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Mittwoch, den 21. Juni

1893.

Wahlbrwrgung

hat die wohldenkenden Kreise des Volkes nichts so sehr verletzt, wie der erschreckliche Mangel an den einfachsten patriotischen Grundsätzen, der in bedauerlich weiten Volksschichten zu Tage getreten ist. Aeußerungen, wie sie in diesen Tagen von verschiedenen Seiten gefallen sind, müssen Entrüstung und Unwillen erregen. Erst das Centrum, dann das Vaterland, spricht Herr Lieber; besser französisch als preußisch, sagen die Sozial- demokraten; wenn erst der Feind im Lande steht, werden wir den letzten Mann und Groschen bewilligen, sagen zahlreiche Volksparteiler; die Auslieferung von Elsaß- Lothringen ist die erste Vorbedingung für die Gesundung der europäischen Verhältnisse, erklärt Herr Liebknecht. Wo irgendwo ein abgestorbener Legitimismus noch kümmerlich fortlebte, jetzt hat er wieder zuversichtlich sein Haupt erhoben; in Hannover verbünden sich gegen den Willen ihres der Pflichten eines deutschen Fürsten sich noch bewußten Hauptes die Welsen mit den Sozial- demokrateu zum Sturz der Militärvorlage; in Meckten- burg glaubt eineRechtspartei" die Selbststäudigkeit ihres verwitterten Feudalstaatcs bedroht; in Posen und Westpreußen lassen die deutschen Katholiken die Polen im Stich, weil diese ihnen zu patriotisch und reichstreu gesinnt sind. Was in Süddeutschland die ultramontanen Blätter und Redner an giftiger Hetze gegen das Reich und seine Vormacht sich erlauben, das trägt kein alt­bayrischer Heuwagen mehr fort. Wir in Deutschland sind das ja gewohnt, wir wissen, was für häßliche Würmer an dem herrlichen Baum unseres nationalen Reiches unaustilgbar nagen. In dem uns feindlich ge­sinnten Ausland aber greift angesichts solcher wüsten . Ansbrüche eines vaterlandslosen, reichszersetzendcn Fanatismus mehr und mehr die freudige Hoffnulig um sich, daß das Auseinandersallen des Reichs nur noch eine Frage naher Zukunft sei, daß im deutschen Volke selbst die nationale Schöpfung mehr und mehr den Boden verliere. Und wer möchte solchen Betrachtungen, auch wenn sie von nationalem Haß und ungenügender Kenntniß der deutschen Verhältnisse noch über das richtige Maß hinaus aufgeschwellt sind, jede Berechtigung absprechen? Es wird wirklich höchste Zeit, daß das deutsche Volk, soweit es noch für patriotische und nationale Gefühle empfänglich ist, diesem Treiben endlich einmal ein energisches Halt zuruft. Sonst wuchern alle die bösen Erbfehler, die Jahrhunderte hindurch eine gesunde Gestaltung der politischen Verhältnisse in Deutschland verhindert haben, zu einer unsere gesammte nationale Entwickelung auf's Neue gefährdenden Aus­dehnung aus.

Deutsches Reich.

Berlin. Gegenüber der Meldung, Kaiser Wilhelm beabsichtige schon gegen Ende dieses Monats nach I Schweden zur Elenthierjagd zu kommen, kann die K. Z." mittheilen, daß diese Reise erst nach ^Be­endigung der Kaisermannöver in Ungarn und Süd­deutschland in Aussicht genommen ist.

u Der erste Akt der Reichstagswahl ist vorüber und man wird jetzt die Stimmen zählen können, die die einzelnen Parteien für sich zusammengebracht haben. Leider ist damit die Hauptsache noch nicht geschehen, denn, wie vorauszuschen war und vorausgesagt wurde, wird der Schwerpunkt diesmal in den Stichwahlen liegen. Schon bei der vorigen Wahl sind viele Stich­wahlen erforderlich gewesen, diesmal wird es in noch weit höherem Maße der Fall sein. Bis jetzt sind 396 Wahlresultate bekannt, 213 Abgeordnete sind ge­wählt, 183 Stichwahlen haben stattzufinden. Den einzigen noch ausstehenden Wahlkreis vertrat bisher ein Deutsch-Hcmnoveraner. Gewählt sind 50 Konservative, einer Bund der Landwirthe, 9 Reichspartei, l 8 National­liberale, 81 Centrum, 24 Sozialdemokraten, 3 freisinnige Bereinigung, keiner freisinnige Volkspartei, 13 Polen, - Antisemiten, eine Däne, 6 Elsässer, 4 süddeutsche Volkspartei, ein Wilder. An den Stichwahlen sind de- iheiligt: 59 Konservative, 9 Bund der Landwirthe, 10 Reichspartei, 13 Nationalliberal, 32 Centrum, $4 Sozialdemokraten, 14 freisinnige Bereinigung, freisinnige Bolkspartei, 11 Polen, 16 Antisemiten, ', Deutsch-Hannoveraner, kein Däne, 1 Elsässer, 10 luddeutsche Volkspartei, 1 Wilder.

* - Daß die Stichwahlen in Preußen auf den

24. Juni auberaumt sind, war schon mitgetheilt worden. Das Gleiche ist, wie nunmehr bekannt wird, in allen übrigen Bundesstaaten geschehen, so daß an einem Tage das definitive Gesammtresultat für ganz Deutschland feststehen wird.

Der bisherige Reichstag war, nach der im April heransgegebenen Fraktionsliste, wie folgt zusammen­gesetzt: 65 Konservative, 18 Freikonservative, 108 Centrum, 17 Polen, 41 Nationalliberale, 67 Freisinnige, 10 Volkspartei (süddeutsch), 36 Sozialdemokraten, 32 bei keiner Fraktion, 3 Mandate waren erledigt. Bei der letzten Wahl am 20. Februar 1890 wurden von den 397 Wahlen 246 entgiltig vollzogen; es waren 151 Stichwahlen erforderlich. Drei Jahre vorher, 1887, waren nur 62 Stichwahlen nothwendig.

Mit welchen Summen die Arbeiter-Fürsorge in Deutschland rechnet, ergießt sich aus folgenden Zahlen: Im Jahre 1892 wurden an kranke Arbeiter gezahlt 92 Millionen Mark, an Arbeiter auf Grund der Unfallversicherung 32'12 Millionen Mark und an Ar­beiter auf Grund der Juvaliditäts-Versicherung 22 Millionen Mark, also in runder Summe hundertfüufzig Millionen Mark. Diese Zahlen reden eine deutliche Sprache über die Bedeutung der Arbeiterversicherung. Es ist deshalb eine durchaus zeitgemäße Forderung, daß die Volksschule die segensreiche Wirksamkeit der Arbeitergesetze ihren Schülern erschließt. Wir sehen denn auch, daß die Behörde fortgesetzt dem Gegenstand ihre Aufmerksamkeit zuwendet; so hat jüngst die Regierung zu Coblenz vorgeschrieben, daß in sämtlichen Schulen ihres Bezirks dem Unterricht über die Arbeitergesetze die Schrift des Hauptlehrers Wolfs:Wegweiser für den Lehrer durch die Arbeiterversicherung und den Arbeiter- schutz im deutschen Reiche" zu Grunde gelegt und für sämtliche Schulen auf Gemeindekosten angeschafft werde.

Der preußische Finanzminister Dr. Miguel ist, wie dieVossische Ztg." verbürgt mittheilen zu können glaubt, entschieden gegen eine direkte Reichseinkommen- steuer, dagegen unbedingt für Einführung einer Reichs- erbschaftssteuer. Die preußische Staatsregierung halte an dem Plan fest, sobald als möglich, spätestens aber mit dem Inkrafttreten des in Vorbereitung begriffenen deutschen Erbrechts, eine Reichserbschaftssteuer an Stelle der Erbschaftssteuern der Bundesstaaten einzuführen.

Amanwriler, 17. Juni. Heute Vormittag wurden die lleberrefte der im französischen Kriege Gefallenen des ersten Garderegiments auf deutschen Boden über- führt. Ein evangelischer und ein katholischer Geistlicher hielten bei der Uebernahme und Wiedereinsenkung die Predigt. Zur Uebernahme waren sechs Offiziere des ersten Garderegiments erschienen, welche von dem Kommandeur des 6. französischen Armeekorps, Divisionsgeneral Jamont, begrüßt wurden. Letzterer begleitete die Ueberreste bis zu ihrem neuen Bestattungs­ort und wurde, nachdem er die Front der deutschen Ehrenkompagnie abgeschritten hatte, von dem kom- mandirenden General des 16. Armeekorps, Grafen von Häscler, bis zur Grenze zurückgeleitet.

Koblenz, 4. Juni. Im rheinischen Provinzialaus- schuß kam, wie dieFranks. Ztg." erfährt, ein Schreiben des Oberhofmarschallamtes zur Vorlage, in dem mitge­theilt wird, Se. Maj. der Kaiser lasse bitten, von einer seitens des Provinzialverbandes beabsichtigten Festlichkeit anläßlich der rheinischen Kaisermanöver Abstand zu nehmen, da erbei den augenblicklich darniederliegenden wirthschaftlichen Verhältnissen des Landes jede entbehr­liche Ausgabe vermieden wissen wolle."

Eine merkwürdige Auffassung ihres Berufes haben die Feuerwehrleute bekundet, welche neulich vor dem Schwurgericht in Braunschweig standen. Im Dorfe F. war in einem einstöckigen Hause Nachts Feuer aus­gebrochen ; es wurde, nachdem das Dach thcilweise ab- gebrannt war, von der Feuerwehr gelöscht. Als ver­schiedene Feuerwehrmänner später auch ihren Durst löschten, wurden Aeußerungen laut, wiedas Haus müsse ganz herunter, da der Besitzer sonst einen großen Schaden habe, die Handwerker müßten auch etwas ver­dienen" u. s. w. Verschiedene Feuerwehrleute begaben sich denn auch gegen Morgen wieder zu dem Hause und sorgten dafür, daß es gänzlich nieberbrannte. Das Schwurgericht verurtheilte unter Annahme mildernder Umstände zwei der wackeren Männer wegen vorsetzlicher Brandstiftung zu je 7 Monaten, drei andere wegen ver­suchter Brandstiftung zu je 5 Monaten Gefängniß.

Erfurt, 15. Juni. Aus wahrhaft entsetzliche Weise machte gestern Mittag der seit längerer Zeit kranke Gewehrfabrikarbeiter Albert Neubert in der hiesigen königlichen Gewehrfabrik seinem Leben ein Ende. Er legte sich mit dem Kopse auf den in der Fallhammer­schmiede stehenden Amboß und ließ den etwa 25 Centner schweren Hammer niederfallen. Der Kopf wurde zu Atomen zerschmettert, so daß der Tod fo= fort eintrat. Neubert hinterläßt eine Wittwe mit drei Kindern.

Meiningen, 18. Juni. Der Herzog von Meiningen hat, als er von der herrschenden Futternoth erfuhr, be­fohlen, daß 400 seiner Hirsche sofort abgeschossen und nur 200 am Leben gelassen werden sollten, ferner, daß das Futter auf den Domänenwiesen verkauft, und daß die Wildparks geöffnet würden, damit das auf den Waldwiesen wachsende Futter au die Futterbedürftigen abgegeben werden solle. Das ist wirklich hochherzig! Man muß nur bebenfen, wie das Herz eines Waid­manns an seinem edlen Wild hängt und welches hohe Pflichtgefühl zum Ausdruck kommt, wenn ein fürstlicher Waidmann ohne alles Zaudern, aus Liebe zu seinen Landeskindern sich keinen Augenblick bedenkt, eine solche ihn selbst hart treffende Maßregel anzuordnen.

Rawiksch, 15. Juni. DieRaw. Ztg." berichtet: Dieser Tage wurde hier ein kaum 30 Jahre alter Fecht­bruder, Namens Kaufher, gebürtig aus Dziewinn in Galizien, beim Betteln ertappt und festgenommen. Bei der Revision seiner Sachen und Papiere stellte sich heraus, daß derselbe innerhalb der letzten 10 Tage laut Postquittung nicht weniger als einhundertundelf Mark in seine Heimath geschickt hatte, die er in hiesiger Gegend zusammengebettelt hat. Am Tage der Fest­nahme hatte er allein 80 Mark bei der hiesigen Post zur Absendung aufgegeben.

Schneidemühl, 17. Juni. Die durch die Bohrung des artesischen Brunnens entstandene Gefahr wird immer größer. Der ganze umliegende Stadttheil sinkt immer weiter und ist im höchsten Grade gefährdet. Die Polizeibehörde ordnete die Räumung der Häuser bis zum Wilhelmsplatz an. Der in die Tiefe hinabgesunkene Senkbrunnen wird jetzt neu aufgeführt. Der Berliner Brunnenmacher Beyer hofft immer noch, in einigen Tagen einem künftigen Ausbruch der Quelle vorbeugen zu können.

Stettin, 16. Juni. Der Forstmeister Genee von Mühlenbeck, der Stadtförster Krohn aus Altdamm und der Eisenbahnbauinspektor Stahl aus Stettin wurden, als sie auf einer Draisine zu einem Waldbrand bei Groß- Christinenburg fuhren, von einem entgegenkommenden Güterzug überrascht und zermalmt.

Ausland.

Paris, 15. Juni. Frankreich und die deuttchen Wahlen. ..LcJour" bespricht in einem LeitartikelDer Koloß mit den thönernen Füßen" die Reichstagswahlen in Deutschland und erklärt, wenn die Anhänger der Militärvorlage täglich wiederholen, Frankreich sei der Erbfeind, die Franzosen wollten nicht vergessen, so sei dies richtig; gewiß wollen die Franzosen nicht vergessen und werden nicht vergessen, aber sie vermögen zu warten, bis das giftige Thier an seinem eigenen Gifte verendet; sie verfolgen aufmerksam die latente Zersetzung dieses Kaiserreiches des Zufalls, dieser zusammengestückelten Macht. Frankreich sieht dem Kolosse mit den thönernen Füßen furchtlos in's Gesicht. Es braucht die Stunde nicht zu beschleunigen, die Stunde wird kommen, sie naht bereits.

PariS, 15. Juni. Der Kassationshof hat das Urtheil des AppellhofeS aufgehoben, durch welches Charles Lesseps, Fontäne und Eisfel wegen Betruges verurtheilt waren.

Der Papst kann's in seinemGefängnis" im Vatikan zu Rom nun wieder eine Weile aushalten. Der Betrag der Geldgeschenke, die ihm während der Feierlichkeiten seines bischöflichen Jubiläums gemacht worden sind, soll sich auf mehr als neun Millionen Francs belaufen. Die verschiedenen Pilger steuerten 3 460 000 Fr. bei. Die Gaben von Einzelnen und religiösen Orden betrugen 5 600 000 Fr., wovon der Herzog von Norfolk aus seiner Privatkasse 1000 000 Francs gegeben hat!

Athen, 17. Juni. Das Kriegsdepot in der Nähe von Athen ist durch eine furchtbare Explosion zerstört