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SchlüchternerMtung

Erscheint Mittwoch u. Samstag Preis mitKreisblatt" u.Jllustrirtem Familienfreund" vierteljährl. 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf

MittloochTdm IS^April " 1893.

Die Kompensationen für die zweijährige Dienstzeit.

Die gegenwärtige Friedensstärke des deutschen Heeres beträgt 486 983 Köpfe, davon sind 66 952 Unter­offiziere, so daß an Gemeinen 42003k verbleiben. Nach der Militärvorlage soll die Friedensstärke nur für die Gemeinen im Gesetze festgestellt, die Zahl der Unter­offiziere dagegen jährlich im Etat ebenso wie bisher schon die der Offiziere, ausgenommen werden. Die Friedensstärke soll künftig ohne Unteroffiziere 492 068 betragen, das sind 72037 Gemeine mehr als jetzt; im Etat sollen hinzutreten an Offizieren 2 138 und au Unteroffizieren 11 857, so daß das Friedensheer künftig aus 570 877 Unteroffizieren und Gemeinen bestehen würde,

Die geforderte Hceresvcrstärknng »ertheilt sich auf Neuformationen und auf Eratserhöhung. Es sollen neu errichtet werden hauptsächlich: 173 vierte Bataillone, 3 bayrische und 9 Reservestammschwadronen, 63 Feld- batterien, 6 Bataillone und 2 Kompagnicu Fußartillerie, ."Bataillone und 3Kompagnien Pioniere, 9 Kvmpagicn Eisenbahntruppen, 1 Kompagnie und 17 Bespannungs- abtheilungen beim Train. Unter Etatscrhöhungcn ver­steht man die Vermehrung der Kopfzahl bei den bestehenden Friedenskadres. Bei den Feldbataillonen haben wir jetzt drei Etats; ein Theil zählt 560, ein anderer 600, ein dritter 660 Mann. Die Bataillone niederen Etats sollen auf den mittleren und eine Anzahl der Bataillone mittleren Etats soll auf den hohen gebracht werden.

In diesen Forderungen von Neuformationen und Etatvcrstärkuugen sind die Kompensationen für die zwei­jährige Dienstzeit bei den Fußtruppen mit enthalten, d. h. die Maßregeln, die erforderlich sind, um vci kürzerer Dienstzeit dieselbe gute Ausbildung für den Krieg zu erzielen. Sondern wir die Kompensationen von der gesammten Mehrforderung von 72037 Ge- meinen, um die der Friedensstand erhöht werden soll, aus, so ergibt sich folgendes: die 173 vierten Bataillone zu je 2 Kompagnien und zusammen 195 Unteroffizieren und Gemeinen sind abgesehen von ihren besonderen Aufgaben für den Mobilmachungsfall erforderlich, um den drei ersten (Feld-) Bataillonen die Ausbildung des Nachersatzes, der Einjährigen, der Schulamtskandidaten, ferner einen Theil des Arbeitsdienstes und endlich die Uebungen der Reservisten und Landwehrleute abznnchmcn, damit sie die abgekürzte Dienstzeit ganz zur kriegs- mäßigen Schulung des Soldaten ausnutzen können. Die vierten Bataillone haben zusammen einen jährlichen Bestand von rund 28 000 Gemeinen. Der zweite Haupttheil der Kompensationen besteht in den Etats- berftärtungen, die deshalb eng mit der zweijährigen Dienstzeit zusammcnhängcn, weil sich ohne sie die Ausrückestärke der Bataillone, Batterien rc. Während der Zeit der Rekrutenansbildung in Folge des Wegfalls des dritten Jahrgangs bedeutend vermindern würde. Das ist ein einfaches Rechenexempel: Nehmen wir ein Bataillon an, das jetzt aus 501 Gemeinen bestehen soll, so würden bei voller dreijähriger Dienstzeit 167 Mann im dritten, 167 im zweiten und 167 im ersten Jahre dienen; dann könnte das Bataillon im Herbst und Winter während der Rekrutenausbildung immer noch mit 2 mal 167 334 Mann ausrücken. Dagegen würde dasselbe Bataillon bei nur zweijähriger Dienstzeit aus 251 Leuten des zweiten und 250 Leuten des ersten Jahrgangs bestehen, also im Herbst und Winter nur mit 251 Mann ausrücken können. Nun haben wir allerdings jetzt nur die verstümmelte dreijährige Dienst- zrit bei der Infanterie; nur ein Theil der Infanteristen dient drei Jahre. Nehmen wir an, daß von unserem Bataillone von 501 Köpfen 81 im dritten Jahre dienen, dann bestehen die anderen beiden Jahrgänge aus je 210 Mann und die Ausrückestärke im Herbst und Winter ist 81 + 210 ----- 291, also immer noch 40 Mann mehr als bei zweijähriger Dienstzeit. Als Ausgleich hierfür sollen 126 Infanterie-Regimenter und 14 Jägerbataillone vom niederen auf den mittleren Etat gebracht werden, das bedeutet eine Erhöhung der Präsenz um rund 15,500 Mann. An Verstärkungen der Fetdbatterien und der Bataillone der Spezialwaffen (Fußartillerie, Pioniere, Eisenbahntruppen, Train, Luft­schiffer), die ja ebenfalls die zweijährige Dienstzeit erhalten sollen, treten noch hinzu rund 9 000, so daß sich die gesammten Etatsverstürkungen, soweit sie als Kompensation für die zweijährige Dienstzeit gefordert

sind, mit OekonomiehanWerkern auf rund 25 000 Mann belaufen. Hierzu die 28000 Mann für die vierten Bataillone, ergibt eine Gesammtzahl der Kompensation von rund 53 000 Mann (genau 53 295), um die die jährliche Präsenzstärke zu erhöhen wäre.

Die verbündeten Regierungen sind, wie man weiß, entschlossen, von diesen Kompensationen für die Er­leichterung der persönlichen Militärlast nicht abzugehen. Das Angebot des Abg. von Bennigsen mußte als un­zureichend bezeichnet werden, da es nur eine Erhöhung der Präsenz um rund 42 000 Gemeine enthielt, in denen auch die nöthigen Mannschaften für die geforderten Batterien eingeschlossen waren, so daß nur ein Theil der Ausgleichsmaßregelu für die zweijährige Dienstzeit hätte ansgeführt werden können. Die 18 742 Mann, die über die 53 295 Mann Kompensationen gefordert sind, »ertheilen sich mit 13 917 Mann auf Neu - formationen (der Spezialwaffen) und mit 4 825 auf sonstige Verstärkungen, insbesondere Etatserhöhungen der Bataillone mittleren Etats an den Grenzen. Ein Theil dieser Forderungen könnte vielleicht Gegenstand eines Konipromisses sein; jedoch werden sich auch hier erhebliche Abstriche kaum machen lassen, zumal da ein wesentlicher Theil derselben in einer fast allgemein als dringlich anerkannten Verstärkung unserer FAdartillerie besteht.

Deutsches Reich.

Braunschweig, 13. April. Die uralte ehrwürdige Heinrichslinde (vor der Domkirche) hier, die angeblich von Heinrich dem Löwen gepflanzt im Laufe der letzten Jahre mehr und mehr in Verfall gerathen ist, beginnt in diesem Jahre sich nochmals mit frischem Grün zu bedecken. Zur Verlängerung der Lebensdauer dieses Wahrzeigcns der Stadt Braunschweig ist von Sachver- ständigen alles Mögliche aufgebotcn worden. Man hat Die morschen Theile in eiserne Reifen gespannt, den ausgehöhlten Stamm mit Lehmmasse ausgefüllt und ihn sogar zum größten Theil mit fremder Borke bekleidet. Trotz alledem ist die Lebensdauer der ehrwürdigen Linde jetzt wohl kaum noch zu verlängern.

Leipzig, 13. April. Schon wieder eine neue Partei in Sicht! Etwa 60 Vertreter des Mittelstandes aus allen Gauen Deutschlands haben unter dem Vorsitz eines Herrn Caesar Asfalk aus Köln hier unter dein Namen Teutoburger Partei" eine Partei zur Hebung der Lage des Mittelstandes gegründet, von der Anschauung aus­gehend, daß, wenn der Bauer durch seinen Bund die Interessen des Bauernstandes besser zu vertreten im Stande sei, auch der Mittelstand in Verbindung mit gewerblichen und kaufmännischen Schutzvereinen ein Gleiches erreichen könne. Die Richtung der Partei ist national, bei Schonung der konfessionellen Verhältnisse unter Wahrung der Volksrechte.

Aus Leipz'g schreibt man: Hier wird eine Reihe großer Anlagen geplant. Zunächst eine Hochbahn, welche die Nordbahnhöfe (Berliner, Thüringer, Magdeburger und Dresdener Bahnhof) mit dem verkehrsreichen Bayerischen Bahnhof verbinden und eine Station bei dem jetzigen alten Gewandhause erhalten soll. Sodann soll in Leipzig eine elektrische Centralanlage errichtet werden. Das dritte große Projekt geht dahin, ein umfangreiches Elsterbassin auf dem Wiesengebiete zwischen Alt-Leipzig und den Vorstädten Plagwitz und Lindenau in Verbindung mit dem geplanten Elfter-Saale -Elbc- Canal anzulegen. Es liegt bereits 'das Gutachten eines Sachverständigen, des Rcgicrungsbaumcisters Töpcl vor. nach welchem die Ausführung sehr wohl möglich ist und auch nicht zu große Kosten verursacht. Auch hat sich bereits eine Reihe von Finanzleuten gefunden, welche das Projekt unter Umständen unterstützen wollen. Nach Fertigstellung des Elstcrbassins würde Leipzig eine An­lage haben, die dem Alsterbassin in Hamburg nicht nach- stehen würde.

Der Bäckermeister K. in Aöarf (Sachsen), bet sich bet einem Brande der Anordnung des dortigen Kommandanten der freiwilligen Feuerwehr, von der Brandstelle sich zu entfernen, nicht fügte, auch noch den­selben mit den Worten:Du hast mir einen D . . . zu sagen, ich gehe nicht!" beleidigte, war vom Stadtrathe zu einer Geldstrafe von 15 Mark verurtheilt worden. Auf dagegen von K. eingelegte Berufung an gerichtliche Entscheidung verurtheilte das Schöffengericht zu Adorf K. zu 60 Mark Geldstrafe und in die Kosten, welches Erkenntniß auf anderweit eingelegte Berufung vom

königl. Landgerichte zu Plauen volle Bestätigung fand. Möge dieser Fall allen denen, welche bei Gelegenheit von Bränden besonders der Feuerwehr gern Schwierig­keiten bereiten, zur Warnung dienen.

Das Bezirks-Kommando in Erfurt hat am vorigen Sonntag den Versuch gemacht, die Ueberbringung der Gestellungsbefehle im Landkreis Erfurt durch Radfahrer bewirken zu lassen. Es hatten sich dem Bezirks- Kommando elf ältere hiesige Radfahrer freiwillig zur Verfügung gestellt. Sie empfingen die Gestellungsbe­fehle in Blechbüchsen, die an den Rädern befestigt wurden, und befuhren in raschem Tempo die 43 Ortschaften. Die am weitesten entlegenen Ortschaften, wie Mühlhausen, Wandersleben und Röhrensee wurden in 1 Stunde 30 Minuten erreicht. Die jeweiligen Ortsschulzen stellten den Boten Empfangsbescheinigungen aus und mobilisierten dann alle diejenigen Mannschaften, die überhaupt an den Frühjahrs-Kontrolleu theilzunehmcn haben. Binnen kaum 20 Minuten standen die Leute sämmtlich auf dem Platz.

Eine Privatmeldung aus Posen an diePost" be­sagt, daß 150 deutsche Fabrikmeister, welche die Kennt­niß der russischen und polnischen Sprache nicht Nach­weisen konnten, am Mittwoch Befehl erhalten hätten, Lodz und das russische Gebiet zu verlassen. Die Fabrik­besitzer seien aufgefordert worden, die Ausführung der Maßregel unter eigener Verantwortung zu überwachen. In den nächsten Tagen solle eine Verfügung des Gencralgouverueurs Gurko veröffentlich werden, daß an Fabriken und industriellen Etablissements als Meister und Untermeister russische oder ausländische Unterthanen nur in dem Fall angestellt werden dürfen, wenn sie der russischen oder polnischen Sprache mächtig sind. Vom Ausland sollen fortan Meister und Techniker nur mit ausdrücklicher Genehmigung des General-Gouverneurs und zwar höchstens auf zwei Jahre verschrieben werden können, wenn solches zur Belehrung der dortigen Arbeiter nothwendig erscheint.

Gießen, 16. April. Auf entsetzliche Weise kam gestern die Frau des Restaurateurs Riegelmann hierselbst ums Leben. Dieselbe war am Nachmittag in bet Küche am Heerdfeuer beschäftigt und stieß bei einer nach oben gerichteten Bewegung unglücklicherweise an die in der Nähe des Herdes an der Decke hängende Petroleumlampe, wodurch das gefüllte Oelbassin herausfiel, die unglückliche Frau über und über mit Petroleum begoß, dann auf den Herd stürzte und zersprang. Im Nu stand das Petroleum in Flammen und zugleich auch Frau Riegel- mann, die eine förmliche Fcucrsäule bildete. Die Haus­bewohner sprangen herbei und suchten die Flammen zu ersticken, doch hatte die unglückliche Frau bereits so arge Brandwunden erlitten, daß sie nach wenigen Stunden starb.

Ausland.

Brüssel, 14. April. Fünftausend Manifestanten durchzogen gestern Abend, das allgemeine Stimmrecht fordernd, die Straßen der Stadt, zertrümmerten in mehreren Cafss und Magazinen die Fenster und gc« biethen schließlich mit der Polizei an eiueinber, die mit blanker Waffe vorging. Bei dem Kampf wurden mehrere Manifestanten und ein Polizeioffizier schwer verwundet, die Menge wurde zuletzt durch eine Abtheilung bet berittenen Bürgergarde zerstreut. Eine größere Anzahl Personen, darunter 3 Sozialistensührcr wurden verhaftet.

London, 15. April. Einer Depesche derTimes" aus Zanzibar zufolge trafen Briefe des Sohnes Tippo Tip's ein, welche den im Kampfe mit Eingeborenen er­folgten Tod Emin Pascha's und seiner Leute bestätigen.

Belgrad, 14. April. König Alexander ließ in der vergangenen Nacht die Regenten verhaften und theilte ihnen mit, daß er sich für großjährig erkläre. Er er­nannte sofort ein neues Ministerium unter dem Vorsitz Dokics. Die Truppen, welche konsigniert sind, haben dem König den Eid der Treue geleistet. Die Häuser der Regenten und Minister sind umstellt.

Lokales und Provinzielles.

Schlächtern, 18. April.

* Falb's krit ischer Tag, der als einer der be­deutendsten dieses Jahres mit der am vorigen Sonntag stattgchabten totalen Sonnenfiusterniß zusammentreffen sollte, ist in unserer Gegend spurlos vorübergegangen. Nur eine ganz unwesentliche Verschiebung der Lustdruck­verhältnisse, sowie eine Veränderung in der Windrichtung und Bewölkung hat sich bemerkbar gemacht.