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Mittwoch, den 15. Februar
Deutsches Reich.
Berlin. S. M. der Kaiser hat am Sonnabend dein Fürsten Stolberg-Wernigerode einen längeren Besuch abgeplattet, der mit der in Aussicht genommenen Wahl des Fürsten zum Präsidenten des Herrenhauses an Stelle des verstorbenen Herzogs von Ratibor in Zusammenhang gebracht wird.
— Die Abreise des Kaisers nach Wilhelmshaven wird am Mittwoch Abend erfolgen. In der Begleitung des Monarchen wird sich Prinz Heinrich befinden. Soweit bis jetzt bekannt, gedenkt der Kaiser bis zum 18. Februar in Wilhelmshaven zu bleiben und hierauf über Oldenburg nach Berlin zurückzukehren.
— Es ist wiederholt vorgekommen, daß die russische Presse neuerdings Deutschland gegenüber einen friedlicheren Ton anzuschlagen beliebt. Es liegt auf der Hand, daß diese veränderte Haltung ihre besonderen Gründe haben muß, und die „Kölnische Zeitung ist nunmehr auch in der Lage, mitzutheilen, was in ein» geweihten Petersburger Kreisen darüber verlautet. Während nämlich die französischen Gewehrfabriken im Lauf des Sommers 500 000 neue Gewehre ab geliefert haben, haben die russischen Fabriken vollständig versagt. Es sei Thatsache, daß die Gewehre von den Fabriken in Scstroojetzk und Rschewsk bisher ausnahmslos durch die Abnahmekommission zurückgewiesen wurden. Im russischen Kriegsministerium sei man geradezu entsetzt über diese Verhältnisse. Wenn heute alle Uebelstände in den russischen Gewehrfabriken eingestellt würden, dürften bis zur allgemeinen Bewaffnung mit dem neuen Gewehr mindestens noch 3—4 Jahre vergehen. Das wären ebenso viele Jahre ungestörten Friedens, für welche die ganze Welt der russischen Wirthschaft zu aufrichtigem Dank verpflichtet wäre.
— 12. Februar. Der Mörder der am 1. d. Mts. in ihrer Wohnung in der Gerichtsstraße erschlagen aufgefundenen Frau Leschonsky und deren zweijährigen Knaben ist heute Vormittag in der Person des sechszehn- jährigen Arbeitsburschen Paul Schmidt verhaftet worden. Schmidt ist geständig, man fand bei ihm noch die der Ermordeten geraubte Uhr nebst Kette.
— Der berühmte Choleraforscher Pettenkofer ist der Meinung, daß ein rasches Abschwellen der Eismassen, ein turbulent dahin stürmendes Hochwasser geeignet wäre, die Flüsse und Bäche mit ihren träge bewahrten Ansteckungsstosfen gründlich zu desinfizieren, von aller üblen Zuthat zu befreien. In rasendem Laufe wirbelten sie dann fort, jene ungezählten Träger und Erreger der furchtbaren Krankheit, und sänken, fern von unseren Gauen, auf den tiefsten Grund des Meeres.
Bremen, 11. Febr. An Bord des Dampfers des Norddeutschen Lloyd „Cöln' sind während des Aufenthaltes desselben in Santos Erkrankungen am gelben Fieber vorgekommen; in Folge desselben sind gestorben: Der erste Offizier Moeller, der erste Maschinist Roth, der zweite Maschinist Wesscls, der Arzt Hofstetter, der Bäcker Funke und der Matrose Dornemann. Weitere fünf Mann der Besatzung sind krank im Hospital in Santos zurückgeblieben. Der Dampfer „Cöln" hat inzwischen die Rückreise über Rio und Bahia nach Bremen angetreten. Die übrigen brasilianischen Häfen sind fieberfrei. Der Norddeutsche Lloyd hat bekanntlich seine Fahrten nach Santos eingestellt.
Hannover, 12. Februar. Heute Nachmittag 2 Uhr betrat in dem Augenblicke ein Unbekannter das Denhardsche Uhrengeschäft, als der Geschäftsinhaber gerade im Begriffe stand, die Rollläden herabzulassen. Das hierbei verursachte Geräusch sich zu Nutze machend, feuerte der Eindringling drei Revolverschüsse auf den Geschäftsinhaber ab, der zwar erheblich verletzt wurde, doch noch soviel Kraft besaß, seinerseits den zur Hand liegenden Revolver aus dem Kasten zu nehmen ' und auf den Räuber zu schießen, der, gerade vor die Stirn getroffen, zusammenbrach, aber noch lebend forttrans- portirt wurde. Das Geschäftslokal befindet sich im allerbelebtesten Stadttheile in der Nähe der Georgstraße bei der Ständehausstraße.
Halle, G Februar. In der „Deutschen inedizinischrn Wochenschrift" macht der hiesige Kreisphysikus Dr. Ficlitz einige Mittheilungen von Interesse über die Cholera in Nietleben. Danach sind im letzten Sommer und Spätherbst in der Nietlebener Anstalt häufig Darmkatarrhc vorgekommen. Der letzte kam erst im Januar d. Js. zur Heilung. Die Cholera trat plötzlich und explösions- '
erwerben, wenn sie sich Wasser-Proben aus den zuständigen Orten zur Untersuchung kommen ließen und nicht zu hohe Preise aus ihre Bemühungen setzten. Es ist mitunter grauenhaft, wie es mit dem Trinkwasser auf dem Lande zugeht, wie oft Düngergruben und andere ekelhafte Typhusquellen unmittelbar neben der Stelle sich befinden, wo das Wasser für Mensch und Vieh geholt wird. Nun sollte zwar jeder Hausvater dies wissen, aber die Deutschen sind nun einmal daran gewöhnt, daß die hohe Obrigkeit für sie denkt und sorgt. Auch die Gemeindebrunnen müssen von den Ortsvorständen überwacht werden. Der Gensdarm thuts in diesem Punkt zumeist allein; auch ist diesen Organen der Staatsgewalt nicht zuzumuthen, daß sie überall das Wasser probieren; es ist schon genug, wenn sie das saure, abgestandene Bier nicht dulden!
In Leipzig ist durch den Leichtsinn eines inzwischen verhafteten Leipziger Weinhändlers eine Feuers- brunst entstanden, durch welche sechs Menschen ums Leben gekommen sind. Mehrere erlitten zum Theil schwere Verletzungen.
In einem Dorfe bei Schkeuditz hat ein Ockonom bei einem anläßlich seines Geburtstages abgehaltenen „Hascnschmause" seinen Gästen statt des saftigen Hasenbratens das Fleisch von Katzen vorgesetzt. Nach Schluß des Mahles machte er die „Festesser" mit dieser Thatsache bekannt, begegnete aber ungläubigen Gesichtern und holte darauf zur Bekräftigung die frisch abgezogenen Felle der Katzen herbei. Unter den Zeichen stärksten Ekels sind hierauf einige Theilnehmer nicht unbedenklich erkrankt, sodaß Anzeige erstattet worden ist.
Hirschberg, 8. Februar. Der Kreistag bewilligte 1000 M. als Prämien für getödtete Kreuzottern. Im letzten Sommer sind im Kreise gegen 3500 Stück Kreuzottern getödtet und mit je 50 Pfennig bezahlt worden. Im nächsten Sommer soll die Prämie auf nur 25 Pfennig herabgesetzt werden.
„Wer Lohn verdient, der soll ihn erhalten." Unter diesem Motto hat sich eine Gewehrfabrik in Suhl an viele Blätter mit dem Ansuchen gewandt, Inserate für sie aufzunehmen, die später mit 5 Proz. aus dem infolge der Anzeigen erzielten Verkauf von Gewehren honoriert werden sollen. Auf diesen „verlockenden" Antrag hat nun ein Blatt folgenden Gegenvorschlag an die Fabrik gelangen lassen: Den Verleger habe in Folge der Zuschrift der Gewehrfabrik eine unwiderstehliche Lust
I artig in die Erscheinung. Der erste vereinzelte Fall ! kam am 14. Januar vor. Bereits am 15. wurden ! sechs Erkrankungen beobachtet und am 16. und 17. kamen je 9 neue Erkrankungen hinzu. Insgesammt sind vom 14. bis 29. Januar 113 Erkrankungen vor- gekommen, von denen 44 tödtlich endeten. Wie und wann der Cholerakeim in die Anstalt eingeschleppt wurde, hat sich mit Sicherheit nicht feststellen lassen. Die Annahme, er sei in der Anstalt selbst entstanden, die Professor Arndt in Greifswald verfochten hat, sei zurück- zuweisen. Unzweifelhaft ist der Träger des Cholera- keims das Trinkwasser. Dafür sprach das explosionsartige Auftreten der Seuche. Vollends sicher aber wurde diese Auffassung dadurch, daß im filterirtenLeitungswasscr der Nietleber Anstalt Cholera-Bakterien nachgewiesen wurden. Diesem Nachweis entspricht es auch, daß nach Sperrung der Nietlebener Wasserleitung die Cholera rapid Mahm. Vcrmnthungsweise bringt Dr. Fielitz die Verseuchung der Saale mit den Nietleber Rieselfeldern in Verbindung Er glaubt, daß von ihnen her zur Zeit, als die Rieselfelder eingefroren waren, Cholera- bakterien in die Saale gelangten, und zwar, was verhängnißvoll wurde, an einer Stelle, die fünfzig Meter oberhalb der Wasser-Entnahme liegt. Die Cholerafälle von Troiba und Wettin betreffen Personen, welche verseuchtes Snalewnsser getrunken haben.
Aus Thöringen. Nachdem die Vorgänge im Niet- lebener Irrenhaus und Umgegend unwiderleglich bewiesen haben, daß nur das Wasser, und zwar das Trinkwasser Schuld hat an der Verbreitung der Cholera, möchten doch unsere Behörden ihre Physikatsärzte auf die Untersuchung der Trinkwässer in Stadt und Land energisch Hinweisen, noch ehe der Frühling und Sommer kommt, die die Verbreitung der Seuche noch wahrscheinlicher mit sich bringen. Man deckt zwar den Brunnen in der Regel erst dann zu, wenn jemand hineingefallen ist, aber wo es sich um das Leben von Tausenden handelt, würden die Aerzte und Chemiker sich ein großes Verdienst'
angewandelt, sich in den Besitz eines Jagdgewehres z" setzen, obgleich er kein Nimrod sei. Die Fabrik mög^ ihm ein solches sofort zustellen. Der Kaufpreis für die Waffe solle dann in der Weise gedeckt werden, das aus dem Verkauf eines jeden mit dem Gewehr erlegten Hasen die Waffenfabrik 5 Proz. erhalte, bis die ganze Summe gedeckt sei. Der Verleger hat aber in Bezug auf sein Gegenanerbieten noch keinen „Treffer" gehabt; denn die Fabrik hat sich in tiefes Schweigen gehüllt.
Vor einiger Zeit, als die Kälte noch ihr strenges Regiment führte, wußte in Eilenburg ein Kind ein anderes zu bewegen, mit der Zunge an einem eisernen Gaslaterucnständer zu lecken. Die Zunge blieb kleben und es kostete viele Mühe, das Kind loszubekommen. Dabei wurden Theile der Zunge, hauptsächlich die Zungenbänder, stark beschädigt und das Kind mußte nach Leipzig in ärztliche Behandlung gebracht werden. Es ist aber dort den Verletzungen erlegen und in diesen Tagen beerdigt worden.
Eine nette Geschichte ist einem Bienenzüchter in Uufinden bei Haßfnrth passiert. Wegen der argen Kälte hatte er seine Bienenstöcke in's warme Zimmer gestellt. Plötzlich holte ihn ein Bote aus dem Wirthshaus mit der Meldung: „Die Bienen seien ausgeschwärmt."
In Anbetracht des Kampfes der Konfessionen, der im Königreich Bayern um die in Mischehen tretenden Personen geführt wird, ist die Thatsache interessant, daß im vergangenen Jahr im Ganzen 2248 Mischehen in Bayern geschlossen worden sind, von denen 1202 protestantisch und 1046 katholisch eingesegnet wurden.
Bayreuth, 12. Februar. Das hier verbreitete Gerücht, vor mehreren Jahren sei eine hiesige Dame als todt beerdigt worden, obwohl sie nur schein todt gewesen sei, findet durch die „Oberfränkische Ztg." eine Bestätigung, Das Blatt schreibt, daß man beim Oessnen einer Gruft den im Jahre 1878 beigeren Sarg geöffnet und den Deckel an der Seite liegend gefunden habe. Quer über Sarg und Deckel habe das Skelett gelegen. Die Staatsanwaltschaft habe sich sofort der Angelegenheit bemächtigt und eine Untersuchung ungeordnet. Die als scheüttodt Beerdigte war eine Frau v. Ammon.
Mainz, 7. Februar. Die hiesigen Brieftauben werden in diesem Jahre zu einem Fliegen ab Italien abgerichtet. Der Flug wird in Gemeinschaft mit dem Frankfurter Verein veranstaltet.
Ausland.
LeitAeritz, 10. Februar. In den Elbgegenden herrschen sehr starke Besorgnisse über den bevorstehenden Eisgang. Von Herrnskretschen bis Tetscheu sind im Flußbette haushohe Eismassen aufgethürmt, die plötzlich in Bewegung gesetzt, jedes Hinderniß zermalmen und eine der bedeutendsten Ueberschwemmungen zu Folge haben würden.
Pkst 8. Febr. In Ungvar sind trotz der furchtbaren Kälte Militärmanöver abgehalten worden. Vielen Soldaten erfroren die Nase, die Ohren und Füße Rittmeister Wegberg stürzte nach dem Einrücken todt vom Pferde.
Frankreich. Das Urtheil gegen die Leiter der Panamagesellschast, durch welches der alte Ferdinand von Lesseps und sein Sohn Karl wegen Betrugs und Vcrtrauensmißbrauchs zu fünf Jahren Gefängniß, die übrigen Verwaltungsräthe, u. a. Eifel der Erbauer des Eifel- Thurmes, zu zwei Jahren Gefängniß verurtheilt worden h/? in Paris gewaltiges Aufsehen, aber auch ein Gefühl der Genugthuung über die Handhabung der Juftiz hervorgerufen. Der Gerichtshof hat durch die Verhandlungen den Beweis für gebracht angesehen, daß die Leiter der Compagnie die tolle Wirthschaft, durch welche^ Hunderttausende von kleinen Leuten ihr Geld einbüßten, gekannt und zugelassen haben, und somit war die Verurtheilung selbstverständlich. Der Erbauer des Suezkanals, welcher die höchsten Orden aller europäischen Staaten besitzt und in den letzten Lebensjahren Kaiser Wilhelms 1. auch am Berliner Hofe empfangen wurde, wird allerdings wohl kaum seine Ge- füngnißstrafe antreten. Sein Zustand ist ein derartiger, daß man ihn schon vom Erscheinen vor Gericht dispensirt hatte, und es wird auch nicht möglich sein, ihn in's Gefängniß zu bringen. Die Tage des greisen Mannes sind zweifellos gezählt, und nach einem Lebeu voller Ruhm und Ehre wird er nun als Ehrloser aus der Welt scheiden.