Erscheint Mittwoch u. Samstag — Preis mit „Kreisblatt" u. „Jllustrirtem Familienftennd" vierteljährl. 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg
Mittwoch, den 7. Juni
1893.
Au die deutsche« Frauen.
Diese Worte sind gerichtet an jede deutsche Frau, an die hochgestellteste sowohl, als an die Frau des schlichtesten Arbeiters, sie sind gerichtet an jede Rüttler, an jede Gattin, an jede Tochter! — Ein tiefernstes Gefühl der Sorge um die Zukunft drückt mir die Feder in die Hand, und ich frage Euch alle, Ihr deutschen Frauen, fühlt Ihr nicht ebenso? Wo ist es hin, das wohlthnende, segensreiche Gefühl der Sicherheit, welches uns beseelte seit mehr als 20 Jahren, seit der Einigung unseres deutschen Vaterlandes? Und war sie nicht theuer genug erkauft, diese Einigung, mit dem SJlnte unserer Söhne, unserer Gatten, unserer Brüder? — Ein Gefühl der Beschämung und der bangen Sorge hat seit kurzem sich unserer bemächtigt, die traurige Gewißheit, daß unser schönes deutsches Vaterland zerrissen ist nach innen durch den Verlust der Einheit. Was hat dieses Wort für eine schwere Bedeutung und wie viele schwere Folgen können wir noch erfahren? Uns Frauen ziemt es nicht, theilzunehmen an dem Wahlkampf dieser Tage, nur Eines halte ich für erlaubt: „Wir deutschen Frauen wollen sein ein einig Volk von Schwestern! Wir wollen unsere Söhne, unsere Gatten, unsere Väter bitten, mit aller Macht unserer Liebe, daß sie wühlen mögen zur Sicherung des Friedens unseres Vaterlandes, zur Erhaltung seiner Macht und Größe, daß sie wählen für seine unerschütterliche Einheit nach innen und nach außen! — An dem bedeutungsvollen Tage der Wahl wollen wir alle Eins sein in dcmGebet, Gott erhalte uns unser liebes, einiges, deutsches Vaterland. Eine deutsche Frau.
NB. Man bittet, diesen Artikel in allen deutschen Zeitungen aufzunehmen.
Deutsches Reich.
Berlin. Der Kaiser hat in Danzig in einer Tischrede erklärt, daß, wenn die Armee und die Marine eine gleichmäßige Würdigkeit unter einander fänden, er keine Besorgnisse für die Zukunft hätte. Die Grundpfeiler des Staates seien die Armee und die Marine. Der Kaiser gedachte des Wahlspruches des verstorbenen Prinzen Friedrich Carl „Durch!". Dieser Prinz sei das Vorbild eines Reiterofstziers gewesen und dessen Wahlspruch halte auch er fest. Die beste Parade sei der Hieb! Die ersten Tugenden des Soldaten seien Treue und Gehorsam, an weiter nichts solle er sich kehren.
— Bei herrlichstem Kniserwetter hat am Freitag auf dem Tempelhofer Feld bei Berlin die große Frühjahrsparade der Berliner und Spandauer Garnison ttatt- gefunden. Die Aufstellung der Truppen war die übliche: im ersten Treffen die Infanterie, im zweiten die Kavallerie, Artillerie und der Taiu. In der dritten Dimension bemerkte man bett Luftballon, der bis zu beträchtlicher Höhe emporstieg. Als Prinz Viktor von Italien, Graf von Turin, auf dem Paradefeld erschien, wurde er von der Menge stürmisch begrüßt. Nachdem der Kaiser mit der Kaiserin und seiner glänzenden Suite die langen Fronten der Truppcnanfstcllung abgeritten hatte, erfolgten zwei Vorbeimärsche, die in der an den Gardetruppen gewohnten Vollkommenheit ausgeführt wurden. Nach "der Parade hielt der Kaiser mit dem Grafen von Turin an der Spitze der Truppen seinen Einzug in die Stadt, wie dies regelmäßig seit seiner Thronbesteigung geschieht zur großen Freude der Berliner, die von der Parade nichts gesehen haben und sich nun in der Friedrichstraße dafür entschädigen können. Nachmittags 5% Uhr hat ein Parade-Diner im Weißen Saal des kgl. Schlosses stattgefunden, zu welchem etwa 380 Einladungen' ergangen.
— Ein Kommissar des preußischen Kultusministers wird in nächster Zeit sämmtliche öffentliche Krankenhäuser der Monarchie inspizieren, um zu sehen, ob die Zustände in ihnen allen Aufforderungen, namentlich auch bezüglich der Abwehr einer Choleragefahr entsprechen.
Bremen. lieber die Entstehung des großen Feuers, das die Nielscn'schcn Schuppen an Fischerdeich ein- ascherte, wird berichtet: Der siebenjährige Sohn eines Arbeiters hatte einen Baumwollballen dicht am Eingang zum Schuppen angezündet, um sich mit seinem jnn Jahr jüngeren Bruder zu aMüsireN. Er strich ein Lchwefcl- Holz an und warf es auf den Ballen, der sofort Feuer faßte, das sich, getrieben durch den Luftzug, rasend seriell forlpflanzte. Die Vermuthung, daß der Junge
angestistet worden sei, wird als unbegründet bezeichnet. Es handelt sich lediglich um eine That kindlichen Ueber muths und Unverstands.
Nordhausn, 31. Mai. Ein Wahlscandal, wie ihn unsere Gegend noch nie erlebt hat, passirte gestern im benachbarten Sollstedt. Die hiesigen Antisemiten unter Führung ihres Candidaten Kruse hatten dort eine Wahlversammlung auberaumt. Gleichzeitig war aber dort auch der sozialdemokratische Candidat Glocke-Berlin mit etwa 80 Anhängern von hier erschienen. Als man diesem nach 7 Minuten, für die man ihm zu sprechen verstattet hatte, das Wort entzog, entstand ein furchtbarer Tumult. Die Sozialdemokraten wurden aus- gewiesen, dabei aber ein Magdeburger Agitator von dem anwesenden Sergeanten arretirt. Von draußen eröffneten dann die Sozialdemokraten ein so furchtbares Stein- bombardement, daß das Gebäude bald einer Ruine glich. Dem Gendarmen, der einzuschreiten versuchte, wurden die Kleider vom Leibe gerissen, er durfte froh sein, heil entkommen zu sein. Der Amtsvorsteher von Angern- Nilcke hatte unterdessen nach Nordhausen telegraphirt, wo der Bahnzug, der die beiden Candidaten zurückführte, von der Polizei in Empfang genommen wurde. Der socialdemokratische Candidat Glocke wurde sofort wegen Landfriedensbruchs verhaftet und der Staatsanwaltschaft übergeben; weitere Verhaftungen sind heute erfolgt.
Kreuznach, 2. Juni. In der vorletzten Nacht hat starker Frost in Rheinhessen, im Glanthal und an der oberen Nähe geherrscht. Vielfach ist Gemüse erfroren. Auch Weinberge wurden beschädigt.
In dem Städtchen Kirn an der Nahe ist am Sonnabend Abend mitten im Ort ein auf der Durchfahrt begriffener Pnlvcrtransport — fünf Centner — in Folge einer Fahrlässigkeit explodirt und in die Luft geflogen. Zwei Personen sind hierbei getödtet, drei i schwer und zehn leichter verwundet worden. Etwa1 dreißig Gebäude haben Beschädigungen erlitten.
Lulkru^ Vor Kurzem machte, wie das „Luckauer Kreisblatt" berichtet, Herr Mühlcnbesitzcr Wollgast aus Waltersdorf Mittheilung an das Königliche Landraths- amt über ein massenhaftes Auftreten eines „schwarzen crdflohühnliche Jnsects' in seinem Haferfeld, welches bereits einen großen Theil des Hafers vernichtet habe. Fast zu gleicher Zeit berichtete Herr Administrator Schmiedtsdorf, daß auf der Feldmark Drahnsdorf auf Roggenfeldern, besonders aber im Hafer, in Schwärmen ein Jnsect sich eingefunden habe, welches große Vernichtungen anrichte. Dr. Behln, darüber befragt, hatte Gelegenheit, die von Herrn Wollgast eingesandten Jn- fecten mit den auf den Drahnsdorfer Aeckern befindlichen an Ort und Stelle zu vergleichen. Es zeigte sich derselbe Befund. Namentlich im jungen Hafer bemerkte man zahllose, auf der Erde hin und herspringende schwärzliche Jusecten. Nach seinen Untersuchungen ist es nicht ein Erdfloh, sondern es sind der Cicadenklasse ungehörige Insekten und zwar Kleinzirpen (Cicacinella); diese springen, zirpen aber nicht. Von den thierischen Feinden des Hafers sind auch diese bereits früher in der Literatur bekannt. Sie springen auf die jungen Haferhalme und schaden diesen durch ihr Saugen so sehr, daß sie gelb werden und verdorren. Den Roggen- halmen können die Jnsecten weniger Schaden zufügen. Aus dem Torgauer Kreise ferner meldet die „S. Z.", daß auf der Flur Strellu ein „kleines geflügeltes Jnsect' zu Millionen in verheerender Weise besonders auf Hafer- und Gerstenfeldern Hanse, wodurch ganze Pläne im Umfange von mehreren Morgen verwüstet sind und wie völlig versengt aussehen.
(Huben, 1. Juni. Einen sonderbaren ..Scherz" hat sich, so erzählt das „Gub. Tagebl.", der in Oranienburg wohnende Sohn eines früheren Restaurateurs mit seinem hier lebenden Vater gemacht. Vor einigen Tagen erhielt sein Vater einen Trauerbrief aus Oranienburg, in welchem ihm mitgetheilt wurde, daß sein daselbst be schüftigter Sohn gestorben sei, daß die Kasse nur ein Begräbnißgeld von 50 Mark zahle, und daß der Vater die übrigen entstehenden Kosten zu tragen habe. Die Beerdigung fände am so und sovielten statt. Der Vater, über diese gänzlich unerwartete Todesnachricht in einen nicht geringen Schrecken versetzt, beschaffte sich Trauer- kleidung und reifte sofort über Berlin, von wo er seine anderen beiden Söhne abholte, nach Oranienburg. Wer beschreibt aber ihr Erstaunen, als sie auf dem dortigen Bahnhof von dem beweinten, todtgeglanbten Sohne
empfangen werden. Dieser, um Aufklärung gefragt, meinte, er wollte nur einmal sehen, wie sich seine Angehörigen bei seinem Tode benehmen würden.
Lokales u»v Provinzielles.
* Schlächtern, 6. Juni.
* — Aus der Hauau er Strafkammer vom 1. Juni. Die Wittwe eines Schneiders in Züntersbach war ange- ktagt, am 18. September ihrem Nachbar aus einem Schreibpult ein Kästchen mit 31 Mark Geld entwendet zu haben und zwar mittels Einsteigen durch das Fenster. Ein Beweis konnte jedoch nicht erbracht werden, weshalb Freisprechung erfolgte.
* — In Rücksicht auf die herrschende Futternoth möchten wir an dieser Stelle auf den hohen Futterwerth des grünen, getrockneten Laubes mancher Wald- und Heckeugewächse für Ziegen und Schafe aufmerksam machen; hier hin rechnen wir vor Allem Esche, Eiche, Linde, Maßholder, Haselnuß, Hainbuche, Lerche, Schwarzdorn, Weißdorn.
— Schutz der Bauarbeiter bei Kalkeinspritzung. Der Vorstand der Haunover'schen Bangcwerks-Berufs- genossenschaft hat an die Mitglieder nachstehende, die erste Hilfe bei durch Kalkeinspritzung entstandenen Augen- Verletzungen betreffende Mittheilung ergehen lassen, die gewiß auch für unsere Leser von Interesse ist. Im Maurergewerbe erleidet eine nicht unerhebliche Anzahl von Personen dadurch Verletzungen, daß ihnen Kalk in die Augen spritzt. Gewöhnlich sucht Jeder der von einem solchen Unfall Betroffenen dadurch Linderung, daß er das verletzte Organ mit kaltem Wasser auswäscht oder kühlt. Hierdurch wird, zumal wenn es sich um noch nicht oder nicht völlig gelöschten Kalk handelt, stets eine Verschlimmerung des Zustandes, ja sehr oft eine । völlige Erblindung herbeigeführt. Um solchen Folgen möglichst vorzubeugen, ist es nach ärztlichem Rath erforderlich, daß das verletzte Auge mittelst sauberer, in reines Ocl (Mohnöl oder Speiseöl) getauchter Verband- watte oder mittelst eines leinenen Läppchens ausgewischt oder das Oel direkt in das Auge hineingetröpfelt wird, bis alle Kalktheilchen entfernt sind. Auch empfiehlt es sich, nach möglichster mittelst Ocl bewirkter Reinigung Syrup in das Auge hineinzutröpfeln, da diese Zucker- lösung mit dem Kalk eine unlösliche Verbindung eingeht und eine weitere Auätzung verhütet. Wasser ist unter allen Umständen bei dem Reinigen des verletzten Auges zu vermeiden. Unbedingt erforderlich aber dürfte es sein, daß nach erfolgter Reinigung sofort ärztliche Hilfe in Anspruch genommen wird.
, * — In einer Strafprozeßsache ist kürzlich entschieden worden, daß eine kaufmännische Rechnung eine Urkunde im Sinne des Gesetzes ist. Der Empfänger einer Rechnung hatte von letzterer die Fußnote ab- geschnitten, um sich der Bedingung, welche die Fußnote enthielt, zu entziehen. Die Angelegenheit kam vor das Gericht, welches den Betreffenden wegen Urkundenfälschung zu drei Monaten Gefängniß, 150 Mark Geldstrafe und in, die Kosten verurtheilte.
Aus der Rhön. 1. Juni. Trotzdem es in der letzten Zeit jeden Tag etwas geregnet, ist das Erdreich doch noch sehr trocken. Ein kräftiger, anhaltender und durchdringender Regen ist sehr nöthig. Bei dem seit einigen Tagen herrschenden kalten und unfreundlichen Wetter kann die Vegetation nur höchst langsam vorwärts kommen. In der vergangenen Nacht haben wir sogar Frost gehabt. Klee gibt es in diesem Jahr gar nicht; auf den tiefgelegenen Wiesen steht das Gras mittelmäßig, die hoch oder trocken gelegenen Wiesen gewähren einen höchst traurigen Anblick! Wenn es nicht noch tüchtig regnet, braucht der Landmann auf solche Wiesen keine Sense zu tragen. Von der Frucht steht am besten das Korn; dasselbe hat sich sehr erholt. Die Sommerfrncht ist noch sehr klein und fängt an, gelb zu werden. Aepfel und Zwetschen dagegen wird es viel geben.
Aus her Rhön, 3 Juni. Infolge des großen Futtermangels flockt zur Zeit der Vichhandel sehr. Fettes Vieh giebt es selten, daher sind die Fleischpreise auch so hoch. Das Pfund Schweinefleisch kostet 70 Pfg- und Rindfleisch 56 Pfg.; das Kalbfleisch ist billig, indem das Pfund nur 35 Pfg. kostet.
Wie von Kotheil mitgetheilt wird, ereignete sich am Frohnlcichngmsfeste früh 7<5 Uhr daselbst ein schrecklicher Unglücksfall, indem der Schmied Valentin Fröhlich beim Losfeuern eines Böllers durch Zerspringe»