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ZchluchternerMtung

Erscheint Mittwoch u. Samstag Preis mitKreisblatl" u.Illustrirtem Familienfreund" vierteljährl. 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg

M 12. Samstag, den 11. Februar 1893.

Die Sozialistenvebatte.

Die sozialdemokratische Partei hat in den letzten Tagen im Reichstage eine Niederlage erlitten, so gründ lich, wie ihr wenige wiederfahren sind. Wunderlich genug entspann sich die Debatte über den sozialdemo- kratischen Zukunftsstaat bei dem Etat des Reichsamtes des Innern. Der Abg. Bebel wollte die Gelegenheit benutzen, um abermals den Nothstand unter den Arbeitern der Großstädte aufzubauschen, verlor sich dabei nach gewohnter Weise ins Allgemeine dieser Gesellschafts­ordnung und rief so eine Generalabrechung der anderen Parteien mit dem sozialdemokratischen Treiben hervor.

Die Bedeutung dieser Debatten sehen wir vor Allem darin, daß die Redner sämmtlicher Parteien ihre politischen Meinungsverschiedenheiten fast ganz zurück­treten ließen unb vereint den kommunistischen Wahn- gebilden zu Leibe gingen. Ferner ober hat sich die Verlegenheit der Sozialdemokraten, auf die Frage, wie sie sich die Verwirklichung ihrer Lehren denken, eine halbwegs befriedigende Antwort zu geben, wohl noch niemals so armselig enthüllt.

Nach den Aeußerungen der Sozialdemokraten soll ihr Z^kunftsstant vor der Thüre stehen. Nach Bebel soll sich der Zeitpunkt mit fast mathematischer Genauigkeit vorherbeslimmen lassen, wann die Sozialdemokratie die Macht an sich reißen werde. Noch vor dem Ausgange des Jahrhunderts soll es geschehen, nach einem der Propheten im Jahre 1898. Bebel hat früher behauptet, daß der Plan des Zukunftsstaates noch vor seiner Ver­wirklichung in allen Theilen klar ausgearbeitet sein müsse. Es ist also höchste Zeit, daß man erfährt, wie es ge­macht werden soll.Heraus mit Eurem Flederwisch! Wie soll die kommunistische Riesenmaschinerie, wenn die gesammte Produkiion Gemeinbesitz geworden ist, ver­walket werden? Wie werden die verschiedenen Posten der Werkleiter, Techniker rc. besetzt und wer besetzt sie, wenn jede Autorität, die der Obrigkeit, des Alters, des . Meisters, ja selbst auch der Eltern abgeschafft ist?'Wer bestimmt darüber, wie das Arbeitsangebot hier durch die Arbeitsnachfrage dort ausgeglichen wird, wenn Jeder nur zu thun braucht, was ihm am besten paßt? ^Wer sorgt dafür, daß das vielgerühmte Gleichgewicht zwischen Gütermenge und Güterverbranch aufrecht erhalten wird, wenn große Naturereignisse alle Berechnungen über den Haufen werfen? Wo ist der Plan für die Vertheilung der verschiedenen Thätigkeiten, insbesondere auch der niedrigen und widrigen?

Die Antwort, die heute darauf erfolgt, ist das reine Nichts. Heute sagt Bebel mit Liebknecht, daß es thöricht und beschränkt sei, so zu fragen: denn das Alles sei ja Sache derEntwickelung." DieEntwickelung" ist dasselbe Fabelwesen, wie dieGesellschaft", die an Stelle des Staates treten soll, die Alles macht und Alles kann, die namentlich auch die sündigen, von mancherlei Widerstreitenden Interessen und Begierden beherrschten Erdeukinder in lauter cugclSgute Wesen zu verwandeln vermag. Sehr treffend sagte der Abg. Richter:Wenn dieJungen" sagen, bei dem ewigen Parlamentiren kommt nichts heraus, dann suchen Sie zu beschwichtigen, indem Sie, wie Bebel 1891, in Versammlungen sagen: Die Katastrophe steht vor der Thür, der große Kladderadatsch wird rascher eintreten, als irgend einer denkt." Wenn Sie, aber aufgefordert werden, Ihre Pläne der wissenschaftlichen oder parlamentarischen Kritik zu unterbreiten, wo Sie keine Rücksicht zu nehmen brauchen auf dieJungen", dann verstecken Sie sich." Ebenso berechtigt war die Frage des Abg. Stöcker, warum denn Bebel seine SchriftDie Frau", in der der Zukunftsstaat in den blühendsten Farben als ein Himmel auf Erden geschildert ist, immer wieder drucken lasse, wenn es jetzt thöricht sein soll, nach dem Zukunfts­staat zu fragen, und wenn die Sozialdemokraten be= kennen, nichts darüber zu wissen.Wissenschaftlich" verleugnet man das Ding, agitatorisch wird es als Trug für die Massen ausgebeutet.

Einzelne wenige sozialdemokratische Köpfe außerhalb der parlamentarischen Fraktion haben das Doppelspiel, das diese mit dem Zukunftsstaate treibt, erkannt und vergeblich bekämpft. So schreibt Oswald Köhler in seineinsozialdemokratischen Staat", wenn irgend wo in der Welt, so sei bei dem Gebäutu der zukünftigen Ge­sellschaft die Planlosigkeit auszustfließen: Was unsere späten Nachkommen austrebeu und festsetzen werden, das können wir allerdings nicht wissen, aber was wir selbst

Deutsches Reich.

Berlin, 8. Februar. Gestern Abend 8 7s Uhr fand beim Kaiserpaar im Pfeilersaale des Königl. Schlosses eine kleine Ballfestlichkeit statt, zu der über 80 Ein­ladungen ergangen waren.

Unter den zahlreichen Meldungen über den Be­such des russischen Thronfolgers am Berliner Hof ist eine der letzten die bedeutsamste. Wie die Münchener Allgemeine Zeitung" mittheilt, hat der Großfürst- Thronfolger die Versicherung nach Berlin überbracht, daß ein Bündnis zwischen Rußland und Frankreich nicht bestehe. DieKrenzzeitung" erklärt, diese Mit­theilung als richtig bestätigen zu können.

DerReichsanzeiger" theilt den Entwurf eines Gesetzes betr. die Bekämpfung gemeingefährlicher Krank­heiten nebst Begründung mit. Der sehr umfangreiche Entwurf befaßt sich mit der Anzeigepflicht, die sich auf Cholera (asiatische), Fleckfieber (Flecktyphus), Gelbfieber, Pest (orientalische Beulenpest), Pocken (Blattern), Darmtyphus, Diphterie einschließlich Kroup, Rückfall- fieber, Ruhr (Dysenterie) und Scharlach bezieht, mit Vorschriften zur Ermittelung der Krankheit, Schutz­maßregeln, Entschädigungen, allgemeineren und Straf- vorschriften.

lieber denVerein der Hessen in Berlin wird von dort geschrieben: Vor circa 4 Jahren bildete sich in Berlin unter dem NamenVerein der Hessen" eine aus ehemaligen Kurhessen und Nassauern, Hesfen- Darmstädtern und Frankfurtern bestehende Laudsmann- schaft. Die Hoffnung, welche der seinerzeitige Vorstand bei der Gründung hegte, daß die stattliche Anzahl der bei der Bildung des Vereins thätig gewesenen respektablen Landsleute dafür Gewähr leisten würde, daß die Existenz desselben gesichert und derselbe einen gesuchten Sammelpunkt für alle Landsleute bilden dürfte, hat sich erfreulicher Weife bewahrheitet. Unter allen in Berlin existirenden Landsmannschaften nimmt derV. d. H." eine der hervorragendsten Stellen ein und hat er solches hauptsächlich dem Umstände zn verdanken, daß er seinen Landsleuten bei passenden Gelegenheiten Verträge über unsere Heimath halten läßt, außerdem fehlt es nicht an Kräften, die an den Vereinsabenden und bei Festlich­keiten Vorträge in hessischer Mundart, theils ernsten, theils humoristischen Inhalts, zum Besten geben. Kurz, unsere Landsleute halten auch in der Metropole des deutschen Reiches treu an ihrem engeren Vaterlande und lassen das Band der Zusammengehörigkeit in der Liebe zur Heimath nicht locker werden. Für nach Berlin ziehende Hessen bietet der Verein demzufolge in mancher Beziehung große Vortheile, da aus allen Theilen der hessischen Lande Mitglieder in demselben zu finden sind. Das Vereinslokal befindet sich zur Zeit bei Landsmann M. Goebel, Jägerstraße 18 (nächste Nähe der Linden und des Bahnhofs Friedrichsstr.) Da aber, trotz aller Mittheilungen in den hauptsächlichsten Zeitungen bei der so enormen Größe der Residenz, mancher unserer Landsleute von einemB. d. H." in Berlin nichts weiß, so machen wir unsere Leser hiermit darauf aufmerksam und empfehlen denselben die Adressen ihrer in Berlin wohnenden Angehörigen an unten näher bezeichneten Herrn zu senden und nimmt der Verein alle und jede Hilfe, welche ihm durch Zusendung von heimathlichen Zeitungen, Verträgen rc. geboten wird, mit bestem Dank entgegen. Der Verein ist dagegen auch bereit, alle Anfragen und Wünsche aus der Heimath nach bestem Wissen und Können zu beantworten und ist die Adresse hierfür:Verein der Hessen" z. H. des Herrn Eduard Buch, Berlin W., Jügerstraße 18."

Ausland.

Trrest, 7. Februar. Die Nachrichten von Zante lauten schrecklich. Die Ortschaften der Insel gleichen Ruinen. 40,000 Menschen sind obdachlos und dem größten Elende preisgegeben- Trotz der Lebeusmittel- sendungen sterben viele vor Hunger. Die Zahl der Todten und Verwundeten ist noch nicht annähernd fest- gestellt, doch erschreckend hoch. Die Stadt Zante ist zu drei Viertheilen ein Trümmerhaufen, Das Spital

wollen, daß müssen wir wissen, sonst sind wir arme Gecken und können uns heimgeigen lassen." Das Heimgeigen im Reichstage ist gut besorgt worden, möge es auch so im Lande geschehen!

i ist eingestürzt, die Kranken wurden theilweise in den Bischofspalast gebracht. Die Erdstöße dauern fort.

Amerika. Nach Drahtmeldungen, die in Newyork eingelaufen sind, ist der Pie Paderal, ein großer Vulcan in der Grafschaft Rio Arriba, Neu-Mexico, in einem Zustand heftiger Ausbrüche. Der Berg, der sich seit 1821 ruhig verhielt, trieb seit vergangenem December Rauchwolken hervor und warf Lavaströme aus. Die ganze Kuppe, ungefähr eine Quadratmeile im Umfang, ist dadurch abgestoßen, daß die Lava die Bergseiten hinab ins Thal floß, wo sie sich über einem Raum von je einer Meile zu beiden Seiten des Berges aus- dehnte. Nachrichten aus Mexiko melden, daß leichte Erdstöße zu Guamyas, Oouzaba und zu Cordoba ver­spürt wurden und aus dem Vulcan Orizaba dumpfes Getöse vernommen wurde. Auch der große Vulcan Colima zeigt Zeichen innerer Thätigkeit, der Himmel über dem Berge ist Nachts durch Flammen im Krater erhellt und man befürchtet einen mächtigen Ausbruch.

Lokales und Provinzielles. Schlächtern, 10. Februar.

Die Königliche Regierung zu Sasse! hat an- geordnet, daß künftig die Anfragen bei den Herren Pfarrern, ob der Abhaltung einer öffentlichen Tanzmusik kirchliche Hindernisse entgegenstehen, wenigstens 8 Tage vor der Abhaltung der Tanzmusik erfolgen sollen.

* Eingetragene Genossenschaften unterliegen der Gemeindebesteuerung und. nach dem neuen Ein­kommensteuergesetz auch der Staatseinkommensteuer nur dann, wenn ihr Geschäftsbetrieb über den Kreis ihrer Mitglieder hinausgeht. Diese Voraussetzung trifft, wie der " Senat des Oberverwaltungsgerichts in einem Erkenntniß vom 10. Juni v. J. ausführt, nicht schon dann zu, wenn die Genossenschaft ^mit Fremden über­haupt irgend welche Rechtsgeschäfte schließt, wenn also z. B. ein Vorschußverein von Fremden verzinsliche Ein­lagen annimmt, um sich den erforderlichen Betriebsfonds zu beschaffen. Ein Hinausgehen des Geschäftsbetriebes einer eingetragenen Genossenschaft über den Kreis der Mitglieder liegt vielmehr erst dann vor, wenn auch Nichtmitglieder die Theilnahme an den eigentlichen Vereins- zwecken gestattet wird.

* Das Königl. Eisenbahnbetriebsamt zu Frank­furt übersendet demMain- und Kinzigboten" zur Berichtigung eines am 11. Januar 1893 in genanntem Blatte erschienenem Artikels Folgendes:Der Personen- zug 22 war am Sonntag, 8. Jan. 1893 durchaus keiner Gefahr ausgesetzt, auch ist derselbe von Station Langenselbold ab nicht auf falschem Geleise gefahren. Derselbe war von Station Langenselbold dem Schnellzuge 52 vorausgelassen, weil letzterer von Station Elm ab 50 Min. Verspätung hatte. Es ist deshalb die Ueber« Holung des Personenzuges 22 durch den Schnellzug 52 auf vorherige Vereinbarung zwischen der Station Langen­selbold und der Haltestelle Pulverfabrik nach letzterer verlegt worden. Die Ueberholung erfolgte ordnungs­gemäß, sodaß von einer großen Gefahr, welche dem Personenzug 22 drohte, keine Rede sein kann."

Die diesjährige Wandcrvcrsammlung des land- wirthschaftlichen Centralvereins für den Regierungs­bezirk Cassel wird am 6. Juli d. Js. in Rinteln statt« finden. Mit der Versammlung ist eine landwirthschaft- liche Ausstellung nebst Verloosung verbunden.

Marjsß, 7. Febr. Gestern ist ein Holzhauer im Marjoßer Walde durch einen umstürzenden schweren Baumstamm derart getroffen worden, daß dessen Tod nach einigen Minuten eingetreten ist.

Aus der Rhüir, 6. Februar. Die Influenza beginnt ihren Einzug bei uns wieder zu halten. Das nasse, ungesunde Wetter der letzten Tage beförderte die Aus­breitung derselben. Ueber den Stand der Saaten hört man bei uns keine Klage. Das alte Sprichwort : Eine gute Decke von Schnee bringt Winterkorn in die Höh! bat sich auch diesmal bewahrheitet. Die Getreide- und Viehpreise sind immer noch gedrückt, trotzdem wird aber das Fleisch nicht billiger. Das Rindfleisch kostet pro Pfund 55 Pfg., Schweinefleisch 70 Pfg. und Kalbfleisch 45 Pfg. Die Imker klagen hier sehr, daß viele Bienenvölker, trotzdem sie gut verwahrt waren, erfroren sind.

Fulda. Die bereits früher gebraßte Nachricht von dem beabsichtigten Verkauf des hiesigen Schlosses an den Militärfiskus, die wir aus guten Gründen nur , gerecht