WüchternerZitung
Erscheint Mittwoch u.' Samstag — Preis mit „Kreisblatt" n. „Jllustrirtem Familienfreund" vicrteljührl. 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg
Samstag, den 25. Februar
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Der Bund der Landwirthe.
Eine große landwirchschaftliche Bewegung ist zur Zeit im Entstehen und Wachsen begriffen. Die Aussicht auf den Abschluß eines Zoll- und Handelsvertrages mit Rußland hat die landwirthschaftlichen Kreise beunruhigt. Die Herabsetzung der landwirthschaftlichen Zölle wird als eine hohe Gefahr für die deutsche Land- wirthschaft bezeichnet. In Berlin k o n z e n t r i r t sich gegenwärtig die Bewegung, welche ohne allen Zweifel aus thatsächlich vorhandenen Mißstimmungen herausgewachsen und keineswegs künstlich erzeugt ist. Wenn die landwirthschaftlichen Centralvereine zusammentreten, wenn auch der deutsche Landwirthschaftsrath einen Kongreß abhält und wenn sich ein Bund der deutschen Land Wirthe bildet, so sind das Zeichen dafür, daß die Landwirthschaft sich rührt, um eine Bevorzugung der Industrie zu hintertreiben. Das ist ihr gutes Recht. Ob die Mittel, die man hier und dort wählt, richtig sind, ist eine andere Frage. Liberale und demokratische Blätter pflegen den Bauernstand so geringschätzig und verächtlich zu behandeln, daß es gär nichts schaden kann, wenn die Thatsache, daß die land- w i r t h s ch a f t l k ch e Wählerschaft vorher r s ch t und sich nötigenfalls Beachtung erzwingen kann, allgemein in Erinnerung gebracht wird. Die wohlthätige Wirkung wird nicht ausbleiben. Caprivi sowohl wie Bötticher haben die N o t h l a g e der Landwirthschaft anerkannt. Capuvi hat auch bezüglich der Dauerhaftigkeit der gegenwärtigen Getreidezölle beruhigende Erklärungen abgegeben. Der seßhafte, konservative Bauernstand ist der unerschütterte Fels mitten in den Strömungen einer gährenden Zeit. Nur wer diesen Fels behütet, nicht wer ihn abbröckelt, ist ein wahrer Freund der Staats- und Gesellschaftsordnung. Graf Eaprivi hob im Reichstage seine Verdienste um die Festlegung des Kornzolles aus Mk. 3,50 hervor. Caprivi meinte zwar, daß bie Kornzölle ein schweres Opfer für das Land seien, und daß die Landwirthschaft dankbar sein müsse, wenn für sie dies Opfer gebracht weide. Das gibt aber ein unrichtiges Bild der Wechselbeziehungen zwischen den beiden großen Erwerbsständen im Lande; denn die landbautreibende Bevölkerung bringt auch Opfer für die Industrie, indem sie die durch die Schutzzoll-Politik verheuerten Industrie- waaren k anst und kaufen in u ß und somit die Last der Jndnstriezvlle mit trügt.-----
Von dem am vorigen Sonnabend in Berlin gegründeten Bund der Land w i r t h e ist außer den Satzungen noch nachstehendes Programm einstimmig angenommen worden:
„Die deutsche Landwirthschaft'ist das erste und bedeutendste Gewerbe, die festeste Stütze des Reichs und der Einzelstaaten. Dieselbe zu schützen und zu kräftigen, ist unsere erste und ernsteste Aufgabe, weil durch das Blühen und Gedeihen der Landwirthschaft die Wohlfahrt aller anderen Berufszweige gesichert ist. Wir fordern daher 1. genügenden Zollschutz für die Erzeugnisse der Landwirthschaft und deren Neben- geiverbe, 2. deshalb keinerlei Ermäßigung der bestehenden Zölle, keine Handelsverträge mit Rußland und anderen Ländern, welche die Herabsetzung der deutschen landwirthschaftlichen Zölle zur Folge haben, und eine entsprechende Regelung unseres Verhältnisses zu Amerika. 3. Schonung der landwirthschaftlichen. besonders der bäuerlichen Ncbcngcwerbc in steuerlicher Beziehung. 4. Absperrung der Vicheinfuhr aus seuchenverdächtigen Ländern. 5. Einführung der Doppelwährung als wirksamsten Schutz gegen den Rückgang des Preises der landwirthschaftlichen Erzeugnisse. 6. Gesetzlich (geregelte Vertretung der Landwirthschaft durch Bildung von Landwirthschaftskammern. 7. Anderweitige Regelung der Gesetzgebung über den Unterstützungswohnsitz, die Freizügigkeit und den Kontraktbruch der Arbeiter. 8. Revision der Arbeitcrschutzgcsetzgcbung, Beseitigung des Marken- zivangs und Verbilligung der Verwaltung. 9. Schärfere staatliche Beaufsichtigung der Produktenbörse, um eine willkürliche, Landwirthschaft und Konsum gleichmäßig schädigende Preisbildung zu verhindern. 10, Ausbildung des privaten und öffentlichen Rechts, auch der Verschuldungsformen des Grundbesitzes und der Heim- stättcngcsetzgcbung auf Grundlage des deutschen Rechtsbewußtseins, damit den Interessen von Grundbesitz und Landwirthschaft besser wie bisher genügt wird.
Deutsches Reich.
Berlin. Das ftArmce-Verordnungsblatt' veröffentlicht eine kaiserliche Kabinettsordre, in der bestimmt wird, daß das achte, vierzehnte und sechzehnte Armeekorps im bevorstehenden Sommer vor dem Kaiser Manöver abhalten. Jedes Armeekorps hat für sich eine große Parade.
— Seit dem Erlaß des Ausicdeluugsgesetzcs sind nahezu 1200 Ansiedler seßhaft geworden; 453 stammen aus Westpreußen und Posen, 639 aus dem übrigen Deutschland, 1036 waren evangelisch, 110 katholisch.
— 20. Februar. In der heutigen Generalversammlung des Deutschen Bauernbundes hat der Vorsitzende Ploetz mitgetheilt, er sei vom Ausschuß zu der Erklärung ermächtigt, daß der Deutsche Bauernbuud bereit sei, seine Auflösung nusznsprechcn und mit seinen 40,000 Mitgliedern und seinem Kapitalvermögen dem Bund der Landwirthe beizntretcn, wenn es auch diesem Bunde möglich sei, den Mitgliedern wirthschaftliche Vortheile zu gewähren, wie dies im Bauernbuud der Fall gewesen sei. Eine später stattfiudcnde Generalversammlung werde darüber beschließen. Darauf folgte eine Besprechung der politischen Lage und des konservativen Programmes. Thuengen wird Beschlußfassung gegen den russischen Handelsvertrag beantragen.
— Der bekannte Berliner Bankier Gerson von Bleichroeder ist am Sonntag Nachmittag gestorben. Bleichroeder war am 22. Dezember 1822 geboren, er begründete den Weltruf des Bankhauses S. Bleichroeder .und nahm ii. A. in hervorragender Weise an den Verhandlungen über die im Jahre 1871 von Frankreich zu zahlende Kriegsentschädigung Theil. Er war bekanntlich auch des Fürsten Bismark Vertrauensmann in allen Fiuanzsachcn.
— Nach den vorläufigen Ermittelungen der Ergebnisse der Viehzählung vom 1. Dezember 1892 für den preußischen Staat sowie die Fürftenthümer Waldeck und Pyrmont haben die viehbesitzenden Haushaltungen eine Vermehrung um 169,549 oder 5,42 Prozent gegen 1883 aufzuwciscn, d. h. fast die gleiche wie von 1873 auf 1883, wo sie um 5,68 Prozent stiegen. Es betrug die Gesammtzahl der Pferde 2,647,488 (das bedeutet von 1867 bis 1892 eine Vermehrung um 13,08 Prozent), die Zahl der Maulthiere und Maulesel 247 (gegen 1867 eine Verminderung um 66,93 Prozent) der Esel 4284 (gegen 1867 eine Verminderung um 52,7 7 Prozent), der Rinder 9,850,960 (eine Vermehrung um 22,77 Prozent) der Schafe 10,092,568 (eine Verminderung um 54,75 Prozent), der Schweine 7,704,354 (eine Vermehrung um 57,58 Prozent), der Ziegen 1,953,748 (eine Vermehrung um 44,97 Prozent), der Bienenstöcke 1,249,500 (eine Verminderung um 4,82 Prozent).
In München macht die Bestrafung zweier unbescholtener Mädchen mit Polizeihaft wegen Tauzens Aufsehen. Artikel 56 des P.-St.-G.-B. für Bayern bestimmt, daß Sonntagsschulpflichtige, welche „öffentliche" Tanzunterhaltungen besuchen, auch dann straffällig sind, wenn sie die Erlaubniß ihrer Eltern hierzu erhalten haben. Die Strafe betrügt bis zu sechs Tagen Haft. Auf Grund dieser Bestimmung sind nun vor einiger Zeit zwei Mädchen, 14 und 15 Jahre alt, aus anständiger Familie, welche einen „Hansball" in Begleitung ihrer Eltern besucht hatten, mit Polizeihaft bestraft. Die Mädchen wurden in eine Zelle gebracht, in der sich drei Dirnen befanden. Die Münchener Presse fordert mit Entschiedenheit die Aufhebung jener Bestimmung des bayerischen Polizei-Strafgesetzbuches.
Die Untersuchung in Sachen des geöffneten Sarges in der v. Ammon'schen Familiengruft in Büyrenth hat ergeben, daß von einer lebendig Begrabenen nicht die Rede sein kann. Beim Oeffnen der Gruft fand sich zwar der Deckel vom Sarg entfernt, allein das Skelett lag im Sarg; man nimmt an, daß der Sargdeckel dadurch vom Sarg gerutscht ist, daß an einer Seite die Füße des Sarges abgefault waren, wodurch der lose aufliegende Deckel abrutschen mußte.
Koburg, 18. Februar. Folgendes Vermächtnis hat der vor einigen Tagen hier verstorbene Herr Justizrath Otto, Vorsitzender der Koburger Handelskammer, hinterlassen. Er hat bestimmt, daß sein Rittergut in dem
11. Möglichste Entlastung der ländlichen Organe der Selbstverwaltung."
benachbarten Schcuerfeld sammt allen Gebäuden in das unbeschränkte Eigenthum der Gemeinde übergehen soll, und dabei den Wunsch. ausgesprochen, daß das Herren- gcbüude künftig eine Pfarrwohnung werde.
Gothi, 21. Februar. In der hiesigen Flur sind jetzt schon junge Hasen gesehen worden. Das ist eine große Seltenheit um die jetzige Jahreszeit. —• Einen Begriff von dem Umfang der größten deutschen Stammzüchterei der großen weißen Vollblutschweine der Domäne Friedrichswerth bei Gotha erhält man, wenn man erfährt, daß der jährliche Absatz ca. 3000 Schweine beträgt. Vom 1. Januar bis Weihnachten 1889 wurden 2738 Stück verkauft, darunter 350 Eber, 365 Sauen, 1015 Ferkel zur Mast und 108 fette Schweine. Der stetige Bestand ist etwa 1000 Stück. Zu früher erworbenen Preisen hat der Züchter, Herr Meyer, im letzten Jahr in Königsberg i. Pr. auf 31 ausgestellte Tiere 20 Preise, darunter 9 erste, erhalten.
Mit einem Paar nagelneuer Stiefeletten in der Hand trat dieser Tage Abends in Naumburg ein Handwerksbursche an einen Polizei-Sergeanten heran und meldete, daß er die Stiefeletten hier gestohlen habe. Jedenfalls ist dem Burschen nur an einem Unterkommen gelegen gewesen, welcher Wunsch ihm denn auch erfüllt wurde.
In Schwarz» bei Meiningen wurde ein Handwerks- bursche verhaftet, der nicht weniger als 15 Arbeitsbücher auf verschiedene Gewerbe, immer auf einen anderen Namen lautend, bei sich trug, des Weiteren fand man bei ihm noch eine Anzahl Druckformulare, vorschriftsmäßig abgcsicmpelte Zeugnisse zur Auswahl und eine größere Menge nachgemachter Stempel.
$ tibor, 17. Februar. Wie vor einiger Zeit berichtet, hatte das Reichsgericht ein Urtheil der hiesigen Strafkammer gegen den kranken Musikus Grochowina aufgehoben, der einem Genossen in dessen Abwesenheit ins Bier gespieen und sich seiner That gerühmt hatte, als jener das Bier getrunken. Die Strafkammer hatte den G. auf Grund des Nahrungsmittelgesetzes (§ 12) zu 1 Jahr Gefängniß verurteilt, weil G. durch seine Handlungsweise ein menschliches Genußmittel gesundheitsschädlich gemacht habe. In der vom Reichsgericht zugleich mit der Aufhebung dieses Urtheils veranlaßten neuen Verhandlung vor der hiesigen Strafkammer wurde G. wiederum zu 1 Jahr Gefängniß und 2 Jahren Ehrverlust verurteilt, weil er sich nach Ansicht des Gerichtshofes einer Körperverletzung mittelst einer das Leben gefährdenden Behandlung schuldig gemacht, da der durch KrankheitS- stoff infüirte Speichel des G. nach dem Gutachten des Arztes wohl geeignet war, die Gesundheit zu stören und ein Siechthum hervorzurufen.
Aus dem Kreise Höxter, 18. Februar. Ueber die Gefahr, die bei der Behandlung von mit Maul- und Klauenseuche behafteten Thieren für Menschen besteht, wird durch Nachstehendes ein neuer Beleg geliefert. Bei dem Besitzer Ph. in Drenkfurt herrschte unter dem Rindvieh die Seuche. Trotzdem wurden die Thiere gemolken und die Milch auch in der Wirthschaft verbraucht. Bald stellte sich heraus, daß die Magd, der das Melken oblag, an Händen und Zehen von Haut- ausschlag befallen wurde und ebenso wie ber. Kuh- fälterer ärztlich behandelt werden mußte. Der Besitzer, der von einer Uebertragbarteit - der Krankheit auf Menschen nichts wissen wollte, hatte ant seine Kinder unbeanstandet von der frischen Milch trinken unb. sich in dem Stalle aufhalten lassen. Alsbald trat auch bei den Kleinen ein frieselartiger Hautausschlag über den ganzen Körper zu Tage, der nach ärztlichem Gutachten auf eine innerliche Ansteckung zurückzuführen ist. Die Kinder liegen derartig schwer darnieder, daß ihre Wiederherstellung noch zweifelhaft erscheint.
Einen grausigen Fang hat dieser Tage ein Fischer in Trier, der seine Netze aus der Mosel ziehen wollte, gemacht. Das außergewöhnlich schwere Netz konnte nur mit fremder Hülfe in den Nachen gebracht werden, wo man dann die Leiche eines seit mehreren Tagen vermißten Gefreiten des 20. Jns>Negiments aus den Maschen wickelte.
Ausland.
Italien. Zur Jubelmesse des Papstes füllten nach einer Privaidcpesche der „Franks. Ztg." am Sonntag den 19. b. M. 80,000 Menschen die Peterskirche in Roms über 20,000 drängten sich aus dem Platze, ohne