Erscheint Mittwoch u. Samstag — Preis mit „Kreisblatt" u. „Jllustrirtem Familiensreund" vierteljährl. 1 Mk. —Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg
.N 47. Mittwoch, den 14 Juni 1893.
Ein altes Lied.
War das, begeist'rungsvoll, ein Singen, Dereinst in unsrer Jugendzeit, War das ein liebeglüh'ndes Ringen Nach deutscher Macht und Einigkeit!
Und als wir dann auf blut'gen Feldern Erstritten sie in Kampf und Schlacht, Wie lohten über allen Wäldern
Die Freudenfeuer durch die Nacht!
Wie schlug den heimgekehrten Kriegern
Das Herz in deutscher Heldenbrust, Wie jauchzte stürmisch da den Siegern Das Volk entgegen voller Lust!
Und jetzt — wo längst die alten Träume
Und Schemen lichtes Leben sind, Jetzt seh' ich der Begeist'rung Schäume Verwehen wie die Spreu im Wind.
Ein Nörgeln macht sich breit und breiter,
Und Schacher feilscht um Ehrengut, Daß aus den Gräbern deutscher Streiter Zum Himmel klagt vergoss'nes Blut.
Denn was erkämpft das deutsche Eisen
Ist reich umfluthet von dem Geist, Der nur verneint, um zu zerreißen, Der sich als alter Fluch erweist.
Der aber bringt in mir zum Klingen
Ein fast vergess'nes altes Lied, Ein Lied, wild rauschend wie die Schwingen Des Sturms, der durch den Eichwald zieht:
Als einst von Roms Cäsarensitze
Die That Armins durchdrang die Welt,
Traf ihn daheim des Mordstahls Spitze
Und--Deutschlands Einheit war zerschellt.
Wachter,doch. Karl Preser.
Auf zur Wahl, morgen gilt es!
Am morgenden Tage sollen die Wähler entscheiden, ob die Opfer, welche die deutschen Staaten in dem glorreichen Kriege von 1870,71 für ihre Einigung gebracht haben, vergeblich gewesen sind, ob das das deutsche Volk noch mit derselben Begeisterung für die Erhaltung dessen eintritt, was es in den Tagen der nationalen Erhebung geschaffen, oder
ob es seine Freiheit und Unabhängigkeit nicht mehr in dem Maße schätzt, um die Opfer zu bringen, die für die Sicherstellung der Zukunft des deutschen Vaterlandes und für die Erhaltung des Friedens nothwendig sind.
Seit 22 Jahren leben wir im Frieden! Er ist erhalten geblieben, weil wir stark genug waren, um im Frieden geachtet, im Kriege gefürchtet zu fein., Unsere Nachbarn aber im Osten und Westen haben sich diese Zeit zu Nutze gemacht und sind jetzt in ihrer Rüstung so weit vorgeschritten, daß wir — selbst wenn wir auf unsere Verbündeten rechnen — ihnen nicht mehr gleichkommen. Um dieses Mißverhältniß auszugleichen, gibt es kein anderes Mittel als die Verstärkung unserer Wehrkraft. Hiermit aber müssen wir unverzüglich vorgehen: denn mit jedem Jahr, um das wir zögern, verschlechtert sich unsere Sage; je länger wir mit der Vergrößerung der Friedensstärke des Heeres warten, desto später kommen wir zu der nothwendigen Vermehrung der für den Kriegsfall ausgebildeten Mannschaften.
Das ist so sonnenklar, daß es außer den Sozial- demokraten kaum Jemand bestreitet! Den Sozial- demokraten liegt nichts an der Erhaltung von Staat und Reich, — was Wunder, daß sie das, was dazu frommt, nicht fördern wollen? Die anderen Gegner der Heeresverstärkung aber wollen, wie sie sagen, Alles bewilligen, was für die Sicherheit des Vaterlandes erforderlich ist, jedoch nicht in dem Umfange, wie es von der Militärvorlage verlangt wird. Nach dieser sollen künftig bei Einführung der zweijährigen Dienstzeit für alle Fußtruppen jährlich 53 500 Rekruten mehr als bisher eingestellt werden: das macht wenig mehr als 1 Rekrut auf 1000 Einwohner! Und hieraus will nun der Wahlaufruf der Zentrumspartei den Schluß ziehen, daß es sich der der MilitürvorlaAe um
ihre trügerischen Ziele zu verwirklichen, die — wenn auch gegen ihre Absicht —■ Deutschland zu Grunde richten würden. Glaubet nicht, daß die Gefahr nicht so groß fei; lasset Euch nicht durch Trägheit und Gleichgültigkeit in Sicherheit wiegen, denket nicht, daß die Politik Euch nichts angcht: es ist das Vaterland, das — wie im Kriege so jetzt in der Wahlschlacht — Euer bedarf, und zu dessen Schutz Ihr Alle, Jeder Einzelne, berufen seid!
Wohlan denn, Wühler, wenn Euch der Friede, wenn Euch das Vaterland theuer ist, dann tretet Mann füc Mann an die Wahlurne. Wer seine Stimme Männern gibt, welche für die Militärvorlage einzutreten entschlossen sind, der stimmt für den Frieden, der sichert Deutschlands Ehre und Zukunft!
Auf zum Siege! Stimmt für die Militär» Vorlage, für den Frieden, für König und Vaterland, für Kaiser und Reich!
Vor der Entscheidung!
Die ernste Stunde der Entscheidung naht! Machen wir uns daher noch einmal klar, was auf dem Spiele steht!
Worüber die deutschen Wähler am Donnerstag ab= zustimmen haben, ist eine sehr einfache, aber hochwichtige und bedeutungsvolle Frage. Es handelt sich um die Ehre und um die Zukunft unseres Vaterlandes ; es handelt sich um die Frage, ob wir unser Vaterland so lieben, daß wir ihm die Mittel zu seinem Schutz und zu seiner Vertheidigung geben wollen oder nicht, es handelt sich darum, ob wir die deutsche Einheit, nach der unsere Vorfahren so lange vergebens gerungen und die der große Kaiser Wilhelm mit seinem Heere in dem glorreichen Feldzuge gegen Frankreich erstritten und verwirklicht hat, noch hoch genug schätzen, um für sie ein Opfer zu bringen oder nicht; kurz es handelt sich darum, ob wir uns der Helden in jenem großen Kriege würdig erzeigen und unseren Kindern unversehrt und ungeschmälert das Glück erhalten wollen, das uns in jenen großen Tagen beseelte und jeden Patrioten bis zur Stunde beseelt, nämlich Bürger eines einigen großen Deutschlands zu sein!
Alle anderen Fragen, welche in den Wahlkampf geworfen, sind Verdrehungen der Wirklichkeit und Wahrheit, die keinen anderen Zweck haben, als elenden und nichtigen Parteiintcresseu zu dienen. Die großen Worte, mit denen man sie umkleidet hat, sind nichts weiter als Vorspiegelungen und Täuschungen, mit denen man das klare patriotische Urtheil der Wähler zu verwirren sucht. „Militarismus", „Unerträglichkeit der Lasten", „Angriffe auf Rechte und Freiheiten des Volkes" — dieses und ähnliche Schlagworte sind erfunden worden, um den Sinn der Wähler von der großen Bedeutung dessen, was auf dem Spiele steht, abzulenken und die Waffen abzustumpfen, mit denen jeder echte Patriot die inneren wie die äußeren Feinde des Reichs nicht einen Augenblick zögern würde zu vernichten, wenn er klar die Gefahren erkennt, die das Deutsche Reich leider nicht nur von außen bedrohen, sondern die ihm fast noch mehr aus seinen inneren Verhältnissen zu erwachsen scheinen.
Als vor zwcinndzwanzig Jahren die deutsche Einheit ein vollendetes Werk war, da zogen Jubel und Begeisterung durch alle deutsche Gauen, und nur ein Gefühl war es, das uns beseelte, das Gelübde, aufrechtzuhalten, was wir errungen, und das kostbare Gut der Einheit mit dem letzten Tropfen Blutes zu vertheidigen. Ist das auch heute noch unser Wille? Ist das Gefühl der Vaterlandsliebe noch stark genug, um diejenigen Mittel herbeizuschaffen, deren es zu seiner Erhaltung bedarf?
Und welche Mittel sind es, deren Bewilligung vom Volke jetzt gefordert wird? Es soll von je 1000 Einwohnern jetzt ungefähr ei» Rekrut mehr als bisher gestellt und jeder Einwohner soll dafür nur mit etwa 1,20 Mark für das ganze Jahr belastet werden. Das sollte unerschwinglich sein einem Volke, das jährlich über 1000 Millionen Mark — also, auf den Kopf berechnet, mehr als 20 Mark — in Wein, Bier rc. vertrinkt? Und für die kleine Mehrbelastung wird der Vortheil geboten, daß künftighin die Fuß- trappen statt dreier Jahre nur zwei zu dienen haben und die Landmehrmänner im Kriege geschont werden! Kann man da von „Militarismus", von „unerträglichen Lasten" reden?
„Umwandlung des Reichs in einen Militärstrat', um „ein stehendes Heerlager bereits in Friedenszeiten" handele! Ist das nicht die ärgste Verdrehung und Uebertreibung?!
Was aber wollen denn nun diese Gegner — frei» sinnige Volkspartei und Centrum — bewilligen? Sie wollen „zweijährige Dienstzeit, aber ohne Erhöhung der Friedenspräseuzstärke". Dies aber wäre gleichbedeutend mit einer Verschlechterung des Heeres um mindestens den dritten Theil seiner bisherigen Güte! Man kann nicht ohne Weiteres ein Jahr Dienstzeit wcgstrcichen, man muß die gestrichene Zeit durch Kraft und Zahl ersetzen, d. h. für das eine Jahr Dienstzeit, das wegfallen soll, Ersatz finden in der Verstärkung der Bataillone und in der Errichtung vierter Bataillone. Geschähe dies nicht, so würde man das Heer schwächen und die Wehrkraft verschlechtern! Hierüber sind alle Sachverständigen einig, und so haben seiner Zeit auch schon Kaiser Wilhelm I., sowie die Feldmarschälle Graf Roon und Graf Moltke gcurtheilt!
Die Freisinnigen aber machten sich anheischig, von dem Heereswesen mehr zu verstehen, als die Sachverständigen. Wenn es in den Jahren 1860—66 nach ihrem Willen gegangen wäre, hätten wir niemals ein Heer bekommen, welches den Sieg an seine Fahnen heftete, die Feinde niederwarf, die Einigung Deutschlands, die Errichtung des Reichs und die Wiederherstellung der Kaiserkrone in's Werk setzte. Wie kann man solchen Männern, die nichts gelernt und Alles vergessen haben, Vertrauen schenken?
Was sie als Hinderungsgrund ansühren, die schlechten Zeiten, die hohen Lasten — glaubt man etwa, daß die Feinde sich dadurch bestimmen lassen werden, das „arme" Deutschland in Ruhe zu lassen? Die Lasten mögen hoch sein, aber es wird Niemandem mehr zugemuthet, als er tragen kann, und die 1,20 Mark auf den Kopf, welche die Verstärkung des Heeres kostet, können wir jedenfalls leichter tragen, als die Milliarden, die ein unglücklicher Krieg kosten würde. Die schlechten Zeiten aber können erst dann besser werden, wenn das Vertrauen in d en Frieden wieder- kehrt, und dieses Vertrauen wird wiederkehren, wenn die M i l i t ä r v o r l a g e angenommen i st.
Wähler, laßt Euch aber auch nicht durch V o r- spiegclungen bethören, welche den Schwerpunkt der zu entscheidenden Frage nach anderen Richtungen hin verlegen möchten! So wird behauptet, daß sich hinter der Militärsorlage reaktionäre Gelüste verbergen, daß dem Bürger seine persönlichen Rechte und Freiheiten genommen werden sollen, daß Angriffe auf die Verfassung beabsichtigt sind, und was dergleichen mehr ist.
Nichts von alle dem steht in Frage! Bei allen Wahlen sind stets ähnliche Vorspiegelungen gemacht worden, aber niemals haben sie sich bewahrheitet!
Die Sicherheit und dieZukunft Deutschlands sind es, die auf dem Spiele stehen! Aber auch die Ehre! Wir haben es erleben müssen, daß die Franzosen jubelten, als der verflossene Reichstag die Militärvorlage ablehnte. Wähler, könntJhr da noch im Zweifel sein, was Ihr zu thun habt? Wir haben die höhnische Sprache französischer Blätter über uns ergehen lassen müssen, die den Patriotismus der französischen Volksvertretung in allen Hecresfragen rühmten, indem sie auf die Thatsache Hinwiesen, daß diese sich noch nie geweigert hat, das, was von der französischen Heeresverwaltung für nothwendig erklärt wurde, schnell und ohne Abstrich zu bewilligen. Soll die deutsche Volksvertretung im Patriotismus hinter der französischen zurückstehen?
Sollen die Franzosen von Neuem Anlaß erhalten, einen Beschluß des deutschen Reichstags mit Freuden zu begrüßen? Geschähe dies, dann würde es sicherlich hierbei nicht bleiben: Deutschland müßte dann in einem Kriege vertheidigen, was es jetzt noch durch patriotische Wahlen vertheidigen kann!
Auf zur Wahl! Die Vertheidigung des Vaterlandes gilt es! Da darf Niemand zu Hause bleiben, Niemand darf sich der Pflicht entziehen, am Wahltage,
— Donnerstag, den 15. Juni — seinen Stimmzettel an der Wahlurne ab= zug eben! Die Gegner sammeln alle ihre Kräfte, um .