SchWernerZeitung
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Samstag, den 13. Mai
Deutsches Reich.
Berlin, 9. Mai. Nachdem heutigen Vorbeimarsch der Bataillone aus dem Tempelhofer Felde rief Sc. Majestät die Generale und Stabsoffiziere zu sich, sprach der Kaiser sein Lob über die sehr gelungene Vorstellung der Bataillone aus und erwähnte dann: „Seitdem wir uns nicht gesehen, sind eigene Wandlungen mit der Militär- vorlage vor sich gegangen. Ich habe nicht deren Ablehnung erwarten können und "hoffte von dem patriotischen Sinne des Reichstags eine unbedingte Annahme. Ich habe Mich darin leider getäuscht. Eine Minorität patriotisch gesinnter Männer hat gegen die Majorität nichts zu erreichen vermocht. Dabei sind leidenschaftliche Worte gefallen, welche unter gebildeten Männern ungern gehört werden. Ich mußte zur Auflösung schreiten und hoffe von einem neuen Reichstage die Zustimmung zur Militärvorlagc. Sollte aber auch diese Hoffnung täuschen, so bin Ich gewillt, Alles, was Ich vermag, an die Erreichung derselben zu setzen, denn Ich bin zu sehr von der Nothwendigkeit der Militärvorlage, um den allgemeinen Frieden erhalten zu können, überzeugt. Man hat von Aufregung der Massen gesprochen; Ich glaube nicht, daß sich das deutscheVolk von Unberufenen erregen lassen wird. Im Gegentheil, Ich weiß Mich eins in dieser Militärvorlage mit den Bundessürsten, mit dem Volk und mit der Armee. Ich danke meine Herren. Ich habe Mich Ihnen gegenüber nur aus- sprechen wollen, wie Ich es beim Entstehen der Vorlage gethan."
— Jacta est alea! Der Reichstag ist aufgelöst unb das deutsche Volk ist wiederum vor die Wahlurne gestellt. Konnte man schon seit Wochen nicht mehr im Zweifel sein, daß der Reichstag seiner Auflösung eut- grgengehe, so hat es doch patriotisch Gesinnte genug gegeben, die noch bis zur letzten Stunde vor der Entscheidung über die Militär-Vorlage eine glückliche Lösung erhofft hatten. Wenn eine solche gleichwohl nicht ein« getreten ist, so wi:d jetzt das deutsche Volk darüber zu entscheiden haben, ob es die so schwer errungene Einheit und Machtstellung unter allen Umständen festhalten oder einem unfruchtbaren Parlamentarismus, oder wohl gar einer trostlosen Pöbelherrschaft in die Hände fallen will, ober nicht. Was den ersteren betrifft, so darf man wohl nicht all zu schwarz sehen. Jene Herren, die bis jetzt dem Vaterlande durch Nörgeleien nichts genützt, aber vielfach geschadet, die an Stelle von den von ihnen bekämpften Vorlagen bessere Vorschläge zu machen nicht im Stande gewesen sind, dürften doch in manchen Wahlkreisen abgewirtschaftet haben. Man hat die £uft j dieser Herrn, regierungsfähig zu werden, gemerkt und ist darüber verstimmt! Anders steht eS um dieSozial- demokratie, die bei ihrer straffen Organisation und bei der unverkennbaren Mißstimmung ganzer Volkskreise über die immer größer gewordene Macht des Großkapitals, über das fortwährende Anwachsen der Gc- meinbefteuern, über das Aussaugen des Landmanns durch wuchertreibende Geschäftsleute u. a. m., voraussichtlich noch mehr Wahlkreise au sich reißen wird, als bei der letzten Reichstagswahl. Da gilt denn für die staatserhaltenden Parteien die Losung: „Seit einig!" und zu bedauern würde es sein, wenn dieser Losung gegenüber im bevorstehenden Wahlkampf gesündigt werden sollte! Und gerade in dieser Beziehung möchten wir rufen: „videant consiiles!“ Mögen diejenigen, die es angeht, zusehen, daß der Staat keinen Schaden leidet!
— Die freisinnige Partei hat sich infolge der Abstimmung über die Militärvorlage richtig gespalten und zwar in eine „freisinnige Volkspartei" und in eine „freisinnige Vereinigung". Zu der letzteren gehören die früheren Sezessionisten, außerdem Professor Hänel.
— Sämmtliche Parteien haben nunmehr ihre Wahlaufrufe erlassen mit Ausnahme des Centrums, in welchem es ' stark zu gähren scheint. Die Herren v. Huene, Graf Ballestrem und Dr. Porsch sind aus der Centrumsfraktion ausgeschieden. Wahrscheinlich folgen noch einige Andere.
— Einem Artikel des Militär-Wochenblatts zufolge fielen im Kriege von 1870/71 auf dem Schlachtfelde und starben an ihren Wunden auf deutscher Seite 1881 Offiziere und 26 397 Mann; verwundet wurden 4239 Offiziere und 84304 Mann. Vermißt wurden 127 Offiziere und 12257 Mann. Der Gesammtverlust beträgt also 6247 Offiziere und 123 453 Mann. Unter
den Vermißten müssen die wgenanten „Noch-Vermißten", d. h. diejenigen, über deren Schicksal bis zum Jahre 1882 keinerlei bestimmte Nachricht eingegangen war, zu deu Todten gerechnet werden; ihre Zahl bclief sich auf rund 4000. Unter Zurechnung dieser, sowie der 17105 Köpfe, welche die Armee während des Krieges an Krankheiten verloren hat, sind rund 49400 Deutsche für das Vaterland gestorben. Die Franzosen dagegen verloren rund 2 900 Offiziere, 136 000 Mann durch den Tod, wovon 17633 in deutschen Lazarethen starken. Berechnet man. den Antheil, der durch feindliche Gewalt gctödtctcr in den einzelnen Truppengattungen, so ergibt sich, daß die Infanterie ganz unverhältnißmäßig mehr zu leiden hatte, als die anderen Waffengattungen. Es fielen von der Infanterie, wenn man die Durchschnittsstärke zu Grunde legt 4,47 Prozent, von der Kavallerie 1,40 Prozent, von der Artillerie 1,28 Prozent und von den Pionieren 0,37 Prozent. Sondert man die einzelnen Kontingente von einander, so ergibt sich, daß die H essen für die Herstellung der Einigung des Deutschen Reichs das meiste Blut bezahlt haben; es fielen von ihnen 5,97 Prozent, von den Bayern 5,58 Prozent, von den Sachsen 5,40 Prozent, von den Preußen 4,85 Prozent, von den Badenser 3,76 Prozent und von den Württembcrgern 3,51 Prozent. Eine sehr große Anzahl deutscher Soldaten mußte nach dem Kriege als Invalide erklärt werden. Bis Ende 1884 wurden 69895 Unteroffiziere und Mannschaften im mobilen deutschen Heere von 1870/71 alsKriegsinvalide erkannt. Es sind dies 6,28 Prozent aller überhaupt mobil gewordenen deutschen Soldaten.
— Berliner Grundstückspreise. Um einem „längst gefühlten Bedürfniß" abzuhelfen, soll in der Friedrich- straße in Berlin ein neuer Bierpalast errichtet werden an Stelle der Häuser Friedrichstraße Nr. 176 und 177 und Jägerstraße Nr. 15 und 16. Ein Comitä von Finanzleuten unter Führung des Baumeisters Schänner hat die zusammen 25 Geviertruthen großen Grundstücke angekauft und will die alten Baulichkeiten noch in diesem Jahre niederlegen. Der Kaufpreis soll 46 000 Mark auf die Geviertruthe, also in Summa 1150000 Mark betrogen haben.
Bükkeburg, 8. Mai. Fürst Adolf Georg zu Schaumburg-Lippe ist um 5 Uhr 30 Minuten Nachmittags verschieden. In der Regierung folgt ihm sein ältester Sohn, Erbprinz Georg, geboren 1846, vermählt mit der Erbprinzessin Maria Anna, Herzogin zu Sachsen.
' wachsen waren, doch die zwölf Mark für die vier Flaschen Tokayer lehnte Koppen ab zu ersetzen, da Schnaps statt Wein hätte verwendet werden müssen. Es kam zur Klage. Der Bezirksausschuß zu Breslau forderte über diese Angelegenheit ein Gutachten von dem Medicinalcollegium ein; dies äußerte sich zu Ungunsten von Leipzig und erklärte, Schnaps habe dieselbe Wirkung wie Wein. Auf Grund dieses Gutachtens wies der Bezirksausschuß in Breslau in der Hauptsache Leipzig mit der Klage ab und verurtheilte Koppen, nur 1.50 M. für den Schnaps zu zahlen, den Leipzig für den Erkrankten hätte verwenden sollen. Gegen dieses Urtheil legte Leipzig des Princips wegen Berufung beim Bundesamt in Berlin ein. Dasselbe forderte die oberste preußische Medicinal- behörde auf, sich über diesen Fall zu äußern. Dieses Gutachten fiel nun ganz zu Gunsten von Leipzig aus; es wurde darin ausgeführt, daß Schnaps keineswegs geeignet wäre, Wein ober gar Tokayer zu ersetzen. Das Bundesamt schloß sich dieser Ansicht an, hob das Urtheil des Bezirksausschusses zu Breslau auf und verurtheilte Koppen, das Geld für die vier spendirten Flaschen Tokayer zu zahlen.
Ausland
Rom. Dem in Paris erscheinenden orleanistischen „Gaulois" wird aus Rom telegraphirt, der Papst bereite eine Encyklika über die Abrüstung vor, welche er den europäischen Regierungen sende, und in der er den Nachweis erbringen will, daß die erdrückenden Militärlasten zu einer Reihe von Katastrophen führen müssen. Leo XIII. lenkt die Aufmerksamkeit der Staatsoberhäupter auf die Nothwendigkeit, eine allgemeine Friedenspolitik vorherrschen zu lassen, welche dem Elend der arbeitenden Klassen ein Ende machen könnte. Deshalb verlange der Papst entschlossen, daß die Ab- rüstungsfrage eingehend geprüft werde. In seiner Unterredung mit Kaiser Wilhelm soll Leo XIII. mit großem Eifer seinen Standpunkt vertreten haben, der bereits von den Souveränen Oesterreich-Ungarns, Italiens, Spaniens und Belgiens getheilt würde. Nur Rußland soll noch einige Vorbehalte machen; wenn es aber endgiltig beipflichtet, dann würde es damit betraut werden, auf Frankreich einen Druck in diesem Sinne zu üben. So weit der „Gaulois". (Wir sind neugierig, ob die dem Papst so sympathischen katholischen Franzosen sich die Abrüstung von ihm vorschreiben lassen und sie befolgen. Es ist aber als sicher anzunehmen,
. daß auch des Papstes Einfluß machtlos ist, den Franzosen
Gcestemunde, 8. Mai. Wegen weiterer Ausbreitung; die Revanchegelüste auszureden — und bis dahin
der Cholera an der französischen Nord- und Westküste
werden alle von dortigen Häfen kommenden Schiffen hier einer gesundheitspolizeilichen Kontrole unterworfen.
Aus Schleswig, 6. Mai. Wahrhaft ergreifend ist das Ende des in weiteren Kreisen bekannten Seemannes und Lootsen Arian Petersen, des ältesten Mannes auf Amrum, seiner Ehefrau und Tochter. Das hochbetagte
muß eben die Rüstung weiter getragen werden.)
Budapest, 8. Mai. Die Besorgnisse wegen des momentanen Saatenstandes werden in den zuständigen Kreisen als übertrieben bezeichnet. Obgleich eS nach langer Dürre jetzt zu viel regnet, wird noch immer eine erträgliche Ernte erwartet.
England. Em drastisches Zeichen für die Nothlage
Paar feierte vor Kurzem das seltene Fest der eisernen । der Landwirthschaft in England wird aus der Graf- Hochzeit (65 Jahre). Dieser Tage erlitt die Frau einen' schaft Norfolk gemeldet. Dort ist ein Gut von 4000 Schlaganfall und starb; wenige Stunden später verschied JÄcrcs (----- 1600 ha) vollständig außer Kultur gesetzt die als Wittfrau im elterlichen Hause lebende bejahrte worden. Noch vor zehn Jahren wurde es von zahl- Tochter. Den alten wackern Seemann warfen diese' reichen Pächtern bewirthschaftet. Allein mit dem stetigen schmerzlichen Verluste aufs Krankenlager; er starb, bevor' Rückgang der Weizenpreise hielt der Ruin der Pächter
die Leichen von Frau und Tochter zur Ruhe bestattet' gleichen Schritt. Den Versuch, das Gut selbst zu be-
wareu. In einer kurzen Spanne Zeit verschwand eine' wirthschaften, gab der Grundherr nach Jahresfrist als
Familie, die jeder Insulaner kannte und achtete. j aussichtslos auf. Nun will er den Besitz brach liegen
Aus Westfalen, 4. Mai. Ein sehr ungünstiges Tassen. — Das Ende eines Hungerkünstlers. ~ Resultat hatte die im Laufe der vergangenen Woche im Telegramm ans London meldet, daß dort Dr. Tanner
Ein
Lehrerseminar zu Warendorf, Regierungsbezirk Minden, stattgefundenen zweite VolksschuUehrer-Prüfung. Von 21 Candidaten, die sich bem bezüglichen Examen unterworfen, bestanden nur neun.
Leipzig. Ein merkwürdiger Streit wurde vor dem Bundesamt für das Heimathwesen kürzlich zu Ende geführt, welcher wegen vier Flaschen Tokayer entbrannt war. Folgender Thatbestand lag diesem Rechtsstreit zu Grunde, dessen Entscheidung von grundsätzlicher Bedeutung ist. Leipzig sah sich nach §. 28 des Gesetzes über den Unterstützungswohnsitz vom 6. Juni 1870 veranlaßt, vor einiger Zeit eine Person, die hochgradig an Tuberkulose erkrankt war, zu verpflegen; zur Kräftigung des Erkrankten verordnete ein angesehener Arzt Leipzigs auch vier Flaschen Tokayer. Koppen im Regierungsbezirk Breslau, der Uttterstützungswohnsitz des Verpflegten, bezahlte alle Kosten, die Leipzig er
durch Selbstmord geendet hat. Dr. Tanners Name ist vor einigen Jahren viel genannt worden, er hat einen freiwilligen Sport in Mode gebracht, der bisher nur unfreiwillig geübt worden war, den Hungersport. Dr. Tanner war der erste Fastenkünstler von Beruf. Die Erfolge, die er aufzuweisen hatte, „begeisterten" zwar zahlreiche Nachahmer, aber keiner, auch nicht der Italiener Succi, hat es zu jener „Vervollkommnung" gebracht, deren sich der magere, blasse, wortkarge Engländer rühmen konnte. Tanner hat es bis zu vierzig Tagen Fastenzeit gebracht, während welcher er nichts zu sich nahm als eine milchähnliche Flüssigkeit, deren Zusammensetzung er als sein Geheimniß bewahrte, unb die ihm nur unter Kontrole der Aerzte eingeflößt wurde. Jetztzt meldet der Draht, daß Tanner durch einen Sturz aus dem Fenster eines Hotels seinem Leben ein Ende gemacht habe.