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Mittlooch, teil 26. April

1893.

Deutsches Reich.

Berlin, 20. April. Wie verlautet, gedenken Ihre Mas. der Kaiser und die Kaiserin, wahrscheinlich auch mit dem Kronprinzen, im Sommer eine Nordlandreise zu unternehmen.

Die Minister des Innern und des Krieges haben die Führung von Vereinsstempeln mit dem preußischen Adler seitens der Kriegervereine für unzu­lässig erklärt.

Posen, 21. April. Die Eisenbahndirektion theilt mit, daß der Hamburgische Staat russische Auswanderer in Hamburg nicht mehr aufnehme und deshalb von den preußischen Staatsbahnvcrwaltnngen Fahrkarten au solche Auswanderer ferner nicht ertheilt werden. Die mit der Eisenbahn in Grenzstädten eintreffenden russischen Auswanderer, welche über Hamburg nach Amerika zu reisen beabsichtigen, werden deshalb nicht weiter . befördert.

Danzig. 18. April. Ein schreckliches Ende hat der Mühlenbesitzer Ohl aus Griefkohl bei Dirschau in ver­gangener Nacht gefunden. Derselbe fuhr am Spätabend mit seinem Gefährt, in dem sich 10 Centner ungelöschten Kalkes befanden, vm Dirschau nach Hause. Wie es zugegangen, ist noch nicht ermittelt, genug, der umgestürzte Wagen und die Leiche des Insassen wurden heute früh in dem mit Wasser gefüllten Graben am Wege von einem Lehrer aufgcfuudcn, der, wie andere Anwohner, durch das Wiehern des herrenlosen Pferdes aufmerksam geworden war. Ohl hat den doppelten Tod des Er­trinkens und des Verbreunens in dem Graben erlitten, denn die Kalkladung hatte sich beim Umstürzen des Wagens im Wasser gelöscht und den Aermsten, der, wie aus verschiedenen Anzeichen ersichtlich, sich vergeblich be­müht hatte, den Grabenrand zu erklimmen, in entsetz­licher Weise verbrüht, so daß das Gesicht bis zur Unkenntlichkeit entstellt worden war.

Stuttgart, 20. April. Auf dein Stadtpolizeiamt spielte sich heute eine blutige Scene ab. Der Liniirer BÜucrle war mit seiner Geliebten Anna Busch wegen Diebstahls dorthin gebracht worden. Während des Verhörs zog Säuerte eine Pistole, um sich zu erschießen. Diese ward ihm jedoch entwunden. Hierauf zog er ein Dolchmcsser und stieß dasselbe blitzschnell erst der Ge­liebten, dann sich selbst in die Brust. Beide waren nach wenigen Minuten todt.

Nürnberg, 17. April. Zur Warnung möge folgender Fall dienen. Eine Obsthündlerin hatte zu einer Nach­barin, die in einer Micthstreitigkeit vor Gericht als Zeugin auszusagen hatte, die Bemerkung gemacht, daß sieda drüben" nicht alles zu sagen brauche. Diese Aeußerung faßte das Gericht als einen Versuchs zur Verleitung zum Meineid auf; es verurtheilte die Obst- Händlerin zu einem Jahre Zuchthaus und ordnete ihre sofortige Verhaftung an.

Würzburg, 24. April. Gestern Nachmittag fand hier eine von etwa 600 Personen besuchte Versammlung von unterfrünkischen Bauern statt. Baron v. Thüngen und Abg. Lutz hielten Ansprachen. Schließlich stimmte die Versammlung einer Resolution zu, nach welcher die Gründung eines besonderen fränkischen Bauernbundes mit Anschluß au den deutschen Bauernbund beschlossen wird. Für den russischen Handelsvertrag sprach sich die Versammlung nur unter der Bedingung aus, daß von Seiten Rußlands Metall-Valuta eingeführt würde.

Mainz, 18 April. Die Genickstarre, jene gefürchtete Krankheit, die im Baltischen fortwährend Opfer fordert, ist auch hier ausgetreten. Vor einigen Tagen erlag ein Kutscher und am Sonnabend ein hier an gestellter junger Postbeamter von GroßWinternheim dieser Krankheit.

Köln, 18. April. Eine wohlverdiente Rüge wurde, wie derWests. Merk." berichtet, dem Schutzmann Franz von hier in einer der jüngsten Gerichtssitzungen ... von Seiten des Staatsanwalt Dr. Metz zu Theil. Der Beamte hatte nämlich ein Kind während der Sonn­tagsruhe in den Laden eines hiesigen Bäckers geschickt, . damit es ihm ein Brödcheu hole. Der, Bäcker, der ivohl gedacht haben mag, daß das Kind seinen Hunger stillen wolle, war mitleidig genug, das Verlangte zu verabfolgen, und in die Falle des Polizisten zu gehen. Das Gericht mußte natürlich auf eine Strafe erkennen; sie lautete auf 10 M. Buße. Hübsch von dem Schutz- Mnn war dessen Handlungsweise gewiß nicht,

Ausland.

Italic». Die silberne Hochzeit des Königspaares hält ganz Rom, ja ganz Italien in Athem, Aus allen Theilen des Landes laufen Glückwunschtelegramme in Rom ein. Am eigentlichen Festtage machte der Magistrat eine Auffahrt in pomphaften Galakutschen aus den Zeiten Michelangelos, ferner wurden die Fahnen der sämmtlichen vierzehn Stadttheile vom Feuerwehrkorps unter den Klängen der Musik daher gebracht. Dem Zuge des Magistrats schlössen sich die Kriegervereine, die Universitätsvereine, die Innungen nrt Musik und Fahnen, insgesammt vielleicht fünfzehutauscnd Personen an. Ergreifend war die Huldigung des Menschcnmccres, als das Königspaar auf dem Balkon erschien. In dem­selben Augenblick gingen vor dem Schlosse 500 Brief­tauben in die Höhe nach allen Großstädten Italiens. Die Tauben ließen farbige Zettel mit Huldigungs- gedichten uicdcrfallen, umkreisten geschlossen den Platz zweimal und stoben dann in allen Richtungen im Glänze der Abendsonne auseinander. Es war ein unvergleich­licher, jubelnd begrüßter Anblick. Von Seiten der Stadt ist beschlossen worden, an fünf Tagen Abends die historisch bedeutenstcu Bauten und Plätze Roms elektrisch zu beleuchten. Am Galadiner brächte der Kaiser einen Trinkspruch auf das italienische Königspaar aus. Vom Berliner Magistrat erhielt der Bürgermeister ein Glück­wunschtelegramm. Sonntag fand die Segnung zwischen Kaiser Wilhelm und Papst Leo im Vatikan statt. Der Kaiser nahm beim Preußischen Gesandten ein Frühstück ein, an welchem mehrere Kardinäle, darunter Ledochowski, nicht aber Rampolla theitNahMen. Hier traf auch die Kaiserin ein, worauf im kaiserlichen Wagen die Fahrt zum Vatikan angetreten wurde. Um 3 Uhr traten die kaiserlichen Herrschaften beim Papste ein. Nach einer Viertel Stunde verabschiedete sich die Kaiserin und be­sichtigte die Prunksäle, die Sixtinische Kapelle u. s. w., während der Kaiser allein beim Papste zurückblieb und sich etwa eine halbe Stunde mit ihm unterhielt. Bei dem gestrigen Besuch deS deutschen Kaiserpaares im Vatikan hat der Papst der Kaiserin ein aus dem Atelier des Vatikans hervorgegangene Mosaikbild der Basilika aus dem Petersplatz überreicht. Der Kaiser hat dem Papst ein koloiiertes photographisches Gruppenbild der kaiserlichen Familie geschenkt. Der Papst hat darüber seine Freude ausgesprochen und bemerkt, er werde das Bild neben dasjenige Kaiser Wilhelms I. stellen, das ihm die verstorbene Kaiserin Augnsta nach dem Tod ihres Gemahls zugesandt habe. Beim Abschied des Kaisers geleitete der Papst denselben, das Zeremoniell bei Seite setzend, durch mehrere Säle.

London, 24. April. Die Zustände in Hull sind äußerst kritisch, die Feuersbrunst in den Docks, die an drei Stellen angelegt wurde, wüthet unaufhaltsam weiter; einige benachbarte Hotels und Fabriken sind schon von den Flammen verzehrt worden. Der Schaden beziffert sich bereits auf einige hunderttausend Pfund. Die Streikenden schnitten wiederholt die Wasserschläuche der Spritzen durch. Militär und die Matrosen der nach Hull gesandten Kriegsschiffe find zum Schutze der be­drohten Stadt und ihrer Bewohner aufgeboten. In der Stadt selbst herrscht eine aufrührerische Stimmung; es kam zu argen Konflikten mit der Polizei, und auf beiden Seiten setzte es schwere Verwundungen. Die Regierung sendet eine weitere militärische Verstärkung nach Hull. Einige notorische Londoner Anarchisten sind nach Hull abgereist, und man befürchtet weitere Ausschreitungen.

Nlwyork, 21. April. Neue gewaltige Stürme haben in den letzten Tagen in Alabama, Mississippi und Arkansas geherrscht und großen Schaden eingerichtet. Die Ernte ist stark geschädigt, viele Personen sind ver­wundet oder getötet worden. Auch auf dem Michigansee hat ein heftiger Orkan gewütet, wobei die Wasserwerke von Milwaukee von den Wogen fortgerissen worden sind. Da es unmöglich war, bett Sirbeitern Hilfe zu bringen, sind etwa 20 derselben ertrunken.

Lokales und Provinzielles.

Schlüchtern, 25. April.

* In der Nacht von Sonnabend auf Sonntag mürben die Einwohner unserer Stadt durch Feuerlärm geweckt. Es bräunte ein Lattenzaun hinter dem Post- gebäude. Einige Eimer Wasser löschten. den Brand. Daß ob solcher Kleinigkeit halber die ganze Stadt auf

die Seine gebracht wurde, scheint uns doch etwas zu viel Eifer.

* Allem Anschein nach werden wir heuer wieder einen trockenen Sommer bekommen. Wer im vorigen Jahr genau auf das Ausschlagen der Bäume geachtet hat, der wird bemerkt haben, daß die Esche weit früher Blätter ansetzte als die Eiche, und heuer zeigt sich das Nämliche. Nun sagt aber eine alte Wetterregel: Treibt die Esche vor der Eiche, Hält der Sommer große Bleiche."

Der Sommer des vergangenen Jahres war bekannt­lich sehr trocken, dagegen hatten wir aber ein feuchtes Frühjahr, dem wohl auch hauptsächlich der im Allge­meinen sehr günstige Ausfall der Ernte zu danken war. Heuer ist leider der Frühling sehr trocken, sodass wir, sofern nicht bald ein ausgiebiger, befruchtender Regen kommt, den Ernteergebnissen nicht mit gleicher Zuversicht entgegensehen können. Die andauernde Trockenheit hat in Oesterreich schon ein Steigen der Getreidepreise ver­ursacht und bald werden wir in anderen Ländern das­selbe zu konstatieren haben. Hoffentlich sorgt Mutter Natur noch bei Zeiten dafür, daß den Theuerungs- Spekulanten ein dicker Strich durch die Rechnung ge­macht wird.

Dem Gläubiger aus einer vollstreckbaren Schuld- urkunde steht, nach einem Urtheil des Reichsgerichts, V. Civilsenats, vom 1. Februar 1893, gesetzlich frei, von der ihm eiugerüumten sofortigen Vollstreckbarkeit Gebrauch zu machen oder nicht und den Prozeßweg zu beschreiten. Insbesondere wird der im Prozeß unterliegende Schuldner die Prozeßkosten jedenfalls dann zu tragen haben, wenn er seine Verbindlichkeit bestritten hat.

In einer Sektion der Landwirthschaftlichen Be­rufsgenossenschaft hatte sich ein Unfall beim Abernten eines Obstbaums ereignet, der an einer dem Bezirks- Berbande Kassel gehörigen Chaussee stand. Nach den Nekursentscheidungen Nr. 625 und 657 Amtliche Nachrichten deS Neichs-Vcrsicherungsamtes von 1888 Seite 343 und von 1889 Seite 139 ist diese Ab- erntung deS Obstes als laudwirthschaftliche Thätigkeit und als Betriebsunternehmer der Eigenthümer des be­treffenden Baumes im vorerwähnten Fall der Be- zirksverband Kassel anzusehen. Eine Abschätzung dieses Obstgewinnungsbetriebes und demgemäß eine Heranziehung zu den Umlagebeiträgen hatte bisher nicht stattgefunden. Die Sektions-Vorstände sind nunmehr von dem Herrn Laudes-Direktor veranlaßt worden, die in ihren Sektionen vorhandenen gleichen Betriebe von Kommunalverbäuden, Gemeinden :c. zu ermitteln, eine Abschätzung derselben herbeizuführcu und die betr. Unternehmer von der Abschätzung zu benachrichtigen.

Wallroth. Am 24. d. Mts,, Morgens halb 5 Uhr brach in dem Wohnhaus des Zimmermann Georg Lcipold hiersclbst Feuer aus, durch welches dasselbe vollständig zerstört wurde. Das Haus ist versichert.

Fulda, 19. April. Wie sehr unsereReserve" am Platze war, unter welcher wir im Februar d. I. die Nachricht von einem beabsichtigten Ankunft des hiesigen landgräflichen Schlosses durch den Militärkiskus brachten, zeigt die heutige Klärung der Verhältnisse, schreibt das Fuld. Kreisbl. Es ist jetzt über allen Zweifel klar, daß Fulda alle Hoffnung aufgeben muß, die es zur Wiedererlangung einer Garnison, sei es in Form einer Kriegsschule ober Nnteroffizicrsschule oder eines Bataillons und dergl., noch immer gehegt hat. Fulda bleibt militärisch verwaist und die Annahme oder Ablehnung der Militärvorlage wird an diesem Schicksal nichts ändern. Nun beschäftigt die Frage des Schloßankaufs eine ganz andere Juteresfentin die Stadt Fulda selbst. Bringt man die Anwesenheit des landgräflichen Hofmarschalls, Herrn v. Strahl, und die des Herrn Justizraths Renner aus Cassel mit der vorgestrigen außerordentlichen Sitzung des Stadtraths in Verbindung, so kommt man zu dem Schluß, daß von Seite unserer Stadtbehörde Wege ungebahnt sind, welche zum zweiten Male auf einen Erwerb des hiesigen landgräflichen Schlosses abzielen.

Fulda, 24. April. Heute Vormittag fand in der Reitbahn der landgräfl. Schlosses basier die Besichtigung der Gendarmen der Kreise Fulda, Gersfeld, Hünfeld und Schlüchtern durch Se. Excellenz den General der Infanterie von Rauch aus Berlin und Gendarmerie- Oberst Magdeburg aus Cassel statt.