ßfp1 Kanna.
Erzählung von C. V. Hellen.
Mit welchem Herzklopfen gewahrte sie die Rauchsäule, die sich aus dem Gehöft erhob. Sie konnte dasselbe nicht sehen, aber der schwärzer und dicker werdende Rauch, endlich die zuckenden Flammen und die bis hierher fliegenden brennenden Rohrhalme zeigten ihr nur zu deutlich, daß der ganze Hof brenne.
Endlich ward es Abend. Freund und Feind waren längst abgezogen. Die Bauern erholten sich von dem Schrecken, sahen sich in ihren Höfen um, und trugen die Verwundeten in der Kirche zusammen, die Toten auf eine Stelle vor dem Dorf, wo man ihnen ein gemeinsames Grab bereiten wollte. Um den noch immer brennenden Hof kümmerten sie sich wenig. Die Gebäude waren zusammengcsiürzt, der Wind stand ab vom Dorf und keine Verbreitung des Feuers war mehr zu befürchten. Im stillen gönnte jeder dem alten Rinow das Unglück, und alle waren mit ihren eigenen Angelegenheiten und den Ereignissen des Tages viel zu sehr beschäftigt, um nach dem Alten zu fragen. Hanna litt es nun nicht länger in der Abgeschiedenheit ihres Waldhäuschens. Sie packte rasch altes Linnen zusammen. Einen Topf Milch und etwas Brot, das einzige, was ihre Hütte an Genießbarem bot, that sie ebenfalls in ihren Korb und ging dann dem Dorfe zu.
Welch ein Anblick bot sich ihr, als sie den Hof vor sich sah! Ein Haufen brennender Trümmer bezeichnete die Stätte. Hell noch schlugen die Flammen an einzelnen Stellen empor, ein scharfer, brenzlicher Geruch erfüllte die Luft Gegen die leuchtenden Flammen hob sich eine noch aufrecht stehende Wand, aus der ein glimmender Balken hervorragte, und die Dorfstraße war mit allerlei Acker- und Hausrath, den man in der Eile wirr durcheinander geworfen hatte, bedeckt. Die Dorfspritze stand dazwischen und der Hirtenhannes war mit einigen Männern beschäftigt, das Feuer vollends zu dämpfen. Als er Hannas ansichtig wurde, trat er sogleich zu ihr. „Na, mien Dochter, die hundsföttschen Franzosen heben unsen ganzen schönen Hof verruineert. Js rein to dull, wat ward uns Jung seggen, wenn he wedder klimmt un all de schönen Schoap fund umkoamen. De Köhj heben'w äwerst no ruter kreegen. Ick seg di, mi Kind, wir hebben uns nich schlicht spoden müßt."
„Wo ist denn aber der Bauer?" fragte Hanna mit banger Sorge.
„Ja, ja," sagte der Alte und nahm seine Mütze ab, indem er sich über das graue Haar strich: „Wo is he? Ick wcet nich — uns Herrgott ward woll wceten; denn sien Möllen moalen öwer man ümmer so försohrsch weg, he kriegt den hartsten Steen kort, dat is gewiß."
„Um Gotteswillen, Hannes," rief das Mädchen, „ist er denn verbrannt?"
„Ne, mi Kind, dat wceten wie nich. Ick hew no groad sehn, dat em een von de Sakermenters öwern Kopp schlcagen hat, denn schlögens den Dohrweg to, und dünn gung dee Spetoakel los, und nu is he narn's nich so fin'n."
„Das ist ia aber schrecklich," sagte Hanna, „habt Ihr schon gesucht?"
„Nee, nun Kind, dor to is noch gar keen Tid nich West, und bi de Hitt da säll'n woll söcken. Ja Jungens, mt man hier rüm," fuhr er zu den Leuten an der Spritze fort, „seid ji denn döhmlich, ji möten doch ’n beeten höjr Hollen."
Er ging zurück an seine Arbeit und Hanna stand einen Augenblick und starrte entsetzt in die Gluth. Dann wandle sie sich zur Seite und schritt und kletterte über allerlei Hindernisse hinweg zu dem zertretenen Garten
hinauf. Vorsichtig spähend schritt sie vorwärts. „Mein Gott, es wäre ja zu furchtbar," flüsterte sie, „wenn er so geendet hätte!"
Jetzt stand sie still. Durch das Knistern der Flamme und das Getöse, das hin und wieder ein herabstürzender Balken verursachte, schien es ihr, als höre sie ein leises Stöhnen und Röcheln. Sie stand lauschend und vor Aufregung zitternd still. „Hil—fe, Was—serl" 'lang es von der anderen Seite des Gartens herüber, wo ein Graben die Hofstelle abgrenzte. Sie flog über die zertretenen Kohlstauden, durch das Gewirr niedergerisfencr Bohnenstangen dem Grabenrand zu. Richtig, da lag ein dunkler Körper. Unsicher nur fiel der Feuerschein hierher, aber das Mädchen erkannte den Verwundeten sofort, es war der alte Bauer, der da röchelnd und stöhnend vor ihr am Boden lag. Einen Augenblick zuckte sie zusammen; da lag er vor ihr im Staube, ihr Todfeind.
Sie hätte sich ja abwenden, den Hirtenhannes rufen und das Weitere diesem überlassen können. Aber nein, „um Jesu willen," flüsterte sie und kniete neben dem alten Mann auf das feuchte Gras. „Wasser," tönte es wieder von seinen Lippen. Sie hatte den Korb niedergesetzt, als sie das Stöhnen zuerst gehört. Nun ging sie chn holen, hielt den Topf mit der Milch an die Lippen des Schmachtenden und gewahrte mit Entsetzen die klaffende Wunde auf seiner Stirn. Sie netzte die Leinwand im Wasser des Grabens, wusch ihm das mit Blut überströmte Gesicht und verband die Wunde so gut sie es verband. Er lag regungslos mit geschlossenen Augen. Sie eilte nun zu Hannes. „Er lebt, ich habe ihn gefunden," rief sie demselben athemlos zu.
„Nanu!" sagte dieser, „wo is he denn?" — „Kommt rasch und bringt ein paar Leute mit, wir müssen ihn forttragen." Sie raffte einige Bettstücke zusammen, die umher lagen, eine ausgehobene Fensterlade, welche sich fand, ward als Tragbahre dürf.ig hergerichtet und der immer noch Bewußtlose vorsichtig darauf gelegt. Er wimmerte und stöhnte leise.
„Na, wohen denn nu, wie Hebben jo keen Hus?" „Die Kirche ist ganz voll," meinte einer der Arbeiter.
„Und im Dorf nimmt den kein Mensch auf, sie sagen ja alle, er hat die Franzosen selbst in seinen Hof gelassen," fügte ein anderer hinzu.
„Dann müßt ihr ihn in meine Hütte hinaustragen," sagte Hanna bestimmt.
„Mäken, is dat würklich dien Vörnahm?" fragte Hannes zweif lnd.
„Ganz gewiß, ruft nur noch die beiden anderen Leute, daß sie sich im Tragen abwechseln können, es ist doch ein ganzes Ende da hinauf," erwiderte Hanna.
„Na, denn in Gott's Nam', Jungens, man to," sagte Hannes, und so trugen sie ihn in ihre Hütte.
VIII.
Tag und Nacht saß Hanna am Bette des Schwer- vrwundeten. Lange schien es, als solle er aus dem bewußtlosen Zustand, in welchem er seit jenem Abend lag, n cht mehr erwachen; endlich siegte die urkräftige Bauern- natur; Schon färbte der Wald sich bunt und die Kraniche zogen wieder mit trauriger Abschiedsklage darüber hin, als es sich endlich zur Besserung wandte. Aber wenig Dank spürte Hanna von dem mürrischen Kranken. In dumpfem Hinbrüten brächte er seine Tage zu und ließ sich stumpf ihre zarte Sorgfalt und Pflege gefallen.
„Nee," sagte Hirtenhannes, „de oll Steen is ok to strüwig, ick weet nich, uns Herrgott hatt em no nich week." Er faßte nachdenklich an das stoppelhaarige Kinn. „Wie Hebben ok gor to lang nischt von uns Jung hört, mine Dochter," fuhr er zu Hanna fort, „ok gor to lang nich!" — Das Mädchen seufzte.
(Fortsetzung folgt.)
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