet — die Frau hatte im ersten Schrecken noch ein Kissen in den Arm genommen und war damit ins Freie geeilt — sich zu retten vermochten sich die vier noch im elterlichen Hause befindlichen Kinder im Alter von 14, 16, 19 und 21 Jahren nicht mehr zu retten und verbrannten so vollständig, daß man später nicht einmal mehr Knochenreste von ihnen vorfand. Der Vater war nochmals, nachdem er schon im Freien war, in das brennende Haus geeilt, um seine Kinder zu retten, mußte aber davon absehen, da er Gefahr lief, selbst zu verbrennen; Haar und Bart waren ihm schon stark versengt worden.
Neustadt a. d. Haardt, 22. Juni. In der Vorder- pfalz ist der Futtermangel so groß, daß Rindfleisch pro Pfund 17 Pfennig kostet.
Stuttgart, 21. Juni. Die von dem Minister des Innern v. Schmid einberufene Versammlung von Vorständen landwirthschaftlicher Vereine, Abgeordneten und hervorragender Oekonomen berieth heute Vormittag über Mittel zur Hebung der aus dem Futtermangel entstandenen Noth, und beschloß, die Gemeindekassen, die Oberamtssparkassen sowie die Stadtkassen zur Hergabe von Mitteln für Futterankauf zu veranlassen. Von dem Wunsch nach einer Einberufung des Landtags wurde Abstand genommen, weil die nachträgliche Genehmigung der Ausgaben in der Herbstsession zweifellos erfolgen wird. Die alsbald eingesetzte Subkommission berieth Nachmittags über die Errichtung einer land- wirthschaftlichen Centralstelle und kaufte auf telegraphischem Wege 150 Doppelwaggons Mais an. In den nächsten Tagen werden weitere große Ankäufe von Oelkucheu und Mais erfolgen.
Freiburg i. Baden, 25. Juni. Ein Student der Jurisprudenz, welcher als Einjähriger dient, wurde wegen Majestätsbeleidigung vor das Kriegsgericht gestellt.
Aus dem Großherzozthnm Hessen, 21. Juni. Die Staatsregierung hat zur Linderung der Streu- und Futternoth zunächst 300 Waggons Torfstreu, 3000 Sack Mais und 3000 Sack Palmmchl angekauft. — Das Ministerium hat ferner die Preise für Waldstrcu auf die Hälfte herabgesetzt und den Zahlungstermin bis Martini 1894 verlängert. Durch Ausschreiben vom 19, d. M. ist außerdem der Eintrieb des Viehes in
sämmtliche offene Bestände der Dominal- und event. Gemcindewaldungen gestattet.
Aus Mainz wird geschrieben: „In hiesiger Gegend circuliren gegenwärtig viele falsche Fünfzig-Markscheine. Dieselben sind derart gut uachgeahml, daß sie sogar an den öffentlichen Kassen, ja selbst bei der hiesigen Reichs- bankstelle unbeanstandet vereinnahmt wurden. Ein etwas kräftigeres Papier und die um eine ganz geringe Nuance dunkelre Färbung sind die einzigen Erkennungszeichen. Trotz eifrigen polizeilichen Recherchen hat man bis jetzt weder von den Versteigern noch von den Verausgaben der falschen Scheine die geringste Spur."
Koblenz, 20. Juni. Gestern wurde in Arzheim durch die Ortsschelle bekannt gemacht, daß infolge des großen Futtermangels jede Woche zwei Stück Rindvieh geschlachtet werden sollen. Eine Commission wurde ernannt zur Besichtigung des zu schlachtenden Viehes und zur Festsetzung der Preise des Fleisches. Gestern wurde mit dem Schlachten der Anfang- gemacht. Das Pfund Fleisch wurde zu 35 Pfg. verkauft. Außerdem wurde beschlossen, das Liter Milch nicht unter 25 Pfg. zu verkaufen.
Bonn, 17. Juni. In der heutigen Strafkammer- Sitzung wurde ein hiesiger Postsekretür, ein Beamter, der schon über 30 Jahre tadellos im Dienste gestanden, zu 3 ’/s Monat Gefängniß verurtheilt. Derselbe war verdächtig gewesen, seltene ausländische Briefmarken sich anzueignen und ein Briefträger ließ es sich angelegen sein, den Beamten zu beobachten. Auf Anzeige des Briefträgers wurde der Verdächtige in einer Nacht vor Weihnachten revidirt und eine Postkarte aus Afrika, sowie ein geringwerthiges Erzählungs-Büchlein, das aus einer Postsendung aus Basel stammte, bei ihm vor- gefunben. Hierauf erfolgte die vorerwähnte Verurtheilung, wodurch der Mann seine Stellung, sowie seine Pensionsberechtigung, überhaupt seine Existenz verloren hat.
Aus dem Liineburgschen, 20. Juni. Seit vollen zwei Monaten steht das Samfer Moor, welches sich unfern Gifhorn zwischen Gamsee und der Moorkolonie Platendorf hinzicht, in Flammen. Anfangs war es ein unscheinbarer Haidebrand, doch gelang dessen Löschung nicht, weil das Feuer mehr als fußtief in die Torfschicht eingedrungen war. Wiederholt sind Löschungsversuche unternommen worden, doch erfolglos, schließlich mußte man die Hoffnung auf einen ergiebigen Regen setzen. Aber dieser ist ausgeblieben. Jetzt stehen etwa 200 Morgen Moor und Torf in Brand und da theilweise die Platendorfer Kolonie gefährdet erscheint, so traten gestern größere Löschmannschaften in Thätigkeit.
Lübeck, 21. Juni. Ein entsetzlicher Unglücksfall ereignete sich gestern gegen Mittag auf dem großherzoglich oldenburgischen Fideicommißgute Stendorf bei Eutin, indem ein Stier zwei Knechte mit den Hörnern und Füßen so arg zurichtete, daß sie bald an den Verletzungen starben. Entgegen dem Verbot hatten die Knechte dem Stier die Fußfesseln und den über die Augen gebundenen Sack abgenommen, worauf das Thier sofort über sie herfiel und sie in der angegebenen Weise verletzte. Einer der Unglücklichen ist verheirathet.
Jena. Wie der „Jenaischen Zeitung" mitgetheilt wird, hat am Donnerstag Vormittag Herr August Bebel Jena in der Richtung nach Rudolstadt passiert. Der sozialdemokratische Führer reifte natürlich nicht, wie die „Proletarier", in einem Wagen IV. Klasse, auch nicht wie die „Bourgeois", in einem solchen III. oder II. Klasse, sondern in einem 1. Klasse, wie es einem Präsidenten im Zukunftsstaate zukommt. Inzwischen ermähnt der „Vorwärts", das Organ Bebels, die Arbeiter, sich die „Groschen vom Mund abzudarben" für die sozialdemostatische Agitation!
Weimar. Der Großherzog Karl Alexander von Weimar, der einzige noch lebende Bruder der Kaiserin Augusta und Großoheim Kaiser Wilhelms II., vollendete